Mit Vollgas ins Schisma? Zu den angekündigten Bischofsweihen der Piusbruderschaft
A. Eine fatale Mutprobe?
Die Spieltheorie kennt das Chicken-Dilemma. Dabei geht es um die fatale Mutprobe zwischen zwei Halbwüchsigen in Vaters Auto. Sie rasen auf einer einsamen Straße aufeinander zu. Wer ausweicht, gilt vor seinen Kumpels als Verlierer und Feigling („chicken“, Hühnchen). Wenn beide aber nicht verlieren wollen und deshalb krampfhaft das Steuer festhalten, kommt es zum großen Crash – dem schlimmstmöglichen Ausgang der Sache. Im wirklichen Leben sind es seltener junge Wilde als gestandene Männer und Frauen, vor allem aber konkurrierende Mächte, die sich in ein solches Dilemma hineinmanövrieren. Anschauungsbeispiele dafür gibt es mehr als genug, insbesondere in der aktuellen Weltlage. Ob nun nicht auch die katholische Kirche in diesen Chicken-Club eingetreten ist? Gemeint ist ihr Konflikt mit der Piusbruderschaft, der durch die Ankündigung von sechs Bischofsweihen am 6. Juli 2026 aufs Gaspedal getreten hat. Über die Konfrontation und den sich anbahnenden vielleicht endgültigen Bruch kann man nur zutiefst betrübt sein. Über die Gefahr eines tödlichen Crashs können auch die betont freundlichen Töne seitens der Piusbruderschaft nicht hinwegtäuschen. Denn hinter ihnen wird eine betonharte Haltung erkennbar: Sie erhebt den Anspruch auf die exklusive Wahrheit der eigenen Position und verlangt darum eine durch keinerlei kirchliche Autorität geordnete Aktionsfreiheit. Dabei kommt nicht der geringste Spielraum für Gespräche und eine kanonische Regelung der Situation der Bruderschaft in Sicht. Mit Vollgas wird das Auto auf Kurs gehalten. Das großherzige Entgegenkommen des Vatikans – „Summorum Pontificum“ und Aufhebung der Exkommunikation der Bischöfe der Bruderschaft durch Papst Benedikt XVI., Gewährung einer außerordentlichen Jurisdiktion für Beichte und Trauung unter Papst Franziskus und bis zuletzt goldene theologische Brücken zu einer differenzierten Akzeptanz des II. Vaticanums durch Kardinal Víctor Manuel Fernández sowie dem Vernehmen nach das Angebot einer direkten Unterstellung unter den Heiligen Vater ohne nähere Zuständigkeit eines Dikasteriums – erscheint aus dieser Sicht letztlich nicht mehr als… „Chicken“, also als Zeichen von Schwäche. Die äußeren Erfolge der Piusbruderschaft in ihrer Anhängerschaft, den vielen geistlichen Berufungen und der effektiven Organisation mögen sie in dieser Haltung von Stärke und Intransigenz bestärken, umso mehr, als die Kirche im Gegensatz dazu vielfach als wankend und schwankend wahrgenommen wird. In der Tat macht sie sich nicht unbedingt glaubwürdig, wenn sie nach der anderen Seite, also bei den sogenannten Reformern, bei weitem weniger hart für Ordnung sorgt als bei der Piusbruderschaft. Aber das ist ein anderes Thema.
B. Die Rechtfertigungen der Bischofsweihen auf dem Prüfstand
Von der Sache her braucht man sich nicht lange mit den Rechtfertigungen der Bischofsweihen seitens der Bruderschaft aufzuhalten. Nur wer ganz in ihrem Denken wie in einer Blase gefangen ist, wird nicht erkennen, wie konstruiert die Argumente sind. Es ist ehrlich gesagt erschreckend zu sehen, wie sophistisch eigentlich sehr geistliche, kluge Geister werden können – eine Mahnung an alle Akteure in der Kirche zu unerbittlicher Gewissenserforschung. Denn an vergleichbaren Sophismen fehlt es auf allen Seiten nicht. Darum nur kurz die Bruchstellen der Argumente:

Schlüsselübergabe an Petrus (S. Costanza, Rom)
1. Notlage?
Raison d’être der Bruderschaft ist von Anfang an die Berufung auf eine Notlage (CIC 1983 c. 1323 § 4). Angesichts der Verwirrung in der katholischen Kirche käme eine kanonische Einordnung und eine Unterordnung unter die Autorität des amtierenden Papstes danach einem Verrat an der Wahrheit und am Heil der Seelen gleich. Aber eine solche gravis necessitas besteht kirchenrechtlich nur in der Unmöglichkeit aufgrund äußerer Umstände (Unerreichbarkeit, Verfolgungssituation, Zeitdruck usw.), die via ordinaria einzuhalten. Das ist selbstverständlich nicht gegeben. Im Gegenteil, es handelt sich exakt um den Fall, für den CIC 1983 c. 1387 die Exkommunikation vorsieht: „Ein Bischof, der jemanden ohne päpstlichen Auftrag zum Bischof weiht, und ebenso, wer von ihm die Weihe empfängt, ziehen sich die dem Apostolischen Stuhl vorbehaltene Exkommunikation als Tatstrafe zu.“ Die behauptete „Notlage“ kaschiert nur die mangelnde Bereitschaft zum (durchaus kritischen) Gehorsam gegenüber dem Papst. Dieser besitzt ja „kraft seines Amtes in der Kirche über höchste, volle, unmittelbare und universale ordentliche Gewalt, die er immer frei ausüben kann“ (CIC 1983 c. 331). Den letzten Päpsten, ihren Lehren und ihren Organen wird dagegen schlicht der Gehorsam verweigert. Das aber ist genau die Substanz eines Schismas: „Schisma nennt man die Verweigerung der Unterordnung unter den Papst oder der Gemeinschaft mit den diesem untergebenen Gliedern der Kirche“ (CIC 1983 c. 754). Insofern schafft die illegitime Bischofsweihe nicht erst sozusagen aus heiterem Himmel das Schisma, sondern sie bildet nur den Höhepunkt einer über Jahrzehnte anhaltende schismatische Haltung:
„Leider hat der schismatische Akt […] nichts anderes bewirkt, als einen Prozess der Entfremdung von der communio hierarchica auf besonders sichtbare und unmissverständliche Weise – durch einen schwerwiegenden formellen Akt des Ungehorsams gegenüber dem Papst – zum Abschluss zu bringen. Solange keine Veränderungen eintreten, die zur Wiederherstellung dieser notwendigen communio führen, ist die gesamte Lefebvrianische Bewegung als schismatisch anzusehen, da diesbezüglich eine formelle Erklärung der höchsten Autorität vorliegt.“[1]
Die Zurücknahme der Exkommunikation der vier geweihten Bischöfe durch Papst Benedikt XVI. 2009 stellte übrigens keinerlei Anerkennung der Piusbruderschaft dar und durfte auch nicht als Bestätigung verstanden werden, dass dem Heiligen Vater die Haltung der Bruderschaft zu Konzil, päpstlichem Lehramt und Kirche als ausreichend erschien oder er gar dort eine Reue und ein Umdenken feststellte. Der deutsche Papst hat dies eindeutig in seinem Brief an die Bischöfe vom 10. März 2009 klargestellt. Es handelte sich vielmehr um eine einseitige Geste des Entgegenkommens und des Wunsches nach Versöhnung, der leider niemals etwas Analoges seitens der Bruderschaft gefolgt ist. Chicken?

Hl. Paulus (S. Paul vor den Mauern, Rom)
2. Keine Jurisdiktion, kein Schisma?
Angeblich entstehe ein Schisma erst da, wo Bischöfe sich eine eigene Jurisdiktion nach Art von Diözesanbischöfen anmaßten. Das würden die zu Weihenden aber gar nicht beanspruchen, und deshalb dürfe man auch nicht von Schisma reden. Dabei beruft man sich auf die in der vorkonziliaren Theologie und Kanonistik vertretenen scharfen Scheidung von Weihe- und Jurisdiktionsgewalt eines Bischofs, also potestas ordinis und potestas iurisdictionis. Damit wollte man die plena potestas des Papstes über die Bischöfe sicherstellen, tat dies aber um den fatalen Preis, die geistlich-sakramentale von der jurisdiktionell-autoritativen Ebene zu trennen. Diese unselige, eher papalistische denn wirklich traditionsentsprechende Scheidung wollte „Lumen Gentium“ 21 überwinden (vgl. „Christus Dominus“ 3 und CIC/1983 c. 375 § 2). Abgesehen davon, dass die Autoritäten der Bruderschaft sich sehr wohl auch eine den Bischöfen bzw. höheren Oberen vorbehaltene Jurisdiktion anmaßen, etwa bei der Priesterausbildung und -weihe, spricht die angeführte Definition des Schismas allgemein vom verweigerten Gehorsam gegenüber dem Heiligen Vater, was in einer über schwerwiegenden Sache bei einer illegitimen Bischofsweihe geschieht. Übrigens muss man mit der erwähnten „Nota esplicativa“ Nr. 8 klar die kirchenrechtliche Straftat des Schismas und seine Straffolgen von seiner moralischen Bewertung als schwere Sünde unterscheiden. Dies gilt sicher insbesondere für viele einfache Gläubige, die in gutem Glauben der Bruderschaft anhängen. Bei Priestern und Bischöfen dürfte man dagegen auch im forum internum kaum von einem unüberwindlich irrigen Gewissen oder gar einer ignorantia legis ausgehen. Aber das sei hier nur als seelsorgliche Mahnung um das Seelenheil derer angefügt, die nach außen hin ihrer Sache so sicher erscheinen. Die Kirche bietet mittlerweile viele Möglichkeiten an, in voller Gemeinschaft mit ihr der Tradition und der traditionellen Messe verbunden zu bleiben.

Schafe im Apsismosaik von SS. Cosma e Damiano, Rom
3. Seelenheil?
Gewicht soll den Bischofsweihen mit der Sorge um das Seelenheil vieler Gläubiger verliehen werden: Salus animarum suprema lex. – „Das Seelenheil ist das höchste Gesetz“ (CIC/1983 c. 1752). Die Sorge um die rechte Lehre und Leitung der Gläubigen und die Sicherstellung der Sakramente und des Priesternachwuchses binde im Gewissen, weil all das ohne eigene Bischöfe nicht möglich wäre. Doch dies setzt voraus, dass eine authentische Seelsorge über Jahrzehnte nur in völliger Unabhängigkeit von Papst und Kirche möglich ist. Ja, es schließt auch die Behauptung ein, dass Verkündigung und Seelsorge in der Kirche, dass insbesondere Eucharistie und Feier der Sakramente nach der erneuerten Liturgie fragwürdig seien und auf jeden Fall keine Alternative darstellten. „Nur wie bei uns und nur bei uns!“, so könnte man die Devise auf den Punkt bringen. Dass also in der Großkirche der Glaube nicht zuverlässig und die Sakramente nicht gültig, würdig und legitim gespendet werden können – es geht hier nicht um weit verbreitete Missstände, sondern um ein allgemeines Prinzip! -, das ist schon eine gewaltige Unterstellung, die zuletzt die Reformation so erhoben hat! Nein, gerade der Seeleneifer müsste mit aller Macht dazu drängen, in irgendeiner Art und Weise wieder kanonisch anerkannte Formen des pastoralen Wirkens zu finden. Wie wenig Eifer in diese Richtung entwickelt wird, ist schlechthin unbegreiflich. Nebenbei bemerkt: Liebe zu den Seelen würde auch bedeuten, die Gefahr einer unseligen Selbstverschließung, wie man sie sonst eher von Sekten kennt, zu vermeiden. Es dürfte nur der hohen Selbstdisziplin zu verdanken sein, dass die vielen Dramen etwa von erwachsen werdenden Kindern aus Piusfamilien nicht bekannter werden. Übrigens dürften viele unnötige moraltheologische und dogmatische Verengungen, dürften antidemokratische oder antisemitische Töne, dürfte ein spiritueller Rigorismus, die eben gerade nicht der breiten Tradition entsprechen, sondern einer spezifischen Kampflage um 1900 erwachsen sind, viele Seelen von einem wahren, ansprechenden Bild des Glaubens gerade abschrecken. Auch an diese Seelen ist zu denken!

Grabplatte des hl. Paulus (St. Paul vor den Mauern, Rom)
4. Treue zur Tradition?
… niemand kann der Tradition treu bleiben, der die Bande zerschneidet
Im Mittelpunkt des Selbstbewusstseins steht der Anspruch, die Treue zur Tradition zu verkörpern. Unmissverständlich bedeutet das auch einen Alleinvertretungsanspruch. „La tradizione siamo noi (Wir sind die Tradition)“, so könnte man also diese Position in Abwandlung eines im Zorn Papst Pius IX. gegenüber Kardinal Guidi am 18. Juni 1870 entfahrenden Wortes griffig zusammenfassen. Dieser Anspruch geht weit über die mehr als notwendige mahnend-prophetische Sendung hinaus, bei allem Wandel in der Kirche die Kontinuität nicht zu vergessen. Das war etwa das Programm von Papst Benedikt XVI., die „Hermeneutik der Kontinuität“, und schon Papst Johannes Paul II. hob in „Ecclesia Dei“ 5b die „Kontinuität des Konzils mit der Tradition“ hervor. Der Anspruch, einzig und allein die Tradition zu verkörpern, ist dagegen eine gewaltige Unterstellung. Die Kompetenz, Schrift und Tradition verbindlich vorzulegen, liegt nämlich gerade beim aktuellen Lehramt. Es gibt keine Tradition unabhängig davon, wie sie das Lehramt vorlegt.
„Vor allem aber ist ein Traditionsbegriff unzutreffend und widersprüchlich, der sich dem universalen Lehramt der Kirche widersetzt, das dem Bischof von Rom und dem Kollegium der Bischöfe zukommt. Denn niemand kann der Tradition treu bleiben, der die Bande zerschneidet, die ihn an jenen binden, dem Christus selbst in der Person des Apostels Petrus den Dienst an der Einheit in seiner Kirche anvertraute“ (Ecclesia Dei 4).
Deshalb gibt es kaum etwas Unkatholischeres, als sich selbst an die Stelle von Papst und Bischöfen zu setzen. Dass dies keine bloße Unterstellung gegenüber der Piusbruderschaft ist, zeigt sich an der Ursache dafür, dass hoffnungsvoll unter Benedikt XVI. begonnen Gespräche mit der Glaubenskongregation seit Jahren leergelaufen sind. Die Glaubenskongregation unter Kardinal Gerhard Müller hatte seinerzeit als inhaltliches Minimum nicht mehr als die Professio fidei von 1988 verlangt. Diese besteht nur aus dem Großen Glaubensbekenntnis und der Annahme von der Kirche definierter Glaubenslehren („Dogmen“) oder definitiv zu haltender Lehren (wie die von der Unmöglichkeit der Frauenordination) sowie dem Gehorsam des Verstandes und des Willens gegenüber authentischen, aber nicht endgültigen Glaubenslehren. Das alles ist in jedem ordentlichen theologischen Lehrbuch nachzulesen. Die Antwort von P. Davide Pagliarani, dem Generalsuperior der Bruderschaft, an Kardinal Fernandéz vom 18. Februar 2026, lässt in dieser Hinsicht an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig:
„Wir wissen beide schon jetzt, dass wir uns in dogmatischen Fragen nicht einigen können, insbesondere was die nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil maßgeblich gewordenen Grundprinzipien betrifft. Dieser Differenz beruht seitens der Bruderschaft nicht auf einer bloßen Meinungsverschiedenheit, sondern auf einem echten Gewissenskonflikt, der durch das verursacht wurde, was sich als Bruch mit der Tradition der Kirche herausstellte“ (Nr. 1, eigene Übersetzung).
Die authentische Auslegung des letzten Konzils durch das oberste Lehramt zu verweigern, bedeutet nichts weniger als dem Lehramt von Papst und Bischöfen seit über 60 Jahren die Kompetenz abzusprechen, bindende lehramtliche Akte zu setzen. Doch nur das aktuelle Lehramt bewahrt davor, Tradition zu versteinern, anstatt sie als lebendige Tradition sich immer tiefer selbst verstehen zu lassen. „Die Wurzel dieses schismatischen Aktes ist in einem unvollständigen und widersprüchlichen Begriff der Tradition zu suchen: unvollständig, da er den lebendigen Charakter der Tradition nicht genug berücksichtigt“ (Ecclesia Dei 4). Dieser Mangel ist schon heute deutlich erkennbar: Was die Bruderschaft als die Tradition ausgibt, ist nicht mehr als eine historisch begrenzte und bedingte Schicht der Tradition. Die Eucharistiefeier etwa ist zweifellos wesentlich Messopfer. Aber wer nur ein wenig die Schriften der Kirchenväter kennt, wird daneben viele andere Aspekte sehen, etwa Verkündigung und Auslegung der Heiligen Schrift, die Vorwegnahme des himmlischen Hochzeitsmahls oder die öffentliche Versammlung des Volkes Gottes.
C. Verkappte Protestanten?
All diese Argumente entbehren nicht einer gewissen Ironie.
- Mit dem geistlichen Notstand haben bereits die Protestanten argumentiert, als sie für die Ordination ihrer Pfarrer keine Bischöfe fanden und darum Zuflucht zur presbyteralen Sukzession nahmen, für die sie u.a. Hieronymus als Gewährsmann angaben.
- Ebenso berufen sich heute auf diesen Notstand linkskatholische Kreise, um z.B. die Eucharistiefeier durch laisierte Priester zu rechtfertigen.
- Dass das Gewissen nicht nur konkrete einzelne Handlungen orientiert, sondern auch die grundsätzliche Ablehnung von Lehre und Ordnung der Kirche legitimieren soll, ist formell nichts anderes als das, was man etwa bei Dissidenten wie Hans Küng erleben durfte.
- Und führte nicht gerade die Berufung auf das Gewissen Papst Franziskus dazu, gewisse Öffnungen beim Sakramentenempfang für wiederverheiratete Geschiedene anzudeuten?
- Die Weigerung, sich an lehramtliche Äußerungen der letzten Jahrzehnte zu halten, setzt die Theologen der Bruderschaft in dasselbe Boot wie gewisse Protagonisten des Synodalen Weges in Deutschland.
- Wenn man sich schließlich einen theologischen Dialog über bestimmte strittige Themen wie Ökumenismus und Theologie der Religionen vorstellt, ohne dabei die einschlägigen Dokumente des authentischen Lehramts der letzten Jahrzehnte zugrundezulegen, ist das nichts anderes als das, was in ökumenischen Gesprächen mit Gemeinschaften außerhalb (!) der vollen Communio geschieht. Das kann man auch nicht unter dem Hinweis zurückweisen, der Bruderschaft gehe es ja nicht um Neuerungen, sondern um die Verteidigung der Tradition. Ebenso war vor allem in der Anfangszeit der Reformation oder auch des sich formierenden Anglikanismus ebenfalls die Vorstellung leitend, die reine Gestalt der Tradition gegenüber neueren Abirrungen wieder herzustellen und zu verteidigen.

Engel am Grab des hl. Aloysius Gonzaga (S. Ignazio, Rom)
D. Der Ausweg? Ein Denkmodell
Bis zu diesem Punkt bedeuten unsere Überlegungen ein klares, kompromissloses Nein gegenüber allen Ansprüchen und Behauptungen seitens der Piusbruderschaft anlässlich der geplanten Bischofsweihen. Diese Klarheit darf man auch nicht dadurch aufweichen, dass man vielleicht selbst unter Missständen in der Kirche leidet, ihren Niedergang und ihr geistliche Verflachung vielerorts beklagt und Mut, Einsatz und Konsequenz von Priester und Gläubigen aus der Bruderschaft respektiert. Dies alles zugestanden, bleibt doch die schlichte Wahrheit: Der Irrtum liegt bei der Bruderschaft und nicht bei der Kirche von Papst und Bischöfen! Damit sind wir wieder beim Chicken-Dilemma. Die bittere Erkenntnis im Vorfeld der Bischofsweihen ist die, dass offensichtlich alle Zeichen des Entgegenkommens seitens des Vatikans nur dazu ermutigten, kompromisslos die eigene Maximalposition mit höchstem Wahrheitsanspruch zu vertreten. Vielleicht kann man hier sogar auch genau das Fehlen eines wirklichen Leitungsamtes in der Bruderschaft erkennen. Dieses hätte nämlich die Souveränität gehabt, nicht einfach nur an bestimmten aus dem ersten Kampf geborene Maximen des Erzbischofs ungeschmälert festzuhalten, sondern Denkmodelle zu erproben, wie das eigene Charisma doch auch in die Großkirche integriert werden könnte.
Darum sei abschließend ein solches Denkmodell skizziert, das den hohen Glaubensgeist und die echte Liebe zur Kirche in der Bruderschaft anerkennt, ja sie endlich auch für die gesamte Kirche fruchtbar machen will. Grundlage dafür wäre die genannte „Professio fidei“ von 1988 – mit einer wichtigen Klausel. Die Verantwortlichen der Bruderschaft könnten bei ihrer Professio fidei zu Protokoll geben, dass sie ihr eigenes Charisma dahingehend verstehen, allen Wandel in Lehre und Leben der Kirche daraufhin zu befragen, ob es vollumfänglich der Tradition der Kirche entspricht. Diese Übereinstimmung mit der Schrift und dem Glauben aller Zeiten ist nämlich ein fundamentales Anliegen der ganzen Kirche: „Die Breite und Tiefe der Lehren des Zweiten Vatikanischen Konzils machen nämlich neue und vertiefte Untersuchungen notwendig, in denen die Kontinuität des Konzils mit der Tradition klar hervorgehoben wird, vornehmlich in jenen Bereichen der Lehre, die, weil sie vielleicht neu sind, von einigen Teilgruppen der Kirche noch nicht recht verstanden wurden“ (Ecclesia Dei 5b).
Den Beleg für diese Kontinuität haben die Dokumente des II. Vaticanums immer wieder zu geben versucht. Hier darf man der Bruderschaft zugestehen, aus den Erfahrungen der letzten Jahrzehnte manche Leitlinien kritischer zu sehen und bestimmte theologische Sicherungen zu fordern. So könnte sie etwa vorbringen, die besondere Stellung der katholischen Kirche in der Ökumene stärker vom berühmten „subsistit in“ von LG 8 her darzulegen. Andererseits hätte die Bruderschaft die Breite der Tradition anzuerkennen, nicht zuletzt das Erbe der Väterzeit. Sie darf nicht die historisch sehr spezifische Perspektive des Antimodernismus von Papst Pius X. zu einer Art Superdogma machen. Kurz, auf der Grundlage der Professio fidei mit dieser Klausel wäre durchaus scharfe Kritik erlaubt, und man müsste Formen finden, diesen Konflikt auch institutionell in geordnete Bahnen zu lenken. Ad intra könnte der Papst der Bruderschaft eine weitgehende Autonomie zugestehen – bei einer grundsätzlichen Anerkennung der Legitimität der derzeitigen Lehre und Ordnung der Kirche. Insbesondere würde die Anerkennung eines Statuts dieser die Garantie geben, nicht einfach Willkür und Wohlwollen späterer Päpste oder römischer Dikasterien ausgeliefert zu sein. Diese Garantie könnte so gefasst sein, dass die Bruderschaft davon ausgehen kann, dass kein Damoklesschwert über ihrer Existenz hängt, solange sie sich nicht grundlegend verändert oder radikalisiert und hinter die Vereinbarung zurückfällt.

Anonymus, Paul IV. (LombardiaBeniCulturali Kunstwerk ID: M0250-00029)
E. „Es zitterten alle Knochen“
… als ob die Wahl ganz nach seinem Wunsch ausgefallen wäre
Am Fest Christi Himmelfahrt, dem 23. Mai 1555, läuten in ganz Rom die Glocken und künden die Wahl eines neuen Papstes an. Es war Kardinal Gian Pietro Carafa aus dem Theatinerorden, der sich den Namen Paul IV. gab. Der alte Ignatius von Loyola war von dieser Nachricht tief erschüttert, denn Carafa galt als Feind der Gesellschaft Jesu, und eine Aufhebung des jungen Ordens und seine Zusammenführung mit dem Theatinerorden lag in der Luft. Damit würde das Lebenswerk des Ignatius in sich zusammenbrechen. Sein Sekretär Camara erinnert sich:
„Bei dieser Nachricht bemächtigte sich des Vaters eine starke Erregung, und man sah seinem Gesicht die Bestürzung an. Später habe ich entweder von ihm selbst oder von einem seiner früheren Gefährten, dem er es erzählt hatte, gehört, es hätten ihm bei dieser Nachricht alle Knochen gezittert. Jetzt erhob er sich, ohne ein Wort zu sagen, und ging zum Gebet in die Kapelle. Etwas später kam er so froh und so zufrieden zurück, als ob die Wahl ganz nach seinem Wunsch ausgefallen wäre.”[2]
Was für ein Beispiel eines wahren „sentire cum Ecclesia“! Wenn wir menschlich alles Erdenkliche tun, um das zu verwirklichen, wozu wir eine Sendung und einen Auftrag von Gott zu haben glauben, ist letztlich doch alles dem Willen und der Vorsehung Gottes zu überlassen – die berühmte ignatianische Indifferenz. Dieses Gottvertrauen bewährt sich gerade dann, wenn der Papst offenkundig ganz andere Vorstellungen und Pläne hat als die, von denen man selbst zutiefst überzeugt ist. Dass in solchen Zeiten „alle Knochen zittern“, ist menschlich. Dass man im Gebet die Ergebung in den Willen Gottes lernt und dadurch so froh und so zufrieden wird, als ob alles ganz nach dem eigenen Wunsch ausgefallen wäre, das ist das Vorbild der Heiligen! Übrigens: Papst Paul IV. erwies sich bald als ein großer Freund der Jesuiten…
[1] Pontificio consiglio per i testi legislativi, Nota esplicativa. V. Sulla scomunica per scisma in cui incorrono gli aderenti al movimento del Vescovo Marcel Lefebvre, in: Communicationes, 29 (1997) 239–243, Nr. 3 (eigene Übersetzung).
[2] André Ravier, Ignatius von Loyola gründet die Gesellschaft Jesu. Deutsche Bearbeitung von Josef Stierli, Würzburg 1982, 534.



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