Julien Benda, Der Verrat der Intellektuellen (La trahison des clercs). Mit einem Vorwort von Jean Améry. Aus dem Französischen von Arthur Merin (= Ullstein Materialien), Frankfurt a.M.-Berlin-Wien 1983

„La trahison des clercs“ ist schon beinahe zur Floskel geworden, und wie jede Floskel ist diese Wendung nahezu nichtssagend. Ganz im Gegensatz zu jenem Buch von 1927, worin der jüdische Schriftsteller und Philosoph Julien Benda (1867-1956) den „Verrat der Intellektuellen“ präzise mit echtem esprit cartésien beschreibt. Danach sind die Intellektuellen oder, wie man immer noch besser und genauer sagen müsste, die Gebildeten seiner Zeit der Versuchung erlegen, den seit dem Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr aufkochenden Partikularinteressen des Nationalen, der kommunistischen Ideologie oder gar des Rassistischen zu Diensten zu sein. Darüber vergaßen sie ihre ureigene Aufgabe, Verteidiger der Vernunft zu sein. Vernunft aber ist die Anwältin des Universellen, des Abstrakten (besser: von Ideen im letztlich platonischen Sinn als Wahrheiten, die sich nicht einfach im Faktischen verzwecklichen lassen) und des Überzeitlichen, ja Ewigen. Das Buch ist zunächst einmal Zeitkritik. Der Vormarsch der rechten Ultranationalisten und der linken Volksfront schuf einen Geist der Härte, des Kultus der Ehre und des Heldenmutes, des Krieges und der Überlegenheit, des Vorrangs des Praktischen vor dem Geistigen, des Kollektiven vor dem Individuellen, der nationalen Geschlossenheit vor der kosmopolitischen Öffnung, der Gewalt vor der Vernunft. All das widerspricht dem Gebildeten und seinen Werten zutiefst. Wer daran teilnimmt, begeht in der Tat Verrat an seinen Werten, wie sie etwa die mittelalterliche universitas litterum wie selbstverständlich gelebt hat. In einem Anhang unter dem Titel „Die Werte des Clerc“ (75-83), der sich wie eine philosophische Grundlegung liest, kennzeichnet Benda darum diese Werte mit drei Merkmalen:
•    Statisch, d.h. „abstrakt“ im lateinischen Wortsinn, also losgelöst von den konkreten Situationen und Interessen, in denen ein Denker sich befindet, damit auch überzeitlich und an einem klassisch gewordenen Erbe orientiert – übrigens eine wunderbare Definition des Konservativen, der ja nicht die Vergangenheit vor der Gegenwart verklärt, sondern das Überzeitliche gegen seinen Verschleiß unter dem Druck des Hier und Jetzt zu bewahren sucht.
•    Interessefrei (vorteilslos zweckfrei), d.h. mit einer wahren Freiheit des Denkens, die eben nicht darin besteht, auch noch das letzte Tabu zu brechen, sondern im Sinn der Wissenschaftsfreiheit Erkenntnisprozesse freizuhalten von ökonomischen, politischen, weltanschaulichen oder natürlich auch persönlichen Interessen.
•    Rational, d.h. in einer Askese der politischen Leidenschaften ruhig und nüchtern allein das Argument zu wägen und nicht eine „Sache“ durchzusetzen.
Der Intellektuelle hat sich dem Wogen der Leidenschaften, dem Spiel der Meinungen, der Indienstnahme durch Parteiinteressen grundsätzlich zu entziehen. So und nur so kann er der Öffentlichkeit den unersetzlichen Dienst leisten, sie zur Vernunft zu bringen. Das war und ist gefährlich.  Denn die Bourgeoisie verurteilt die Schriftsteller, „die es gewagt hatten, ihren Leidenschaften entgegenzutreten“. Erbittert versucht sie diese zum Schweigen zu bringen. Darin zeigt sich „das Souveränitätsbewußtsein der Laienschar, und ihre Entschlossenheit, den Intellektuellen, der ihr andere als wunschgemäße Worte vorsetzt, schon zur Vernunft zu bringen“ (196).

Ich verlange vom Christen keineswegs, er dürfte das christliche Gebot nicht verletzen; ich verlange von ihm, daß er, wenn er es verletzt, auch weiß, daß er es verletz

Der französische Autor legt all dies in einem leicht lesbaren Stil dar und erweist bei allem eine breite Bildung und ein sicheres Urteil. Vor allem begeht er nicht selbst den von ihm angeprangerten Verrat und erscheint nirgendwo bloß als Parteigänger einer bestimmten Sache. Auffallend sind seine häufigen Bezüge zum Christentum, etwa in folgender kluger Beobachtung: „Ich verlange vom Christen keineswegs, er dürfte das christliche Gebot nicht verletzen; ich verlange von ihm, daß er, wenn er es verletzt, auch weiß, daß er es verletzt. Diese Zwiespältigkeit hat Kardinal Lavigerie sehr klar veranschaulicht, als er auf die Frage: ‚Was täten Sie, wenn jemand ihnen eine Ohrfeige auf die rechte Wange verpaßte?‘ zur Antwort gab: ‚Ich weiß wohl, was ich tun müßte, aber ich weiß nicht, was ich tun würde.'“ (177)

Benda hat diese Auffassung u.a. aus seiner leidenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Lebensphilosophie Bergsons entwickelt. Leider, so möchte man fast sagen, denn Bergson selbst hat ja etwa in seinen „Zwei Quellen der Moral und der Religion“ ein machtvolles Plädoyer für eine Moral bzw. Religion der Öffnung verfasst, also der Grenzüberschreitung und der Verweigerung gegenüber der Inanspruchnahme durch die Interessen einer bestimmten Gruppe oder Gesellschaft.

Ertrag
Benda zählt kaum zu den konservativen Denkern. Er ist überhaupt kein Parteidenker, wie etwa seine Abgrenzung von verschiedenen Formen des Pazifismus zeigt (208-215). Umso mehr harrt er einer Neuentdeckung – Jean-François Mattéi hat es in seinem Essai zu Europa machtvoll versucht. Denn der Relativismus des Multikulturalismus beruht ja letztlich auf nichts anderem als eine „défaite de la pensée (Niederlage des Denkens)“ (Alain Finkielkraut, 1987), einer Kapitulation der Vernunft vor ihrer Aufgabe, allgemeinverbindliche Erkenntnisse und Normen zu erkennen. Die so einfältige Beschwörung des „Bunten“, der Vielfalt, der Akzeptanz ist letztlich Feigheit vor der Aufgabe, universelle Standards einzufordern – und sie im eigenen Haus gegen jedes „Anything goes“ zu verteidigen. So verschieden die Zwischenkriegszeit von der Gegenwart ist, so sehr sind Bendas Analysen zeitlos, denkt man etwa daran, wie sehr Schule, Hochschule, Kunst und Medien heute wie selbstverständlich für politische Ziele, politische Korrektheit, „Fortschritt“, ja zur Durchsetzung bestimmter Ziele durch Moralisierung anstelle von Abwägen der Argumente instrumentalisiert werden. Bendas Vision von der Aufgabe der Intellektuellen besticht da gerade durch ihre Unangepasstheit. In einer Epoche der „Einbeziehung aller Menschen ohne Ausnahme in das Geflecht politischer Interessen“, in einer zu öffentlichen Leidenschaften neigenden Zeit, angesichts des Verlangens von Literaten, „eine politische Rolle zu spielen“, einen festen Platz in der bürgerlichen Gesellschaft einzunehmen und so ihr Ansehen zu heben (204 in Zusammenfassung des 3. Kapitels), in einem neoromantischen Sich-Werfen auf Themen, mit denen man sich wichtig tun kann, und gleichzeitig dem Schwinden einer klassischen Bildung zugunsten von oberflächlicher Aktualität, stellt er das alte Ideal der Kontemplation vor Augen: Ihr Dienst besteht darin, genau zu sehen und zu beschreiben, was hinter dem aufgewühlten Tagesgeschäft steht. Hätten wir nicht solche Journalisten, Professoren und Kulturschaffende verdient?

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