Wie war das Jahr? Ein gläubiger Mensch kann nur antworten: Das weiß Gott allein. „Richtet nicht vor der Zeit; wartet, bis der Herr kommt, der das im Dunkeln Verborgene ans Licht bringen und die Absichten der Herzen aufdecken wird“ (1 Kor 4,5). Das im Dunkeln Verborgene – ja, alles hat eine Tiefenschicht, die nur Gott kennt. Darum steht auch nur ihm das letzte Urteil zu. Nicht einmal für sich selbst kann jeder sagen, ob das Getane recht war oder nicht: „Ich bin mir zwar keiner Schuld bewusst, doch bin ich dadurch noch nicht gerecht gesprochen; der Herr ist es, der mich zur Rechenschaft zieht“ (1 Kor 4,4). Beim Blick auf das Geschehen in Kirche und Welt gibt mir das Wissen darum allerdings ein leichtes Herz: Ich bin nicht der Oberlehrer, der am Ende des Jahres verkündet, wer bestanden hat und wer nicht. Natürlich hat mich manches Ereignis gefreut und manches – ich gestehe freimütig: noch mehr – geärgert. Doch am Ende des Jahres will ich es Gottes Erbarmen anempfehlen: Möge er das Gute lohnen, das Unvollkommene ergänzen und das Böse zum Guten wenden! Doch ein leichtes Herz ist kein blindes Herz. Nach bestem Wissen und Gewissen kann es einzuschätzen, was wir aus diesem vergangenen Jahr lernen können. Da nehme ich also nicht die Lehrerperspektive bei der Zeugnisausgabe ein, sondern die eines Schülers in der Schule des Lebens. Was war in diesen zwölf Monaten und was ist davon zu halten? Ich kann nur ganz Weniges auswählen, sozusagen der professor‘s cut.

500 Jahre Reformation

Zweifellos das wichtigste Ereignis für die Christenheit war das 500jährige Gedenken an den Beginn der Reformation. Für einen Katholiken kann das kein Grund zum Jubeln sein. Zu eindeutig steht dagegen der Wille des Herrn, „dass alle eins seien“ (Joh 17,21). Doch auch ganz pragmatisch muss man sagen: Die Tatsache, dass die Christenheit des Westens seit 500 Jahren nicht mehr mit einer Stimme spricht, hat viel dazu beigetragen, dass die Stimme des Evangeliums im Stimmengewirr unterging und schließlich nur noch bei einer Minderheit überhaupt Gehör findet. Insofern wäre auch ein Modell der Einheit als versöhnte Verschiedenheit eine pastorale Kapitulation. Doch der besagte Tiefenblick lässt noch etwas anderes ahnen: Spaltung ist Sünde, und bis heute sollte uns allen die Schamröte darüber ins Gesicht geschrieben stehen (vgl. Dan 9,8). Wie aber hat der Herr darauf geantwortet? Er hat in der katholischen Kirche nach 1517 eine unglaubliche Vitalität erweckt, etwa bei den neuen Orden der Theatiner, Jesuiten und den unbeschuhten Karmeliten oder bei den so volksverbundenen Kapuzinern, in einem lebendigen Pfarrleben, einem würdigen Gottesdienst und einer wunderbaren Kunst. Den getrennten Christen hat er ebenfalls „vielfältige Elemente der Heiligung und der Wahrheit“ gewährt, „die als der Kirche Christi eigene Gaben auf die katholische Einheit hindrängen“ (Lumen gentium 8). Das ist vom II. Vaticanum vielleicht ein bisschen umständlich formuliert, beschreibt aber die beglückende Erfahrung, echten Christen in andern Konfessionen zu begegnen, die ganz offensichtlich etwa beim Lesen der heiligen Schrift oder in großer Treue zum Herrn trotz aller Widrigkeiten heilig und wahr leben. Darum ist echte Ökumene Gotteserfahrung: Trotz unseres Versagens seit 500 Jahren wirkt der Herr Gutes, und diese Gaben Gottes drängen auch am meisten „auf die katholische Einheit hin“, d.h. sie lassen uns nicht mit dem Zustand der Trennung abfinden.

Der Jesuit Petrus Faber rät dem Katholiken über den Umgang mit den Protestanten, „dass er ihnen viel Liebe entgegenbringt und dass er sie in Wahrheit liebt, indem er seinen Geist von allen Überlegungen freimacht, die der Achtung vor ihnen abträglich sein können“ (Ep. 15 vom 7. März 1546).

Joachim Kardinal Meisner

Auch innerkatholisch ist das Jahr 2017 nicht unbedingt zu bejubeln. Zunächst einmal aufgrund der Trauerfälle. Unter ihnen will ich nur einen großen Verlust nennen: Joachim Kardinal Meisner (gestorben am 5. Juli 2017). Als meinem Weihebischof bin ich ihm auch persönlich sehr verbunden. Er war einer der letzten wirklich systemfremden Bischöfe in Deutschland, d.h. einer, bei dem die Jahre im Amt nicht geradezu zwangsläufig im Weichspülgang enden. Das hat ihm stets etwas Prophetisches verliehen, und zwar nicht nur in der Kritik, sondern viel mehr noch in einer großen Zuversicht auf Gottes mächtigen Arm. Wie gut hat ihn Benedikt XVI. darum gekannt, wenn er in seinem Kondolenzschreiben von Meisners Gewissheit sprach, „dass der Herr seine Kirche nicht verlässt, auch wenn manchmal das Boot schon fast zum Kentern angefüllt ist“. Am machtvollsten aber erweist sich Gottes Arm dadurch, dass er die Grenze des Todes nicht kennt. So darf man damit rechnen, dass der Kölner Kardinal auch vom Himmel aus manche heilsame Unruhe stiften wird.

Joachim Kardinal Meisner während der Aachener Heiligtumsfahrt 2014 (Quelle: ACBahn)

Gerhard Kardinal Müller

Ein anderer Kardinal stolperte in den Ruhestand: Gerhard Kardinal Müller, dessen Amtszeit als Präfekt der Glaubenskongregation am 2. Juli nicht verlängert wurde. Auch ihm bin ich als Münchener Kollegen der Theologie verbunden. Es steht mir nicht zu, die Amtsführung des Papstes in dieser Angelegenheit zu beurteilen. Unverkennbar ist jedoch die Sorge, dass nun ein Pontifikat mit einer Mischung von gewaltigem Reformanspruch und einer eher hemdsärmeligen Theologie weithin nur noch von den „amici del Papa“ beraten wird. Jeder, der ein Leitungsamt innehat, ist aber gut beraten, wenn er sich starke Gegengewichte an die Seite holt und nicht jede Kritik als Illoyalität brandmarkt. Nach Robert Bellarmin ist das übrigens eine der wichtigsten Tugenden in der Leitung. Bekannt ist dagegen die Geschichte des Königs Rehabeam in der Nachfolge des weisen Salomo, der den Rat der besonnenen älteren Männern verwirft und den jungen Heißspornen folgt – mit fatalen Folgen für die Einheit des Volkes Gottes (1 Kön 12,1-19). Doch auch hier bleibt das Wichtigste: „Oremus pro Pontifice!“

„Ehe für alle“

Weltpolitisch haben sich manche Wolken zusammengebraut. Diese Wolkenbilder zu deuten wäre einen eigenen Blog wert. Zwei politische Ereignisse in Deutschland hatten Symbolcharakter: die Einführung der „Ehe für alle“ am 30. Juni und der überraschende Ausgang der Bundestagswahl am 24. September. „Ehe für alle“ klingt fröhlich und unbeschwert, ein bisschen wie Hüpfburg und Schminkwettbewerb. Das ist allerdings fake-news, kritiklos von fast allen Medien kopiert. Natürlich gibt es jetzt nicht auch die Polygamie (und ganz geschlechtergerecht die Polyandrie), die Inzest- oder die Kinderehe, auch nicht das mega-coole „Ich heirate mich selbst“. Logisch wäre es freilich, denn inzwischen scheint der einzige Maßstab für alles die Selbstbestimmung zu sein: Was Leute wollen und wie sie es wollen, sollen sie auch dürfen. Nun ist das eigentlich eine Sache der Moral, und man darf fragen: Was geht das den Gesetzgeber an? Offensichtlich wird das Recht hier zum Mittel von Anerkennung gemacht. Doch um welchen Preis? Nation kommt von lateinisch nasci, also geboren werden. Dass aus der Vereinigung von Mann und Frau neues Leben hervorgeht, dass es von ihnen behütet, aufgezogen und in die Welt eingeführt wird, das ist die Keimzelle des Staates. Ganz richtig erkennt die Bibel deshalb die Differenz der Geschlechter und ihren Auftrag zur Fruchtbarkeit am Anfang der Schöpfung als allerersten Anfang der Menschheit (vgl. Gen 1,26f.). Die Ehe als Gemeinschaft von Mann und Frau mit dem Ziel der Zeugung und Erziehung von Kindern ist damit fundamentales Fundament des Menschseins, Elementarbaustein aller Kultur und des Staates, und diese Vorstellung durch die ganz andere von sexueller Selbstbestimmung zu ersetzen ist schon ein epochaler Bruch. Ob diese Entscheidung damit nicht auch in tieferem Zusammenhang damit steht, dass wir inzwischen in ganz Europa ratlos bis ignorant vor dem unverzichtbaren Kern von Nation, Kultur, Erbe, Grenzen und all dem, was der staatlichen Gewalt vorgegeben ist, stehen?

Bundestagswahl

Foto: M. Schulze

Der Ausgang der Bundestagswahl war beispiellos in der Geschichte der Bundesrepublik, ebenso wie die epische Geschichte der Regierungsbildung mit derzeit noch offenem Ausgang. Eines ist unverkennbar: Während in den letzten Jahren auch bürgerliche Parteien deutlich nach links gerückt sind, drängt das Wahlvolk förmlich nach einer konservativen Alternative. Damit beweist es politischen Gleichgewichtssinn. Beinahe hat man den Eindruck, trotz fehlender Unterstützung durch die etablierte Politik, Medien und Instanzen öffentlicher Meinung hat es in umso erstaunlicherem Ausmaß eine Partei gewählt, die es eigentlich noch gar nicht gibt. Denn auf dieser Wunsch-Position ist offensichtlich noch keine Partei entstanden, der man bereits Regierungsverantwortung zutrauen könnte. Der Wähler als Zauberer: Er beschwört die Politik förmlich, allseits aufgegebenen Positionen neu zu besetzen. Apropos Verantwortung: Stirnrunzeln verursacht schon, wie nun wirklich etablierte Alt-Parteien es verantworten können, bei der schleppenden Regierungsbildung macchiavellistisch den Staat zur Geisel ihrer Parteiinteressen zu machen. Ob es auch damit zusammenhängt, dass sich nur noch 53 % aller Parlamentarier als Christen bezeichnen (1990 waren es noch fast zwei Drittel)? Seit Jahrzehnten war Politik jedenfalls nicht mehr so spannend, aber auch so ungewiss im Ausgang. Die Erfahrungen der letzten Monate stimmen da eher nüchtern. Darum ein neues Denkmodell, nach all den Jamaikas, GroKos und KoKos: Es regiert das Volk unter Duldung der im Parlament vertretenen Parteien…

„Amoris laetitia“

Kommen wir am Ende nochmals zur katholischen Kirche. „Amoris laetitia“ und kein Ende, möchte man sagen. Im Februar erließen die deutschen Bischöfe Richtlinien zur Umsetzung, deren theologische Hemdsärmeligkeit die beschriebenen „amici del Papa“ noch eher filigran erscheinen lassen. Auch der jetzt im vatikanischen Amtsblatt veröffentlichte Brief argentinischer Bischöfe lässt noch eine Menge Fragen offen. Wie mag diese ganze Geschichte vor den Augen Gottes stehen? Gott sei Dank, das zu beurteilen steht uns nicht an. Pastoral gesehen hat man den Eindruck, die Kirche will möglichst allen entgegenkommen. Das ist schön. Aber sie traut sich nicht mehr zu, sie dann auch auf den weiten Weg von Bekehrung und Kreuzesnachfolge mitzunehmen. („Amoris laetitia“ kann man dagegen durchaus in diesem Sinn lesen!). Und realistisch einzuschätzen, dass dieser weite Weg kein breiter Weg ist (vgl. Mt 7,13f.) und wir darum den Menschen einen großen Dienst tun, wenn wir ihnen klar sagen: Ihr seid auf dem falschen Weg!, wer ist dazu bereit? Doch bevor wir anderen die Leviten lesen, gehen wir am Ende dieses Rückblicks nun wieder in uns: Den schmalen, steilen Pfad, bin ich ihn selbst gegangen? Oder bürde ich anderen Kritikworte auf, an die ich mich selbst nicht halte (vgl. Mt 23,4)?

Ein Gedanke zu „Wie war das Jahr 2017?

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