Pastor Günter Hawig (1934-2026)
Zwischen 1965 und 1968 wurde die Kirche St. Thomas Morus in Saarbrücken erbaut, ganz im Sinn des Konzils als Zeltbau für das pilgernde Gottesvolk.[1] Als Kirchenfenster besaß sie einfache Glasfenster, um stets den vollen Blick auf die Welt zu haben (und nach einer Seite hin zum wunderbaren Stadtwald, der direkt neben der Kirche beginnt). Am 6. Juli 1968 wurde die Kirche konsekriert. Im Oktober desselben Jahres wurde dann Pastor Günter Hawig zunächst zum Pfarrvikar und nach Errichtung der Pfarrei 1973 zum Pfarrer von St. Thomas Morus ernannt. Zuvor war der junge Priester Diözesanfrauenseelsorger und Mitarbeiter im Generalvikariat. Später wurde er auch Dechant (Dekan) des Dekanates. Am 28. Januar 1979 wurde er verabschiedet, um nun eine Tätigkeit in der Kurseelsorge in Bad Kreuznach und Bad Münster am Stein zu übernehmen. Sie sollte seine weitere priesterliche Aktivität bestimmen. So war der erste Pfarrer der aufstrebenden Pfarrei auch schon ihr letzter, denn von 1979 an wurde sie vom Pfarrer der Mutterpfarrei mitbetreut. Vor wenigen Jahren wurde der gesamte Gebäudekomplex von Kirche, Pfarrzentrum und Pfarrhaus niedergerissen. Was bleibt, sind der Name der Kapelle in dem Seniorenheim, das im August 2025 an dieser Stelle eröffnet wurde und die überaus positiven Erinnerungen der Zeitzeugen an eine Zeit des Aufbruchs.
Erste Begegnung
Es dürfte irgendwann im Spätherbst des bewegten Jahres 1968 gewesen sein. Wir, ein paar Jungs, spielten auf dem Platz vor unserer gerade erst errichteten Kirche St. Thomas Morus in Saarbrücken. Da kam ein junger Mann mit Meckischnitt mit beschwingtem Schritt die Treppen zu uns empor und begrüßte uns freundlich: „Ich bin euer neuer Pastor. Und wer seid ihr?“ Der neue Pastor, ja, der war bereits in aller Munde, und jetzt waren ausgerechnet wir Dreikäsehochs die ersten, die ihn begrüßen durften! Das war alles andere als die traditionelle Kutsche des neuen Pfarrherrn, der von den Honoratioren am Ortseingang in Empfang genommen und von einem Muster-Kommunionkind mit Blumenstrauß begrüßt wurde. Nein, schlicht, herzlich, alltäglich – ganz so, wie der Neue sich uns dann bald auch zeigen sollte. Im Nu waren wir in ein Gespräch verwickelt, das sich wohl eher um Fußball, Schule und die Neuigkeiten vom Wohngebiet „Am Homburg“ aus der Sicht von Acht- und Neunjährigen drehte als um das Abfragen von Katechismuswissen. Von der Mutterpfarrei her waren wir schon junge, frische Priester gewohnt, die ganz zeitgemäß eher Kumpel als Kaplan sein wollten. Aber dieser „Herr Pastor“ war noch einmal anders. Fußball spielen konnte er durchaus, das sollten wir in den kommenden Jahren noch erleben. Von seinem brandgefährlichen linken Fuß muss noch die Rede sein. Dennoch gab er sich auch wieder nicht so, als sei er der neueste Gassenjunge vom Homburg. Er war freundlich, interessiert, klug – und zugleich ließ er keinen Zweifel, dass er nicht einfach irgendein Hinz oder Kunz war. Kein Mann, der jemanden zuerst um den Hals fällt und dann erst fragt, wer es denn überhaupt ist. Nicht dass er ständig ein frommes Wort auf den Lippen geführt hätte. Salbungsvolle Sprache lag ihm nicht, eher ein nachdenkliches „Ja, aber“, das immer auch die Kehrseite einer Sache in den Blick nahm. Gut nachkonziliar habe ich ihn auch niemals in Priesterkleidung gesehen, sondern für gewöhnlich im ordentlichen, aber nicht überfeinen Anzug. Er dürfte in einem heimlichen Gebet Gott gedankt haben, dass der Patron seiner ersten Pfarrei nicht etwa Papst Pius X. war, sondern ein heiliger Laie und Familienvater, der englische Lordkanzler und Märtyrer Thomas Morus. So hat er 1975 liebevoll eine Pfarrwallfahrt nach London auf den Spuren des Pfarrpatrons organisiert. Ihm hat er eine eigene Seitenkapelle in der Pfarrkirche gewidmet. Unter einer Kopie des berühmten Holbein-Bildes stellte er einen Granit auf, einen Hochgebirgsfindling aus den Alpen. Ebenso felsenfest und nicht durch Kerker und Schwert zu brechen war das Gewissen dieses Heiligen. Gott und sich selbst unbeirrt treu zu bleiben und sich von keinen Strömungen mitreißen zu lassen, das war auch Hawigs Programm: freundlich, aber nicht weich, ganz wie Thomas Morus. Überhaupt bildeten für ihn die Laien die Kirche, die gewöhnlichen Menschen, und ein Priester sollte – wiederum ganz im Sinn des II. Vaticanums – dazu beitragen, dass sie ihr gemeinsames Priestertum entdecken und leben konnten. So war es für ihn selbstverständlich, beim Pfarrfest von Tisch zu Tisch zu gehen oder sich länger am Würstchenstand aufzuhalten, um möglichst mit allen ein paar Worte wechseln zu können, vielleicht sogar in ein ernsteres Gespräch einzutreten. Darin bewies er Mitgefühl und Anteilnahme, Bildung und Belesenheit ebenso wie feinen Humor und Erzähltalent. Die wichtigste Münze war ihm dabei das Vertrauen. Er schenkte es großzügig, ging wohlwollend stets vom Guten im Anderen aus und hat sicher auch viel Vertrauen geerntet. „Die da oben“ in der Kirche, so habe ich bei ihm erst später mehr und mehr verstanden, musste es zwar geben, aber er konnte es gar nicht leiden, wenn sie mehr Apparat waren als Seelsorger. Kirche sollte nahbar sein, und das hat er vorgelebt.
Bei der Messdienerfahrt (Bild: P. Schoepe)
„Was verirrt ist, werde ich suchen,
das Versprengte heimführen,
was verletzt ist, verbinden,
das Kranke kräftigen,
was kräftig ist, hüten,.
und es weiden in rechter Art“
(Ez 14,16 – Primizspruch)
Gottesdienst
So war also ein Anfang gemacht. Seitdem habe ich, haben viele von uns Kindern und Jugendlichen ihn oft mehrmals in der Woche gesehen: Sonntags sowieso – einer der drei Gottesdienste war um 1970 für viele noch selbstverständlich -, oft auch als Ministranten bei einer Werktagsmesse oder einem besonderen Einsatz. Ganz der Zeit entsprechend, war seine Gottesdienstgestaltung schlicht und zeichenarm, wenig rituell, aber auch nicht willkürlich, Liturgiereform ohne Exzesse ebenso wie ohne besondere Höhepunkte, aber selbst für junge Menschen nicht langweilig. Einer eher nachdenklichen, sehr reflektierten Persönlichkeit wie ihm war ohnehin die Wortverkündigung – vom gezielt im Pfarrbrief eingesetzten Wort bis hin zur gut durchdachten, nie floskelhaften Predigt – das Herzensanliegen. Deshalb durfte am Priestersitz auch eine Ablage für diverse Ringordner und Textbücher nicht fehlen. Der Glaube sollte keine Sonderwelt bilden, sondern sich aus und im Leben bewähren. Das schloss für ihn auch gesellschaftspolitische Themen ein – kein Wunder in den hochpolitisierten Willy Brandt-Jahren des „Mehr Demokratie wagen“. Pech für ihn, wenn ausgerechnet der langjährige Ministerpräsident des Saarlandes, Franz-Josef Röder, ein Pfarrkind, ganz hinten neben der Orgel seinen Platz hatte und sicher manchmal die Welt nicht mehr verstand, wenn ein heutiger Pfarrer nicht schwarz bis über die Ohren dachte und sprach. Aber er blieb der Pfarrei treu und hat sich auch als großzügiger Spender erwiesen.[2] Doch auch bei uns zuhause wurde über manche Predigt beim Mittagessen eifrig diskutiert und – Lehrerhaushalt! – das eine oder andere richtiggestellt. Meine Mutter hat sich später Vorwürfe gemacht, dass für uns Kinder dadurch Glaube und Kirche zerredet wurden. Unser Pastor hätte das sicher anders gesehen, denn nachdenken, diskutieren, Pro und Contra erwägen, lesen und den Dingen auf den Grund gehen und den Glauben auch verstehen wollen, dabei war er gerade in seinem Element.
Zurück zum Gottesdienst. Auch hier war ihm die Beteiligung der Laien wichtig, gleich ob bereits in der ersten Stunde mein Vater als Kommunionhelfer (anfangs noch in eine weiße Albe gesteckt!) oder bald darauf durch den Kindersingkreis, unterstützt von Orff’schen Instrumenten, unter Leitung meiner unermüdlichen Mutter. Wir sechs Kinder bildeten für solche Kreise immer schon einen verlässlichen Grundstock, und mit ein paar Freunden war im Nu eine ansehnliche Schar zusammengestellt – wir zarten Jungs auch schon mal je nach Bedarf in Sopran oder Alt. Dieselbe Mutter hat später auch zunächst eine Frauenschola gegründet, um das Gesang- und Gebetbuch „Gotteslob“ von 1975 mit seinen vielen Kehrversen und Liedrufen vorzubereiten. Bald darauf wuchs die Schola zu einem veritablen gemischten Chor mit einem mehr als respektablen Programm an. Wer der erste Sänger im Tenor war, lässt sich leicht erraten, trug er doch den gleichen Ehering wie sie und war mächtig stolz auf seine Frau, in diese Hinsicht wirklich eine „Mutter Courage“. An der Orgel saßen dann mein Bruder oder ich selbst, was zwar – mitten in der vielbeschäftigten Pubertät – bei allzu vielen Extraproben schon einmal für Gebrumme sorgte, aber niemals für offenen Widerstand.
Unter uns Messdienern beliebt waren die Taufen, denn am Ende zeigten sich die Familien spendabel. Die alten Hasen unter uns überließen den Anfängern die „Kindafsguzzier“, also mit Mandeln gefüllte rosa oder blaue ovale Dragées in Mini-Schultüten, und steckten dafür das Bare ein – allerdings nur einen bestimmten Betrag, denn was darüber hinausging, kam in die Messdienerkasse. Unvergessen sind mir die Beerdigungen, auf die wir uns – o selige Kindheit! – richtig freuten. Denn dann wartete ein Taxi vor der Kirche und meistens Pastor Hawig auch schon in ihm, bis wir dann, gerade eben erst aus der Schule zurück und mit einem extraschnellen Mittagessen gestärkt, in Windeseile mit den Ministrantengewändern und dem Weihwasser (Weihrauch war damals tabu!) versehen, hinten in den gelben Mercedes einstiegen. Taxifahren, das gab es sonst überhaupt nicht. Hier empfingen wir aber sogar an der Schranke des Hauptfriedhofs eine Verbeugung vom Wärter, und schon ging die Schranke hoch. In einem Seitenraum der Leichenhalle warteten wir zusammen mit dem Pastor, bis die Feier begann. Die Atmosphäre dort war ganz „hinter den Kulissen“. Bei den Totengräbern herrschte muntere Plauderei, irgendwo lag eine Bild-Zeitung herum, der Beerdigungsunternehmer wechselte ein paar belanglose Worte mit unserem Pastor, und dieser erkundigte sich bei uns nach dem Schultag oder den Ferienplänen, während in einem kleinen Innenhof ein Brunnen tröpfelte. Pastor Hawigs ruhige, überlegene Haltung übertrug sich auch auf uns. Zwei Minuten später standen wir dann vor der Trauergemeinde. Da empfand ich schon als kleiner Bub, wie gut es war, dass der Ritus jetzt Gebete und Gesten in ruhigem Strom dahinfließen ließ, während Angehörige und Freunde in Schwarz ihrer Trauer hingegeben waren. Während mir als sensiblem Jungen ein Krankenhaus eher unheimlich war, war der Tod nun ganz in Ordnung – allein für diese Lebenserfahrung hat es sich schon gelohnt, Ministrant zu sein.
Feste und Feiern
Höhepunkte des Gemeindelebens waren nicht Fronleichnam, Ewig Gebet oder Wallfahrt – so weit hatte der traditionelle Katholizismus eine 68er Pfarrei nie erfasst, und der von Anfang an geplante Bau eines Kirchturms mitsamt Kirchglocken scheiterte nicht nur am Geld im Verein mit dem Widerstand der Nachbarschaft, sondern weil man auch hier ganz gut „ohne“ leben konnte. Nein, die Hotspots waren Fasching und Pfarrfest, die ausgiebig im Pfarrzentrum gefeiert wurden. Da steig der „Paschdor“ auch schon mal in die Bütt – ein Höhepunkt des Galaabends. Aber auch beim Weiberfasching war er zugegen und wurde allenthalben hochleben gelassen, denn unter den Gästen war der ehemalige Frauenseelsorger so ziemlich der einzige Mann an diesem Tag. Natürlich war es gleichzeitig Ehrensache, dass Reden, Lieder und Kostüme katholisch, sprich: anständig blieben. Wie immer nutzte er den brechend vollen Saal und das Kommen und Gehen zu manchem Gespräch, und sei es auch in der Sektbar. A propos katholisch: Irgendwann kam die Jugend auf die Idee, in der Fastenzeit eine Disco zu veranstalten. Das gab heiße Diskussionen, und der friedliebende, stets auf Ausgleich bedachte Hirte fand am Ende die gesichtswahrende Zauberformel. Als unmittelbare Nachbarn der Franzosen durften wir doch sicher auch an deren Tradition des „Mi-Carême“ teilhaben, des noch einmal eher karnevalseken „Mittfastens“ in der Mitte der Fastenzeit. Und beim Pfarrfest gab es immer auch ein Fußballturnier einer ganzen Reihe von Gruppen, von den Ministranten angefangen (Ehrensache!) über die Mädchen (da Koedukation noch die Ausnahme war, wir dafür aber Erziehung hatten, benahmen wir uns da auf dem Spielfeld anders als sonst beinahe wie Kavaliere) bis hin zum Pfarrgemeinderat und den „Alten Herren“. Die Mannschaft, die den Pastor in ihren Reihen zählte, hatte die größten Gewinnchancen – nicht aus dem Grund, weil wir allesamt uns nicht getraut hätten, ihn hart zu tackeln, sondern weil er einen ganz gefährlichen Schuss mit links hatte. Dass wir überhaupt unterhalb der Kirche ein ordentliches Spielfeld hatten und es fast täglich mit den Homburger Jungs nutzten, verdanken wir zumindest zur Hälfte unserem Pastor. Denn ursprünglich war es nur ein Brachland mit einer Stoppelwiese, und das auch noch ziemlich abschüssig. Er aber finanzierte nicht nur Mähen und Begradigen, sondern vor allem auch zwei prächtige Holztore.
Herzenssache Jugend
Denn die Jugend lag ihm besonders am Herzen, und das zeigt sich noch heute in Reaktionen derer, die mittlerweile selbst im Rentenalter sind. Da war einer, der hatte ein Herz für uns, war immer freundlich, nachsichtig, selbst wenn man mal verschwitzt vom Fußball zu spät zum Ministrieren kam, als die Messe schon angefangen hatte. Er war interessiert an unseren kleinen Erlebnissen und Sorgen und besonders denen zugetan, die am Rande standen. Bald wurde das Pfarrzentrum über die Woche ganz wesentlich ein Jugendzentrum, mit einer ganzen Reihe von Jugendgruppen, später dem legendären Jugendclub im Keller mit diversen Feten und (zum Glück seltenen) Exzessen. Freitags wurden drei Tischtennisplatten aufgebaut. Sie standen niemals unbenutzt herum. Zwischendrin hatte der Tischtennisclub legendäre 70 Mitglieder und musste auch samstags die Platten aufstellen, damit alle einmal drankamen. Es gab eine Menge von Turnieren, Vereinsmeisterschaften und Matches gegen andere Saarbrücker Pfarreien. Zu den vielen erfolgreichen Initiativen gehörte auch der Filmclub, in dem mein Vater wirklich gute Filmklassiker zeigte. Das Filmgespräch, das er als guter Pädagoge nach dem Happy End des Films ansetzte, war allerdings ehrlich gestanden meistens nicht ganz so erfolgreich… Besonders profitiert haben wir von unserem fotobegeisterten Pastor, als er uns ein Fotolabor einrichtete, in dem wir dann viele, viele Stunden verbrachten und was auch Anlass zur Gründung eines Fotoclubs wurde. Wir haben uns dann revanchiert, indem wir bei den Festen Fotos schossen und sie zum Selbstkostenpreis (nun ja, beinahe!) an Interessierte verkauften.
Jugend, das war für uns Jüngere ziemlich selbstverständlich auch das Messdienen. Etwa 60 Ministranten teilten sich den Dienst, anfangs noch nur Jungs, aber bald führte unser fortschrittlicher Pfarrer auch Messdienerinnen ein, wovon dann meine Schwestern (bei insgesamt schon allmählich zurückgehender Zahl) profitierten. Unsere Messdienersakristei war weniger Sakristei als Jugendzimmer, und auf den Tischen lagen die gerne gelesenen katholischen Jugendillustrierten wie die Stafette oder eine eigene Ministrantenzeitschrift. Wenn uns der Küster dann zum liturgischen Dienst rief und wir uns beim Pastor aufstellten, gab es immer noch ein gutes Wort und eine Ermutigung, und dann ging es los. Mit besonderer Liebe bereitete Pastor Hawig die jährliche Messdienerfahrt vor, zumeist eine Tagesfahrt, etwa zur Firma Opel in Rüsselsheim, zum Kupferbergwerk in Fischbach, zu den römischen Ausgrabungen in Schwarzenacker (mit kundiger, ausgedehnter Führung durch einen passionierten Lateinlehrer!), zu einem Fußballderby in Wadrill gegen die dortigen Ministranten (Nordsaarland; 2:2 ging es aus), und zum Flugtag nach Ramstein. Als wenige Jahre später es zu der großen Katastrophe bei der Flugschau kam, wurde es den Organisatoren im Nachhinein noch ganz anders. Den Höhepunkt bildete eine mehrtägige Fahrt nach Flandern, die wir als halbprofessionelle Fotografen eingehend dokumentierten. Programmpunkte waren dabei nicht ein Erlebnispark – diese Vergnügungsinseln hatten Europa noch nicht erobert – oder Shopping und McDonalds, sondern gut vorbereitete Führungen zum Genter Altar der van Eycks oder zum Beginenhof in Brügge. Günter Hawig, selbst gebildet und umseitig interessiert, wollte uns eben zur großen christlichen Kultur und Geschichte hinführen. Auch zu deren dunklen Seiten: Einmal ging es nach Verdun, und da hat er uns auch das Beinhaus der unzähligen Gefallenen nicht erspart!
Wie groß sein Verständnis für junge Leute war, habe ich erst viel später an einem für mich sensiblen Punkt festgestellt, nämlich der Siestaruhe. Pastor Hawig hatte eine etwas fragile Gesundheit und Belastbarkeit, u.a. mit Ohrproblemen und Gleichgewichtsstörungen. Deshalb verteidigte die Haushälterin tapfer seine heilige Stunde am frühen Nachmittag, und es wurde die Klingel abgestellt. Einmal mussten wir aber ganz dringend direkt nach der Schule ins Fotolabor, und da der Hausmeister nicht da war, um uns den Schlüssel zu geben, blieb nur das Pfarrhaus. Nachdem sich auf heftiges Betätigen der Klingel nichts rührte, kamen wir auf den glorreichen Gedanken, es mit der Nachtklingel zu versuchen, die damals eigens für nächtliche Versehgänge eingerichtet worden war…
Für die älteren Jugendlichen und die jungen Erwachsenen gab es den Jugendsingkreis, den der eher dem Pop als dem klassischen Repertoire zuneigende junge Organist ins Leben gerufen hatte, anstelle des traditionellen Kirchenchors. Einen Chor gab es wie gesagt erst, als der Pop-Organist von dannen gezogen war und manche Altmodischeren in der Gemeinde drei Kreuze hinter dem Jugendsingkreis machten, sei es, weil sie dessen Schlager wie „O happy day“ nicht mehr hören konnten (mit Hochwerfen des Kopfes, der Stimme oder gar der langen Mädchenhaare beim „da-a-a-y“), oder sei es, weil der Kreis ein wenig im Ruf lockerer Sitten stand. In seinen besten Jahren war die „O happy day-Singers“ mit ihren Jugendgottesdiensten aber ein Aushängeschild der Gemeinde, ein Signal für eine neue Kirche und der Inbegriff eines modernen Gottesdienstes. Dieses Image wurde noch verstärkt durch manche Auswärtigen, die sich von Pastor und Gemeinde angezogen fühlten und die nun die Aura einer Universitätsgemeinde verbreiteten, auch wenn der Campus räumlich durch den Stadtwald von der Pfarrei getrennt war. Diese intellektuell Interessierten – sicher eher ein Fremdkörper in einer bodenständigen saarländischen Gemeinde – banden den Pfarrer etwas arg an sich, verwickelten ihn nach dem Gottesdienst in Gespräche und avancierten ihren „Liturgiekreis“ zum Vordenkerclub. Aufgrund seiner Experimentierlaune hieß er bald nur noch der „Literaturkreis“. Unvergesslich ist ein ZDF-Fernsehgottesdienst – für uns vielleicht 12-Jährige ein besonderes Erlebnis, im Novembernebel zwischen großen Übertragungswagen und hektischem Getriebe auf dem Kirchenvorplatz herumzuschleichen und einen Blick in die radikal ausgeräumte Kirche zu erhaschen. Nach den einleitenden Takten aus Bachs D-Moll-Toccata auf Hammondorgel mit Schlagzeugverfremdung schritt ein „Skeptiker“ im Straßenmantel durch die leere Kirche, legte seinen Mantel auf die einzige Kirchenbank, die man nicht ausgeräumt hatte, und ließ sich von einem „kritischen Gläubigen und Zeitgenossen“ (ich glaube, dem Pastor kam dabei nur eine Nebenrolle zu) in ein Gespräch verwickeln. Sein Inhalt ging natürlich über meinen Kopf hinweg, aber ich schätze, am Ende war der Skeptiker erstaunt, dass der Gläubige eigentlich beinahe genauso dachte wie er, und dann ging er wieder heim. Ganz aus dem Leben gegriffen…! Wenn ich daran denke, dass ich nur wenige Jahre zuvor meinen verunglückten Ministrantenausstand aus der alten Messe erlebt hatte, muss man sich nicht wundern, dass ich bei manchen mit meinen späten Wiedereinstand in dieselbe als liturgisch traumatisiert gelte…
„Universitätspfarrei“?
Günter Hawig stieg das Renommée der Avantgarde-Pfarrei sicher nicht zu Kopf, und lange nach der Zeit in St. Thomas Morus äußerte er sich nicht selten sehr kritisch gegenüber vielen Neuerungen. Aber er war eben auch kein Alphatier, sondern wollte Mann der Kirche und Bruder im Glauben für alle sein. Gepaart mit seiner natürlichen Autorität und seiner großen Glaubwürdigkeit, war das eine große Stärke, die ihm Herzen geöffnet hat und die half, eine überaus lebendige Gemeinde aufzubauen. In seiner freundlichen, zuvorkommenden Art war es vielleicht seine einzige Schwäche, dass er zu gutmütig war und sich im Einzelfall nicht gegen Vereinnahmung abgegrenzt hat. Aber dieselbe Untugend machte ihn eben auch so sympathisch, etwa wenn ihn einzelne ältere Damen ein bisschen arg belagerten und er es nur duldete. Im Übrigen sorgten die stets wache Gemeindeöffentlichkeit und das Gerede rasch dafür, dass diese Dinge in Grenzen blieben. Der Haushälterin wurde es leider nicht immer gut angerechnet, dass sie ihn aus Sorge um Gesundheit und Belastbarkeit gelegentlich etwas abschirmte. Alles in allem fühlte er sich unter ganz normalen, eifrigen Menschen am wohlsten. So wurde irgendwann der Kirchenputz unter etwa 30 Freiwillige aufgeteilt. Das war schon beim Säubern von Bänken und Boden oft lustig, aber der Höhepunkt war dann, wenn der Pastor mit einem Tablett voll mit Flaschen und Gläsern zur Bewirtung erschien.

„Du hast ihn gekrönt, o Herr“ (Fresko aus meiner heutigen Pfarrkirche)
In einer Umfrage nach dem persönlichen Vorbild las ich kürzlich, dass 0 % dabei den eigenen Pfarrer angegeben haben. Ich denke, viele von uns hätten damals für Pastor Hawig gestimmt, zumindest wenn eine Mehrfachnennung möglich gewesen wäre. Denn in diesen noch recht volkskirchlichen Verhältnissen war ein solcher Pfarrer – zumal einer mit den Idealen des II. Vatikanischen Konzils – ganz einer von uns, und seine Tugenden wie menschliche Feinheit, Nachdenklichkeit, ungeheuchelter Glaube, Einsatzbereitschaft, Anteilnahme und Freundlichkeit wirkten für viele sicher wenigsten de facto vorbildlich. Ich selbst werde manchmal gefragt, ob Pastor Hawig denn ausschlaggebend für meine Priesterberufung gewesen sei. Nüchtern überlegt, bildete er wohl eines unter einer ganzen Reihe von Elementen dabei. Wenn ich also antworten würde: Eher die Pfarrei als der Pfarrer, dann wäre das sicher ganz in seinem Sinne. Denn er war ja immer einer, der seine eigene Persönlichkeit zurücknahm und die Gemeinde mit ihren guten Erfahrungen in den Vordergrund stellte.
Geboren am 16. August 1934 und aufgewachsen in Rheinböllen, wurde Günter Hawig durch Bischof Matthias Wehr am 31. Juli 1960 in Trier zum Priester geweiht. Auf die Kaplanszeit in Saarlouis und Koblenz folgte eine Tätigkeit im Seelsorgeamt des Bistums als rechte Hand eines der Weihbischöfe und das Diözesanfrauenseelsorger, bis er dann 1968 zum Pfarrverwalter und später Pfarrer von St. Thomas Morus in Saarbrücken ernannt wurde. Einige Jahre war er Dechant des Dekanates Saarbrücken III. 1979 wechselte er in die Kurseelsorge in Bad Münster am Stein und Bad Kreuznach und machte Gottesdienstaushilfe in den dortigen Pfarreien. Auch hier war er ein geschätzter Seelsorger. Vor allem in den Anfangsjahren bedeutete dies auch die Zelebration von einer Klinik zur anderen, stets den Messkoffer bereit. 2005 ging er in den Ruhestand, wirkte aber noch bis 2010 nebenamtlich in den Gemeinden mit. Am 26. Januar 2026 rief in Gott im Alter von 91 Jahren in die Ewigkeit heim. Bestattet ist er auf dem heimatlichen Friedhof in Rheinböllen. In seinem Testament gab er den Leitgedanken für sein Sterbeamt vor: „Vom Vorläufigen ins Endgültige der Liebe Gottes“.
[1] Erstmals wurde in der Sitzung des Kirchenvorstands von St. Michael am 15.05.1934 der Vorschlag unterbreitet, auf dem Homburg eine Kirche zu errichten (J. Nicknig, Von 1934 bis 1968. Anfang und Vollendung, in: Katholisches Pfarramt St. Michael, Saarbrücken [Hg.], Zur Weihe des Pfarrzentrums St. Thomas Morus Am Homburg, Saarbrücken, am 6. Juli 1968, Saarbrücken 1968, 4-5). – Ich danke Dr. Martin Lillig für die Literaturhinweise dieser und de r nächsten Fußnote.
[2] Erich Voltmer, Franz Josef Röder – Ein Leben für die Saar, Dillingen 1979, 89, berichtet, dass Röder „stockkatholische, stockkonservative Ansichten hatte“ und als Schuldirektor Gegner eines gemeinsamen Unterrichts von Knaben und Mädchen sowie von Katholiken und Protestanten auftrat.
Beitragsbild: Baustelle über der ehemaligen Kirche St. Thomas Morus
Blogs zu meinen Heimatpfarreien (s.a. die Seite zur Pfarrbücherei: https://www.awollbold.de/die-buechernase):
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