St. Michael in Saarbrücken – meine erste Heimatkirche

St. Michael in Saarbrücken ist mein Tauf- und erste Heimatkirche. Es ist nicht irgendeine Kirche. Sie hat eine einzigartige Baugeschichte, Architektur und Ausstrahlung. Schon um die Jahrhundertwende 1900 war der Plan gefasst worden, in der aufstrebenden Industriestadt an der Saar, die sich dann 1909 aus den drei Ortschaften Alt-Saarbrücken, St. Johann und Malstatt-Burbach zur Großstadt zusammenschloss, eine große Pfarrkirche zu erbauen, um der rasch anwachsenden katholischen Bevölkerung eine kirchliche Heimat zu geben. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges verhinderte den Baubeginn, und als es mit dem Jahrhundertvorhaben nach Kriegsende ganz allmählich Ernst werden sollte, fraßen Krieg und Inflation alles Ersparte auf. So wurde St. Michael zweimal bezahlt, dank unglaublicher Spendenbereitschaft trotz schwerer Zeit, u.a. auch von Auswanderern in die Vereinigten Staaten oder nach Brasilien. Noch 1923, im Jahr der Hyperinflation, wurde der Grundstein gelegt und die Kirche schon ein Jahr später vollendet. Den Bau selbst kann man mit Fug und Recht als einen Dom bezeichnen. Beinahe wäre die Kirche auch wirklich zur Kathedrale geworden. Denn damals gab es ernsthafte Bestrebungen, das Saargebiet, das vom Deutschen Reich wegen kriegswichtigem Kohlebergbau und Stahlherstellung abgetrennt war und unter Völkerbundverwaltung stand, auch kirchlich vom Bistum Trier abzulösen. Darunter hätte dieses freilich heftig geblutet, sowohl an finanziellen Mitteln als auch bei den zahlreichen Priesterberufungen von der Saar. Doch diese Separation hat sich zerschlagen, und der gewaltige Bau von St. Michael wurde „nur“ zur Pfarrkirche. Oder vielleicht auch zum Wahrzeichen der Stadt? Die zwei Türme und das mächtige Kirchenschiff, herausgehoben auf dem Hügel des Rotenbergs mit dem Echelmayerpark, winken jedem unübersehbar entgegen, der das Saartal hinauf in das Saarbrücker Becken gelangt. Vor seinen Blicken breitet sich dann die Landeshauptstadt in der Mulde der Saar aus, die wie ein Backtrog von bewaldeten Hügeln umgeben ist. Heute sind diese Erhebungen die beliebtesten Wohngebiete der Stadt. In diesem Trog hat die Montanindustrie in der Tat eine große Menge von Pfälzern und Hochwäldern zu einem eigenen Menschenschlag geknetet. Über dem Meer ihrer Häuser und Dächer in dieser Mulde thronte mit der neuen Kirche nun der Herr, der Christkönig. Sein Fest wurde fast zeitgleich mit der Erbauung eingeführt, nämlich im Heiligen Jahr 1925. Dem gärenden Sauerteig eine Form zu geben, ihre irdischen Niederungen dem Himmel entgegenzuführen, dazu wuchtet sich dieses massive Haus Gottes empor. Der bronzenen St. Michaelsfigur in der Mitte ihrer Fassade, dem Geist der Zeit entsprechend männlich-herb und einem altrömischen Cäsar und Feldherrn nicht unähnlich, traut man Macht, Dienst und ordnende Kraft zu. Besonders eindrucksvoll ist der Aufstieg zur Kirche über die langgestreckte, 12 Meter breite Treppenanlage, bei der die Grundidee in die Augen springt: die Erhabenheit der Kirche Gottes, zu der die Gläubigen aus den Niederungen ihrer Zeit emporschauen können. So preist auch die Urkunde zur Grundsteinlegung den Erzengel Michael als Engel des Friedens, der die Tränen des Krieges verbannen möge. Aber natürlich stand der Patron und Völkerengel der Deutschen auch für das Bekenntnis, trotz verlorenem Krieg auch weiterhin zu Deutschland zu zählen.

Architektonisch betritt die Kirche Neuland, und das in einer Zeit, in der sonst nur wenige Kirchen errichtet wurden. Zum einen greift er im Sinn des historistischen Bauens auf das Vorbild der großen Stauferdome wie dem von Speyer zurück: eine gedrungene Gestalt, innen und außen von zahlreichen Bögen und Säulen durchbrochen, innen ein riesiges Tonnengewölbe, dessen Kassettendecke schlangenartige Bänder gliedern. Zum anderen ist der Bau nicht mehr neuromanisch, sondern stellt etwas ganz Eigenes dar: eine tastende Moderne mit dem Versuch, eine neue Sakralsprache zu finden, die einer verweltlichten Welt das heilige Geheimnis zurückbringt. Außen der Inbegriff des Ewigen im Gewoge einer unsicheren Zeit, innen aber der Einlass in das Heiligtum Gottes, heraus aus einer Welt, der bald nichts mehr heilig war. So ist der Altarraum von 7 freistehenden Säulen flankiert, die an die Säulen im Tempel der Weisheit erinnern (vgl. Spr 9,1-5). Dadurch verliert sich das weite Zelt – 15 Meter tief und 12 Meter breit! – hinter dem Hochaltar im Halbdunkel des Geheimnisses. Ebenso ist bereits das Kirchenschiff, eine hoch aufstrebende Halle, durch damals hochmoderne Kirchenfenster in mystisches Halbdunkel gehüllt. Eine heilige Höhle für den Elias des 20. Jahrhunderts, der aus weltlicher Wirrsal beim einen, unbegreiflichen Gott Zuflucht sucht. Das Fenster in der Apsis zeigt darum den Erzengel Michael, der sich aus der Finsternis dem ewigen, unzugänglichen Licht zuwendet, das vom Allerheiligsten ausgeht.

Die Weisheit hat ihr Haus gebaut, ihre sieben Säulen behauen (Spr 9,1)

Quelle: Marlen Dittmann, Die katholische Pfarrkirche St. Michael in Saarbrücken, Saarbrücken 2006, 4.

Ein heiliger Raum voll Geheimnis

Das also war die Kirche meiner frühen Kindheit, genauer die acht Jahre seit meiner Taufe am 15. Februar 1960 über viele Sonntagsmessen und meine Erstkommunion am 2. April 1967 bis hin zum Neubau der weiteren Pfarrkirche St. Thomas Morus im Wohngebiet „Am Homburg“ im Jahre 1968, in das unsere Familie kurz zuvor umgezogen war. St. Michael aber war bis dahin war reine Gnade für ein phantasiebegabtes, neugieriges Kind, das damals seine Traumfabrik noch im Kopf und nicht auf einem Bildschirm hatte. Die überdimensionalen Portale führten in einen dunklen Vorraum, eine Art Atrium. Durch eine weitere schmiedeeiserne Pforte mit hieroglyphenartigen Zeichen trat der Besucher zunächst ins Dunkel unter der Empore der großen Orgel und nahm ein Gesamtbild des Raumes auf. Er zeichnet sich durch das dreischiffige Innere und den sich im Halbdunkel verlierenden gigantischen Altarraum aus, der sich über zehn plus fünf Stufen über das Schiff erhebt. Unter ihm liegt die Krypta, ein bisschen nach Art der Confessio des Petersdomes mit einer halbrunden Kommunionbank als Abschluss . Der Hochaltar ist eine ganz besondere Besonderheit: Er ist aus Majolika, eine einzigartige Gestaltung der Firma Villeroy & Boch aus Mettlach, ein Stolz und Schmuckstück saarländischer Industrie. Er ist in Blau und Weiß gehalten (kein Bekenntnis zu Bayern!), woraus in der Mitte der goldene Tabernakel hervorleuchtet. Die Mensa wird durch die Szene des Opferung Isaaks – Vorausbild des Kreuzesopfers – geschmückt, die ein Engel im letzten Moment verhindert. Je fünf überlebensgroße Engelsgestalten rahmen den Altar links und rechts ein (heute nur noch drei) – insgesamt also die neun Engelhierarchien sowie vorne links ein Schutzengel. Dahinter wird die gesamte Ostwand von einem Glasfenster mit intensiver Farbgebung eingenommen. Deren eindrucksvolle Gestaltung verdankte übrigens viel den künstlerischen Versuchen christlicher Kunst in Frankreich. Dass man diese nur wenige Jahre nach dem Ende des vernichtenden Krieges mit dem „Erbfeind“ übernahm, spricht für die Grenzen überwindende Macht der Kirche – ähnlich wie übrigens auch ein Seitenaltar, der der gerade erst 1925 heiliggesprochenen hl. Therese von Lisieux gewidmet war.

Erste heilige Kommunion

1967 fiel das Osterfest auf einen denkbar frühen Termin, so dass der Weiße Sonntag, also der Tag der Erstkommunion, bereits am 2. April begangen wurde. Wir waren 84 Jungen und Mädchen. Die stattliche Zahl ist ein Zeugnis der Größe der Pfarrei, der kinderfreundlichen Babyboomer-Jahre, aber auch dafür, dass die nachkonziliare Reformfreude auch in dieser ehrwürdigen Kirche angekommen war: Erstmals wurden auch die Kinder des 2. Schuljahrs zugelassen, die also nur einen rudimentären Katechismusunterricht genossen hatten und die übrigens dann auch erst im folgenden Jahr zur Erstbeichte geführt wurden. Das war dann auch noch schulisch bedingt, denn 1966/67 waren im Saarland Kurzschuljahre, um das Schuljahr bundesweit einheitlich nach den Sommer- und nicht mehr nach den Osterferien beginnen zu lassen. Meinen Eltern war das gerade recht, denn dadurch konnten mein Bruder (* 1958) und ich (* 1960) gemeinsam zum Tisch des Herrn treten. Der Tag selbst war allerdings unverschämt kalt, und die Mädchen zitterten in ihren weißen Kleidchen trotz Wollpellerine sehr – wir Jungs wahrscheinlich auch, hätten das aber niemals zugegeben. Es war ja noch die Zeit, da es für sie als Ehrensache galt, bei Wind und Wetter in kurzen Hosen herumzulaufen. So bildeten wir 84 eine schier endlose Zweierreihe, in der wir von unserer unterhalb der Kirche gelegenen Rotenbergschule über die Treppen zur Kirche schritten. Die Kerzen hielten wir in der Hand, mussten sie aber drinnen abgeben und erhielten sie nicht wieder. Warum, das ließ sich trotz Nachfrage nicht klären.

Liturgie im Limbus

„Der Gerechte gedeiht wie die Palme“

Die Liturgie dieser Jahre war eine Liturgie des Übergangs. Es galt zwar das in manchem bereits reformierte Messbuch von 1962 und dann das lateinisch-deutsche Altarmessbuch von 1965, und so war der Ritus im Prinzip noch „tridentinisch“. Aber schon lange hatte die Liturgiereform und die Volksliturgiebewegung von St. Michael Besitz ergriffen. Schon bei der Erbauung war die Zentrierung des gesamten Raumes auf den hoch erhobenen, von allen Seiten gut sichtbaren Altar selbst bereits ein Dokument der frühen liturgischen Bewegung. Mein Vater erzählte gerne, wie er in den 1950er Jahren mit einer kleinen Schola die deutsche Übersetzung der Messtexte von der Empore aus in das Kirchenschiff schmetterte: „Der Gerechte gedeiht“ – laut vernehmbare Atempause – „wie die Palme.“ Lesungen und Orationen wurden stets bereits deutsch von einem Ambo aus vorgetragen, beim Gesang war der deutsche Volksgesang mit Liedern aus dem Trierer Gesang- und Gebetbuch gängig und beliebt. Die großen Klassiker wie „Lobet den Herren“, „Ein Haus voll Glorie schauet“, „Großer Gott wir loben dich“ oder „Maria, breit den Mantel aus!“ und natürlich die deutschen Ordinariumsgesänge kannte jeder auswendig, und wenn das meist bis zum Rand gefüllte Kirchenschiff seine Stimme dazu erhobt, von der brausenden Orgel unterstützt, so war das erhebend, einprägsam und unvergesslich.

„Lasciate ogni speranza“

Oh, die ihr eintretet, lasset alle Hoffnung fahren!

Das 7. Lebensjahr gilt als Vernunftalter, in dem ein Kind beginnt, selbständig zu denken. Bei mir flossen Denken und Phantasie allerdings immer ineinander über, und das zeigte sich bei der einzigen Predigt, die mir aus dieser Zeit noch in Erinnerung geblieben ist. Den Kaplan habe ich noch deutlich vor Augen, der einmal über die Hölle perorierte – ja, das gab es damals noch. Dabei zitierte er Dantes „Inferno“, nämlich das berühmte Lasciate ogni speranza am Eingang des Ortes der Verdammnis. Sicherlich wollte er als leidenschaftlicher Prediger damit dem Thema Pfeffer geben: Hier gibt es kein Zurück mehr und kein Ende. Aber bei diesen Ausführungen war ich längst abgeschweift. Denn beim „Lasciate“ hatte er eine weitausholende Geste gemacht und vom Ambo aus links zur Seite gewiesen. Vielleicht bezog er sich dabei auch auf die fünf törichten Jungfrauen, die darüber mahnend standen. Doch ich folgte der Bewegung seines Armes. Da stieß mein Auge am linken Rand des weiten Altarraums auf einen in dunklen Stein gefassten Torbogen, und was sich dahinter befand, verlor sich in der Finsternis. Das war ideales Futter für die Phantasie des zarten Knaben, der dort modrige Treppenstufen und anschwellenden Schwefelgeruch vermuten durfte. Das Ganze ging übrigens ganz ohne Gänsehaut ab, eher wie der Kitzel bei Schilderungen vom Marterpfahl bei Karl May, den ich in späteren Jahren verschlang. Gewundert habe ich mich auch nicht über diese Topographie der Hölle, denn dieser Ort der Derdammnis war doch irgendwie auch eine Einrichtung der Kirche und gehörte darum natürlich auch in die Kirche. Dass ich an dieser Pforte zur Hölle nicht die Heerscharen von Verdammten vermisste, spricht dann auch wieder dafür, dass ich den Heilsoptimismus der Konzilszeit mit der Muttermilch getrunken hatte.

Quelle: Dittmann, St. Michael 11.

Volkskirche

Der Kirchgang am Sonntag war besonders eindrücklich. Das galt schon vom Fußmarsch, denn selbstverständlich erledigte man damals alles noch auf Schusters Rappen, und das verlangte nach unserem Umzug ins eigene Haus eine Strecke von drei Kilometern. Nichts Außergewöhnliches, denn denselben Weg schlugen wir auch werktags zu unserer Schule ein – wahrscheinlich ein wirkungsvollere Gesundheitsmaßnahme als alle heutigen Mobility enhancement-Aktionen. Doch Sonntag war anders. Da ging meistens Vater mit uns zwei Jungs zum Hochamt. Später kam dann noch meine nächstältere Schwester dazu. Für sie gab es dann zur Belohnung braune Karamellbonbons aus einem Automaten, just an der Stelle, wo die Türme von St. Michael zum ersten Mal sichtbar wurden. Schon früher hatte uns das festliche Geläut willkommen geheißen. Spätestens an dieser Stelle strömten aus allen Richtungen auch andere Kirchgänger zusammen, einzeln oder in Familiengruppen wie bei uns. Meinen Vater kannten die meisten, manche waren auch alte Freunde aus seiner Zeit in der Pfarrjugend. „Hallo“ und Hutziehen, Staunen über uns „Buwe“, die schon wieder kräftig gewachsen seien, gelegentlich auch eine Verabredung für einen kleinen Handwerksdienst und oft irgendeine Sache zum Lachen, all das zeigte uns: Hier kommt eine Familie zusammen, heiter erhobenen Sinnes am Festtag, die einen eher höflich, andere verschmitzt, alle aber wohlwollend und keiner ein Fremder. Volkskirche eben, aber schon nicht mehr streng und hierarchisch wie ehedem, sondern von jener lockeren Sicherheit getragen, die eine gemeinsame Ordnung gibt. Wenn heute manchmal von Mief und Enge der Zeit die Rede ist, von entmündigten Laien und widerwillig ertragenen Pflichten, muss ich achtgeben, nicht gerade ein Stück trockenen Kuchen zu essen, weil ich sonst die Krümel im weiten Bogen herausprusten müsste. Natürlich gab es die Sonntagspflicht, aber worüber man nicht diskutiert, das macht man einfach, so wie Zähneputzen oder Bleistiftspitzen. Natürlich konnte es andernfalls passieren, dass montags in der Schule der Kaplan nachfragte: „Wo warst du denn gestern? Ich habe dich gar nicht in der Kirche gesehen.“ „Meine Eltern haben mich zu spät geweckt!“, „Ich musste meiner Mutter für den Sonntagsbraten helfen!“ oder – strategisch besonders ungeschickt, da der versäumte Kirchgang auch noch durch knechtische Arbeit den Sonntag schändete – „Wir haben das Kinderzimmer neu gestrichen!“ Doch mit solchen Ausreden konnte man sich freikaufen und erntete höchstens noch ein missbilligendes Brummen seitens des Religionslehrers. Die Ordnung aber, sie trug sich selbst. Dieses Zusammenströmen zum Gottesdienst, diese Zusammengehörigkeit mit vielen hunderten Alten und Jungen, die das weite Kirchenschiff dicht an dicht füllten, dieses Sich-Kennen, Sich-Grüßen und Sich-Ausfragen übers Neueste vom Neuen, diese Verbundenheit weit über den Kreis von Oma und Opa, Tanten, Onkeln und Nachbarn hinaus, diese neugierig-warmen Blick auf „die Buwe“ von „den Leuten“, das war irgendwie das genaue Gegenteil der Höllenpforte in der Kirche. Das Tor zur Welt war am Sonntag umgeben von lauter freundlichen Gesichtern, und darüber stand: „Schöpft nur alle Hoffnung, die Welt wartet auf euch!“ Einzelne dieser sicher nicht immer heiligen Familie Gottes lernte ich dann auch näher kennen. Die Frauenförderung möge es mir verzeihen, aber in Erinnerung geblieben sind mir vor allem gestandene Männer, ehrwürdige Honoratioren, etwa „Herr W.“ mit einer Kriegsverletzung, der uns gelegentlich seine riesige, liebevoll gepflegte Sammlung von Zinnsoldaten besichtigen ließ. Oder da war „Opa B.“, der Kirchenrechner, dem wir in späteren Jahren beim Zählen der Kollekten helfen durften. Höhepunkt waren dabei die Adveniat- und Misereor-Kollekten, bei denen wir die Kollektentütchen aufreißen durften und bei unvorstellbaren Summen von 100, 200 Mark oder sogar einmal einem Tausendmarkschein vor Begeisterung aufschrien. Irgendwie ahnte ich damals schon, dass solche außergewöhnlichen Spenden oft auch eine ganze Geschichte ins Tütchen verpacken, vielleicht eine Wiedergutmachung für eine Schuld oder ein großes Dankeschön im Rückblick auf Krieg, Vertreibung und neue Heimat. Auch dies alles andere als Mief und Enge! Ein Inbegriff an Pflichtbewusstsein, Frömmigkeit und Zuverlässigkeit war schließlich der Küster, der auch Hausmeister von Kindergarten, Pfarrheim („Canisiusheim“), Pfarrhaus, Kirche und Grünanlagen war. Stets wirkte er gemessen und ein wenig streng, strahlte dadurch aber die Würde seines Amtes aus. Mit seiner Familie wohnte er neben dem Kindergarten. Seine Kinder waren etwas älter als wir, und in späteren Jahren heuerten meine Eltern die Älteste zur Kinderbetreuung an. Sie erfreute uns stets mit schönen Geschichten, einfallsreichen Waldspaziergängen, ihrer warmen Stimme und… ihren langen glatten Haaren.

Ministranten

… ad Deum, qui laetificat iuventutem meam

Bald nach der Erstkommunion wurden mein Bruder und ich unter die Ministranten aufgenommen. Dass man uns gefragt hätte, ob wir es auch wollten, kann ich mich nicht erinnern. Lebhaft steht mir dagegen der Schritt über die Schwelle vor Augen: die Schwelle zum riesigen Altarraum über nicht weniger als zehn Stufen, über den Eingang zur Sakristei durch einen kleinen romanischen Torbogen direkt gegenüber dem Eingang zur Hölle – ob es hier nicht also schnurstracks zum Himmel ging? -, hinein in hohe, weite Räume mit endlosen, glänzend lackierten Schrankreihen für die Ministrantengewänder. Daneben der Blick ins Allerheiligste, nämlich die Priestersakristei, die wir auf keinen Fall zu betreten hatten. Geadelt waren wir ohnehin mehr als genug durch das Messdiener-Privileg, aus dem Gewoge der Köpfe, Mäntel und Kopftücher herausgehoben zu sein, infolge der zehn Stufen hoch über der Menge zu wirken und dem heiligen Tun ganz nahe zu sein. Dieses spielte sich mittlerweile allerdings ausschließlich am massiven Volksaltar ab, nur das Staffelgebet – nun aber schon auf Deutsch – sah uns noch zu Füßen des noch einmal fünf Stufen höheren Majolikaaltars knien. Wichtigste Aufgabe war neben dem Anreichen von Wein und Wasser natürlich das Schellen und, als nur selten verliehenes Privileg, der Gong. Was war das? Zur Elevation war im Knien ein Hammer, der mit einem Gummi abgedämpft war, langsam, aber kraftvoll gegen einen goldenen Gong auf einem kleinen Ständer am Boden zu schlagen. Das durfte nicht zu hoch ansetzen – dann schepperte es – und nicht zu niedrig – dann traf man den Rand und es kratzte nur hässlich. Es war ein kritischer Moment für alle Ministranten, denn alles Lachen, Kichern und Prusten war nun unbedingt zu unterdrücken. War dagegen der rechte Punkt getroffen, so schwebte der dunkel-metallene Ton eine Minute lang durch das Kirchenschiff, hunderte Gläubige bekreuzigten sich dort unten und opferten ihre Sorgen und Freuden zusammen mit dem Herrn am Kreuz dem himmlischen Vater auf. Einmal durfte ich dann noch an Fronleichnam mitdienen, irgendwo eingereiht in die große, unzählbare Schar von rot-weiß gewandeten Bubengestalten, streng nach Größe angeordnet und in geometrischem Geist durch die Straßen Saarbrückens geführt, bestaunt und bewundert von Schaulustigen und Gläubigen am Straßenrand. Da war ich ein auserwähltes Glied am stattlichen Leib der Volkskirche.

Abgesang

Meinen persönlichen Schwanengesang in Sachen St. Michael erlebte ich ein Jahr nach der Errichtung unserer neuen Pfarrkirche St. Thomas Morus. Es war die Entlassfeier aus der Grundschule, bei mir also im Sommer 1969. Natürlich gab es morgens zu Beginn eine Messfeier für die gesamte Schule in St. Michael. Der Zelebrant, einer der Kapläne, war spontan und unkompliziert, wie man das damals von reformeifrigen Kaplänen eben erwartete. Und so bestimmte er mich kurz vor Beginn des Gottesdienstes, ihm zu ministrieren – ganz alleine vor etwa 300 meiner Mitschüler und allen Lehrern. Doch die gut zwölf Monate, seitdem ich zum letzten Mal in meiner alten Pfarrkirche die Messe gedient hatte, hatten dort das neue Messbuch und mit ihm auch eine Menge neuer Bräuche eingeführt. Mich darüber zu instruieren, befand aber niemand für nötig. So zog ich denn wie eh und je vor dem Kaplan aus der Sakristei in die Kirche ein, strebte dem Hochaltar zu und wollte mich eben vor der untersten Stufe zum Confiteor niederknien, als ich zu meinem Schrecken bemerkte, dass ich meinen Priester abgehängt hatte – oder genauer dieser mich. Er war stattdessen nämlich schnurstracks zum neuen Volksaltar abgebogen. Auf diese Weise ging es auch weiter, und das geweihte Haupt musste mich mehrfach hin und her bugsieren, damit ich den Erfordernissen der neuen Liturgie gerecht wurde. Unvergesslicher Höhepunkt war dann die Gabenbereitung, bei der ich in alter Gewohnheit rechts oberhalb vom Hochaltar neben den Engeln und Säulen im Halbdunkel die Kännchen mit Wein und Wasser suchte – vergebens, wie der liturgiereformerfahrene Leser nun schon ahnen wird. Ich drang weiter ins Dunkel bis zur Apsiswand vor, ohne auf die eucharistischen Gaben zu stoßen. Schließlich erbarmte sich der würdig-strenge Küster und führte mich über die vielen Treppenstufen zum Seitenalter des hl. Joseph, auf dem das Gesuchte seit Neuestem platziert war – gewiss zur Erheiterung meiner Mitschüler. Damit war aber St. Michael endgültig nicht mehr meine Pfarrkirche. Der Staffelstab war nun einem ganz anderen Ort übergeben: St. Thomas Morus auf dem Wohngebiet „Am Homburg“. Eine neue Ära begann.

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