Ich google oft, wenn ich etwas wissen will. Manchmal aus purer Bequemlichkeit, z.B. bei einer Rechtschreibfrage den Duden, obwohl ich ihn auch im Bücherschrank stehen habe. Nicht immer habe ich allerdings so viel Glück, wie wenn ich dann schwarz auf weiß lese, dass das Klima in der Arktis neuerdings „rau“ und nicht „rauh“ ist. Ansonsten, wenn es nach Auskünften im Internet ginge, wäre ich schon dreimal tot, sieben Mal bankrott und abwechselnd tief depressiv oder der glücklichste Mann der Welt. Der Grund? Etwa eine Milliarde Websites gibt es. Da findet man zu allem etwas, und das auch noch in Sekundenschnelle, einen gemütlichen Burger in der Linken. Was man dabei allerdings findet, das hat nicht immer so viel Nährwert wie dieses Fast-food-Produkt (und das will schon etwas heißen!). Also, gewusst wie, das gilt auch für Recherchen im Internet. Dazu aus leidvoller Erfahrung ein paar Tipps – egal ob für Online-Shopping, Gesundheitsratgeber, Reiseanbieter oder eben auch Wissens- und Wissenschaftsfragen. Die Tipps stammen übrigens aus der wissenschaftlichen Arbeit, lassen sich aber gut auf alles Mögliche im Internet übertragen.


1. Prüfe die Quellen! Wer betreibt die Website? Ist er seriös? Welche Kompetenz hat er? Welche Interessen könnten ihn leiten: Geld, Ideologie, Selbstüberschätzung? Und nicht nur bei Facebook & co. nie vergessen: Es gibt nicht nur gute Menschen, sondern auch böse, und die haben keine Skrupel zu lügen, zu betrügen, zu verleumden, zu beschimpfen oder gar zu Hass und Gewalt aufzurufen – manchmal auch unter dem Deckmantel von (Pseudo-)Wissenschaft. Beinahe liebenswürdig sind da im Vergleich die Geschäftsangebote steinreicher afrikanischer Witwen, die ausgerechnet mich mit ihrem Geld zu überhäufen versprechen… Also ein bisschen altmodisch: „Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, auch der virtuellen.“ Oder: „Vor dem click ein think!“
2. Führe dir die Gründe vor Augen, mit denen jemand Behauptungen aufstellt! Der Mund voll genommen ist schnell, aber womit voll genommen, das ist die Frage. Kaut er nur wieder, was längst anderswo zu finden ist? Vielleicht sogar bloße Klischees und Vorurteile? Das Internet wirkt da wie Dorftrasch: In Windeseile breitet sich ein Gerücht auf unzähligen Seiten aus, und schon hat man den Eindruck: Das muss ja stimmen, das hört man doch überall. Das wird auch nicht besser, wenn jemand den Dorfältesten spielt und das Gerücht als unumstößliche Weisheit präsentiert. – Gott sei Dank gibt es aber auch die Seiten, da hat sich jemand wirklich selber Gedanken gemacht. Der Weltenbummler kommt heim und hat etwas zu erzählen, was keiner sonst zu bieten hat. Doch auch dann gilt: Interessant ist noch nicht richtig.  Weitgereiste neigen ja bekanntlich zu einer Menge Seemannsgarn. Oder wenn sie gescheit daherkommen, stellt es sich am Ende bloß als Jägerlatein heraus. Darum gilt: Nicht was jemand sagt, zählt, sondern mit welchen Gründen er es sagt. Und da hat die wissenschaftliche Methode auf einmal eine ganz unmittelbar praktische Bedeutung. Denn sie kennt die Unterscheidung: Gründe können in Gedanken oder in Fakten bestehen, also theoretisch oder empirisch vorgetragen werden. Oder man vermischt gleich beides.
•    Argumentiert jemand theoretisch und wendet bestimmte Prinzipien an? Da suche ich etwa zu Migräne und finde eine Erklärung aus der Disharmonie meiner Chakras. Hochinteressant, und doch: Er sagt gar nichts zu den Fakten, sondern diskutiert Ideen. Das ist durchaus denkbar, aber umso mehr fragt es sich: Wie tragfähig sind diese Ideen? Wo liegen ihre Grenzen? Wie sind sie auf eine Situation anwendbar? Welche konkurrierenden Ideen müssten ebenso beachtet werden? So setzen die Chakras den Glauben an einen Astralleib und bestimmte Energiezentren im Körper voraus, und wenn ich davon nicht überzeugt bin, dann ist diese Seite eben doch bloß höherer Humbug.
•    Hat er zu seinen Gedanken eigenständig die notwendigen Fakten recherchiert, d.h. geht er empirisch vor? Da erzählt jemand vielleicht von seiner eigenen Migräne und wie er nach vielen Jahren endlich durch das Zaubermittel Vanille-Extrakt erlöst wurde. Oder eine Seite, die im ranking der Suchmaschine ganz oben platziert wurde, empfiehlt dieses Mittel, das schon die alten Ägypter kannten und erzählt von einer Wunderheilung. Den Rausch des Wunders gönnen wir ihm und seinen Freunden, aber wir bleiben skeptisch: Wie zuverlässig ist diese Auskunft: Handelt es sich um ein bloßes Zufallsergebnis? Hat man etwa den einen Fall herausgepickt, wo es geholfen hat, und die 99 erfolglosen Fälle ignoriert? Oder wird irgendeine Studie herbeigezogen, deren Zuverlässigkeit und deren Ergebnisse nicht nachgeprüft werden können?
•    Ganz häufig ist schließlich der Vermischungstrick. Da werden die Fakten wie unsere Heilungsgeschichte gleich mit einer bestimmten Deutung präsentiert, also z.B. der Chakrenlehre. Oder noch einfacher überzieht jemand einfach den Aussagewert seiner Recherchen. Doch „eine Schwalbe macht noch keinen Sommer“ (Aristoteles), und eine Vanille-Heilung macht noch kein Allheilmittel. (Sonst müsste es demnächst ja Vanilleeis auf Rezept geben. Okay, schlechtes Beispiel, denn wer hätte da etwas dagegen?). Also ganz systematisch die Vermischungsfehler: Da schließt jemand von Einzelfällen auf das Allgemeine (z.B. nach einem islamistisch motivierten Anschlag: „Alle Muslime sind gewaltbereit“), biegt Trends zurecht (z.B. „Die Partei NN. konnte ihren Abwärtstrend stoppen“, wenn sie genauso schlecht abschnitt wie bei den letzten Wahlen) oder legt die Fakten auf das Prokrustesbett einer Generaltheorie (z.B. „Die zunehmende Schere zwischen Arm und Reich belegt die Unmenschlichkeit des Wirtschaftssystems“, auch wenn es Menschen in niedrigen Einkommensschichten faktisch deutlich besser geht als vor einigen Jahren).
Vorsicht: Gerade Leute und Einrichtungen mit hochmoralischer Gesinnung werden schnell zu „Gesinnungstätern“. Ihre hohen Ziele lassen gar keine anderen Ergebnisse mehr zu als die, die zu ihnen passen. Wie sagte schon Hegel: „Wenn die Tatsachen nicht mit der Theorie übereinstimmen – umso schlimmer für die Tatsachen.“ Dazu kommt: Ihre hohe Motivation lässt sie wie Wühlmäuse den ganzen Boden durchackern auf der Suche nach Nahrhaftem für ihre Thesen. Auf der Wühlmaus-Homepage steht dann: „Aus langjähriger Erfahrung kann ich bestätigen: Die Erde besteht aus nichts anderem als aus Würmern, Raupen und Wurzeln.“ Und daneben finden sich viele Bilder, die eben dies belegen. Das Ganze wirkt am Ende überwältigend, und sie haben auch Antworten auf alle Einwände – aber es ist doch nicht viel mehr als Ideologie.
3. Vergleiche verschiedene Seiten miteinander! Dazu muss man zunächst erkennen, welches die eineiigen Zwillinge unter den Seiten sind. Diese tragen zwar vielleicht eine verschiedene Kleidung, weisen aber dieselbe Genetik auf, d.h. sie sind ganz ähnlich entstanden. Dadurch hat die zweite Seite keinen Mehrwert zur ersten und wiegt den Leser nur in der falschen Sicherheit, verschiedene Meinungen gehört zu haben. Das gilt übrigens auch für viele Beiträge in den sogenannten Qualitätsmedien. Es ist wie beim Arzt: Die „zweite Meinung“ hat nur Wert, wenn sie unabhängig ist. Unabhängig heißt nicht nur: nicht abkopiert, sondern aus eigenen Untersuchungen bestätigt.
4. Leiste dir ein Community-hopping! Nie gehört? Kein Wunder, den Begriff habe ich eben erst selbst geprägt. Dabei springst du in andere Netze. Ja, das Inter-Net besteht aus vielen Netzen, worin Leute ständig voneinander abschreiben, aufeinander reagieren und damit leicht betriebsblind für andere Fakten und Meinungen werden. Communities verstärken fast immer nur eine Meinung oder Tendenz, selbst wenn dann über Details heftigst gestritten wird. Das gilt übrigens auch in der Wissenschaft. So ergab kürzlich eine Studie, dass Freunde und Gegner der salzarmen Ernährung immer nur die eigenen Leute zitieren, die anderen aber einfach ignorieren. Wobei es zu dieser Studie sicher auch noch eine Gegenstudie gibt… Interessant jedenfalls ist auch der Sprung in andere Sprachwelten. Man ist erstaunt, wie viel man dort erfährt, was bei uns kein Thema ist. Kleiner Gewinn am Rande: Amerikanische Foren sind oft (nicht immer!) hilfreicher, weil konkreter, konstruktiver und einfach auch mit viel mehr Teilnehmern.


5. Habe Geduld bei der Suche, bis du die goldrichtige Seite findest! „Wer sucht, der findet, und wer anklopft, dem wird aufgetan“, heißt es schon in der Bibel, und das erinnert daran, dass man dranbleiben muss, wenn man etwas erreichen will. Stundenlange Suche ist zermürbend, aber ohne sie stößt man nur als geborener Glückspilz auf die Seite, die alles bietet, was man braucht: Da hat jemand sich richtig viel Mühe gegeben, er ist ein Experte auf dem Gebiet, und es passt auch wunderbar zu dem, was man sucht. Das ist schon beinahe wie im Gleichnis von Schatz im Acker und von der kostbaren Perle. Eine solche „Wunder“-Seite findet man  nämlich meistens erst, wenn man das Internet wie einen Acker regelrecht durchpflügt hat. Darum: Wenn’s schnell gehen muss, geht’s am Ende nur umso langsamer. Denn anderntags merkt man, wie idiotisch das ist, womit man sich zufriedengegeben hat.
6. „Der Weg ist schmal, der zum Leben führt“, das gilt auch für die Recherche. Das One-click-Ergebnis verlockt, und wenn es dann noch die Antwort auf alle Fragen verspricht, klatscht man doch in die Hände, oder? Nein, echte Recherche fängt dann erst an, nachdem man etwas gefunden hat: überprüfen, vergleichen, etwas auf meine genaue Frage hin lesen, eine „zweite Meinung“ einholen usw.
7. Es gibt nicht nur das berüchtigte „dark internet“, sondern auch das „payed internet“. Viele der richtig guten Informationen, viele Datenbanken, Archive und Ressourcen sind nur zahlenden (oder zumindest angemeldeten) Visitors zugänglich. Öffentliche Einrichtungen wie die Statistischen Bundes- und Landesämter sind in aller Regel kostenfrei, auch wenn sie für bestimmte Daten Anmeldevoraussetzungen haben, z.B. dass man selbst an einer wissenschaftlichen Einrichtung arbeitet. Daneben gibt es viele andere wissenschaftliche und professionelle Einrichtungen, die z.B. umfangreiche Archivfunktionen anbieten. Die gute Nachricht: Viele eigentlich bezahlte Seiten hat der Steuerzahler uns bereits aufgetan. Königsweg: die Datenbanken der Universitätsbibliotheken (Prinzessinnenweg: kommunale Bibliotheken). Da tut sich ein wissenschaftlicher Tummelplatz auf, herrlich! Gerne durchstöbere ich auch Seiten, die nicht meiner Spezialdisziplin angehören. Meistens kostet es einige Mühe, sich darin erst einmal kundig zu machen, aber oft lohnt es sich.
8. Im Internet ist man vom ersten Click an heiß umkämpfter Kunde. Irgendwie hat man schon bei den Suchmaschinen den Eindruck, sie sind schwerhörig und haben einen IQ kleiner als 80.
•    Schwerhörig: „Meinten Sie…“, obwohl man’s ganz richtig buchstabiert hat, und dann kommt etwas nach dem Prinzip „Knapp vorbei ist auch daneben“.
•    Und der IQ: Da gibt man klar an: „Landtagswahlergebnis Saarland 2017“, nur um auf Seite Eins eine Menge Links zu Zahlen und Berichten aus dem Wahlkampf oder sogar von Wahlen vergangener Jahre zu erhalten.
Der Grund: Die am besten zahlenden Anbieter müssen auf Seite Eins geschoben werden, auch wenn sie wirklich nichts zu meiner Suchanfrage zu bieten haben. Die Manipulationsmöglichkeiten sind fast unbegrenzt – und sie werden auch ebenso genutzt. So mache ich mir klar: Hier zähle ich nicht als jemand, der Informationen sucht, sondern als jemand, der Geld ausgeben könnte. Ein orientalischer Basar ist nichts dagegen. Also, „Holzauge sei wachsam!“ Dann kann man immer noch das eine oder andere Schnäppchen machen.


9. Internet ist toll, aber Papier ist noch toller. Zugegeben, das Internet ist aus dem Geruch eines Info-Mediums für halbe Analphabeten längst heraus. In vielen Bereichen kommt es aber doch an die normalerweise viel ausführlicheren, von einem Verlag und einer wissenschaftlichen community geprüften Ergebnisse eines Buches oder einer Zeitschrift nicht heran. Und: Vorsicht vor der Quantitätsfalle im Internet! Natürlich erhalte ich in rauhen Mengen alles Mögliche im Internet, was irgendwie zu meiner Frage passt. Dann suche ich mir vielleicht aus, was mir am besten passt, und das war’s. Doch dann hält die Qualität meines Ergebnisses meistens nicht mit dem Schritt, was ich in Büchern gefunden hätte. Was nicht heißt, dass die neun Ratschläge nicht auch für Gedrucktes nötig wären…

Ein Gedanke zu „Neun Ratschläge für Recherchen im Internet

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