Lehramt wozu?

Man muss sich schon gehörig die Augen reiben. Was ist das denn? Ausgerechnet in der katholischen Kirche scheint es seit neuestem kein Lehramt mehr zu geben. Priestertum der Frau, Interkommunion, Zusammenhang von Weiheamt und Leitungsvollmacht, Heiligkeit und Bestimmtheit der Ehe, kurz alles, was das Lehramt seit Jahrzehnten nicht müde wird unmissverständlich vorzulegen, gilt in vielen Theologen- und kirchlichen Kreisen bloß noch als eine angeblich schlecht begründete Meinung, die man nicht weiter ins eigene Kalkül einbeziehen muss. Oder genauer: die bloß ins Machtkalkül einbezieht, wobei man darauf hofft, dass die größere Macht allemal die öffentliche Meinung ist, die dem Lehramt schon Beine machen und vor sich hertreiben wird (was ja leider nicht ganz aus der Luft gegriffen ist). Weshalb der Dissens dann auch sofort die Medienöffentlichkeit sucht, anstatt Papst und Bischöfen mögliche Schwächen in der Argumentation im persönlichen Gespräch darzulegen. Darum übrigens auch das Liebäugeln mit einem Dritten Vatikanischen Konzil. Ein Scherzbold würde wohl eher das erste Konzil von Limburg prognostizieren, weil dann ja die wichtigsten Konzilsmacher mit dem Fahrrad und ganz ohne CO2-Ausstoß anreisen könnten. Weiterlesen

Der Archimedes-Komplex

Zur Instruktion der Kleruskongregation „Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst an der missionarischen Sendung der Kirche“

„Störe meine Kreise nicht!“ So soll der Mathematiker und Naturphilosoph Archimedes (ca. 287-212 v. Chr.) einem römischen Soldaten ärgerlich zugerufen haben, der beim Sturm von Syrakus in sein Haus eindrang. Das war sein letztes Wort… Ein römischer Bauer vor dem Erfinder der Kreiszahl Pi, sollte der dem Genie etwas zu sagen haben, nur weil er ein Schwert in der Hand hält? Ähnlich ungehalten haben nicht wenige Kommentatoren auf die Instruktion der Kleruskongregation „Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst an der missionarischen Sendung der Kirche“ reagiert. Haben sie nicht über Jahre einen deutschen Sonderweg in Sachen Pfarreireform propagiert? Durften sie nicht ein bisschen stolz sein auf die Quadratur ihrer Kreise, mit deren Hilfe nun „die Pfarrei ganz neuen Typs“, „der große Wurf“, „der Perspektivwechsel“ und manches andere zu Papier gebracht wurde? Weiterlesen

Christ und Corona

„Das ist der Drache, den du geformt hast, um mit ihm dein Spiel zu treiben“ (Ps 103,26 Vulgata). Ein Drache ist von China ausgegangen, um die Welt zu erobern. Nicht mit Feuer und Schwefelatem, nicht mit schuppigem Schwanz und glühenden Augen, nein, mit der unverschämten Vitalität des ganz Einfachen, des auf Menschen übergesprungen Virus namens SARS-CoV-2, kurz „Corona“. Unsichtbar wie „die Pest, die im Finstern schleicht“ (Ps 91,6), mit der List einer symptomfreien, aber sehr ansteckenden längeren Inkubationszeit und mit der noch größeren Schliche, Gesunde und Jüngere zu beruhigen, für sie wäre COVID-19 nicht viel mehr als eine mildere Grippe, hat er in den entscheidenden ersten Wochen das Sankt-Florians-Prinzip auf seiner Seite gehabt. Doch einen Drachen besiegt man, indem man ihm fest in die Augen schaut. Weiterlesen

Post aus Rom für Deutschlands Katholiken – der Papstbrief zum synodalen Weg

„Ceci n’est pas une pipe. – Das da ist keine Pfeife.“ So lautet die Bildunterschrift unter ein typisches Bild von René Magritte von 1929. Doch was ist darauf zu sehen? Ganz unverkennbar – eine Pfeife! Das Bild trägt den Namen „La trahison des images“, also etwa „Der Verrat an den Bildern“. Das Ganze hat einen recht komplexen kunsttheoretischen und semiotischen Hintergrund. Auf der Hand liegt aber eines: Es ist immer Verrat, frech das Gegenteil zu behaupten von dem, was zu sehen ist. Denn man muss nur seine Augen gebrauchen und nicht in ein Bild das hineinlesen, was man im Kopf hat.

Am 29. Juni 2019, dem Hochfest der Apostelfürsten Peter und Paul, hat Papst Franziskus, der Nachfolger Petri, den deutschen Katholiken einen Brief geschrieben. Schon bevor er veröffentlicht wurde, ging der Streit um die Deutungshoheit los. Liest der Papst dem Katholizismus hierzulande die Leviten? Oder bringt er umgekehrt einfach großen Rückenwind aus Rom für den „synodalen Weg“ und das „Anything goes“, das mittlerweile offensichtlich auch den Episkopat erfasst hat? Gibt die Magritte’sche Pfeife hier also bedrohlichen Rauch von sich oder ist sie die sanft einlullende Friedenspfeife? Weiterlesen

Vom Umgang mit dem Missbrauch

Der folgende Beitrag erschien im „Klerusblatt“ 99 (2019) Nr. 5, 105-111, also an der gleichen Stelle, an der Papst emerit. Benedikt XVI. im Monat zuvor seine ernsten Worte zum Umgang mit dem sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche gefunden hat. Punkt 4 meines Beitrags wurde inzwischen an mehreren Orten verkürzt wiedergegeben.  Hier kann man solche Darstellungen mit dem Original vergleichen. – Ich danke dem „Klerusblatt“ für den Abdruck und für die Genehmigung der Veröffentlichung als Blog.

 

Foto: Quelle http://www.flickr.com/photos/djsacche/185335570/

Benedikt XVI. hat eindringliche Worte zu den schrecklichen Tatsachen des sexuellen Missbrauchs gefunden. Selten fand sich in den letzten Monaten eine solche Klarheit der Analyse, Tiefgang der Erforschung der Hintergründe und Entschiedenheit der Konsequenzen. Die leider oft unschöne Kritik beruhte oft auf voreingenommener und oberflächlicher Lektüre. Bischof Franz Jung von Würzburg hat ganz treffend vor der Selbstzerfleischung der Kirche gewarnt. Hier ist sie mit Händen zu greifen. Stattdessen hätte eine aufmerksame Lektüre feststellen können, dass der emeritierte Papst keine umfassende Analyse vorlegen wollte, sondern „den einen oder anderen Hinweis zur Hilfe in dieser schweren Stunde“ [1] gab. Weiterlesen