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Das himmlische Festmahl – Engel, Heilige und wir

Ein kleiner Schritt für uns

Manchmal braucht es für ein Wunder nur einen kleinen Schritt. Eben befanden wir uns noch auf der Straße. Der Tag ist grau, der Verkehr laut, alles ist in Unruhe. Da kommen wir an einer Kirche vorbei. Ihre Fenster strahlen von innen her, warm, hell und geheimnisvoll. Sie laden ein: Tritt ein! Das tun wir, wie von einer sanften Macht gezogen. Schon auf der Schwelle überwältigt uns der Innenraum, und es fällt uns wie Schuppen von den Augen. Das ist ein kleiner Schritt für uns, aber ein großer Schritt für die Menschheit: Wir treten ein in eine andere Welt, in eine heilige, eine himmlische Welt. Besonders die alten Kirchen schaffen eine Berührung von Himmel und Erde. Sie sind ein Festsaal Gottes auf Erden, ein Ort, an dem bei der heiligen Feier das Wort in Erfüllung geht: Selig, die zum Hochzeitsmahl des Lammes geladen sind. So verkörpert eine Kirche das himmlische Festmahl auf Erden. Grandios malt es der Brief an Hebräer aus:

Ihr seid vielmehr zum Berg Zion hingetreten, zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, zu Tausenden von Engeln, zu einer festlichen Versammlung und zur Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind; zu Gott, dem Richter aller, zu den Geistern der schon vollendeten Gerechten, zum Mittler eines neuen Bundes, Jesus, und zum Blut der Besprengung, das mächtiger ruft als das Blut Abels (Hebr 12,22-24).

Wer eine Kirche betritt, wird an die große Hoffnung erinnert, an das unendliche Fest am Ende des Weges. Weg – in der Tat schildert der Hebräerbrief zuvor die Existenz des Christen als heimatlose Pilgerschaft. Er lebt inmitten von Unverständnis, Ablehnung und Verfolgung, mitten in einer Welt, die sich dem Unsichtbaren, Höheren verschließt. Dennoch, es gibt nichts Schöneres als Christ zu sein. Denn bei allem Grau des Alltags trägt er den Goldglanz des Himmels im Herzen. Immer schon steht er an der Schwelle zum himmlischen Hochzeitsmahl. Der Tisch ist bereits gedeckt, der Platz ist schon bereitet. Das Fest erwartet ihn und gibt ihm Kraft und Mut unterwegs.

An der gleichen Stelle dramatisiert der Hebräerbrief das noch durch den Kontrast. Schon im Alten Bund stand das Volk Gottes unter Führung des Moses am Berg Sinai, und Gott erschien ihm. Doch diese Erscheinung hat Gottes Majestät unter Beweis gestellt, überwältigend, furchterregend und erhaben:

Denn ihr seid nicht zu einem sichtbaren, lodernden Feuer hingetreten, zu dunklen Wolken, zu Finsternis und Sturmwind, zum Klang der Posaunen und zum Schall der Worte, bei denen die Hörer flehten, diese Stimme solle nicht weiter zu ihnen reden; […] Ja, so furchtbar war die Erscheinung, dass Mose rief: Ich bin voll Angst und Schrecken (Hebr 12,18-21).

Kirchen in Waldburg (Ö)

Pfarrkirche in Waldburg (Ö)

Anders dagegen im Neuen Bund, der im Blut Christi geschlossen ist. Jesus Christus ist nun Mittler zwischen Gott und Mensch – ganz Gott, aber auch ganz Mensch, der mitleiden kann mit unserer Schwachheit (vgl. Hebr 4,15). Die Heiligkeit und Majestät Gottes wird dadurch nicht gemindert, aber was bislang Furcht und Flucht verursachte, lädt nun ein hinzuzutreten. Furcht wird zur Ehrfurcht, Flucht zu Vertrauen. Zuversicht und Liebe bestimmt das Verhältnis der Gläubigen zu Gott. Denn selbst Sünden und Unreinheit sind in Christi Blut reingewaschen. Das ist die Zuversicht inmitten aller Not. Wunderbar hat sie sich der hl. Stephanus zu eigen gemacht: Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten des Vaters stehen (Apg 7,56).

Umgeben von einer gewaltigen Schar von Engeln und Heiligen

Mehr noch: Der dreifaltige Gott ist von einer gewaltigen Schar von Engeln und Heiligen umgeben. Sie sind seine Festgenossen. Ihr seid […] hingetreten zu Tausenden von Engeln, zu einer festlichen Versammlung und zur Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind, […] zu den Geistern der schon vollendeten Gerechten. Ihr Anblick schafft uns noch mehr Grund zur Zuversicht: Wenn sie alle es in den Himmel geschafft haben, warum dann nicht auch ich? Nun schauen sie alle voll Liebe auf mich. Sie blicken nicht gleichsam mit verschränkten Armen über die Himmelsbrüstung, gleichgültig und kalt. Ganz im Gegenteil, jeder meiner Schritte auf dem Lebensweg, alle Irr-, Um- und Rückwege, jeder Stolperer, jedes neue Sich-Aufraffen, jede Umkehr findet in ihrem Herzen ein Echo. Empathie, wörtlich: Ein-leiden, also Mitleid und Mitgefühl, das bewegt sie – nicht zu ein paar nutzlosen Tränen, sondern zu tätigem Mitleid. Sie helfen mir auf meinem Weg, sie sind meine Fürsprecher und Patrone, mein Vorbild und mein Ansporn.

Engel, Heilige, liebe Verstorbene und als Krönung Maria

Verweilen wir darum ein wenig bei dieser tröstlichen Glaubenswahrheit, der Gemeinschaft der Heiligen. Sie beginnt mit den Engeln (1) und geht über die Heiligen (2), eingeschlossen auch die bereit Verstorbenen aus dem Kreis meiner Nahestehenden (3). Höhepunkt und Vollendung aber ist die Muttergottes im Himmel (4).

Engel: Beim Wort „Engel“ herrscht eine regelrechte Hyperinflation. Alles und jedes Liebe und Gute heißt Engel. Nur nicht die Engel selbst! Ihre Wirklichkeit und ihr Wirken ist weithin im Nebel des Nichtwissens verschwunden. Dabei sind Bibel und Glauben klar: Gott hat nicht nur die sichtbare Welt geschaffen, sondern auch die unsichtbare. Denn es gibt nicht nur Materie, sondern auch Geist. Darum auch die reinen Geister. Allezeit stehen sie vor Gott, anders als die gefallenen Engel, die Teufel oder Dämonen. Sie machen die erste und herrlichste Festgemeinschaft Gottes aus: Ihr seid […] hingetreten zu Tausenden von Engeln. Allezeit schauen sie Gottes Angesicht, sie loben und lieben ihn. Sie sind seiner vollkommen gewiss, müssen also nicht mehr wie wir im Glauben aus dem Sichtbaren ins Unsichtbare hineintasten. Ebenso ist ihr Wille ungeteilt und ganz hingerissen von Gottes Majestät und Schönheit. Vollkommen stimmt er mit dem Willen Gottes überein. Ohne Zögern und voll Freude führen sie den Dienst aus, zu dem Gott sie bestimmt. Und diese wunderbaren himmlischen Wesen sind uns vom Herrn zur Hilfe gesandt.

  • Liebe heißt, neidlos weiterzugeben, was einem geschenkt wurde. Auf Erden haben wir dafür ein schönes Inbild in der Großzügigkeit von Eltern gegenüber ihren Kindern. Die Engel aber haben Großartiges zu verschenken, auch wenn wir es wohl nur tropfenweise fassen können: ihre Schau des Angesichts Gottes, ihre Gewissheit über allen Glauben hinaus, ihr Hingerissensein von Gott, ihre Einheit mit Gottes Willen, ihre Freude auch und gerade angesichts des Kreuzes. Wann immer wir auch nur für Momente ein klein wenig davon spüren dürfen, hat uns ein Engel angerührt!
  • Einzelne Engel sind besonderen Aufgaben gewidmet, etwa der Erzengel Michael mit seinem „Wer ist wie Gott?“ dem Kampf gegen den Hochmut des Teufels und der Dämonen. Biblisch ist ebenfalls bereits bezeugt, dass einzelne Nationen einen eigenen „Völkerengel“ haben – wiederum Michael für Israel und davon abgeleitet auch für die Kirche. Aber man darf auch für andere kirchliche Gemeinschaften, also Bistümer, Orden und selbst einzelnen Pfarreien, an einen eigens zu ihrem Schutz bestimmten Engel denken. Wann immer in ihnen ein Streit beigelegt wird, ein Neuaufbruch gelingt oder jede Art von Gnade geschenkt wird, hat sich ihr Engel bemerkbar gemacht.
  • In dieser Reihe kann der persönliche Schutzengel nicht fehlen. Vom Schutzengel gilt wohl ganz besonders die Inflations- und auch die Kitschgefahr. Er ist also keine Art himmlischer Schülerlotse, der aufpasst, dass mir kein Unglück zustößt. Er ist Wegbegleiter in die Ewigkeit, er arbeitet mit an meinem Heil. Dorthin soll er führen, dazu erleuchten und unterwegs vor möglichen Fallstricken des Bösen bewahren. Sein Schutz bezieht sich also zunächst auf die Gefahren für die Seele und nur mittelbar auf Hals- und Beinbruch des Leibes. Ja, um meines Heiles willen kann er durchaus auch durch Krankheit, Leid, Enttäuschung und Unglück führen.

Heilige, das ist die Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind, sowie die Geister der schon vollendeten Gerechten. Heilige sind also mehr als Gestalten der Kirchengeschichte, an die man wie an Geistesgrößen der Vergangenheit zurückdenkt und ihre Lebensleistung würdigt. Jetzt, in diesem Moment, stehen sie vor Gott und jubeln ihm zu. Gerade aus dieser Nähe zu Gott heraus sind sie uns auch besonders nahe. Was hat es aber mit ihrer Fürsprache auf sich? Als Freunde Gottes haben sie in dem Maß „Einfluss“ auf ihn, wie sie ganz mit seinem Willen geeint sind. Sie manipulieren ihn also nicht, stimmen ihn nicht um oder machen ihn erst auf irgendeine Not aufmerksam. Wohl aber hat es Gott wunderbar angeordnet, dass auch die Geschöpfe seiner Gnade am „Dein Wille geschehe“ mitwirken können – und da sind die Heiligen im Himmel tatsächlich ganz vorne mit dabei! Dabei setzen sie aber ihr irdische „Spezialität“ fort. Die Sendung, die Gott ihnen auf Erden anvertraut hat, setzt sich also im Himmel fort und wird nur noch universaler. Wegen dieser Spezialität ruft man die Heiligen auch in besonderen Anliegen an. So sollte der hl. Florian verbrannt werden – vergebens! Dann wurde er wie hl. Johannes Nepomuk von der Brücke in den Fluss gestürzt. Durch diesen Bezug zu Feuer und Wasser wurde er zum Patron gegen Brandgefahr und darum natürlich auch zu dem der Feuerwehr.

Die schon vollendeten Gerechten aus Familie, Verwandtschaft, Freundeskreis und Kirchengemeinde: Wir sind ihrer Vollendung im Himmel natürlich niemals restlos gewiss. Hoffen für sie aber dürfen wir durchaus, vor allem wenn sie, soweit erkennbar, ein gutes Leben mit Gott geführt haben. In dieser Hoffnung darf ich darum ihr Gesicht in der himmlischen Festversammlung wiedererkennen. Natürlich werden sie mir von dort aus auch weiterhin beistehen: Ich war ja ihre besondere „Spezialität“ (vielleicht sogar manchmal ihr besonderes Sorgenkind!). Mutter und Vater bleiben auch im Himmel Mutter und Vater, ja sie werden es noch viel mehr: gereinigt von dem, was ihrer Elternliebe früher vielleicht im Wege stand, sowie nahe bei Gott und deshalb durch seine Erleuchtung viel besser über uns im Bilde als auf Erden. Unkenntnis und Missverständnis gibt es nun nicht mehr.

Muttergottes: Den ersten Platz beim himmlischen Festmahl nimmt Maria ein, den Platz an der Seite ihres Sohnes. Damit stellt sie selbst im Himmel, wo alles Licht ist und keine Finsternis herrscht, alles noch einmal in den Schatten. Denn sie ist mehr als eine Erstgeborene. Sie ist die einzig Auserwählte, voll der Gnade, ausgezeichnet als Mutter Gottes mit den einzigartigen Privilegien der jungfräulichen Mutterschaft, der unbefleckten Empfängnis ohne Erbsünde und der Aufnahme in den Himmel mit Leib und Seele. Bei ihrer Fürsprache hat sie allein keine Spezialität, sondern sie ist Expertin für alles. Sie ist ja die Mutter aller Gläubigen, ja gewiss auch aller Menschen, die allesamt vom Heilswillen ihres Sohnes eingeschlossen sind. Sie ist die mächtigste Fürsprecherin, und zwar gleich worum es geht. Wie einer guten Mutter ist ihr nichts zu unbedeutend, aber auch nichts zu gewaltig. Noch mehr als alle Heiligen ist sie verschmolzen mit Gottes Willen: Siehe, ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort. Sie verkörpert allüberall den guten, den besten Rat: Was er euch sagt, das tut! Beim himmlischen Hochzeitsmahl strahlt sie als Braut ganz in Weiß, die alle bezaubert. Ihre Schönheit ist der Glanz der Heiligkeit, das Wunder, das ein Mensch sein kann, der sich ganz Gott ergibt. Wunderbar hat sie Festsaal und Festtafel arrangiert. Sie ist aber auch ein Inbild der Mutterliebe, die nicht ruht, bis auch der letzte Platz im Saal sich gefüllt hat mit denen, die dafür bestimmt sind.

Georges de la Tour, Engel und hl. Joseph (Nantes, Kunstmuseum)

Georges de la Tour, Engel und hl. Joseph (Nantes, Kunstmuseum)

Der Botafumeiro von Santiago

In Santiago de Compostela betreten die Jakobspilger das Ziel ihrer Pilgerschaft durch den Portico della gloria, das Portal der himmlischen Herrlichkeit. Nach hunderten von Kilometern beschwerlichen Weges stehen sie nun auf der Schwelle zum Ziel. Sie treten ein in die Herrlichkeit der Kathedrale, ein Sinnbild für die himmlische Vollendung am Ende des irdischen Lebensweges. Auf dieser Schwelle erwartet die Pilger im Portico della gloria Christus. Er ist umgeben von seinen Leidenswerkzeugen, den Sinnbildern für das Blut der Besprengung, das mächtiger ruft als das Blut Abels. Begelitet aber ist Christus im Portico von unzähligen Engeln und Heiligen. Den ganzen langen Weg der Pilger über haben sie nach ihnen Ausschau gehalten, haben sie unsichtbar durch alle Gefahren geleitet, in aller Müdigkeit gestärkt, in Mutlosigkeit gestützt und im Streit versöhnt. Wenn dann drinnen in der Kathedrale das riesige Weihrauchfass, der Botafumeiro, majestätisch wie das Pendel der Weltuhr schwingt, dürfen sie gewiss sein: Die Zeit ihres Lebensweges war bereits vom Takt der Ewigkeit bestimmt.

Portico de la gloria (Santiago de Compostela)

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