Der Zölibat in der Diskussion. Einmal mehr. Der Priestermangel drängt, die Skandale machen ihn zum Sündenbock, die Reformer versprechen sich leichte Beute, die Diversity-besessene Zeit lässt alles zu – außer Enthaltsamkeit. Ist da nicht endlich die Zeit reif, den Zölibat abzuschaffen? Oder hieße das, einen Schatz zu verschleudern? Selbst wenn er manchmal so gelebt wird, dass er als ein Schatz in tönernen Gefäßen erscheint? Angesichts all dessen ist es ein deutliches Zeichen, dass die Deutsche Bischofskonferenz und die Bistümer von München und Freising, Trier und Regensburg erkleckliche Druckkostenzuschüsse zu einem Großprojekt beigesteuert haben, das die Diskussion auf ein rationales, argumentatives, theologisches Niveau heben will: „Zölibat. Schlüsseltexte aus den Anfängen bis zum 5. Jahrhundert“. Mit der unermüdlichen Hilfe des Altphilologen Johannes Isépy habe ich darin in 13 Jahren Arbeit auf über 1000 Seiten nicht weniger als 459 Texte zusammengestellt, die tief in die Anfänge des Zölibats der Priester zurückreichen. Sie sind jeweils zuerst in der Originalsprache und in einer flüssigen Übersetzung vorgestellt. Anschließend wird jeder Text diskutiert und mögliche Interpretationen gegeneinander abgewogen. Chronologisch beginnt es mit der nachneutestamentlichen Zeit des 2. Jahrhunderts und arbeitet sich vor in thematischen und geographischen Blöcken bis ins 5. Jahrhundert, als die Zölibatsdisziplin vor allem im Westen eine definitive Gestalt annahm. Um den Überblick zu behalten, wird am Ende jedes Blockes der Ertrag prägnant zusammengefasst. 7 Themen werden am Ende etwas ausführlicher entfaltet. Ein ausführliches Literaturverzeichnis eröffnet Wege zu einer vertieften Forschung. In der Einleitung wird u.a. die Forschungsgeschichte erzählt. Aus ihr versteht man etwa, warum heute selbst in konservativen Kreisen diese Meinung als gesichert gilt: In den ersten Jahrhunderten waren Kleriker ganz normal verheiratet, und erst allmählich drangen asketische Ideale ein und führten durch die energische Intervention der Päpste zur Enthaltsamkeitspflicht, die aber erst im Mittelalter rechtsverbindlich wurde. Wer sich dagegen den Quellen zuwendet, staunt, wie früh und breit Enthaltsamkeit zum Ideal wurde, ja wohl auch bei Bischöfen, Priestern und Diakonen vorausgesetzt wurde. Aber das Besondere einer Textsammlung besteht ja gerade darin, dass jeder sich selbst ein Bild machen kann und nicht von der Meinung des Verfassers abhängig bleibt.

Die Quellen also. Es zeigen sich erste Indizien für einen Enthaltsamkeitszölibat bei frühen Einzelzeugnissen wie Ignatius von Antiochien. Doch noch viel breiter ist der Strom von Zeugnissen bis Anfang des 3. Jahrhunderts, die zeigen, wie hoch die Enthaltsamkeit bei den Christen insgesamt geschätzt wurde, und zwar auch bei den verheirateten. So lag es nahe, sie Klerikern ganz besonders als Herz zu legen, sind sie doch Lehrer der Gemeinden, Beschützer von Jungfrauen und Witwen und Vorbilder für die Herde. Doch finden sich auch schon frühe Spuren für ein Zölibats-Recht? Eine Reihe von ehrwürdigen Rechtssammlungen beruft sich auf die Apostel, etwa die bekannte „Traditio apostolica“, die früher Hippolyt zugesprochen wurde. Natürlich sind diese Sammlungen immer weiter bearbeitet worden, so dass ihre heutige Fassung deutlich später zu datieren ist. Dennoch können sich darin Spuren des alten Rechtes aufbewahrt haben. Außerdem ist der Anspruch bemerkenswert, mit diesen Kirchenordnungen die apostolische Überlieferung wiederzugeben. Noch greifbarer sind dann aber die großen Autoren des 3. Jahrhunderts, Clemens, Origenes, Tertullian und Cyprian, ergänzt durch einige weitere Zeugnisse vor 300. Deutlich sichtbar wird nun ein Dreifaches:

  • die Einbettung der Klerikerenthaltsamkeit in eine allgemeinchristliche Kultur, so dass der Zölibat weniger Berufs- und Sonderethos war als die konsequente Verwirklichung eines christlichen Ideals für alle Getauften;
  • ein Monogamiegebot für höhere Kleriker, d.h. sie hatten vor der Weihe zu heiraten, wenn sie nicht unverheiratet bleiben wollten, und durften auch bei Verwitwung nicht wieder heiraten;
  • die Ausrichtung der Enthaltsamkeit auf das Gebet (also nicht als kultisches Tabu wie oft außerhalb des Christentums).
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Die „konstantinische Wende“ erweist sich für den Zölibat nicht als Wende, noch weniger als Anfang: Vielmehr wird das, was bis 300 in den wichtigsten Regionen der Christenheit (gerade auch im griechisch- und im syrischsprachigen Osten!) bereits zum festen Bestand gehört, nun auch nach und nach bei Theologen inhaltlich vertieft und von Synoden festgeschrieben. Das sind auch die zwei umfangreichsten Teile der Textsammlung für das 4. und 5. Jahrhundert. Da sind die großen Namen der Theologie wie Johannes Chrysostomus, Ephräm, Ambrosius, der Ambrosiaster und Hieronymus vertreten. Bei den Synoden finden sich die „Stars“ der Zölibatsgeschichte, allem voran das Konzil von Elvira, aber auch die berühmte Episode des Bekenners und Asketen Paphnutius, der angeblich auf dem Konzil von Nizäa heftig gegen eine Enthaltsamkeitsverpflichtung eingeschritten ist – vermutlich eine spätere Legende. „Hard facts“ sind dagegen die Interventionen der Päpste um 400, angefangen mit Damasus und dann vor allem Siricius bis Leo I. Sie klopften die Zölibatsdisziplin als Verpflichtung zur dauerhaften Enthaltsamkeit auch bei verheirateten Klerikern fest. Dabei verstanden sie sich aber als Bewahrer der apostolischen, verpflichtenden Tradition und keineswegs als Neuerer. Eine Neuerung stellt dagegen die Trullanische Synode von 691/692 dar. Auf ihr wurde die Disziplin für die Orthodoxie neu geregelt: Man hält zwar an der Monogamieregel fest, kennt aber die Enthaltsamkeitsverpflichtung nur noch für Bischöfe (einschließlich des Gebotes, sich von der Ehefrau zu trennen, was ältere Synoden immer wieder strikt abgelehnt haben). In einem kleinen Ausblick werden die Schlüsseltexte der weiteren Entwicklung vorgestellt, beginnend mit der Gregorianischen Reform über das Konzil von Trient bis zum II. Vaticanum und dem CIC von 1983. Sie alle bekräftigen die Kontinuität zur Alten Kirche. Dabei erscheinen die Weihe als Ehehindernis ebenso wie der Übergang vom Enthaltsamkeits- zum Ehelosigkeitszölibat im Mittelalter eher als Ausdruck dessen, die altkirchliche Disziplin konsequent durchführen zu wollen, aber keine Neuerung einzuführen.

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Was bringt der ganze Aufwand von 1040 Seiten? Man darf hoffen, dass die Zölibatsdiskussion damit auf feste Beine gestellt wird. Denn wie bei vielem, ist der Anfang entscheidend. Dazu werden zum ersten Mal die Texte umfassend präsentiert und nicht nur eine bestimmte Meinung mit Quellen belegt. Wer nur ein wenig hineinliest, wird manche erstaunliche Entdeckung machen:

  • Die Berufung auf das Vorbild und die Ordnung der Apostel nimmt einen erstaunlich großen Raum ein.
  • „Kultische“ Reinheit war im Christentum vielmehr Sammlung für das Gebet und das geistliche Leben.
  • Der Klerikerzölibat konnte aufblühen, weil im ganzen Volk Gottes Enthaltsamkeit hoch geschätzt und vielfach geübt wurde. In der Ehe enthaltsam zu leben oder nach Verwitwung nicht wieder zu heiraten, galt vielfach als Zeichen eines ernsthaften geistlichen Lebens.
  • Ein für die Alte Kirche wichtiges Thema war also die Einehe in dem Sinne, dass jemand nach dem Tod des Gatten nicht wieder heiratete. Auch wenn die Wiederheirat zumeist geduldet wurde, war sie für Kleriker schlicht verboten. Denn sie wurde als Ausdruck mangelnder Bereitschaft zur Enthaltsamkeit gedeutet.
  • Osten und Westen gingen bei diesen Enthaltsamkeitsforderungen lange Hand in Hand, und erst am Ende der Väterzeit schlug die Orthodoxie mit der „normal“ geführten Priesterehe neue Wege ein.

Zölibat, ein Thema für die ganze Weltkirche. Darum am Ende die unbescheidene Hoffnung, dass das Werk auch jenseits der Grenzen des deutschen Sprachraums gelesen wird!

ISBN/EAN: 9783791734521. Umfang: 1040 Seiten. Gebundenes Buch. Verlag Pustet Regensburg. 88,00 €.
Buchvorstellungen bei swiss-cath (Interview), kath.net (P. Dominikus Kraschl OFM) und Catholic News Agency (Martin Bürger)

Biblische Texte zum Zölibat

Um das Buch nicht noch dicker werden zu lassen, sind die biblischen Quellen, auf die sich die Kirchenväter immer wieder beziehen, nicht abgedruckt worden. Doch hier finden Sie die wichtigsten Texte in mehrsprachiger Fassung: Biblische Referenztexte Ergänzung.

Wem das noch nicht genug Texte sind, kann man hier baden in weiteren Texten aus Synoden, Theologen und Kanonisten etwa des Zeitraums 500-1200: Synoden Ergänzung.

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