Was’s schwer, war’s leicht? Das Jubiläumsrätsel, das Osterrätsel 2020, begab sich endlich auf das Feld der Bibel, und deutlich erkennbar war: Wer regelmäßig und aufmerksam die Heilige Schrift liest, hatte eindeutig die Nase vorn. Mit diesem Buch der Bücher in der Hand kann man sich allerdings noch an ganz andere Rätsel und Geheimnisse wagen als an das auf dieser Homepage. Sie führt uns in die letzten Geheimnisse Gottes und der Welt ein, und zwar nicht einfach, um sie zu knacken, sondern um in ihnen zu leben, um uns ihnen anzuvertrauen und darin ein neues Licht auf alles zu erhalten. Einfacher gesagt: Leser und Leserinnen mit gläubigen Augen gesucht! Doch genug der Vorrede, hier nun die Auflösung: Gesucht war der Vers auch Hiob 19,25:

Doch ich, ich weiß: Mein Erlöser lebt, /

als Letzter erhebt er sich über dem Staub.

Georges de la Tour, Hiob und seine Frau

Ausgesprochen hat dieses Wort einer letzten Hoffnung im Angesicht des äußersten Elends dieser Welt die Hauptperson dieses so einmaligen alttestamentlichen Buches, der Dulder Hiob (auch Ijob oder Job). In einer kunstvollen Fiktion wird diese Gestalt unter die Patriarchen in der Vorzeit Isreals eingereiht. Wie man es etwa von Abraham kennt, ist Hiob aus dem Lande Uz ein tieffrommer, gerechter und gottesfürchtiger Mann, der darum von Gott mit reichem Segen belohnt ist, mit Frau, Kindern, Knechten und Mägden in großer Zahl, mit Vieh und Besitz und mancher Lebensfreude – bis der Blitz in sein Leben einschlägt, genauer die große Prüfung seines Lebens anhebt und diese heile Welt der Frommen wie ein Kartenhaus zusammenstürzt. Die Bruch-Bude, die seine Söhne und Töchter beim fröhlichen, unbeschwerten Gastmahl infolge einer Sturmböe unter sich begräbt, ist ein eindringliches Bild dafür (Hi 1,19). Allein seine Frau bleibt ihm erhalten, aber von ihrer Seite erfasst ihn der Sturm ihrer Verzweiflung, da sie ihm vorwirft: Hältst du immer noch fest an deiner Frömmigkeit? Segne Gott und stirb! Er aber sprach zu ihr: Wie eine Törin redet, so redest du. Nehmen wir das Gute an von Gott, sollen wir dann nicht auch das Böse annehmen? Bei alldem sündigte Ijob nicht mit seinen Lippen (Hi 2,9f.).

Das letzte Wort von den Lippen dieser Einleitung, die sich nicht versündigten, überliest man leicht, aber es ist der Schlüssel zum Hauptteil des Buches den Streitreden mit den drei Freunden (bei solchen Freunden in der Not braucht es wahrhaftig keine Feinde mehr!). Denn über die Lippen kommen Worte, und die große Frage des offensichtlich sehr gelehrten Verfassers des Buches Hiob ist es: Was lässt sich noch ehrlich und wahrhaftig sagen, wenn alles Glück dieser Welt zerbricht? Sicherlich keine fromme Soße, auch keine Besserwissereien aus den Scheingewissheiten der Gelehrtenstuben. Was aber dann? Das Buch unternimmt hier mehrere Anläufe, denn eine letzte Antwort kann und will es nicht geben.

Ein großes Wort

In der Mitte des Streites quellen aber auf einmal Worte der Hoffnung aus dem Dulder hervor, in denen er mehr sagt als nur schonungslos sein Leid zu klagen (Hi 19,23–29). Fast hat man den Eindruck, die Gedanken der Hoffnung verfertigten sich allmählich bei seinem Reden. Denn er eröffnet es mit dem verständlichen Wunsch, dass seine Klage unauslöschlich festgehalten werden solle: Würden meine Worte doch geschrieben, / würden sie doch in ein Buch eingeritzt, mit eisernem Griffel und mit Blei, / für immer gehauen in den Fels (Hi 19,23f.). Das ist noch ganz im Rahmen der damaligen Vorstellungswelt gedacht: Wenn auch Hiob selbst sterben wird, so sollen doch seine Worte und mit ihnen sein Name nicht vergehen. Denn Erinnerung ist Nachleben, ist in gewisse Weise Leben selbst. Ein bisschen ist das so wie das „Unvergessen“ neben dem Namen auf unseren Grabsteinen. Doch mit einem Mal weiß Hiob noch viel mehr zu sagen, eben die gesuchten Worte: Doch ich, ich weiß: Mein Erlöser lebt, als Letzter erhebt er sich über dem Staub. Die Einheitsübersetzung ist da schon sehr eindeutig, und das Wort „Erlöser“ wird der Christ sofort auf Christus beziehen, den auferstandenen Herrn und den Befreier von Sünde und Tod. Doch bis wir dorthin gelangen, braucht es ein paar Schritte – faszinierende Schritte der allmählichen Offenbarung der österlichen Wahrheit.

Zunächst der hebräische Wortlaut. „Löser“ (גאל; goel) ist ein Begriff aus der Sphäre des Rechts, bedeutet also wohl einen Rechtsbeistand, der am Ende die Wende bringen möge. Denn der Gerechte darf nicht untergehen. Dass Hiob vertraut, er werden diesen Löser, wie er sagt, „aus meinem Fleisch heraus“ (מבשרי) schauen, dürfte noch ganz innerweltlich verstanden sein, also solange er noch lebt. Nächste Stufe: Während im Hebräischen letztlich offenbleibt, wer der „Löser“ ist, identifiziert ihn die griechische Übersetzung dieses Verses in der „Septuaginta“ nun schon eindeutig mit Gott: „[…] ewig ist derjenige, der mich befreien wird“ (ἀέναός ἐστιν ὁ ἐκλύειν με μέλλων; die Vulgata ist dann ganz eindeutig mit „der Erlöser / redemptor“). Das Futur in griechischen „befreien wird“ gibt wohl das „als Letzter“ im Hebräischen wieder; damit gleitet das Verständnis bereits unmerklich von einer irgendwann eintretenden Wende im Leben Hiobs hinüber zu einer Zukunft, in der eine neue Zeit anbricht. Noch deutlicher wird die „Septuaginta“, wenn sie aus dem „er wird sich erheben“ ein „er wird erstehen lassen“ macht, und zwar „meine Haut“ (Hi 19,26a: ἀναστήσαι τὸ δέρμα μου; wiederum noch klarer auf die leibliche Auferstehung bezogen in der Vulgata: „Ich werde wieder bekleidet sein mit meiner Haut, und in meinem Fleisch werde ich meinen Gott schauen“), also „um auferstehen zu lassen meine Haut“. Mit einem Mal geht es nun nicht mehr um die spektakuläre Schicksalswende am Tag X im Leben des Hiob, sondern um eine gewaltige Machttat Gottes jenseits des Todes.

Damit fällt auch plötzlich ein ganz neues Licht auf den Vers 26b: „[…] und aus meinem Fleisch heraus werde ich Gott schauen“. Nun ist die Sache klar: Aus Hiobs Mund, der bei alldem nicht sündigte mit seinen Lippen, bricht die Auferstehungshoffnung hervor. Wie ein Siegel darauf ist nun die Bekräftigung aus V. 26b zu verstehen: Denn vom Herrn ist mir dies vollbracht worden.

Gefasste Holzstatue des Auferstandenen im Aufsatz des Hauptaltars in der Sankt Margareth Kirche in Obervöls (Foto: Wolfgang Moroder)

Das Wehen des Heiligen Geistes in der Schrift

Eine ähnliche Vereindeutigung der Worte Hiobs im Blick auf die Auferstehungshoffnung findet sich noch an anderen Stellen des Buches: Hi 14,14 und beim griechischen Zusatz in 42,17, nach dem „wie geschrieben stehe (γέγραπται)“, Hiob wieder auferstehen werde (πάλιν ἀναστήεσθαι), und zwar „mit denen, die der Herr auferstehen“ lasse (μεθ’ ὧν ὁ κύριος ἀνίστησιν). „Wie geschrieben stehe“ greift dabei auf Hi 14,14 und besonders auf unsere Stelle in Hi 19,25f. zurück. Im 2. Jahrhundert v. Chr. war der Glaube an die Auferstehung zwar längst nicht frühjüdisches Allgemeingut, aber doch bereits verbreitet (vgl. Dan 12,2-3 und 2 Makk 7).

Haben die griechischen Übersetzer damit die Worte Hiobs überzogen? Als Christ wird man vielmehr an dieser Stelle das Wehen des Heiligen Geistes verspüren, der die Offenbarung Schritt für Schritt inspiriert und sie zur Fülle in Christus führt. Dadurch wird das, was zunächst nur wie ein Keim wie hier bei den Worten Hiobs vom „Löser“ angelegt ist, nach und nach entfaltet. Ja, die griechische und später die lateinische Übersetzung verfälschen nicht das hebräische Original, sondern erkunden Möglichkeiten im Text, an die jedoch ursprünglich wohl noch kaum zu denken war. „Quod in vetero latet, in novo patet. – Was im Alten Testament bereits verborgen ist, das tritt im Neuen Testament offen zutage.“ Das Wehen des Heiligen Geistes, ja, das ist ganz anders als die Sturmböe, die das Haus der Söhne und Töchter Hiobs zerstört. Es lässt nicht zu Boden stürzen, sondern emporwachsen zu dem, der ein Gott der Lebenden und nicht der Toten ist (Lk 20,38).

Doch ich, ich weiß: Mein Erlöser lebt…

Beim Hinweis auf musikalische Vertonungen hätte die berühmte Arie aus Händels „Messias“ nahegelegen: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt“. Aber das hätte unser Rätsel vielleicht doch zu leicht aufgelöst. Darum wiesen wir lieber auf Georg Philipp Telemanns gleichnamige Kantate hin (TWV 1:877, früher Johann Sebastian Bach unter der Werknummer BWV 160 zugeschrieben). Die Anspielung auf die Vorsilbe „Tele-“ im Komponistennamen auf Tele-Objektive und Tele-phone, die uns Fernes nahebringen, schrammte wohl nur knapp an einem Kalauer vorbei, hat aber dafür vielleicht manch einen auf die richtige Fährte gebracht. Diese Musik Telemanns ist übrigens wirklich hörenswert und bewegend.

Wer nur einmal einen Anfängerkurs in Theologiegeschichte absolviert hat, bei dem wird spätestens beim nächsten Hinweis das Lichtlein aufgegangen sein. Unter den vielen Auslegungen des Buches Hiob ragt das monomentale Werk von Papst Gregor dem Großen heraus, sein Hauptwerk, die „Moralia in Iob“ – darum auch die Erwähnung der „die Moral aus der Geschicht‘“!

Die Verlosung der drei Preise unter den zahlreichen vollständigen und richtigen Einsendungen findet in den nächsten Tagen statt. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Auch wer dieses Mal nicht gewonnen hat, darf sich bereits auf das Sommerrätsel 2020 freuen.


Literaturhinweis: Holger Gzella, Verheißung: Die Zukunft angesichts Gottes, in: Hans Ausloos und Bénédicte Lemmelijn (Hg.), Handbuch zur Septuaginta, Band 5: Die Theologie der Septuaginta, Gütersloh 2020, 509–559.

Ein Gedanke zu „Osterrätsel 2020 – die Auflösung

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