Maximus Confessor, Vier Centurien über die Liebe

Maximus Confessor (um 580–662) ist einer der großen griechischen Kirchenväter. In den vergangenen Jahrzehnten wurde ihm auch im Westen Aufmerksamkeit zuteil. Attraktiv ist vor allem seine Verteidigung des wahrhaft menschlichen Willens Christi, seine synthetische Kraft, die ihn zu einem Kulminationspunkt verschiedener theologischer Strömungen des Ostens macht, und seine spekulative Tiefe. Doch über Jahrhunderte war Maximus auch als Lehrer des geistlichen Lebens geschätzt und viel gelesen, ein Klassiker der Spiritualität, was auch durch seinen prominenten Platz in der „Philokalie“ zum Ausdruck kommt. Die Achse seines spirituellen Schrifttums bilden die zwei großen Centurienwerke, die „Zwei Centurien über die Gotteserkenntnis“ und deren Grundlage, die „Vier Centurien über die Liebe“. Diese schöpfen stark aus Evagrius‘ praktischer Lehre, setzen aber souverän eigene Akzente und schaffen so ein ausgewogenes Ganzes. Sie legen die Grundlagen des geistlichen Lebens, ja einer christlichen Lebenskunst, auf die dann die „Zwei Centurien über die Gotteserkenntnis“ aufbauen und bis zur höchsten Mystik voranschreiten können. Doch die „Vier Centurien über die Liebe“ sind keineswegs nur Vorstufe zum Eigentlichen. Es ist bestechend, wie klar Maximus auf die Überwindung der Eigenliebe, die mühevolle Arbeit an sich selbst, die Entlarvung von Illusionen und eine liebende Grundeinstellung pocht, ohne die aller Fortschritt nur Heuchelei wäre. Besonders die Nächstenliebe ausnahmslos zu allen Menschen ist ihm der Prüfstein echter Liebe. Bewährung findet sie in der Feindesliebe, die der Bekenner in der Zeit seiner Verfolgung, Gefangenschaft und Folterung selbst unter Beweis gestellt hat. Weiterlesen

Sommerrätsel 2020 – die Auflösung

Das Sommerrätsel 2020 fragte nach dem Roman „La Pharisienne (Die Pharisäerin)“ von François Mauriac, dem zusammen mit Georges Bernanos bekanntesten Vertreter der literarischen und intellektuellen „Renouveau catholique“. Dieser Roman ist 1941 entstanden und gehört zu den bedeutendsten Werken dieses großen Schriftstellers, der in unserer Zeit sicher auch in deutschsprachigen Ländern eine Wiederentdeckung verdient hätte (vielleicht auch mit schlanken, griffigen neuen Übersetzungen!). Die gesuchte Priestergestalt ist

Abbé Calou. Weiterlesen

Der Archimedes-Komplex

Zur Instruktion der Kleruskongregation „Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst an der missionarischen Sendung der Kirche“

„Störe meine Kreise nicht!“ So soll der Mathematiker und Naturphilosoph Archimedes (ca. 287-212 v. Chr.) einem römischen Soldaten ärgerlich zugerufen haben, der beim Sturm von Syrakus in sein Haus eindrang. Das war sein letztes Wort… Ein römischer Bauer vor dem Erfinder der Kreiszahl Pi, sollte der dem Genie etwas zu sagen haben, nur weil er ein Schwert in der Hand hält? Ähnlich ungehalten haben nicht wenige Kommentatoren auf die Instruktion der Kleruskongregation „Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst an der missionarischen Sendung der Kirche“ reagiert. Haben sie nicht über Jahre einen deutschen Sonderweg in Sachen Pfarreireform propagiert? Durften sie nicht ein bisschen stolz sein auf die Quadratur ihrer Kreise, mit deren Hilfe nun „die Pfarrei ganz neuen Typs“, „der große Wurf“, „der Perspektivwechsel“ und manches andere zu Papier gebracht wurde? Weiterlesen

Sommerrätsel 2020

Sommerzeit – Gelegenheit, einmal wieder ein richtiges Buch in die Hand zu nehmen. Kein Kochbuch für die Corona-Küche in Home-Office-Zeiten, auch kein Lehrbuch für die nächste Prüfung, sondern ein Einfach-so-Buch. Was nicht unbedingt eine einfache Lektüre bedeutet, durchsichtige Effekte für den Kitzel der Sinne, die danach beim Zuklappen des Buches aber das schale Gefühl hinterlassen, Zeit vergeudet zu haben. Eine einfache Lektüre verspricht der Autor, der im Mittelpunkt des Sommerrätsels 2020 steht, nun allerdings wirklich nicht. Was nicht heißt, er könnte nicht spannend ein, Drama entfalten (am liebsten Psychodrama) und in Abgründe blicken lassen. Nein, die allerdunkelsten Winkel des Herzens sind sogar seine Spezialität. Weiterlesen

Rudolf Otto, Das Heilige

Rudolf Otto, Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen. 31. bis 35. Auflage, München 1963

Die Eingebung zu diesem seinem berühmtesten Werk ist dem evangelischen Theologen Rudolf Otto (1869–1937) nach eigener Aussage in einer armseligen Synagoge Marokkos gekommen. Da wurde das Trishagion, der Gesang auf den heiligen Gott, angestimmt, und mit diesem Aufblick zum allheiligen Gott war der Ganz Andere da und alle irdische Niedrigkeit vergessen. Rudolf Ottos Buch „Das Heilige“ von 1917 (kurz nach seinem Wechsel nach Marburg) ist ein Klassiker der Religionswissenschaft, und das zurecht, denn man sollte seine 200 Seiten gelesen haben und beim Stichwort Otto nicht nur die Kurzformel im Kopf haben: Das Heilige = das „mysterium tremendum et fascinosum“. Weiterlesen