Hast du alles gehört, so lautet der Schluss: Fürchte Gott und achte auf seine Gebote! Das allein hat jeder Mensch nötig (Koh 12,13)

 

Zehn Ratschläge fürs Studium der Theologie

1. Lies täglich einen kleinen Abschnitt in der Heiligen Schrift und gehe einmal im Studium die wesentlichen Teile von Genesis bis Offenbarung intensiv durch! Denn die Bibel ist die „Seele der Theologie“ (Optatam totius 33) und „wer die Schrift nicht kennt, kennt Christus nicht“ (Hieronymus). Gebrauche dabei am besten eine zuverlässig kommentierte Ausgabe. Ich empfehle die „Jerusalemer Bibel“. Lass Dir beim täglichen Schriftstudium Zeit, verdaue das Gelesene, wende es auf Dein Leben an und komme dadurch ins Gespräch mit Gott, etwa mit der Methode der Schriftbetrachtung des hl. Ignatius von Loyola oder der „lectio divina“.

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Theologie (Raphael, Stanza della Segnatura / Apostolischer Palast, Vatikan, 1509/10)

2. Beachte den Rhythmus: zuerst den Glauben kennenlernen und ihn dann geistig durchdringen! Der Glaube ist der Glaube der Kirche, und er ist der gleiche in allen Jahrhunderten. „Ihr seid von Herzen der Lehre gehorsam geworden, an die ihr übergeben wurdet“, sagt treffend der hl. Paulus (Röm 6,17). Darum gilt es, diesen Glauben im Zusammenhang und mit seinen Einzelheiten zu vertiefen (etwa mit Hilfe von Katechismen und Glaubensbüchern). Dann erst kann man ihn mit Hilfe theologischer Argumentation verstehen, begründen und verteidigen lernen.
3. Baue Dir nach und nach eine kleine Bibliothek mit Standardwerken auf! Dafür kann man auch die zuverlässige Quelle von Geschenken zu Weihnachten, zum Geburtstag und von der besten Oma von allen nutzen. Dabei geht es nicht um den „letzten Schrei“, sondern um Bücher, von denen Du ein Leben lang zehren kannst:
•    Klassiker: natürlich die Bibel im hebräischen und griechischen Original (mit entsprechenden Hilfsmitteln zur Lektüre und Lexika) und dann einige große Werke der Theologie (s.u.).
•    Hand- und Lehrbücher zu den einzelnen theologischen Disziplinen (zur Prüfungsvorbereitung und weit darüber hinaus), sei es von Deinen Professoren, sei es zuverlässige andere Werke. Sie brauchen keinen besonderen Ansatz, sondern sollen das Wissenswerte kirchlich, zuverlässig, klar und verständlich präsentieren. Um den Überblick zu behalten und bei den vielen Thesen und Diskussionen den klaren Blick nicht zu verlieren, sollte man zu Beginn und bei auftauchenden Fragen den „Katechismus der katholischen Kirche“ gut durchstudieren.
•    Nachschlagewerke: Der rasche Click im Internet verführt zur Annahme, dort alles zu finden, was man sucht. Doch die meiste Information ist nicht zuverlässig, gründlich und verantwortlich genug, zumindest erkennt man das nicht immer auf den ersten Blick, und schon sitzt man Vorurteilen, einseitigen oder sogar verkehrten Ansichten auf. Geprüfte Informationen, das leisten anerkannte Lexika, etwa das katholische „Lexikon für Theologie und Kirche (LThK)“. Wer sparen will, kann auch irgendwo die zweite Auflage „abstauben“; für die wesentlichen Informationen ist es immer noch zuverlässig. Und ganz umsonst gibt es eben doch ein paar Lexika in den Datenbanken Deiner UB, z.B. die evangelische „Theologische Realenzyklopädie “ (TRE), oder frei im Netz das „Wissenschaftliche Bibellexikon im Internet“ (WiBiLex).
•    Textsammlungen zu lehramtlichen Entscheidungen: König darunter ist der „Denzinger“ (die Übersetzung ist allerdings ziemlich holprig; fürs Erste leistet auch der „Neuner-Roos“ gute Dienste). Gerne empfehle ich daneben für Freunde des geistlichen Lebens auch den „Guibert“, sozusagen den Prinzregenten neben dem Denzinger. Ansonsten sollte man auch die wichtigsten lehramtlichen Texte gut kennen, also etwa das Zweite Vatikanische Konzil sowie Schlüsseltexte des päpstlichen Lehramtes aus den letzten beiden Jahrhunderten (gründlich: die zweisprachige Ausgabe von „Conciliorum oecumenicorum decreta“).
4. Lies Quellentexte! Die neuere Theologie begann mit dem „ad fontes (zu den Quellen, d.h. den Originalwerken)“ der Humanisten wie Erasmus von Rotterdam. Lerne in den Studienjahren etwa einige davon aus allen Epochen gründlicher kennen. Hier mein Vorschlag (mit einer leichten Schlagseite für spirituell geprägte Werke; bei den dicken Wälzern reichen auch Auszüge) – zum persönlichen Ergänzen:

  • Augustinus, Confessiones (Bekenntnisse) – wer den Bekehrungsweg des bedeutendsten lateinischen Kirchenvaters in Buch 1 bis 9 nicht verschlingt, dem kann ich auch nicht mehr raten…
  • Thomas von Aquin, Summa theologiae (Summe der Theologie) – das „must read“ für jeden nicht nur katholischen Theologen, der Klassiker der Klassiker, sicher und differenziert in fast allen Fragen und mit überwältigender Wirkungsgeschichte (nicht erschrecken vor dem Umfang und der Fachsprache, man liest sich bald ein; am besten mit ausgewählten Einzelfragen beginnen, z.B. mit den berühmten Beweisen für das Dasein Gottes in STh I, qu. 2, art. 3)
  • Bonaventura, Itinerarium mentis in Deum (Weg des Geistes zu Gott) – die Quadratur des Kreises: präzise scholastische Theologie für die franziskanisch-mystische Erfahrung Gottes in aufsteigenden Stufen
  • Maximus Confessor, Zwei Centurien über die Gotteserkenntnis – ein Höhepunkt der griechischen Patristik mit einem sicheren Sinn für die Transzendenz Gottes und den Weg in sein Geheimnis
  • Robert Bellarmin, Ausführliche Erklärung des christlichen Glaubens – einer der hellsten Köpfe der katholischen Theologie, beinahe allwissend in Bibel, Kirchenvätern und Scholastik, hat das Wunder vollbracht, Glauben, Gebet, Moral und Sakramente einfach, ansprechend und nachvollziehbar zu erklären
  • Franz von Sales, Philothea („Introduction à la vie dévote“) von 1609 – eine überaus ansprechende Einführung in das geistliche Leben (berühmt ist die bilderreiche Sprache, der warme Ton und… eine Strenge, die man gar nicht merkt)
  • Alfons Maria von Liguori, Theologia moralis (Moraltheologie) – oder eine neuere Moraltheologie (sehr praktisch finde ich immer den Jesuiten Hieronymus Noldin, Summa theologiae moralis; dass er lateinisch schreibt, und zwar ein einfaches Gebrauchslatein, ist doch eher ein Grund als ein Hindernis, oder?)
  • Therese von Lisieux, Geschichte einer Seele – die nach den „Bekenntnissen“ des Augustinus populärste geistliche Autobiographie, voll von geistlicher Theologie, in „Stories“ verpackt
  • [und aus der Gegenwart:] Jean-Marie Lustiger, Die Verheißung. Vom Alten zum Neuen Bund – ein prägnanter Entwurf der wohl wichtigsten Frage der Theologie des 20. Jahrhunderts, der nach den jüdischen Wurzeln des Christentums
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Allegorie einer theologischen Disputation (Abraham van der Eyk 1721, Musée des beaux arts / Lyon)

5. Nutze die Bibliotheken am Ort! Sie sind durch nichts zu ersetzen, sicher auch nicht durch Google-Books & Co. (das kann man natürlich zusätzlich nutzen, aber niemals ausschließlich). Über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte haben sie gesammelt, was für wissenschaftliches Arbeiten unentbehrlich ist. Darüber hinaus erschließen sie über Datenbanken, Fernleihen usw. das Wissen beinahe der ganzen Welt. Lerne ihre Winkel, ihre Möglichkeiten und ihre verborgenen Schätze kennen und habe immer ein paar ausgeliehene Bücher auf dem Zimmer stehen.
6. Entwickle Studien- und Lerntechniken, denn das größte Problem besteht darin, zu wenig Zeit zu haben. Manches studiert man am effektivsten aus Skripten oder Handbüchern, anderes braucht Vertiefung. Manche Bücher muss man von der ersten Seite bis zur letzten lesen (das ist die Minderheit), andere nur mit einzelnen Kapiteln und Abschnitten, wieder andere braucht man nur für ein paar gezielte Angaben. Nach und nach bekommt man dann Routine in den wichtigsten Arbeitsweisen des Studiums: Recherche, Lesen, Exzerpieren, Schreiben und Präsentieren.
7. Unterwirf Dich der methodische Strenge der einzelnen Disziplinen: Was sind die notwendigen Schritte, worauf ist zu achten, welche Kompetenzen benötige ich dafür? „Mir gefällt das“, „Ich finde das aber so“ oder „Das habe ich eben gefunden“ genügt nicht. Wie das Tanzen eine vollendete Körperbeherrschung einübt, so das Studium Selbst- und Geistesbeherrschung. Halte darum nie Deinen ersten, spontanen Gedanken, Deine Ansichten und Denkgewohnheiten für das Maß aller Dinge!
8. Unterscheide Pflicht und Kür! Vorgeschriebene Studienprogramme und Prüfungen sind wichtig, aber nicht alles. Nutze die Spielräume, um das Lehrangebot anderer Fakultäten oder fakultative Angebote Deiner eigenen Fakultät zu nutzen – das ist oft besonders prägend. Prüfungen sind nicht alles. So vertiefe das Gelernte an mindestens einer Stelle während des Semesters über diesen Stoff hinaus.
9. Verbringe wenn möglich ein bis zwei Semester im Ausland – aber vergiss dort das Studium nicht! Bereite es langfristig vor, lerne die dortige Sprache flüssig zu sprechen und zu verstehen und gleiche rechtzeitig das Studienprogramm mit den Erfordernissen Deiner Heimatuniversität ab.
10. Entwickle allmählich eine Tages- und Lebensordnung, die Dir angemessen ist – gleich ob early bird oder Nachteule. Genieße das studentische Leben und seine Freiheit, aber bleibe ordentlich! Widme dem Studium so viel Zeit, wie sie ein gleichaltriger Berufstätiger auf Arbeit verbringt, aber kenne auch einen Feierabend. Schließe Freundschaften (oft halten sie fürs Leben), z.B. durch Verabredung zum Mittagessen, entdecke die Möglichkeiten Deiner Studienstadt für Kirche, Kultur und manches andere, aber halte es auch alleine auf deinem Zimmer aus und vergiss das Beten nicht! Habe ein Zuhause, aber verleg Deinen Lebensschwerpunkt auf die Studienstadt! Und wenn‘s Probleme gibt, egal ob studientechnisch, geistlich, psychisch oder finanziell, hole Dir Hilfe und lass nichts anbrennen!

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