Der Einbruch – eine kurze Erzählung

Worum geht’s?

Die kurze Erzählung „Der Einbruch“ verfolgt den Tag Heinz Thiesens, eines katholischen Priesters. Ein Skandal um Dechant Winfried Merten, einen spielsüchtigen Studienfreund, der Caritasgelder veruntreut hat, lässt seine eigene Welt einbrechen. Während Thiesen noch geschäftig um Schadensbegrenzung bemüht ist, findet er sich zunehmend im eigenen Leben nicht mehr zurecht. Ein Arztbesuch morgens vor Arbeitsbeginn kann seine Ängste um Herzrhythmusstörungen nicht beheben. Das Krisengespräch mit dem Generalvikar dient eher dem Austrag ihrer Rivalität. Die Beruhigungsstrategie in der Verbandszentrale läuft am Widerstand eines Laienmitarbeiters auf Sand. Der Besuch bei Merten zeigt ihm, dass diesem trotz allem ein Halt geblieben ist, den Thiesen nicht mehr hat. Die Vorkommnisse werden von Rückblenden und inneren Monologen begleitet. Er war der Hoffnungsträger der Familie, im Priesterseminar ängstlich, später karrierebewusst und angepasst. Doch auch mystische Momente brechen in seine Welt ein: die Klarsicht seinen alten, ansonsten bereits altersverwirrten Professors, die Beichte einer von ihrem Ex-Freund verfolgten Frau, die Musik einiger Studenten in der Altstadt und das Halbdunkel einer ärmlichen Kirche. Am Ende fasst der Mittsechsziger einen Entschluss gegen den weiteren Einbruch seines Lebens.
Die Erzählung spielt im katholischen Milieu. Sie dürfte bei damit Vertrauten einige Wiedererkennungseffekte aus den turbulenten letzten Jahrzehnten der Kirchen auslösen und bei anderen Lesern Einblicke ins Innenleben eines Priesters geben. Die Geschichte selbst spiegelt menschliche Erfahrungen an der Schwelle zu Alter und Ruhestand: Sorgen um die Lebensleistung, Ahnung eines verpassten Weges, Zerbrechen des Scheins vor dem Sein, Selbstmitleid und Lernbereitschaft, Glaube und Mystik.

„Der Einbruch“ – dreißig Jahre später wiedergelesen

Erstling, Experiment, Eigenwilligkeit – es gäbe viele Gründe, „Der Einbruch“ lächelnd abzutun, gleich ob dieses Lächeln gequält oder altersmilde ausfallen würde:Recherchefehler im Detail, hie und da ein gespreiztes Wort, ein allzu rasches Weiterlaufen von Bild zu Bild, bloße Andeutungen, die einen wirklich aufmerksamen Leser verlangen. Beim Wiederlesen stelle ich aber doch einigermaßen erstaunt fest: Ich stehe auch heute noch zu dieser kleinen Erzählung. Und das aus dem schlichten Grund: Mit ihr habe ich etwas riskiert. Riskant war es 2012, also als die Wellen des Missbrauchsskandals haushoch schlugen, das Thema Skandal in der Kirche zu behandeln. Weil der Großteil des Textes bereits Mitte der 1990er Jahre geschrieben wurde, spiegelt „Der Einbruch“ dabei noch die Welt vor dem Skandal: Verbandlungen aus Seminarzeiten, joviales Hantieren mit „Problemchen“, Herunterspielen und Übergehen zur Tagesordnung. Riskant war es dabei, all das strikt aus der persönlichen Sicht zu schildern: Biographische Prägung und persönliches Erleben aller Beteiligten, auch des Skandalpriesters selbst, stehen im Vordergrund. Der Blick auf den Einzelnen, auf Schuld und Versagen ebenso wie auf Würde und Berufung, behält sein Recht und geht nicht im Strudel von unpersönlichen Reform- und Strukturdebatten unter. Riskant ist „Der Einbruch“ aber auch literarisch. Zum einen gibt es fast keine äußere Handlung, geschweige denn Dramatik. Alles ist zurückgenommen auf die inneren Bewegungen, Gedanken, Eindrücke, Gefühle, Ängste und Hoffnungen der Hauptperson, Heinz Thiesen. Darin spiegelt sich seine zölibatäre Existenz, für die die Beschäftigung mit dem eigenen Erleben so wichtig ist. Sprachlich ist das umgesetzt mit dem oft ganz unvermittelt einsetzenden, manchmal nur ein oder zwei Sätze langen „stream of conciousness“ in Form eines inneren Monologes. Er setzt sich fort in der Abfolge von kurzen Szenen, manchmal auch nur Bildern, Tönen und manchmal sogar haptischen Signalen wie dem Wärmen der dünnen Ledersohlen am sonnenbeschienenen Pfeiler des Doms. Diese Szenen stehen für sich, werden niemals aufgelöst und laden nur ein, genau hinzuschauen, zu hören und zu tasten, was da unter der Oberfläche geschieht. Oberfläche, das ist ja eben eine Kirchenwelt und vor allem eine Kirchensprache, die über die Dinge huscht, anstatt sie zu offenbaren.  Diese Welt bricht gerade ein, eher lautlos als mit großem Getöse. Was darunter zu Tage kommt, ist aber nicht nichts. Es ist das ganz normale Drama von Sünde und Gnade.

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