Weihnachten ist das Fest der Musik. Gefühlvolle Lieder, anheimelnder Instrumentalklang, „Stille Nacht“ und das Bach’sche Weihnachtsoratorium – oder vielleicht auch die etwas andere Weihnachtsmusik. Um die geht es im diesjährigen Weihnachtsrätsel 2019. Und weil zu diesem Fest das Herz weich wird, soll die Aufgabe auch eher leicht sein und die Nuss für alle Menschen guten Willens gut zu knacken. „Eher leicht“, ja, denn ein bisschen Kniffeln gehört ja dann doch auch wieder zum Rätselspaß. Darum wird’s wohl erst nach und nach bei den nächsten Zeilen dämmern wie das Licht über den Feldern von Betlehem.

Fröhliche Weihnachtsmusik

Also eine etwas andere Weihnachtsmusik. Zunächst einmal der zugrundeliegende Text: Kein „Es begab sich aber zu der Zeit“, auch kein „Am Weihnachtsbaum die Lichter brennen“ und erst recht kein „Jingle Bells“, sondern ein neutraler, wenn auch allseits bekannter Text, der für das ganze Jahr passen würde und überhaupt nichts Weihnachtliches hat (gut, genau genommen schon, nämlich im zweiten Stück gleich am Anfang ein Zitat aus den weihnachtlichen Passagen des Lukasevangeliums und im dritten Stück eine tief theologische Aussage zum Weihnachtsgeheimnis, die einen am Fest geradezu umhaut). Aber zurück zur Musik. Sie enthält beschwingte Tänze, mit überraschenden harmonischen Wendungen und mit viel Abwechslung der Stimmen: unterschiedliche Gruppierungen, dann wieder fließende Übergänge zwischen Solo und kleinem Chor, außerdem ein weites Herz für die Instrumentalisten, die keineswegs im Schatten der menschlichen Stimme stehen. So wechseln sich vokale Teile mit Orgelversetten ab, manchmal wird die Königin der Instrumente dann aber auch wieder von den anderen Instrumenten ersetzt. Vor allem werden nicht weniger als zehn volkstümliche Weihnachtslieder eingeflochten, so dass das Stück nicht nur Musik für die oberen Zehntausend ist, sondern auch einfache Leute stellenweise beinahe mitsingen konnten. Das alles ergibt ein fröhliches, leichtes, geistvolles und warmherziges Ganzes. Zurecht ist es eines der beliebtesten Kompositionen im stattlichen Oeuvre des Autors.

Mitsingen, beliebtes Stück – mit einer ganz anderen seiner Kompositionen kann es allerdings nicht mithalten. Das ist so bekannt, dass wohl so ziemlich jeder in Europa es zuhause im Sessel mitpfeifen könnte – wenigstens die ersten Takte, denn der Rest ist den meisten dann doch wieder völlig unbekannt. Es wäre ja schon beinahe eine „Song Contest“ wert, diese Takte mit der ihnen verwandten offiziellen Hymne zu vergleichen, die allerdings an Pathos kaum zu übertreffen ist. Na ja, womit meine Stimme schon vergeben wäre, nämlich eindeutig für unseren Komponisten.

„Clous“ bei der Suche nach der Lösung

Alles klar? Wenn nicht, dann noch ein paar „Clous“:

  • Der Vorname unseres Komponisten ist der eines bekannten Mannes des öffentlichen Lebens, der in einem Drama Shakespeares eine Rede hält, die als Inbegriff der Demagogie gilt und die dort tatsächlich auch die ganze Situation kippt.
  • Der Nachname (wenigstens die ersten drei Buchstaben) würde sich gut zu einer kleinen Melodie formen lassen (um Irrwege zu vermeiden: B-A-C-H ist es nicht!).
  • Unser gesuchter Mann stand lange Jahre in Konkurrenz zum Star seiner Epoche, im Vergleich zu dem er der ewige Zweite blieb. Nur in einer Hinsicht hatte er einmal die Nase vorn, nämlich als ein Star der Bühne (und zwar der komischen) den Star der Musik nach einem Streit verwarf und stattdessen unseren Gesuchten zum Hauskomponisten seiner Stücke erwählte – was diesem allerdings den Hass des ewigen Ersten eintrug und ihn eine Zeitlang aus dem offiziellen Musikleben verbannte.
  • Die Vorsehung meinte es gut mit ihm. Als er sich einmal um die renommierteste Stelle seiner bedeutenden Stadt bewarb (gut, es war nur der Stellvertreterposten), erkrankte er und verpasste dadurch die Endausscheidung. Stattdessen wurde er musikalischer Direktor an der Kirche eines Seelsorgeordens (heute eine Pfarrkirche mit einem Doppelpatrozinium), der die Ästhetik seiner Zeit in Bildern, Architektur, Theater, Literatur und eben auch Musik prägte. Hier stand die Musik in all ihrer Magie der Ohren im Dienst an Frömmigkeit und Freude am Glauben. Aus dieser Zeit stammt auch unsere gesuchte Komposition. Tja, und die Vorsehung muss sich von seiner fröhlichen Weihnachtskomposition anstecken gelassen haben, denn am Ende seines Lebens wurde er dann doch noch für sechs Jahre Kapellmeister an der Stelle, die ihm wegen seiner Erkrankung vorenthalten geblieben war. Wahrscheinlich ist er in dieser Kapelle auch begraben. Es findet sich jedenfalls eine Inschrift, in der sein Schatten halbironisch zu zwei Wanderern spricht, er sei als Musiker von manchen geschätzt, von der Mehrheit aber verachtet worden. Deshalb sei die Musik für ihn auch eine geringe Ehre und eine schwere Last gewesen.
  • A propos Vorsehung: Bald nach seinem Tode vergessen, wurde er erst im 20. Jahrhundert wiederentdeckt – gerade rechtzeitig, um seinen triumphalen Erfolg zum Mitpfeifen einzufahren, von dem wir gesprochen haben (übrigens auch ein Stück zum Lob Gottes!).
  • In der Tat, die Wiederentdeckung war lange überfällig. Gerade für die heutige kirchenmusikalische Praxis bietet unser Komponist überaus reiches Material mit über 500 geistlichen Titeln, etwa Vertonungen der adventlichen O-Antiphonen, die Trauermetten, die die gregorianischen Lamentationstöne verarbeiten, über 200 Motetten, Psalmvertonungen u.v.a. Das gesuchte weihnachtliche Stück lässt sich übrigens auch von einem guten Kirchenchor bewältigen und ist mit ca. 25 Minuten Länge auch heute einer Weihnachtsmesse durchaus angemessen.
  • Ich weiß nicht, ob die Musikwissenschaftler jetzt die Nase rümpfen, aber das Leichte, Fröhliche und zugleich Innige seiner Musik scheint mir doch den starken italienischen Einfluss zu verraten, den er sich in seinen nicht weniger als 12 Lehrjahren in Rom angeeignet hatte. Zurückgekehrt, fand er in der Tat auch im Kreis eines italianisierenden Abbé seine stärkste .
  • Diese Art der Weihnachtslieder hatte in seinem Land eine solche Tradition, sie wurden an Heilig Abend in der Familie, auf den Straßen und später auch im Gottesdienst gesungen und waren so populär, dass es sich kaum ein Komponist seiner Zeit entgehen ließ, sie zu verwenden. Weil sie so beliebt waren, tragen sie sogar selbst einfach die Bezeichnung „Weihnachten“ (natürlich in der eigener Sprache). So ist die „Titelmelodie“ des Anfangs unserer Weihnachtsmusik ein solcher Ohrwurm, dass der Komponist ihn an anderer Stelle gleich wieder in einer Weihnachtsmusik für Instrumente verwendete. Gerne variierten die Organisten diese Melodien im Gottesdienst.
  • Noch ein kleiner Tipp: Unser Komponist arbeitete auch für ein Kloster, das eng mit einer sehr strengen, pessimistischen, sehr anspruchsvollen theologischen Richtung zusammenhing, der auch ein bedeutender christlicher Philosoph anhing, der wohl die berühmteste Wette der Philosophiegeschichte formuliert hat.
  • Etwas ganz Anderes. Seine Werke werden mit einem Katalognamen bezeichnet (also wie „Köchelverzeichnis“ bei Mozart), der mit dem Namen eines berühmten Filmregisseurs übereinstimmt, der ein Meister der Gänsehaut war.
Foto: M. Klees

Gesucht ist also der Name des Komponisten und des weihnachtlichen Werkes. Geben Sie auch kurz Ihren persönlichen Eindruck beim Anhören des Stückes an (auf Youtube und anderswo gibt es unzählige Einspielungen). Antworten an: andreas.wollbold@lmu.de. Einsendeschluss ist der 6. Januar 2020 um 24 Uhr. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Als Gewinn wird ausgelost eines meiner Bücher nach Absprache.

Ein Gedanke zu „Weihnachtsrätsel 2019 – ganz musikalisch

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