Max Scheler, Die Stellung des Menschen im Kosmos, Bonn: Bouvier 12/1991

Selten habe ich den Bruch in einem Buch regelrecht knacken gehört wie in diesem. Das geschieht auf Seite 56, und was dort anfangs nur wie ein Haarriss erscheint, ist am Ende auf Seite 93 ein metaphysisches Desaster. Und doch, dieses letzte Werk Schelers von 1928 ist lesenswert aufgrund der souveränen ersten Hälfte – und auf andere Weise auch mit seiner zweiten Hälfte, insofern diese instruktiv ist für vieles, woran zeitgenössische Weltanschauung scheitert. Ein wenig pikant: Scheler, ganz Philosoph der Emotionen, konvertierte Ostern 1916 öffentlich zum Katholizismus, wandte sich aber etwa 1922 wieder von der Kirche und ihrem Glauben ab: Er habe sich nie als Katholik gefühlt. Schlüsselerkenntnis war ihm dabei die Ohnmacht des Geistes angesichts der Macht des Triebes. Darum könne es keine unsterbliche Seele, aber auch keinen allmächtigen Gott geben. Man soll nicht jede denkerische Position auf Biographie zurückführen, aber bei Scheler ist es nicht ganz von der Hand zu weisen, dass er sein persönliches Erleben hier zur Weltanschauung machte. Philosophisch jedenfalls vermischt er darin weitreichende apriorische Vorentscheidungen zur Metaphysik mit empirischen Einzelerkenntnissen, was ihn nicht hindert, rasch zu apodiktischen Urteilen zu gelangen. Das hat nicht allzu viel Wert.

 

Philosophische Anthropologie
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Max Scheler

 

Max Scheler ist ein Klassiker der modernen philosophischen Anthropologie, zusammen mit Helmuth Plessner, Arnold Gehlen, Adolf Portmann, Jakob Johann von Uexküll und manchen anderen. Besonders in den Jahren des Kulturbruchs nach dem Ersten Weltkrieg stellten sie sich neu der Kantischen Grundfrage: Was ist der Mensch? Sie alle wollten Einsichten der Biologie, Zoologie und Evolutionstheorie in die Antwort integrieren, ohne den Versuchungen eines Vitalismus, Biologismus und Evolutionsismus zu verfallen. Scheler war einer der ersten, er bahnte den Weg, entwarf Kategorien wie Natur und Geist und prägte Begriffe wie Gefühlsdrang, Reflexbogen und Weltoffenheit. Dabei unterschied er vier Stufen des Lebendigen, jeweils als zielgerichtete Antwort auf seine Umwelt (darin übrigens nicht unähnlich der aristotelisch-thomistischen Stufenlehre der Seele):
•    die Pflanzen mit einem unbewussten Gefühlsdrang bzw. vitaler Kraft, jedoch ohne ein Zentrum des Empfindens,
•    die instinktgeleiteten Tiere, die umweltangepasst auf bestimmte Reize feste Verhaltensmuster entwickeln, dabei aber einen „Reflexbogen“ entwickeln, d.h. eine freie Spanne zwischen Reiz und Reaktion, die man zum Antrainieren bestimmter nicht-spontaner Verhaltensweisen nutzen kann („lernen“),
•    das assoziative Gedächtnis der Tiere, d.h. ein Lernen durch Wiederholung,
•    schließlich die praktische Intelligenz hochentwickelter Säugetiere als die Fähigkeit, spontan und nicht instinktgeleitet oder erlernt ein situationsgerechtes Verhalten zu finden.
Beim Menschen tritt nun ein neues, gänzlich anders gelagertes Prinzip auf, der Geist. Das ist nicht die res cogitans des Descartes, sondern das „Aktzentrum“, die „‚Person‘, in scharfem Unterschied zu allen funktionellen Lebenszentren“ (38). Der Geist vermag sich sein Verhalten zu vergegenständlichen, also sich die vier Stufen des Lebendigen im eigenen Verhalten vor Augen zu führen und sich gerade so von ihrer Determination zu befreien. Er wird weltoffen. Welt ist ihm unbegrenzt und nicht bloß zweckentsprechende Umwelt. So ist er nicht bloß Teil der Welt, sondern er hat Welt, er kann sie versachlichen. So kann er etwa Triebimpulse zurückhalten oder enthemmen: „Sammlung, Selbstbewußtsein und Gegenstandsfähigkeit des ursprünglichen Triebwiderstandes bilden eine einzige unzerreißbare Struktur, die als solche erst dem Menschen eigen ist“ (41). So hat und erfasst das Sein sich selbst ganz im Menschen. Daraus folgen einige Spezifika des Menschen, so Raum und Zeit als solche, Fähigkeit zur Vergegenständlichung seiner selbst und der eigenen Regungen, Überschreitung einer Situation (greifbar etwa in Humor und Ironie) und letztlich die Freiheit, Akte selbst zu setzen und nicht nur zu reagieren. Der Phänomenologe Scheler wird greifbar, wenn er als besonderes Merkmal des Menschen die Fähigkeit zu „Ideierung“ (49) herausarbeitet, d.h. zur Erkenntnis des Wesens der Dinge und nicht bloß ihrer Funktion für das eigene Überleben. Das öffnet ihm nach Hegel das „Fenster ins Absolute“ (51), macht ihn aber gleichzeitig realitätsüberlegen: „Mit dem Tiere verglichen, das immer ‚Ja‘ zum Wirklichsein sagt – auch da noch, wo es verabscheut und flieht -, ist der Mensch der ‚Neinsagenkönner‘, der ‚Asket des Lebens‘, der ewige Protestant gegen alle bloße Wirklichkeit“ (53).

Ertrag

Ab einem bestimmten Punkt laufen alle Weltanschauungen auf die Frage nach dem Menschen hinaus. Die Gegenwart steht in vielfältiger Form unter dem Druck eines Materialismus: Alles ist Ökonomie (gleich ob als funktionierende Marktwirtschaft oder als Entfremdung durch den Gegensatz von Arbeit und Kapital), alles ist Leib, Sinne, Emotion, alles ist wellness, Glück im Sinn von reichlich ausgeschütteten Glückshormonen, alles entscheidet sich im Hier und Jetzt. Umso wichtiger sind intelligente, den Graben zwischen Natur- und Geisteswissenschaft überbrückende Versuche, das Geistige im Menschen zu denken, ja es in den Mittelpunkt des Menschenbildes zu stellen. Sie wollen es nicht im Gefolge von Descartes als eine Substanz retten, die unberührt vom Leiblich-Vitalen sein muss. Geist zeigt sich vielmehr in einer spezifisch menschlichen Seinsweise, dieses Leiblich-Vitale zu vergegenständlichen, ihm gegenüberzutreten und darum in Denken, Sprache und freiem Willen, im Mitsein mit anderen, in Herkunftsbewusstsein und Geschichtsverantwortung Leben zu gestalten. Denken, Selbstbesinnung, Verständigung mit anderen, schließlich auch Kunst, Glaube und Religion sind keine Epiphänomene des vitalen Durchsetzungsdrangs, sondern ursprüngliche und darum unverzichtbare Elemente jeder wahrhaft humanen Kultur. Seine Menschlichkeit erweist der Mensch als „Asket des Lebens“ im Neinsagenkönnen – welch überzeugende Antwort auf den Druck des Materialismus!

NB: Man vergleiche das Buch mit Schelers Aufsatz: Zur Idee des Menschen, in: Max Scheler, Vom Umsturz der Werte. Der Abhandlungen und Aufsätze zweite durchgesehene Auflage. Bd. 1, Leipzig: Verlag „Der neue Geist“ 1919, 271-312.

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