Kirchen-Bilder und ihr fataler Einfluss
Alles Unglück beginnt im Kopf. Alles Unheil fängt damit an, dass unsere Vorstellungen drinnen und die Personen und Dinge draußen sich nicht entsprechen. „Mit dir habe ich den Himmel auf Erden“, dieses Bild von einer Ehe ist ja wirklich süß. Aber muss man sich dann wundern, wenn der Aufprall in dem Moment hart ist, da es plötzlich in rauem Ton heißt: „Ich bin doch nicht deine Putzfrau!“

Dominus pacem dat. – Der Herr gibt den Frieden. (S. Costanza, Rom)
Kirchenbildersturm – die erste Böe
Auch von der Kirche haben wir eine Menge Bilder und Vorstellungen im Kopf. Was wir über sie denken, worüber wir schimpfen, was wir an ihr lieben, es stammt von daher. Wie in einer Ehe oder sonst einer Beziehung kommt es deshalb entscheidend darauf an, ein angemessenes Kirchen-Bild zu entwickeln. Alles andere schadet der Kirche ebenso wie uns selbst und unserem Glauben.
Also erst einmal ein kräftiger Bildersturm! Heraus mit den Wunsch-, den Zerr- und den Klischeebildern! Viele Leute haben in puncto Kirche überhaupt nichts anderes im Kopf als solche Vorurteile. Ihre Bilder sind grobkörnig, wenn sie so richtig vom Leder ziehen (Beispiele seien mir erspart, ich werde da rot!). Verletzender sind aber die feinkörnigen Verzeichnungen, und sie finden sich auch in den sogenannten Qualitätsmedien und im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk. Ein Beispiel: An solchen hochseriösen Orten wird ein neuernannter Bischof todsicher im ersten Interview gefragt, wann die ersten Frauen zu Priestern geweiht werden, wann der Zölibat abgeschafft wird und überhaupt wie reformfreudig er ist. Die letzte Frage ist dann sicher nicht im Sinn von Mutter Teresa gemeint, die einmal von einem Journalisten gefragt wurde, was sich in der Kirche ändern müsse. Ihre Antwort lautete: „Sie und ich!“ Warum also besteht Kirche in der öffentlichen Meinung nur aus einer Handvoll Themen, die dann auch noch in einer rein weltlichen Perspektive von Machtverteilung und Reformeifer buchstabiert werden? So als wenn die wirklich großen Themen von Kreuz, Auferstehung, Heil und Erlösung gar nicht existierten. Warum wird ein neuer Bischof nicht etwa gefragt: „Macht Sie Ihr Glaube glücklich?“, „Was sagen Sie einem krebskranken Kind?“ oder „Könnte es sein, dass die Welt bald untergeht?“ Man hat eben bloß oberflächliche, weltliche Bilder von der Kirche im Kopf, und dementsprechend fallen auch die Fragen aus. Was würde man aber sagen, würde man einen neuen Fußballtrainer fragen, was er vom Vereinslogo hält und ob man bei den Spielerduschen lange warten muss, bis warmes Wasser kommt. Fazit: Kenntnis der und Interesse an der Kirche stehen in den öffentlichen „Diskursen“ offensichtlich auf einem nicht viel höheren Niveau als bei den Heiden im 2. Jahrhundert, die den Christen Kannibalismus unterstellten, weil sie ganz dunkel von der Kommunion als Leib Christi gehört hatte.

Behelfsbeichtstuhl wärhend der Renovierung (S. Agnese f.l.m., Rom)
Die zweite Böe – bloß weltliche Bilder abstreifen
Über all diese Klischees und Vorurteile werden sich Gläubige je nach Temperament aufregen oder schlicht darüber lachen. Aber jetzt kommt die nächste Stufe unserer Bilderpflege: lachen über sich selbst! Denn auch im eigenen Kopf braucht es den Bildersturm. Eine zweite und eine dritte Böe müssen uns selbst kräftig durchblasen. Die eine Böe weht alles bloß Menschliche, Irdische, Sichtbare davon. Nicht dass man am Menschlich-Allzumenschlichen in der Kirche nicht auch seine Freude oder manchmal auch seinen Zorn haben könnte. Emotionen bilden sich zumeist auf dieser Ebene, und deshalb beschäftigen wir uns gerade als Gläubige und Kirchenleute übermäßig viel damit. Das kann richtig süchtig machen, und dann hängt man stundenlang im Internet, immer auf der Suche nach Aufregern oder tapferen Widerstandskämpfern. Die Böe macht da den Kopf frei, sie erforscht das Gewissen, und siehe da: Angeblich geht es uns um den Glauben und die Moral, um die Heiligkeit und Reinheit der Kirche, aber was uns wirklich bewegt, sind ziemlich menschliche Kampf- und Überlegenheitsinstinkte, sind Rechthaberei und Gruppengeist. Etwas betreten stellen wir am Ende fest: Eigentlich interessieren wir uns auch eher um Logo- und Duschfragen. Zum Wesentlichen dringen wir dabei nicht vor, also wie beim Fußball zur Spieleraufstellung und zum Toreschießen. Dort zählt am Ende nur, wie viele Tore man geschossen und kassiert hat. Und bei der Kirche, was ist da wesentlich? Ihre einzigartige Stellung an der Seite Christi als ihre Braut, der Plan Gottes mit ihr, das Mysterium, ihre Sendung zum Heil der Menschen in Christus und die dafür eingesetzten Eckpfeiler ihrer Ordnung (Wort und Sakrament, Amt und Autorität). Der Torerfolg, das ist das Herz jedes Menschen, das für den Herrn gewonnen werden soll. Diese erste Böe reinigt unser Denken gehörig. Es geht nicht einfach ums Rechthaben, ja nicht einmal um Rechtgläubigkeit allein, so wichtig sie ist. Was nützt es aber etwa, die Unauflöslichkeit der Ehe leidenschaftlich zu verteidigen, aber nicht daran zu leiden, wie wenig Menschen das Geheimnis der Ehe auch nur erahnen, geschweige denn ihr Leben darauf bauen? Die Wahrheit unverkürzt zu bekennen, aber gleichzeitig den Seelen zu helfen, diese Haltung bleibt, wenn alles dürre Laub bloßer Rechthaberei weggeweht wurde. Wenn wir dagegen nur in die üblichen Polarisierungen fallen, wenn wir es genießen, so richtig saftig über Bischöfe, Theologen und kirchliche Einrichtungen herzuziehen, ist es ein sicheres Indiz dafür, dass unser Herz nicht wirklich für dieses Wesentliche schlägt.

Cancelli (S. Sabina, Rom)
Die dritte Böe – Völkerwallfahrt anstelle von Sintflut
Und die dritte Böe? Bestimmte Bilder von der Kirche passen jahrhundertelang, und dann auf einmal kommt man mit ihnen nicht mehr weiter und muss sich auf die Suche nach angemesseneren Bildern machen. Bei diesem Punkt müssen wir ein wenig ausholen. Vorweg also die These: Heute ist das Bild von der Kirche als Arche Noah inmitten der Sintflut der Welt weniger passend als das der Völkerwallfahrt zum Berg des Herrn. Das heißt? Über Jahrhunderte entsprach die Arche Noah genau dem Selbstverständnis der Kirche und ihrer Stellung in der Welt. Alle Seelsorge (und manchmal auch der strenge Arm des Gesetzes) war darauf aus, Menschen zu Mitgliedern der Kirche zu machen und sie ihre religiösen Pflichten erfüllen zu sehen. Natürlich hat man dabei auch gewusst, dass unter den Kirchenmitgliedern geistlich gesehen gewaltige Unterschiede herrschten. Auf dem Schiff der Kirche gab es die Heiligen auf dem Sonnendeck und eine Menge blinder Passagiere unter Deck. Aber die große Grenze war eben doch die: drinnen oder draußen. „Extra ecclesiam nulla salus. – Außerhalb der Kirche kein Heil.“ Dieses Bild war viele Jahrhunderte angemessen, und es ist erhebend zu sehen, wie diese Arche des Heils durch die Stürme der Jahrhunderte sicher geleitet wurde. Aber es setzte doch zwei Dinge voraus, die heute nicht mehr gegeben sind:
- Es herrschte das Bewusstsein des corpus christianorum vor, also das der universellen, einen Christenheit. Juden und Heiden wurden eher an den Rändern wahrgenommen, und als die Kontinente außerhalb Europas entdeckt wurden, hat man sich – auch mit Hilfe der europäischen Kolonialmächte – mit Feuereifer darangemacht, sie zu missionieren. Der Normalzustand war also: „Alle Mann (und Frau) an Bord!“ Die Arche der Kirche war ein gigantisches Schiff, in dem sich das Gros der Menschheit tummelte oder sich dort problemlos einfinden konnte. Wichtig war nur, dass das Kirchenschiff Kurs hielt und sich nicht fremde Steuerleute – sprich: Irrlehrer – oder Kapitäne – weltliche Mächte – seiner bemächtigten.
- Bemächtigen, das hat mit Macht zu tun. In der Tat war die Kirche etwa 1500 Jahre eine Macht, zeitweilig sogar die größte Macht auf Erden. Das wirkt heute noch nach, wenn Menschen denken, sie müssten sich von der Kirche und ihren Lehren „emanzipieren“, um frei ihr Leben zu gestalten. Unterm Strich war das zwar wohl schon eine segensreiche Zeit, aber sie hatte natürlich ihren Preis. Dabei denke ich gar nicht einmal an Kreuzzüge und Autodafés, sondern einfach daran, dass Christsein für den gewöhnlichen Gläubigen hieß, sich in die gegebene geistlich-weltliche Ordnung einzufügen und dabei die Autorität der Hirten und ihrer Weisungen und Gebote anzuerkennen. In besten Zeiten hat das immerhin ein erstaunliches Niveau von Gläubigkeit und sittlicher Ordnung hervorgebracht, weit über dem, was heute den Grundwasserspiegel des Glaubens kennzeichnet. Aber bei vielen ging die Gläubigkeit nicht weit über einige soziale Normen und Gewohnheiten hinaus.
Zu diesem Berg strömen alle Nationen (Is 2,2)
Seitdem hat sich das Rad der Geschichte weitergedreht. Die weltliche Sphäre, also Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und nicht zuletzt die persönliche Lebensgestaltung, haben sich fast vollständig vom christlichen Weltbild gelöst. Das hat die genannten beiden Voraussetzungen grundlegend auf den Kopf gestellt:
- Normalfall ist heute ein unaufgeregtes Heidentum, also ein Leben, als ob es Gott nicht gäbe. Selbst in jedem Gläubigen gibt es ein weites Feld der Lebensführung, das sich in nichts von der der Nichtchristen unterscheidet. Die Mehrzahl der „blinden Passagiere“ sind gar nicht getauft, längst aus der Kirche ausgetreten oder stehen bereits mit einem Fuß draußen. Der springende Punkt ist nun: Die Kirche will ihnen ihr Verhalten nicht zum Vorwurf machen, so als wären das alles pflichtvergessene Christen. Sie sagt vielmehr: Das alles sind verlorene Schafe, es sind Menschen auf der Suche, es sind Völker, Heiden mit Licht und Schatten. Die Kirche schaut im Licht dieser Frage auf die Menschen: Wie könnte ihr Lebensweg ein Hinweg zum Gottesberg Zion sein? Dass dies gelingt, Schritt für Schritt, manchmal mit Hilfe eines kraftvollen Wortes, manchmal auch nur mit einem geduldigen Mitgehen, dafür setzt sich die Kirche ein. Mit einem Optimismus, der weltlich gesehen bisweilen unklug oder gar lächerlich erscheinen könnte, glaubt die Kirche an die Verheißung der Propheten: „Der Berg des Hauses des Herrn steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen alle Nationen“ (Is 2,2).
- Die Kirche kann und will die Menschen nicht mehr mit ihrer Macht und Autorität „nötigen einzutreten“ („compelle intrare“, Lk 14,23). Der weltliche Arm steht ihr dazu ohnehin nicht mehr zur Verfügung. Deshalb kann ihre eigene Macht nur die Macht von Wahrheit und Liebe sein, die als glaub- und liebenswürdig erscheinen: „Anders erhebt die Wahrheit nicht Anspruch als kraft der Wahrheit selbst, die sanft und zugleich stark den Geist durchdringt“ (Erklärung „Dignitatis humanae“ über die Religionsfreiheit 1). Auch damit wird die Kirche in einer Welt des Powerplay für viele eine komische Figur abgeben. Verstehen wird man ihre Haltung nur, wenn man an Christus glaubt, seinen Sinn hat und bereit ist, zu dienen und nicht sich bedienen zu lassen (vgl. Mk 10,45).
Dieser kulturelle Wandel hat natürlich auch zu Verlusten, Gefahren und Verarmungen geführt. Dennoch läutet er nicht gleich den Untergang des Abendlandes ein. Jede Zeit hat ihre Licht- und Schattenseiten, auch für die Lage des Glaubens. Darum muss man auch nicht die alte geistlich-politische Ordnung mit der Brechstange aufrechterhalten. Eine neue Form könnte vielmehr so aussehen: Weitgehend ohne Machtmittel, dafür aber freundlich und einladend auf alle Menschen zuzugehen, ihnen ihr Halbheidentum nicht zum Vorwurf machen, sondern sie dazu verlocken, in die Fülle des Glaubens hineinzuwachsen, das ist eine sehr authentische, den Anfängen des Christentums verwandte Art des Kircheseins.

Schlüsselübergabe an Petrus (S. Costanza, Rom)
Ein neues Selbstbild der Kirche
Mit diesen epochalen Veränderungen musste sich auch das Selbstbild der Kirche wandeln. Nun setzt sie nicht zuerst und vor allem Grenzen, verurteilt und hält von sich fern, was Irrtum und Sünde ist. Vielmehr will sie sich „als eine sehr liebevolle, gütige und geduldige Mutter erweisen, voller Erbarmung und Wohlwollen zu ihren Kindern, die sie verlassen haben“ (Johannes XXIII., Eröffnungsansprache zum II. Vatikanischen Konzil „Gaudet Mater Ecclesia“ vom 11. Oktober 1962). Die Kirche geht auf alle Menschen zu, freundlich, einladend, im Wissen um alles Gute und Kostbare, das es unter ihnen gibt, in Würdigung ihres Sehnens und Strebens, auch und gerade da, wo es sich durch Irrungen und Wirrungen durchzukämpfen hat. „Gott will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen“ (1 Tim 2,4). Allen Menschen traut sie einen Weg in die Wahrheit zu und geht ihn geduldig mit. Um nicht missverstanden zu werden: Das neue Selbstbild lässt Wahrheit und Irrtum, Heiligkeit und Sünde ganz und gar nicht verfließen. In einer solchen Kirche sind nicht alle Katzen grau. Ganz im Gegenteil, jetzt erst wird der ganze Ernst, ja es werden die Abgründe von Sünde und Gnade sichtbar. Das Schicksal der Menschheit zeigt sich nun dramatisch wie beim verlorenen Sohn und nicht bloß als eine Frage von Unterordnung oder Widerspenstigkeit.
Bei mir bistu sheyn…
Natürlich ist dieser Wandel riskant. Wege statt Grenzen, ausgestreckte Arme statt Bannstrahl, Barmherzigkeit… nein, nicht statt Gerechtigkeit, aber als ihr Herz, das ist anstrengend, missverständlich und störungsanfällig. Verwischung und Verwässerung ist das ständige Risiko dieses neuen Kirchenbildes. Das ganze Drama der letzten Jahrzehnte seit dem II. Vatikanischen Konzil kann man daraufhin besser verstehen. Es wurde viel falsch gemacht, vieles mutwillig zerstört, ja sogar der Glaube nicht vertieft, sondern entstellt. All das bräuchte eine ruhige, unpolemische, aber auch nicht beschönigende Aufarbeitung und Gewissenserforschung. Dennoch, „das hätten wir uns alles sparen können“, also ein schlichtes „Weiter so!“, das war keine Alternative. Somit könnte man dieses Bild von der letzten Jahrzehnten in der Kirche entwickeln: Die Kirche ist um der Hirtenliebe Christi ein hohes Risiko eingegangen, doch der Widersacher hat ihre Verwundbarkeit brutal ausgenutzt. Er hat, wie der hl. Ignatius sagt, die schwächsten Stellen in ihrer Verteidigungsmauer ausgekundschaftet und ist dort eingebrochen. Gewiss waren Hirten und Volk oft naiv, leichtgläubig, vielleicht auch manchmal verführt durch die Aussicht auf ein Christentum light. Aber – und das ist jetzt entscheidend für unser Kirchenbild – es wäre zu billig, sich über Missstände zu entsetzen, sie zu verlachen und zu verachten. Man lacht auch nicht über Feuerwehrleute, die sich beim Löschen eines Hauses Brandwunden zuziehen, und sei es auch durch mangelnde Vorsicht. Nein, wir schauen tiefer als alles Menschliche, über das letztlich ja doch nur Gott ein Urteil zusteht. Wir erkennen in der Kirche die Braut Christi. Wenn sie blutet, wenn sie hungert, wenn ihr Angesicht entstellt ist, selbst wenn sie von den eigenen Hirten und Hauptamtlichen einen Skorpion statt eines Eies erhält (vgl. Lk 11,12), dann gibt es nur eine Antwort: eine erneuerte, eine vertiefte Liebe zur Braut, zu ihrer Schönheit und Würde. Wer wirklich kirchlich gesinnt ist, der singt ihr zu: „Bei mir bistu sheyn. – Für mich bist du schön“ (Sholom Secunda / Jacob Jacobs). Er wird seinen Stolz, seine Ehre, ja sein Blut und seine Tränen dafür einsetzen, diese Schönheit zu neuem Glanz zu bringen. Es ist der Glanz der Wahrheit und Liebe, der die Braut auszeichnet. Die Kirche soll in all ihren Gliedern, ja auch in denen, die es erst werden können, wachsen in der Wahrheit Christi, sie soll stark werden in der Liebe zum Herrn und in ihm zu allen Menschen.

S. Paul vor den Mauern (Rom)
Ein neues Denken und Sprechen über die Kirche
Was heißt das nun für unser Denken und Sprechen über die Kirche? Dreierlei:
1. Zunächst schlicht und einfach: Meine Gedanken und Worte über sie sind verständnis- und liebevoll und nicht hart, kalt, abkanzelnd oder gar zynisch. Letzteres ist heute weit verbreitet, und zwar links und rechts gleichermaßen. Ohnehin sind gesellschaftliche Debatten schärfer und unerbittlicher geworden, und wenn dieser Stil nun auch in der Kirche Einzug hält, ist das ein sicheres Zeichen unserer Verweltlichung – und zwar auch dann, wenn sie unter der Flagge der Verteidigung der Tradition segelt. Selbst da, wo ich Fehler und Irrwege zu erkennen meine, entwickle ich zunächst Mitgefühl und Verständnis. Vielen Irrwegen mangelt es doch nicht an guter Absicht, viele Fehlschläge sehen doch wenigstens eines richtig: Wir müssen etwas tun und können die Hände nicht bloß in den Schoß legen. Nur mit einer solchen Haltung kann ich dann auch den Finger in die Wunde legen und Auswege vorschlagen.
2. Sodann muss ich den Wechsel der Bilder verinnerlichen: von der Sintflut zur Völkerwallfahrt. Ich will die neue Situation begreifen und bejahen. Dazu kann ich mich in die Haut der vielen verlorenen Schafe fern von Glauben und Kirche hineinbegeben, kann mit ihren Augen das Erscheinungsbild von Kirche und Seelsorgern wahrnehmen, kann deren Sprache hören und mich fragen: Lädt mich das wirklich ein, mich tiefer auf den Glauben einzulassen? Hilft mir das effektiv, mit meinem Leben zurechtzukommen? Hat es sogar ein solches Gewicht, dass ich mein Leben grundlegend ändere? Man kann das einmal anhand der heftig umstrittenen Fragen von Ehe- und Sexualmoral durchspielen. Wie müsste die kirchliche Lehre da formuliert werden, um in all den komplizierten Beziehungskonstellationen den entscheidenden Sprung nach vorne zu ermöglichen? Welche Vorbilder christlicher Partnerschaft lösen Staunen und Bewunderung und nicht Kopfschütteln und Befremden aus? Lösungen für Lebensprobleme zu entwickeln ist tausendmal schwieriger als bloß Wahrheiten zu bekräftigen.
3. Schließlich etwas ganz Schlichtes: Der Kirche und ihrer Seelsorge ist mit bloßem Rechthaben nicht viel gedient. Wer mitten in der Arbeit steht, braucht helfende Hände und nicht bloß süffisante Kommentare. Die Arbeit der Seelsorge sucht eben Lösungen und nicht nur Mahner und Kritikaster. So ist es ein Leichtes, die Krise der Katechese bloßzustellen. Weiter hilft bei der Glaubensweitergabe aber nur, wenn jemand überzeugende, erfolgreiche Modelle z.B. bei der Sakramentenvorbereitung zu entwickelt. „Viel hilft viel“ ist sicher nicht die Zauberformel. Wenn ich Zeugnisse von manchen glaubenseifrigen Christen höre, dann bestehen sie oft hauptsächlich aus einer Bekräftigung von Glaubenswahrheiten, die mit viel Überzeugung vertreten werden. Wunderbar – aber meistens weitgehend wirkungslos außerhalb der eigenen Kreise der bereits Überzeugten! Darum kann man allen nur raten: Lasst euch selbst vor das Joch spannen! Unterzieht euch der Mühe der Glaubensweitergabe und des schlichten Dienstes, haltet Religionsunterricht oder Kommunion- und Firmkatechesen, macht Besuche am Krankenbett und seid euch nicht zu schade, in einem bunt gemischten Team zusammenzuarbeiten! Hört den Menschen zu, versucht sie zu verstehen und zu lieben, bevor ihr sie belehrt! Haltet dabei aus, nicht nur ein paar Wochen, sondern über viele Jahre! Nur das ist Arbeit im Weinberg des Herrn, anstatt sich nur mit ein paar Lieblingsblumen aus einer Blumenhandlung zu umgeben und bei ihrem Duft von Neuaufbrüchen zu schwärmen! Warum? Allein schon, weil man derart unterm Joch erst wirkliche Erfahrungen macht, und solche Erfahrungen geben unserem Bild von der Kirche und den Leuten erst Farbe und Gestalt.
Die Kirche wird beschrieben als die makellose Braut des makellosen Lammes (Offb 19,7; 21,2.9; 22,17); Christus hat sie „geliebt und sich für sie hingegeben, um sie zu heiligen“ (Eph 5,26) (Lumen gentium 6)
Wer durch eigenen Einsatz eine persönliche Erfahrung mit der Kirche, ihren Gläubigen und ihren Verantwortlichen gewonnen hat, gewinnt für sein Kirchenbild eine ganze Palette von Farben. Selbst bei offenkundigen Irrwegen – wie zuletzt gehäuft bei der katholischen Kirche in Deutschland – muss er nicht gleich den Teufel an die Wand malen. Wo gehobelt wird, fallen Späne, und wo eine so anspruchsvolle Arbeit wie die Evangelisation in Angriff genommen wird, ist die Zahl der Fehlversuche, Irrtümer und falsch gepolter Methoden weitaus häufiger als die Erfolge. Man kann Fehler kritisieren, ohne dabei den Beteiligten schlechte Absicht oder mangelnden Glauben zu unterstellen. Wenn eine Lawine abgegangen ist, reibe ich mir auch nicht selbstzufrieden die Hände: „Seht ihr, ich habe es ja vorhergesagt!“, sondern ich eile hin und rette, was zu retten ist. Wo Missstände sind, lernt man, differenziert zu kritisieren. Da erkennt man die Herausforderungen durchaus an – also z.B. die Veränderung in der gesellschaftlichen Einstellung zur Homosexualität -, ohne zu übersehen, dass vorgeschlagene Antworten den Kern kirchlicher Lehre preisgeben oder auch wo es sich bloß um schöne Worte handelt und nicht um eine Hilfe für die einzelnen Betroffenen.
Vor 60 Jahren hat sich die Kirche auf einen notwendigen, aber beschwerlichen und gefährlichen Weg begeben. Seine größte Gefahr droht nicht von außen, sondern in den eigenen Reihen. Unangemessene Leitbilder führen dabei in Sackgassen. Die einen lehnen diesen Weg grundsätzlich ab oder stehen zumindest nicht dahinter, die anderen nutzen ihn aus, um eine andere Kirche und einen anderen Glauben zu propagieren. Fast überall sieht man vor allem bloß das Menschliche in ihr, und vielfach überträgt man die Logik des politischen Machtkampfes auf sie. Wer dagegen das Bild von der Braut Christi vor Augen hat, wird sie lieben, trotz und in allem. Er wird sie schützen, wo sie befleckt wird; er wird sie verteidigen, wo sie verweltlicht wird; er wird ihr Herz und Hände anbieten, wo sie müde bei ihrer Sendung geworden ist, das Licht Christi zu allen Menschen zu tragen.
Beitragsbild: Vignetten der letzten Päpste (S. Paul vor den Mauern, Rom)



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