Ein Gespenst geht um in Deutschland: die Radikalreformen der Pfarreienlandschaft. In der „Tagespost“ vom 12. Juli erscheint ein Doppelinterview mit Stephan Ackermann, Bischof von Trier, und mir zu diesem Thema. Ich darf dem Bischof an dieser Stelle für das offene Gespräch herzlich danken. Aus diesem Anlass und zur Vertiefung versuche ich in folgenden Blog in Frage- und Antwort-Form, Orientierung auf diesem schwierigen Feld zu geben.

1. Warum sind überhaupt Reformen nötig?

Warum legt man überhaupt Hand an die Pfarreien? Warum lässt man sie nicht in Ruhe?

Das Leben in der Pfarrei ist das Rückgrat des kirchlichen Lebens. Gerade weil sie so wichtig ist, muss sie auf einschneidende Veränderungen reagieren und darf sie nicht aussitzen. Darum müssen die Bistümer etwas tun. Nur was? Das ist die Frage.

Welche Veränderungen wären das?

Gesellschaftliche ebenso wie innerkirchliche. Ich nenne drei: Wandel des Nahraums, Priester- und Gläubigenmangel.

  1. Wandel des Nahraums: Von außen setzen gesellschaftliche Veränderungen das Leben in der Pfarrei unter Druck, etwa schwindende Bindung an Parteien, Gewerkschaften, Vereine und eben auch Kirchen. All das sind Dienstleister geworden, die für bestimmte Funktionen Leistung bringen sollen, nicht mehr Milieus, zu denen man gehört. Abseits solcher Dienstleistungen bleibt man auf Distanz. Dadurch dümpelt im Pfarrleben vieles nur noch dahin, was vor 30 Jahren noch florierte. Doch es gilt genau hinzuschauen und zu differenzieren. Der Nahraum, also das Gebiet einer Pfarrei, ist nämlich immer noch ein wichtiger Sozialraum, aber er wird heute anders genutzt. Man hat seine Clique von Freunden und Nachbarn, seine Bekannten und Freunde, seine virtuellen friends und die Whatsapp-Gruppe, aber ansonsten lebt man sein eigenes Leben. Man nutzt Nähe, aber lässt sich nicht gerne von ihr in Pflicht nehmen. Dazu kommt die Mobilität, die Veränderung der Altersstruktur von Innenstädten, Wohngebieten oder Dörfern, nicht zu vergessen die Berufstätigkeit von Frauen, die früher das ehrenamtliche Gesicht der Pfarreien ganz wesentlich geprägt haben. Und, und, und…
  2. Der Priestermangel, infolgedessen ein Pfarrer auf Dauer für viele Pfarreien zuständig ist. Ob man will oder nicht, das weckt Erwartungen, die keine Seite wirklich befriedigen kann. Dadurch fühlen sich alle Seiten rasch überfordert, vernachlässigt, unzufrieden und leichter reizbar zum Konflikt. Die Pfarrei, früher ein Hort stabiler, ein bisschen gemächlicher Beziehungen, wird störungsanfälliger. Leicht nimmt man nun einfach am Früher Maß, und da liegt die Versuchung nahe, die größten Bemühungen um eine lebendige Gemeinde bestenfalls mit einem müden „Immerhin“ zu quittieren.
  3. Der Gläubigenmangel. Dabei müssen wir allerdings genauer werden. Wir haben ja immer noch viele Kirchenmitglieder. Doch mittlerweile ist die überwiegende Mehrheit vor allem in jüngeren und mittleren Jahren nicht mehr zu regelmäßiger Beteiligung am Gottesdienst oder an Gemeindegruppen und -aktivitäten bereit. Pfarrei brauchen solche Leute nur auf Abruf, vor allem wie gesagt als Dienstleistung zu Taufe, Erstkommunion, Firmung, Trauung oder Beerdigung (die „big five“). Symptom: Man wählt sich für Taufe oder Trauung seine „schnuckelige“ Kirche in der Nähe des Restaurants. Solche Menschen fühlen sich durchaus als Christen, aber für den Gemeindeaufbau ist mit ihnen kaum zu rechnen…

Nirgendwo ist die Kirche hierzulande so missionarisch wie in der Pfarrei

Da muss ich unterbrechen. Viele machen der Kerngemeinde den Vorwurf, solche Fernstehenden regelrecht abzuschrecken: nicht Mission, sondern Schneckenhaus, Vereinsmeierei, ein „inner circle“, der sich mit sich selbst beschäftigt und die Kräfte der Seelsorger komplett an sich bindet: 95 % ihrer Zeit geht auf 5 % der Christen.

Man könnte dagegensetzen: Nirgendwo ist die Kirche hierzulande so missionarisch wie in der Pfarrei. Zum Beispiel Ministranten. Wo es gut geht, gibt es in einer Pfarrei vielleicht 30 oder 40 junge Leute (mancherorts bis in die Studentenzeit hinein), die dadurch über Jahre hinweg wenigstens von Zeit zu Zeit mit Gottesdienst und Glaube zu tun bekommen. Das Beispiel zeigt aber auch: Mission läuft in der Pfarrei sehr unspektakulär und wird deshalb oft unterschätzt. Denn sie vermittelt oft eher eine Grundschicht an Christlichkeit und Kirchenverbundenheit. Also nicht Bekehrung und Halleluja, sondern Zugehörigkeit und… Kirchensteuer. Das ist längst nicht alles, aber man soll es auch nicht geringschätzen. Eine solche Grundchristlichkeit kann mit Hilfe der Gnade zur Startrampe für ein tief überzeugtes, heiligmäßiges Leben oder eine geistliche Berufung werden. Beispiele für eine solche unspektakuläre Mission:

  • Kinder ziehen als Sternsinger von Haus zu Haus und bringen den Segen für das Jahr. Gemeindlich Engagierte machen in der Nachbarschaft Besuche, unterhalten sich am Gartenzaun, sind aus der Lokalpresse bekannt.
  • Bei den Sakramenten kommen viele, viele Menschen mit Glaube und Kirche in Berührung, die anderswo für den Glauben „Unberührbare“ sind.
  • Und da sind natürlich die Urkräfte von Familie und Verwandtschaft, die bei bestimmten Anlässen wie bei der Taufe oder zu den Festen oder eben auch durch die Sonntagsgestaltung eine christliche Prägung erhalten. Ganz zu schweigen von der Pfarrkirche, die oft ein Identifikationssymbol für eine Ortschaft oder einen Stadtteil darstellt.

Aber das Glaubensleben in den Gemeinden wirkt doch oft ganz oberflächlich. Es hat keine missionarische Kraft, die muss man in geistlichen Bewegungen, Orden und Gebetsgruppen suchen.

Nichts dagegen, aber solche Gruppen sind sicher nichts für jedermann. Wer schaut nach den 98 % anderen? Dennoch ist das oft ihre einzige Devise solcher geistlicher Bewegungen und Zentren: „Alle zu uns!“ D.h. sie sind sehr hochschwellig und halten keine Wege für die Vielen bereit. Wären sie alles, was die Kirche zu bieten hat, würde sie sich in eine Sekte verwandeln. Pfarrei steht dagegen für die bleibende Kraft der Volkskirche, allen Unkenrufen zum Trotz. Denn zur Pfarrei gehört man einfach, weil man da wohnt. Darum ist sie immer Kirche für die Vielen, nicht bloß für ausgewählte Zielgruppen. Auch ist es in hohem Maße unfair, den über Jahrzehnte hinweg treuen Gottesdienstbesuchern und Gemeindeaktiven Vorwürfe zu machen, so als würden sie Fremde bewusst abschrecken. Sie stellen ja keine Gesichtsscanner an den Kirchtüren auf und halten Unbefugte vom Eintritt ab, und die 95 % fehlen im Gottesdienst aus dem Grund, weil Glaube und Kirche für sie weithin fast bedeutungslos geworden sind und nicht weil die Kerngemeinde ihnen Haifischzähne zeigt. Wahr an dem Einwand ist allerdings: In den letzten Jahrzehnten ist uns oft die Katechese und Predigt verflacht, Pfarrleben scheint manchmal gar nichts mehr mit Glaubensleben zu tun zu haben, die „hot spots“ der Seelsorge, z.B. Besuch, Gespräch und Begleitung in Krankheit und Sterben, sind weitgehend verschwunden und man stellt praktisch keine Ansprüche mehr für den Empfang der Sakramente. Also: Innerhalb der Gemeinde gibt es viel an Glaubensvertiefung und geistlicher Profilbildung zu tun, und die äußeren Reformen der Pfarreienlandschaft sind daran zu messen, ob Glaubenskraft und missionarische Stärke zurückgewonnen werden. Darauf sollten wir alle Kräfte konzentrieren und nicht auf öffentlichkeitswirksame Aufbruchsrhetorik.

Auslöser zu den Radikalreformen waren angeblich aber die vielen Klagen: „Unsere kleinen Gemeinden sind nicht mehr lebensfähig. Immer mehr Arbeit muss auf immer weniger Schultern verteilt werden.“ Gerade auf junge Menschen wirkt ein ausgedünntes Gemeindeleben oder ein Gottesdienst mit immer weniger Teilnehmern einfach nur abschreckend.

Stimmt irgendwie. Aber eben wie genau? Erst einmal braucht es deshalb präzise Diagnosen, dann erst findet man Therapien, die nicht mit dem Holzhammer vorgehen. Es ist also wie beim Arzt. Da reicht es nicht zu sagen: „Irgendwie geht es mir nicht so recht“, sondern möglichst genau muss man formulieren, wo und wie es drückt, schmerzt, sich verändert oder nicht mehr funktioniert. Also genau wahrnehmen, und das heißt erst einmal, nicht bloß auf die Probleme der Pfarrei zu starren oder sie gar totzureden, sondern die Gesamtbilanz von Licht und Schatten in den Blick zu nehmen.

  1. Dafür muss man zunächst einmal einen Perspektivwechsel vornehmen: Pfarrei ist mehr als die Summe ihrer Gottesdienste und Aktivitäten. Das meinen jedoch die Radikalreformer, die sich erhoffen, im Rahmen einer Großpfarrei solle es weiterhin lokale Aktivitäten geben. Nein, lange vorher bildet die Pfarrei einen Humus an Grundchristlichkeit. Sie bietet Menschen am Ort eine erste Anlaufstelle für christliches Leben und manchmal sogar Heimat, auch und gerade wenn sie nicht regelmäßig an ihren Aktivitäten teilnehmen. Denn sie ist verwoben in das soziale Netz einer Ortschaft, einer Stadt oder eines Stadtteils, der Nähe, Nachbarschaft, Identität, Dauer, Tradition, Verwurzelung und von vielfältigem sozialem und familiärem Leben. Oft verkörpert sich Heimat ganz schlicht im Kirchturm, der aus dem Stadtbild nicht wegzudenken ist. In einer Kreisstadt etwa wollte man den leicht rosafarbenen Anstrich des Turms durch einen grauen ersetzen. Doch das löste einen wochenlangen Sturm der Entrüstung in der Öffentlichkeit und der Lokalzeitung aus. Wer das nicht versteht und darüber nur den Kopf schüttelt, hat noch nicht begriffen, wie Pfarrei funktioniert.
  2. Zum anderen braucht Gemeinde eine gute Pastoral. Wer in die Gemeinden geht, staunt ja, wie unterschiedlich vital sie sind. Es geht, wenn man nur will… und die richtigen, klugen Schritte geht. Von selbst dagegen geht nichts, dann wird das Pfarrleben nur noch auf einem ärmlichen Niveau dahindümpeln. Darum: keine Radikalreformen für Strukturen, sondern innere Erneuerung und Vertiefung, ein geistlicher Gottesdienst, eine substanzielle, lebensnahe Verkündigung, ein wachsendes Gemeinschaftsgefühl, handfeste gegenseitige Hilfe und bei allem das Gefühl: „Wir sind froh dabeizusein!“ Die richtigen, klugen Schritte, das verlangt übrigens dreierlei:
  • ein klares Ziel, und das kann nur Neuevangelisierung heißen,
  • die Fähigkeit, möglichst viele mit ins Boot zu nehmen, anstatt den einsamen Rufer in der Wüste abzugeben,
  • den langen Atem eines Marathonläufers – denn Gemeindepastoral heißt dicke Bretter bohren, die dann aber auch für Jahrzehnte tragen.

2. Die Reformmodelle

Man hat den Eindruck, dass vieles in den Gemeinden im Argen liegt. Warum dann nicht die große Lösung, wie es etwa Trier, Essen, Fulda und andere Bistümer versuchen? Wäre das nicht der dringend benötigte Befreiungsschlag?

Die Tugend ist die Mitte, der Weg zum Erfolg ist Augenmaß und Realismus, die Voraussetzung dafür ist, dass möglichst viele Betroffene eine Reform mittragen. Die XXL-Lösungen kommen dagegen von oben (auch eine Synode ist ja keine Volksvertretung, sondern wird als eine ferne Bistumsveranstaltung wahrgenommen), aber sie zerstören das Gewachsene, Vertraute und von den Leuten als identitätsstiftend, sinnvoll und praktikabel Erlebte. Das wirkt sich schon ganz praktisch aus: Es ist fatal, wenn die Kirchenverwaltungsräte nicht mehr aus den Ortschaften und Ortsteilen kommen, in denen die Kirchen stehen. Schlagartig haben die Ortsansässigen den Eindruck: „Jetzt entscheiden Fremde über unsere Kirche, unser Pfarrheim oder das Budget der Ministranten. Sie kennen uns nicht, sind vor Ort hier nicht vernetzt und wissen nicht, worauf es ankommt.“ Das Pfarrleben ist vielleicht nicht im Top-Zustand, aber nichts spricht dafür, dass Zentralisierung die Dinge zum Besseren wenden könnte, im Gegenteil. Denn der Schlüssel dazu ist Beteiligung und Identifikation, und das kann man einfach nicht mit Rieseneinheiten, die größer sind als ein Landkreis.

Braucht es aber nicht manchmal die „kreative Zerstörung“, von der der Ökonom Joseph Schumpeter spricht? Da darf man nicht zimperlich sein, denn nur so entstehen Freiräume für Neues.

In der Tat, damit wird gewaltiger rhetorischer Aufwand getrieben: das Neue wagen, Aufbruch, Perspektivwechsel, Reform und Innovation. Die Situation wird als gewaltiger Umbruch in der Kirche beschrieben, um zu rechtfertigen, dass kein Stein auf dem anderen bleiben kann (übrigens inzwischen auch in Lehre und Ordnung der Kirche!). Und weil wir in der Kirche sind, wird gerne noch spirituell daraufgesetzt:

  • Es gilt, die Fleischtöpfe Ägyptens verlassen und den Weg ins Gelobte Land wagen,
  • die Zeichen der Zeit zu verstehen und zu hören, was der Geist den Gemeinden sagt (das ist natürlich das, was die Bistumsleitung vorgibt),
  • nicht erstarren, sondern lebendig bleiben usw.

Doch Verwaltungsentscheidungen sind fehlbar und störungsanfällig, sie tragen sicher nicht die Unterschrift des Heiligen Geistes. Wer sie kritisiert, löscht den Geist nicht aus, sondern gebraucht bloß seinen Verstand. Abgesehen davon haben die Gemeinden und ihre Seelsorger in den letzten Jahrzehnten in Wirklichkeit bereits ein erstaunliches Maß an Umdenken, neuen Modellen, Gemeinschaft in Pfarrverbänden und einfach Pragmatismus an den Tag gelegt. Man kann ihnen wirklich keine Starrheit und Reformverweigerung vorwerfen. Das ist unfair und verkennt die enorme Flexibilität, die Gläubige, Priester und Hauptamtliche in der Pastoral bereits seit vielen Jahren bewiesen haben. Umso mehr müssen die Alarmglocken klingeln, wenn es jetzt allenthalben von der Basis her gegen die Redikalreformen heißt: „So geht es nicht!“

Die Tugend ist die Mitte, der Weg zum Erfolg ist Augenmaß und Realismus, die Voraussetzung dafür ist, dass möglichst viele Betroffene eine Reform mittragen

Aber dann doch zumindest Reformen als ein notwendiges Übel?

Nicht schlecht, denn ein notwendiges Übel hält man möglichst klein und bläht es nicht auf. Das Problem besteht oft darin: In den letzten 30 Jahren haben wir die vielen Formen von Zusammenschlüssen und Kooperationen wie Pfarrverbände, Pfarreiengemeinschaften oder Weggemeinschaften oft halbherzig durchgeführt und dabei noch zu viel an Räten und Sitzungen belassen oder zu komplizierte, störungsanfällige kooperative Strukturen eingezogen, die das Leben schwerer gemacht haben, anstatt es zu entlasten. Da sollte man beherzt nachbessern und nicht die ganz andere XXL-Lösung durchdrücken, die noch nirgendwo erprobt wurde. Das wäre, als würde das Gesundheitsamt für alle Babys im Land eine völlig neue Impfung vorschreiben, die noch gar nicht alle klinischen Tests durchlaufen hat.

Die Radikalreformer halten dagegen: Gewurstelt haben wir lange genug, jetzt ist die Zeit reif für große, glanzvolle und dauerhafte Lösungen. Nur sie entlasten alle Beteiligten spürbar und setzen Kräfte der Erneuerung frei.

Schön wär’s! Aber es ist schon denkwürdig, dass über 25 Jahre nach dem Ende der sozialistischen Planwirtschaft mit ihrer Besessenheit von umfassenden Plänen, großen Einheiten und zentraler Kommandowirtschaft die Kirche auf Zentralisierung setzt. Das ist Aggiornamento mit Vorgestern. Heute wird überall die Tugend dezentraler, manchmal auch bewusst unkontrollierter sozialer Prozesse entdeckt, kleine Einheiten, empowerment und die gute alte katholische Subsidiarität. Gründe?

  • Große Einheiten sind chronisch schwerfällig,
  • sie halten kaum, was sie versprechen,
  • sie verkapseln sich und werden basisfern,
  • sie machen Dinge unnötig kompliziert und legen einer raschen Erledigung Steine in den Weg,
  • sie schwächen die Identifikation und ersetzen Gemeinschaftsgefühl durch funktionale Dienstleistungen,
  • sie verdrängen das Ehrenamt und verlangen immer mehr professionelle Kräfte.

Gewinner ist in der Regel nur die Zentrale, die dadurch leichter ihre Vorgaben durchsetzen kann, und natürlich die Professionellen, die sich damit Arbeitsstellen schaffen.

3. Alternativen

Gibt es auf Dauer überhaupt Alternativen zu den Großpfarreien?

Nicht alle Bistümer gehen ja diesen Weg. Einige vergeuden die Kräfte aber durch unklare Leitungsstrukturen, durch unnötige Experimente mit einer Gemeindeleitung durch Laien oder auch einfach durch halbherzige Lösungen, die nicht auf Dauer Klarheit und Entlastung bringen. Zusammen mit Stephan Haering habe ich ein Modell des Miteinanders von Mittelpunkts- und Einzelpfarreien vorgestellt. Erstere übernehmen kompliziertere Aufgaben, institutionelle Trägerschaften etwa von Kitas und einen Großteil der Präsenz der Kirche in der Öffentlichkeit, dafür können die Einzelpfarreien sich auf das sogenannte Kerngeschäft konzentrieren. Seelsorge kann hier einfach bleiben.

Gibt es ein paar Grundprinzipien, an die sich jede denkbare Reform halten müsste?

Ja, aus der reichen Erfahrung der Pfarreien in der Geschichte lassen sich einige solcher Prinzipien formulieren.

  1. Gewachsenes muss man sichern, pflegen und mit Glaubensinhalt füllen, aber man darf es nicht zerstören und an seine Stelle das ganz Andere, ganz Neue setzen. Denn das sieht dann bald ganz alt aus.
  2. Pfarreien sind komplexe organische Gebilde von Gläubigen, ihren Hirten, ihrer Geschichte und ihrer Verwobenheit in den Sozialraum. Pfarreien sind so verschieden wie menschliche Persönlichkeiten und Charaktere. Jede hat darum auch ihre eigene Physiognomie, ihren Lernstil und ihre Entwicklungsmöglichkeit, jede braucht ihren eigenen Weg zur Erneuerung. Das darf man nicht von abstrakten Ideen oder großen „Visionen“ her versuchen, sondern vor allem mittels genauem, liebendem Wahrnehmen, und das geht in der Regel nur durch jahrelanges Mitleben.
  3. Die Raumgliederung braucht Ruhe. Darum sollten Pläne realistisch die Rahmenbedingungen (nicht zuletzt der verfügbaren Priester) bis ca. 2030 oder sogar 2035 hochrechnen und daraufhin den betroffenen Gemeinden reinen Wein einschenken: Beginnt jetzt mit Kooperationen, die ihr dann nicht schon in fünf Jahren wieder umstürzen müsst!
  4. Komplexe Strukturen brauchen einfache, auf Anhieb durchschaubare und von allen respektierte Zuständigkeiten. Dazu gehört die Letztverantwortung des Pfarrers, aber ebenso ein Netz von klar umgrenzten Aufgaben von möglichst vielen.
  5. Schließlich: Wo ein großes Ziel ist, da findet sich auch ein Weg. Think big! Gläubige sollen mehr und mehr erahnen, was das heißt, Volk Gottes zu sein, heilig und auserwählt, Licht auf dem Leuchter und Stadt auf dem Berg. Pfarrei lebt, wo sie ihr Thema findet, und das ist stets ein Leben in Glaube, Hoffnung und Liebe.

Gewachsenes muss man sichern, pflegen und mit Glaubensinhalt füllen, aber man darf es nicht zerstören und an seine Stelle das ganz Andere, ganz Neue setzen.

4. Leitung

Gleich wie die einzelnen Reformen aussehen, einen gemeinsamen Nenner besitzen sie immer: Die Pfarrer werden eingebunden in Teams, wenn sie nicht überhaupt ganz aus der Leitung herausgenommen werden. Dahinter stehen wohl viele schlechte Erfahrungen mit autoritären oder auch nur überforderten Pfarrern?

Zum einen ja: Leitung ist vielfach verwildert. Wenn ich von manchen Hauptamtlichen in der Pastoral höre, gleich ob es sich da um bestimmte Priester, Diakone und Laien handelt, kann ich mich nur beglückwünschen: „Gott sei Dank muss ich nicht dort leben!“ Ja, es gibt eine Menge Missstände bei der Leitung, und sie sind menschenverursacht. Das ist wie bei Bäumen ohne Schnitt. Sie schießen wild empor, bilden aber keine rechte Krone aus, sind bei Stürmen akut gefährdet und bringen wenig und oft nur saure Frucht. Aber das darf man nicht nur den Betroffenen vorwerfen. Denn über Jahrzehnte haben wir nicht mehr klar definiert, was eine Gemeinde soll, was Grundpflichten der Seelsorge sind, etwa gegenüber Kranken und Sterbenden, was Basiswissen des Glaubens ist und darum unbedingt in jede Katechese gehört, aber auch, was man guten Gewissens beenden lassen kann, um nicht unnötig Zeit und Energien zu vergeuden u.v.a. Wenn eine Wallfahrtskirche etwa zum Podium für einen Schlagersänger gemacht wird und der Pfarrer das damit begründet, der Star singe ja von der Liebe und das Christentum predige doch auch die Liebe, dann ist das nur noch peinlich. Ein klarer, großer und überzeugender Kern des Gemeindelebens macht es der Leitung auch viel leichter, entsprechend zu agieren, und bewahrt sie vor Willkür, der Pflege von bloßen Steckenpferden oder auch – Gott sei’s geklagt – manchmal der Faulenzerei.

Zum anderen nein: Der Pfarrer leitet die Pfarrei, weil allein er durch das Weiheamt dazu befähigt ist und weil Hirte mit Letztverantwortung vor Christus immer nur eine Person und kein Team oder eine Struktur sein kann. Darum dreierlei:

  • Leitung muss entlastet werden. Viele Bistümer machen jetzt etwa mit professionellen Verwaltungsleitern gute Erfahrungen.
  • Leitung muss einfach bleiben, d.h. für einen Priester mit Fleiß, Erfahrung und gutem Willen erlernbar bleiben. Dazu trägt der genannte klare Kern der Gemeindepastoral entscheidend bei.
  • Leitung muss vielfachen Rat und Unterstützung einholen, aber sie darf dadurch nicht stranguliert oder auch sanft manipuliert werden.

Probe auf’s Exempel: Gerade da, wo die Neuevangelisierung das prophetische Wort erfordert, darf der Prophet nicht am Ende als Prügelknabe seiner Gegner dastehen, vor allem nicht auch noch beim Bischof. Leider hat auch er und sein Ordinariat oft nicht mehr klar, was die Dos und Don’ts in der Seelsorge sind. Wer da nur seine Pflicht tut, verdient Unterstützung und keinen Anpfiff von oben. Solche ungerechtfertigten Rügen haben schon vielen, die mit Feuereifer begonnen haben, das Genick gebrochen. Wer Fehler macht, muss natürlich zur Ordnung gerufen werden. Aber das darf den großen Schwung in die richtige Richtung nicht nehmen.

Viele Priester klagen aber über zu viel Verwaltung. Im Erzbistum Köln ergab eine Umfrage, sie nehme über 30 % der Arbeitszeit ein. Ein schlagendes Argument der Reformer lautet nun: Wenn die Priester selbst von Verwaltungslasten befreit werden wollen, ist es doch nur konsequent, Priesteramt und Leitungsamt ganz voneinander zu trennen. Praktisch: Man ernennt nur noch eine kleine Zahl von leitenden Pfarrern, und die anderen in der Gemeindepastoral sind dann einfach ganz „Seelsorger“.

Klingt gut, stimmt aber hinten und vorne nicht. Verwaltung ist nicht Leitung. Die vielen Verwaltungsprozesse, der Papierkram, die Bürokratie – übrigens oft auch von den Ordinariaten geradezu inflationär vorgegeben -, die vielen Sitzungen, davon kann und muss entlastet werden. Ich unterscheide dabei gerne die Letztverantwortung vom Funktionieren. Damit erkennt man rasch, was Pfarrersache ist und was nicht.

  • Letztverantwortung: Dass bei der Firmkatechese gesundes Glaubensbrot und nicht dünner Hipp-Hopp-Wassersuppe geboten wird, dafür hat letztlich der Pfarrer geradezustehen; das kann er nicht wegdelegieren.
  • Funktionieren: Wie die Monate der Vorbereitung dann laufen, bis hin zu den Anmeldungen zum Firmlingswochenende, das können und sollen andere machen.

Und dann theologisch: Leiter der Gemeinde ist allein Christus. Doch er wirkt durch diejenigen, die er im Weihesakrament zum Hirtendienst erwählt hat, also die Priester. Darum ist Leitung als Letztverantwortung immer auf das Amt bezogen – natürlich stets in Gemeinschaft mit Bischof und Presbyterium und nicht mit Willkür und Alleingängen. Einzelne Funktionen lassen sich delegieren, die Verantwortung bleibt. Delegation verlangt aber andererseits auch Vertrauen und Großmut. Das muss man lernen, sonst führt man die anderen bloß am Gängelband.

Vielerorts hat man den Eindruck, dass die Pfarreienreformen unter der Hand genutzt werden sollen, die Priester gewissermaßen zu domestizieren oder auch die Autonomie der Pastoral-, Gemeindereferenten und Ständigen Diakone durchzusetzen. „Das schadet unserem Team“ oder „Wir können das nicht mittragen“ wird zum Totschlagargument. Gewiss, Kooperation, Wertschätzung, Sinn für die besonderen Gaben jedes Mitarbeiters, das muss man von jedem Pfarrer verlangen. Dennoch bleibt er für das Gesamt der Pastoral verantwortlich, und damit ist jeder haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter ihm Rechenschaft schuldig. Dieses Prinzip darf man nicht verschleiern, denn unklare Autoritäten sind eine Quelle chronischer und äußerst schädlicher Konflikte.

Zu guter Letzt: Wohin soll die Reise in der Reform der Pfarreien gehen?

Einen guten, verlässlichen Rahmen schaffen, damit echtes Glaubensleben möglich wird.

Foto: M. Schulze

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