Arbeit ist das halbe Leben, ja wenn man die Sorgen und Gedanken im Kopf dazurechnet, die um die eigene Beschäftigung kreisen, dann ist es sicher weit mehr als 50 Prozent. Umso wichtiger ist die Frage: Was bedeutet Arbeit für einen Christen? Einmal mehr zeichnet das Christentum sich durch Maß und Mitte aus: Es vergötzt die Arbeit nicht, es verwechselt sie aber auch nicht mit dem Vergnügen.

Vergnügen – die Konsum- und Spaßgesellschaft macht auch vor der Arbeitswelt nicht Halt: Was ich tue, soll Spaß machen, erfüllend sein und leicht von der Hand gehen – und natürlich genug Freizeit und Urlaub lassen, um die Konsumwünsche zu befrieden. Andererseits vergötzt das Christentum die Arbeit auch wieder nicht. Oh ja, das gibt es, und es ist weit verbreitet: Was ich bin, was ich gelte, das wird durch meine Arbeit bestimmt. Ein Indiz gefällig? Wenn jemand Neues in einer Runde vorstellt, kommt ganz rasch die Frage: „Und was machen Sie?“ Damit ist natürlich gemeint: „Welcher Arbeit gehen Sie nach?“ ein bezeichnender Unterschied zu früheren Jahrhunderten, wo man sich mit Namen vorstellte und dann hinzufügte: „Ich bin Sohn von Herrn NN. und Frau MM., Bruder von Frau PP. usw.“). Mehr noch: Arbeit heißt hier stillschweigend Lohnarbeit. Sie ist also das geworden, was einen Menschen ausmacht, mehr als alles andere, und wenn jemand dabei nichts vorzuweisen hat, sieht er ganz schön alt aus. Ist das nicht schon Vergötzung der Lohnarbeit? Das Christentum erinnert hier an die vielen anderen Formen der Arbeit, die eine gleiche Wertschätzung verdienen, allem voran die Sorge einer Mutter für ihre Kinder, für die Familie und für das Haus. Ein Seismograph für die Vergötzung der Lohnarbeit ist ja das soziale Erdbeben, dass es uns so häufig nicht gelingt, alte Menschen mit Gebrechen, Behinderung oder Demenz zuhause zu behalten. Und gleich noch ein zweiter Ausschlag ist auf diesem Seismographen zu verzeichnen: das Armutsrisiko Mutterschaft (insbesondere bei Scheidung oder Verwitwung). Da ist etwas ganz aus dem Lot geraten. Schuld daran ist u.a. der enorme Druck der Wirtschaft auf Vollbeschäftigung möglichst aller, was dann auch die diskussionslose Normalbetreuung kleinster Kinder in der Kita oder später in der Ganztagsschule zur Folge hat. Heute gibt es sicher durchschnittlich viel mehr Wohlstand in den Familien – doch auch mehr an Seligkeit eines warmen Zuhauses? Ein anderes wöchentliches Erdbeben ist der Sonntag. Dieser Ruhetag verunsichert und wird unnötig zum Arbeitstag gemacht: Hauptsache, der Rubel rollt, und sei es durch gesparte Handwerkerstunden! Muße, Besinnung, vielleicht auch Gebet, Gottesdienst oder gute Lektüre? Und wenn man an diesem Tag nicht arbeitet, dann will man doch wenigstens „etwas los machen“ – denken wir an die Standardfrage am Freitag: „Was machst du denn am Wochenende?“

Arbeit für Christen

Was also bedeutet Arbeit für uns Christen? Sofort kommen uns einige kraftvolle Bibelworte in den Sinn:
∙ Im Paradies setzte Gott den Menschen in den Garten von Eden, damit er ihn bebaue und behüte (Gen 2,15). Der Mensch, Gottes Ebenbild, erhält Anteil an Gottes Schöpfer- und Gestaltungsmacht.
∙ Nach der Vertreibung aus dem Paradies aber wird diese Arbeit mühsam und schweißtreibend: Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du zurückkehrst vom Ackerboden; von ihm bist du ja genommen. Denn Staub bist du, zum Staub musst du zurück (Gen 3,19). Immer wieder aufstehen, sich an die Arbeit machen, allein um zu überleben – bis einen am Ende der Tod ereilt. Wozu also überhaupt sich mühen? Stets gegen den Strom schwimmen? Doch, das ist das Gesetz der menschlichen Existenz: Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen (2 Thess 3,10). Diese Mahnung des hl. Paulus ist ein getreues Spiegelbild des alttestamentlichen Weisen, der warnt: Der Träge hat nichts zu essen (Spr 13,4) und droht, vor Hunger zu sterben (Spr 21,25), doch nicht einmal der Hunger vermag ihn zur Arbeit zu bewegen (Spr 16,26).
∙ Doch mit Christus fängt eine neue Art von Arbeit an: Der Herr wirbt Gläubige für die Reich-Gottes-Arbeit an, und keiner soll zurückstehen müssen. Im Gleichnis vom Gutsbesitzer hält er nicht weniger als fünf Mal an einem Tag auf dem Marktplatz Ausschau, um auch noch den letzten Arbeitslosen für seinen Weinberg anzuwerben – ganz so wie bis heute an vielen Orten in der Dritten Welt, wo Tagelöhner angeworben werden: Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig herum? (Mt 20,6). Während die Gestalt dieser Welt vergeht (1 Kor 7,31), fängt eine reiche Ernte an, die für das ewige Leben. Daran mitwirken zu dürfen ist das höchste, was ein Mensch tun kann.

Drei Elemente im Bild von der Arbeit

Es gibt also drei Zeiten der Heilsgeschichte, und alle drei prägen das Bild der Arbeit:
• Arbeiten zu dürfen ist Schöpfungsauftrag an den Menschen. Noch vor dem Sündenfall wurde dem Menschen diese Welt ja anvertraut, damit er sie bebaue und behüte (Gen 2,15). Jeder Mensch soll zum Aufbau der Schöpfung beitragen (vgl. Sir 38,34). Der Mensch ist, indem er wirkt. Denn die Welt ist eine Welt, die der Gestaltung und Kultivierung harrt. Natur pur reicht nicht, wir brauchen Natur plus Kultur, und das heißt eben Arbeit, die die Früchte der Natur dem Menschen auch nutzbar macht. Doch die Schöpfung hat ihren Höhepunkt im siebten Tag, dem Sabbat und seiner Ruhe, seiner Freude an dem, was ist. Arbeit bleibt begrenzt, sie darf nicht total werden.
• Arbeiten zu müssen ist eine Folge des Sündenfalls und der Vertreibung aus dem Paradies. Danach ist Arbeit ist notwendig, um das tägliche Brot zu verdienen. Wer das Talent nur vergräbt und nicht damit arbeitet, wird vom Herrn Gescholten (vgl. Mt 25,14-30). Wir leben nicht mehr im Schlaraffenland, die Erde gibt ihre Güter nur unter Dornen und Disteln also mit Mühsal und Schweiß für den Menschen preis. Es gilt, den ganzen Tag über die Last der Arbeit und die Hitze zu ertragen (vgl. Mt 20,12).
• Arbeiten zu können ist dem Menschen durch Christus geschenkt. Wenn das Reich Gottes nahe ist, dann geht es der Arbeit nicht mehr bloß darum, sich in dieser Welt einzurichten, sondern mitzuwirken an einer besseren Welt, in der Gott alles in allem ist (1 Kor 15,28).

Was heißt das praktisch?

Was heißt das praktisch? Welche Folgen haben diese biblischen Einsichten für die christliche Arbeitsauffassung und das Arbeitsethos der christlichen Soziallehre?
1. Der Schöpfungsauftrag sieht den Menschen als Tätigen. Das ist der Normalfall – im Rahmen seiner Kräfte und Möglichkeiten.
• Soziale Unterstützung sollte darum immer Hilfe zur Selbsthilfe sein, Ausgleich da, wo jemand es beim besten Willen nicht selber schafft. Soziale Tranferleistungen dürfen keinen Anreiz darstellen, sozusagen billig das zu haben, was andere durch harte Arbeit verdienen müssen – weder national noch international. Insofern ist der Sozialstaat „subsidiär“, also er unterstützt, aber er ersetzt nicht das eigene Mühen. Auch hier also die goldene Mitte und Augenmaß. Das Christentum weiß, wie sehr gerade der Bereich Arbeit – bei Arbeitgebern ebenso wie Arbeitnehmern! – aus dem Ruder geraten kann. Nach dem Sündenfall kann Arbeit pervertieren zur Ausbeutung und Ungerechtigkeit, Raffgier und Willkür, darum bedarf sie der ordnenden Hand und der Tugend jedes Einzelnen.
• Es gibt ein Recht zu arbeiten, aber kein Recht auf Arbeit, wie die Sozialisten es fordern. D.h. niemand darf daran gehindert werden, sich seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen, aber es gibt keinen strikten Rechtsanspruch darauf, auch eine Arbeitsstelle zu erhalten. Wohl aber ist es ein vordringliches Anliegen des Gemeinwohls, dass möglichst alle auch für sich selbst sorgen können.
• Es gibt ehrbare Arbeit, aber auch unehrenhafte Arbeit, etwa Prostitution oder Mitwirkung in Schlepperbanden. Denn das Bebauen und Behüten des Gartens dieser Erde muss im Rahmen der gottgesetzten Ordnung geschehen. So kann es durchaus auch bei grundsätzlich ehrbarer Arbeit Situationen geben, wo mein Gewissen schlägt und ich sage: „Da kann ich nicht weiter mitmachen.“ Das kann etwa eintreten, wenn mein Betrieb Geschäftspraktiken verwendet, die betrügerisch oder schädlich sind. Bequemlichkeit, Feigheit oder auch das gute, sichere Gehalt mögen da mein Gewissen einschläfern, aber ich muss auf es hören.
2. Die Erbsünde macht die mühsame Arbeit für den Lebensunterhalt zu einem notwendigen Übel. Die eigentliche Lohnarbeit soll man nicht verklären und über alles stellen. Weniger ist da oft mehr. Wo zum Beispiel der Lebensunterhalt in einer Familie gesichert ist, da ist es durchaus legitim, ja oft besser, wenn z.B. ein Partner auf Teilzeit geht. Auch der Ruhestand ist verdient und darf auch echter Ruhestand sein, Zeit zum Zeithaben – sei es für die Enkel oder für einen Einsatz für die Allgemeinheit. Chic ist es dagegen, überall zu verkünden: „Ich bin nicht im Ruhestand, sondern im Unruhestand!“ Denn immer etwas zu tun haben gilt als Ausweis von Vitalität.
• So wie wir gesamtgesellschaftlich geradezu süchtig nach Wirtschaftswachstum sind, so wird dem Einzelnen eingeimpft: Du musst immer mehr haben, sonst hast du etwas falsch gemacht. Da ist der innere Wurm, der mir dann einflüstert: Weniger Geld in der Familienkasse heißt: ein kleineres Haus, weniger Urlaub auf Bali oder Kuba, Aldi-Angebote statt Marken-Klamotten für die Kinder. Na und? Es gibt auch ein inflationäres Sprechen von Kinderarmut, so als ob das Kindeswohl vom neuesten Smartphone und Angeberei mit dem Sommerurlaub abhinge!
• Es gibt viele Formen der Arbeit, nicht nur die Lohnarbeit. Wir sprachen schon von der Mutterschaft. Unverzichtbar ist aber auch der unentgeltliche Einsatz für die Allgemeinheit, das Allgemeinwohl. Hier denke ich vor allem an Aktivitäten in Vereinen, etwa bei der Feuerwehr oder natürlich auch im Einsatz für die Kirchengemeinde. Denn während die Lohnarbeit zunächst für das Eigenwohl sorgt, setzt sich ehrenamtliche Tätigkeit für das Gemeinwohl ein (bonum commune). Natürlich liegt nicht jedem ein Vorstandsposten. Aber jede hat Betätigungsfelder, wo er unentgeltlich Gutes tun kann – oft schon direkt vor der Haustür, etwa mit Nachbarschaftshilfe für einen älteren, hilfsbedürftigen Menschen gleich nebenan. Leider wird dieser Verzicht auf eine Vollzeittätigkeit immer noch im Rentensystem unbarmherzig bestraft.
3. In Christus lässt sich die Arbeit auch in ihrer Mühsal als Weg mit und zu Christus annehmen. D.h. die anvertraute Arbeit gut und gerne zu verrichten ist eine Grundpflicht von Gott. Natürlich ist es schön, wenn Arbeit Spaß macht, leicht von der Hand geht, ideale Arbeitszeiten bietet. Aber Arbeit entäußert, sie kostet Kräfte und oft fällt sie eben nicht leicht – das ist kein Unglück, sondern das nehme ich eben aus Gottes Hand an. Denken wir an das Beispiel des hl. Joseph des Arbeiters, an Jesus selbst, der mit ihm zusammen in der Zimmerei gearbeitet hat, den Zeltmacher Paulus und an Jesu erste Apostel, die im harten Fischereihandwerk ihr tägliches Brot verdienten – und manchmal eben die ganze Nacht über nichts fingen! Entscheidend ist das Maß an opferbereiter Liebe, das sich mit der vielleicht ganz unscheinbaren Arbeit verbindet, also etwa um Christi willen widrige Arbeitsbedingungen auszuhalten oder zu „malochen“, um der Familie ein sicheres Einkommen zu gewährleisten. Denn in Christus ist keine Liebe verloren, sie hört niemals auf (1 Kor 13,8) und bringt Frucht, die bleibt (vgl. Joh 15,16).
Diese wunderbare, verwandelnde Wirkung der Arbeit um Christi willen kann man auch am eigenen Leib verspüren. Denn zu arbeiten ist heilsam für die Seele. Es gibt eine regelrechte Spiritualität der Arbeit, besonders der Handarbeit, die – etwa durch Körbeflechten – von den alten Mönchen so sehr geschätzt wurde. Arbeit meint dabei allerdings ich jede Form der Betätigung, die vor dem Kreisen um sich selbst und dem Aufbauschen von Problemchen bewahrt. Zum Beispiel die Verantwortung für ein Haustier, die schon Kindern so gut tut und noch gebrechlich-alte Menschen davor bewahrt, sich selbst aufzugeben. „Müßiggang ist aller Laster Anfang“, sagt das Sprichwort so treffend. Noch drastischer warnt die alttestamentliche Weisheit: Dir Tür dreht sich in ihrer Angel und der Faule in seinem Bett (Sir 26,14); dafür lobt sie die nimmermüde Hausfrau, die nicht das Brot der Trägheit isst (Spr 31,27). So kommt man nicht auf dumme Gedanken, greift bloß aus Langeweile zur Flasche, redet über andere oder wird faul und behäbig. Etwas gut und schön zu machen dagegen ist eine richtige Lebensschule. Das gilt übrigens auch für viele sinnvolle Hobbys, bei denen es einzelne oft zu bewunderungswürdiger Meisterschaft bringen.

Arbeit ist gut und notwendig, aber sie ist und bleibt das Zweitwichtigste auf Erden. Sie darf sich nicht auf den ersten Platz drängen. Dieser nämlich gehört Gott, und darum der Muße, dem Gebet, der Sammlung, der Freude an Gott und seiner Schöpfung und dem Gutestun. Wie heißt es so schön: In der Ruhe liegt die Kraft!

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