Sommerrätsel 2025
Einfalt des Herzens
„Eine einfache Seele“, diese Bezeichnung ist nur noch selten zu hören. Einfach, vielleicht gar einfältig sein, das ist nun wirklich nicht in. Dass die Einfalt der Seele etwas Wunderbares ist, das kann wohl auch nur ein tief gläubiger Mensch verstehen. Für ihn bedeutet Einfachheit die Ungeteiltheit des Herzens. Nur Gott, sein Wille, die Liebe zu ihm haben darin Platz. Darum ist auch sein Umgang mit anderen Menschen, mit der Welt und nicht zuletzt mit sich selbst ohne alle Verstellung, Berechnung, Doppelzüngigkeit. „Ohne Arg“, wie man früher gesagt hat. Eine einfache Seele muss nicht alles verstehen, noch weniger im Griff haben. Sie weiß, worauf es letztlich allein ankommt: mit Gott zu leben und seinen Willen zu erfüllen. Also ganz nach dem Wort Jesu: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen.“ So ist auch das schlichte, ergreifende Kindergebet ein schöner Ausdruck einer einfachen Seele, wie sie auch Erwachsene jeden Alters haben können: „Ich bin klein, mein Herz ist rein, / soll niemand drin wohnen als Jesus allein.“
Sympathie für die geborenen Verlierer
Der Autor unseres literarischen Sommerrätsels musste sich erst nach und nach zu dieser Einfalt des Herzens durchringen. Sie geschah ausgerechnet in einer Zeit, die immer komplizierter, undurchschaubarer, chaotischer wurde – in der großen Weltgeschichte ebenso wie für ihn privat, besonders nachdem seine Frau infolge einer Nervenkrankheit in eine Anstalt eingewiesen worden war. All das hat ihn zunehmend aus der Bahn geworfen. Nach und nach eroberte ihn auch sein großer Feind, der Alkohol. Doch seine literarische Antwort darauf war bestand in einer neuen Form des Schreibens. Nicht mehr hauptsächlich Feuilletons, scharf beobachtete Reportagen und entsprechende Erzählungen, sondern eine Reihe von großen Romanen und Erzählungen, die letztlich ein großes Thema umkreisen – sein Thema: Menschen, die der Zeit nicht gewachsen sind, geborene Verlierer, weiche, warmherzige Charaktere, denen die notwendige Härte abgeht, um sich durchs Leben zu schlagen. Man hat diese neue Form des Schreibens oft als Bruch und Wendepunkt seiner Biographie verstanden. Besser wird man es als einen Platzwechsel begreifen. Unser Autor ist nun nicht mehr der Beobachter, dem kein Detail entgeht, sondern er nimmt den Platz der Verlierer ein. Ihre Würde versucht er darin zu wahren, dass er schildert: Nicht sie sind verkehrt, sondern die Zeit. Oder anders gesagt: Die Welt, die sie in der Einfalt ihres Herzens bewahren, ist es wert, im Schreiben erinnert zu werden. So wird sie vor dem Untergang bewahrt, auch wenn sie in dieser Welt nicht bestehen können.
Beinahe ein biblischer Roman
Den Anfang dieses neuen Erzählens macht ein Roman, der die beschriebene Einfalt sogar im Titel trägt. Genauer gesagt im Untertitel, denn der Titel ist identisch mit dem eines alttestamentlichen Buches. Der ganze Roman transponiert denn auch die biblische Gestalt ins Heute. Heute, das ist hier die Welt der ostjüdischen, chassidischen Frömmigkeit. Der Schauplatz ist eine Kleinstadt in der heutigen Westukraine, damals Wolhynien und an der österreichisch-russischen Grenze gelegen. Genauer gesagt, ist das nur der Schauplatz des ersten Teils, während der zweite in New York spielt, bis heute der größten jüdischen Enklave außerhalb Israels. Der Zeitpunkt ist die Zeit vor und während des Ersten Weltkriegs. Die Hauptperson ist ein frommer jüdischer Lehrer, der mit großem Ernst, aber eben auch mit der Einfalt des Herzens Gott dadurch dient, dass er Kindern das hebräische Lesen beibringt und seine sechsköpfige Familie ernährt. Eine Familie, die ihm das nicht lohnt: die Frau ist eher umtriebig und schwankt zwischen Wunderrabbis und „gesundem Menschenverstand“; der eine Sohn geht zum Militär, der andere flieht unter Lebensgefahr, und die hübsche Tochter lässt sich mit Kosaken ein und treibt den Vater schließlich zur Auswanderung. Dafür muss er aber ein Opfer bringen, das er sich nie verzeihen wird: Ein epileptischer, behinderter Sohn muss bei Pflegeeltern zurückgelassen werden. All das trägt der Fromme in der unbeirrten Kraft seines Glaubens. Doch dann kommt es hart auf hart, und er verliert in der Fremde einen nach dem anderen aus seiner Familie. Hart, ja grausam erscheint Gottes Hand, und irgendwann kann er ihm nur noch fluchen, ohne doch Gott und sein Judentum wirklich los zu werden. Ganz am Ende aber wird alles gut, wunderbar gut, und die Schilderung wie in einem Traum lässt offen, ob das Wunder Wirklichkeit ist oder nur der Ausdruck einer Hoffnung noch mitten in der Verzweiflung – etwas, was seinen Verlierertypen wohl am meisten angemessen ist. Oder auch das Bekenntnis: Gottes Wort ist nicht erloschen, es leuchtet in die Finsternis der Zeit.
Die Rätselfrage und zwei Tipps
Zum Schluss noch zwei Tipps:
- Unser Autor hat etwas Äußerliches, genauer gesagt etwas Nachstehendes, mit Giuseppe Verdi gemeinsam. Wenn man beide dann aber zusammennimmt, hört es sich auf Deutsch ziemlich politisch an.
- Eine nicht nur äußerliche Geistesverwandtschaft mit Verdi hatte ein anderer großer jüdischer Autor derselben Zeit wie unser gesuchter Schriftsteller und großer Opernfreund, der auch schon Gegenstand unserer Rätsel war. Er hat ihm sogar einen eigenen Roman gewidmet.
Gesucht ist der Name des Autors und des Romans. Einsendungen der Antwort gehen bitte an: andreas.wollbold@lmu.de
Als Preis winkt einem Gewinner noch einmal meine große Textsammlung zum Zölibat.
Einsendeschluss ist Sonntag, der 12. Oktober 2025, um 24 Uhr.













