Rom im Futur

Ein Erinnerungsbuch aus dem Germanikum, Würzburg: Echter-Verlag 2004

Kürzlich begegnete ich einem Kollegen, der 1979 zusammen mit mir in das Collegium Germanicum in Rom eintrat.  Schon rein äußerlich schienen wir mehr als verschieden: er mit einer Braveheart-Mähne, ich mit weitgehendem Kahlschlag auf dem Haupt. Dennoch verstanden wir uns prächtig, tauschten uns über die gemeinsamen Jahre aus und stellten fest: Rom hat geprägt. Es hat „in der Wolle gefärbt“, wie es ein Rektor des Kollegs einmal ausdrückte – mich selbst in den sieben Jahren zwischen 1979 bis 1986. Als 2002 das 450-jährige Jubiläum gefeiert wurde, suchte ich nach einem passenden Geburtstagsgeschenk. Für eine Autobiographie war ich noch entschieden zu jung und unbedeutend, aber für eine Rechenschaft über das, was das genau geprägt hat, gerade im idealen Abstand. Die Studienjahre waren lang genug vorbei, um sich nicht mehr zu reiben, und noch lange genug, um sie zu verklären. Ich wählte einen fiktiven Rahmen, um es eben nicht als persönliche „Abrechnung“ erscheinen zu lassen: der Traum eines verschnupften Altgermanikers im winterkalten Deutschland nach Sommerferien im Landhaus des Germanikums im Latium, San Pastore. Von dort aus gibt er sich endlich einen Ruck und fährt in die Ewige Stadt, um sich mit seinen Studienjahren zu konfrontieren. Denn für einen Priester bedeutet das immer auch, Maß zu nehmen an der ersten Liebe, an den Idealen, den großen Plänen, den entscheidenden Eindrücken und natürlich an der Weihe. Eigens lebte ich dafür eine Woche lang im Kolleg und schlich durch alle neun Stockwerke und die vielen besonderen Räume von Bibliotheken bis zu den Kapellen. Die Wirkung des Buches auf die Germaniker war erstaunlich. Mehr als einmal hörte ich angesichts bestimmter Passagen die berühmte Frage: „Bin ich es?“