„Horror vacui“, die Furcht vor der Leere, wird seit Aristoteles der Natur zugeschrieben. Wie Luft in ein Vakuum einströmt, so setze die Natur alles daran, das Leere aufzufüllen. Nicht nur die Natur. Leer, schrecklich, furchterregend leer kann auch ein Blatt Papier sein, der weiße Bildschirm meines Textverarbeitungsprogramms oder… der Raum zwischen meinen beiden Ohren, der auf einmal wie leergefegt erscheint: Was soll ich schreiben? Wie anfangen? Welchen ersten Satz stelle ich an den Anfang? Tja, und irgendwann erweist sich der Hirnskasten dann doch als ein typisches Stück Natur, und so passiert dann doch genau das, wie wenn der Verschluss des Vakuums entfernt wurde: Wild und ungeordnet schreibt es drauf los, Seite um Seite füllt sich, aber die anfängliche Erleichterung weicht dem blanken Entsetzen: Was ich geschrieben habe, ist ja Kraut und Rüben! Besser, einen kühlen Kopf zu bewahren – und das heißt hier: einen klaren Kopf, der weiß, was bei Verfassen einer schriftlichen Arbeit wann und wie zu tun ist. Darum hier ein paar Hilfen zum geordneten Strömen der Sätze beim Verfassen einer schriftlichen Arbeit.

Was kanalisiert also das Strömen der Sätze? So dass die Leitungen weder verstopft sind und sich dahinter nervöser Hochdruck aufstaut oder dass es am Ende eine große Überschwemmung, eine Wortschwemme gibt? Ebenfalls auf Aristoteles in seiner „Rhetorik“ gehen die fünf Arbeitsschritte beim Verfassen einer Rede zurück. In meinem Buch „Predigen – Grundlagen und praktische Anleitung“ habe ich diese Schritte regelrecht ausgeschlachtet fürs Predigen. Doch auch für wissenschaftliche Arbeiten sind sie bestens zu gebrauchen. Mit ihnen weiß man stets, was gerade zu tun ist und wie es möglichst effektiv verwirklicht werden kann. Wie lauten diese fünf Arbeitsphasen und was bedeuten sie in der Wissenschaft?

  1. Intellectio und inventio: Kernsatz und inhaltliche Vorarbeit.
  2. Dispositio:Strukturierung des Gefundenen, Erstellung einer Grob- und dann einer Gliederung und Zuordnung der Inhalte zum Gedankengang.
  3. Elocutio: Sprachliche Formulierung in der Niederschrift und ihre Überarbeitung („Feinschliff“).
  4. Memoria: Auswendig lernen muss man seine womöglich mehr als 100 Seiten zwar nicht, aber jeder Gedanke sollte Außenstehenden jederzeit in leicht nachvollziehbarer Form mündlich erläutert werden können (andernfalls fehlt noch die Klarheit, d.h. die Passagen müssen überarbeitet werden).
  5. Actio: Die rechtzeitige Abgabe der Arbeit in formal korrekter Form und die Auseinandersetzung mit ihrer Beurteilung.

Man merkt schon, die letzten beiden Arbeitsschritte wollen wir an dieser Stelle einmal beiseite lassen. Denn für schriftliche Arbeiten sind natürlich die ersten drei entscheidend. Doch alle drei wären entschieden zu viel für einen Blog.

  • Intellectio und inventio, Kernsatz und inhaltliche Vorarbeit, haben wir wenigstens teilweise schon behandelt, nämlich in den Tipps zu „Wie man ein Buch liest“, zur theologischen Literaturrecherche und zu Recherchen im Internet. Das ist noch nicht alles, aber eben auch nicht nichts. Kein Vakuum, aber für sich allein genommen doch noch ein bisschen arg dünne Luft. Aber was nicht ist, das kann ja noch werden…
  • Dispositio,also die Gliederung meines Textes, da herrscht nun tatsächlich noch Blog-Vakuum. Um wenigstens anzudeuten, wie es gefüllt werden kann, hier nur so viel: Alles hängt an einer klaren, sachgerechten Kernfrage für die gesamte Arbeit. Dann nämlich gliedert sich jeder Schritt entsprechend seiner Stellung im Gesamt meiner Lösung der Kernfrage. Damit habe ich ein hervorragendes Kriterium dafür in der Hand, was wohin kommen muss oder ob es nicht vielleicht sogar überflüssig ist, anderes dagegen noch fehlt.

So haben wir jetzt chirurgisch genau den dritten Schritt herausgeschnitten, die elocutio bzw. Niederschrift der Arbeit. Um ihn soll es an dieser Stelle gehen.

Elocutio: Sprachliche Formulierung in der Niederschrift

Fluch des Computers?

Vorweg müsste jetzt erst einmal ein Lamento stehen: „Vom Fluch des Computers“. Nicht aus einer Vorliebe fürs Ewig-Gestrige, für Schreibmaschinengeklapper oder gar das Kratzen des Gänsekiels. Sondern weil dieses hübsche Instrument gleich doppelt den niederen Instinkten des Menschen entgegenkommt.

  • Erstens ist es so unverschämt leicht geworden, auszuschneiden, zu löschen, zu überschreiben, zu kopieren und was es noch so alles an Funktionen gibt, die uns das „Quod scripsi, scripsi“ des Pilatus ersparen. Die Folge ist paradox: Wenn man irgendwann des ständigen Herumbastelns müde ist, erscheint der Text den Lesern oft alles andere als definitiv, sondern irgendwo zwischen Materialsammlung und lautem Nachdenken versandet.
  • Zweitens tippt man viel leichter, schneller und eben auch deutlich mehr, als wenn man dasselbe von Hand schreiben müsste. Was die Pandemie des Geschwafels zur Folge hat, eine der betrüblichsten Entwicklungen im Buchwesen! (Für Leute jenseits der 50: Schon der Wechsel von der mechanischen zu elektronischen Schreibmaschine hatte damals diesen „logorrhötischen“ Effekt!).

Und der Exorzismus dieses Fluches? Keine Angst, nicht den PC zum Fenster hinaus werfen. Auch dieser Text ist ja anstandslos an einem solchen verfasst worden! Sondern? Aufmerksam werden für die Sprache. Wissen, dass die Formulierung ein eigenständiger und wichtiger Schritt ist. Er erfordert Zeit, Sorgfalt und Entdeckerfreude – nämlich daran, wie man etwas anders besser ausdrücken kann. Zum Beispiel ist die Überschrift „Die Taufe in der Geschichte“ noch reichlich ungenau: Erzähle ich darin Taufbräuche aus zwei Jahrtausenden, berichte über bedeutende Taufen von Clodwig bis Edith Stein oder… Wovon genau handelt das Kapitel? Etwa von der Entwicklung der Tauftheologie (also auch nicht die lehramtlichen Äußerungen zur Taufe)? Warum sage ich nicht genau dies, und zwar präzise: „Entwicklung der Tauftheologie von nachneutestamentlicher Zeit bis zum II. Vatikanischen Konzil“?

Drauflosschreiber und Perfektionisten

Nun empfinden vielleicht nicht ausnahmslos alle den PC als Fluch. Das kann an der Schreibstrategie hängen. Davon gibt es nämlich zwei Idealtypen. Beide sind gleicherweise legitim, jedoch sind sie einander diametral entgegengesetzt: Drauflosschreiber und Perfektionisten. Die Drauflosschreiber wollen möglichst rasch alles loswerden, was sie zum Thema im Kopf haben, die Perfektionisten zielen gleich im ersten Versuch die Druckfassung  an. Nochmals mit unserem „horror vacui“ ausgedrückt: Die einen sind die Natur, die mit wildem Brausen die Leere so rasch wie möglich ausfüllt, die anderen starren wie das Kaninchen auf die Schlange auf diese Leere und sind wie gelähmt. Nochmals: Ob ich so oder so ich vorgehe, ist Typfrage und gleicherweise möglich. Wenn ich nur um die Klippen und Gefahren weiß:

  • Die Drauflosschreiber beginnen oft viel zu früh mit dem Schreiben, vielleicht auch mit der Überzeugung: Je schneller ich schreibe, umso eher habe ich das über die Bühne gebracht. Die Folge: Das einmal Geschriebene erweist sich dadurch als viel definitiver, als es gemeint war. Konkret: Ich bastele nachher noch viel herum, aber 80-90 % des im ersten Wurf Verfassten findet sich dann in der Endfassung wieder, und das ist oft zu mehr als 50 % deutlich schlechter, als es hätte sein können.
  • Die Perfektionisten schieben den ersten Satz auf den Sankt Nimmerleinstag auf. Das heißt nicht, dass bis dahin der PC unbeschäftigt bleibt. Im Gegenteil, Datei um Datei wachsen Exzerpte, heruntergeladene Texte, Bibliographien und allerhand gescheites Gerümpel und füllen die Festplatte. Das heißt auch: Immer mehr Aspekte, Zitate, Gedanken und Verweise habe ich vor Augen, und da sehe ich am Ende vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Woche um Woche türmt sich das alles immer bedrohlicher auf und nimmt einem den letzten Mut, endlich den Text selbst zu verfassen.

Beiden Typen helfen einige Strategien:

  • Sprechdenken: Ich formuliere laut (das ist wichtig!), was ich auf der nächsten Seite, in einer schwierigen Fußnote, im anstehenden Kapitel oder in einer Gliederung zu sagen habe – am besten erst einmal möglichst einfach und ohne allen Ballast (Das berühmte „Wie würde ich es meiner Oma erklären?“), denn das klärt und reinigt ungemein. Dann kann man Schlüsselsätze so aussprechen, wie sie auch verschriftlicht werden könnten. Endlich fängt man an, im Zusammenhang zu reden, so als wollte man sich selbst diktieren (das kann man auch wörtlich nehmen und die eigene Stimme auf dem Smartphone aufnehmen).
  • Das Gespräch mit Kommilitonen – und mit blutigen Laien: Je einfacher und allgemeinverständlicher ich etwas ausdrücken kann, umso klarer muss ein Gedanke mir selbst geworden sein. Unübertroffen etwa Jesus: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ (Mk 1,15). Ein Satz, der die ganze Heilsgeschichte, Eschatologie, Toratreue und Christusereignis enthält – und doch viel ansprechender daherkommt als diese tonnenschweren theologischen Begriffe. Also: Mach‘s wie der Sohn Gottes, werde… Wort!
  • Weise Pädagogen haben es verfügt, dass wir als Kinder in der Schule immer noch so etwas Altmodisches wie mit der Hand zu schreiben gelernt haben. Jetzt ist die Stunde, davon zu profitieren. Also, Schmierblätter aller Schubladen, vereinigt euch! Auf einzelnen Blättern (für Ordentliche: Karteikarten) schreibe ich Gedanken oder Stichworte auf, male mir mit Pfeilen, Diagrammen und Schaubildern einen Gedankengang auf oder veranschauliche etwas mit Bildern. Die Blätter schiebe ich dann auf dem Schreibtisch solange hin und her, bis ich eine überzeugende Ordnung gefunden habe. Variante: Auf einem Blatt Stichworte verteilen und sie mit Pfeilen, kreisen, Schraffierungen usw. in einen Zusammenhang bringen.
  • Schreibhemmung bei den Perfektionisten und wildes Chaos bei den Drauflosschreibern sind in 99 % der Fälle das Symptom für die am meisten verbreitete Krankheit unter Akademikern: die Unklarheit in der Sache. Genauer: Die Unfähigkeit, das, was ich zu sagen habe, in einem Satz auszudrücken. Dadurch sind auch Grob- und Feingliederungen keine logischen Gedankenschritte, sondern eher das Stapeln von nur locker zusammenhängenden Ideen. Zumindest grundsätzlich haben wir uns gegen diese Krankheit bereits immunisiert, nämlich gleich am Anfang bei der intellectio und inventio sowie, was die Gliederung angeht, in der dispositio. Häufig merkt man aber erst jetzt, wenn das Schreiben ansteht, dass Kernfrage oder Gliederung an einzelnen Stellen noch schwächeln. Umso besser: Nichts ist so glatt, dass man nicht noch daran feilen könnte! Ein praktischer Wink: sich die Kernfrage und die dispositio deutlich sichtbar am Arbeitsplatz vor Augen stellen: „The big question is watching you!“

Guter wissenschaftlicher Stil

So, jetzt aber endlich zum Schreiben selbst, der eigentlichen Aufgabe der elocutio. Was ist guter wissenschaftlicher Stil? Zunächst ein paar unselbstverständliche Selbstverständlichkeiten.

  • Wissenschaftlicher Stil ist Hochdeutsch; wenn man einmal einen treffenden Begriff oder eine Redewendung aus der Umgangssprache, einem Dialekt oder auch der Popkultur verwendet, sollte man sie in Anführungsstriche setzen oder durch „gewissermaßen“ o.ä. einleiten.
  • Dieser Stil vergisst nie: Wissenschaft ist Klarheit, kein Nebelwerfer. Wie ich schreibe, erhellt meine Sache und verdunkelt sie nicht. „Warum einfach, wenn‘s auch kompliziert geht“, gilt bei manchen als Weg zu wissenschaftlicher Anerkennung. In Wirklichkeit ist es der beste Weg dazu, dass kein Mensch von meiner Arbeit profitieren wird. Fachbegriffe, Differenzierungen und komplexere Gedankengänge müssen von der Sache her gefordert sein, nicht um den Eindruck zu erwecken, bei den ganz Großen mitreden zu können. In der Theologie darf man darum den gebildeten Laien als Maßstab der Verständlichkeit wählen.
  • Fremdworte und Fachbegriffe, sofern sie nicht bereits in die Alltagssprache eingegangen sind, sind deshalb begründungspflichtig. Also nur einsetzen, wenn damit ein echter Gewinn an Klarheit und Präzision verbunden ist – und sie das erste Mal erklären, also z.B.: „die Aseität Gottes (von ‚ens a se – Sein, das sich selbst und keinem anderen verdankt‘)“. Das ist übrigens ein guter Test, ob jemand es selbst verstanden hat oder nur in der scientific community (dem Kreis der in dieser Wissenschaft Tätigen) mitplappert. Und bitte, bitte keinen Weltraummüll (total vom Boden abgehoben, aber doch völlig überflüssig) hinterlassen, z.B. „Diskurs“, „Metaebene“, „Subjektorientierung“ usw.
  • Wissenschaft ist strikt sachlich. Traditionell vermied man deshalb peinlich das Wörtchen „ich“ – und das ist gut so, denn es bezeugt den Anspruch auf Objektivität, nicht bloß persönlicher Überzeugung und Vorurteil. Ggf. behilft man sich mit „der Autor / Verfasser / Schreiber dieser Seiten“ usw. Nur im Vorwort gelten mildernde Umstände. Sachlich – und das ist noch viel wichtiger -, und zwar rein sachlich, muss auch mit Positionen umgegangen werden, die man vertritt oder die man zurückweist. Gerade in der Theologie ist das nicht immer einfach, denn manchmal stehen ja letzte Wahrheiten auf dem Spiel. Dennoch steht es dem Geist der differenziert wahrnehmenden Wissenschaft gut an, selbst bei entschiedener Ablehnung einer Position dem anderen nicht den Respekt zu verweigern. Das gilt natürlich nur für rein wissenschaftliche Arbeiten. In anderen Genres, etwa dem Essay, der Rezension oder der populärwissenschaftlichen Darstellung, darf man schon mal deutlicher werden – aber stets klar in der Sache und nicht beleidigend gegen die Person. Feine Ironie übrigens ist in diesem Fall die Methode der Wahl.
  • Wissenschaft hat Würde, und darum ist ihre Sprache gewählt und nicht „wie der Schnabel gewachsen ist“. So darf das Vokabular aus deutlich mehr als den 500 Wörtern des rudimentären Alltagsdeutsch bestehen. Der Autor hat nicht einfach drauflosgeschrieben, sondern sich seine Formulierungen gut überlegt. Eleganz ist kein schädlicher Luxus. Aber auch nicht siebenfach gekräuselter Rokokoschnörkel.

Einige Grundfertigkeiten

Nun aber zu den immer wieder gebrauchten Grundfertigkeiten wissenschaftlichen Schreibens. Greifen wir die drei wichtigsten heraus, den Unterschied von Wiedergabe und Forschung, die Erläuterung von etwas Vorgegebenem und die Diskussion.

  • Gut unterscheiden sollte man referierende (wiedergebende) und explorierende (erforschende) Referiert werden in der Disziplin bereits bekannte und vertraute Erkenntnisse, die bei mir als Prämissen meines eigenen Forschens angeführt werden. Hier gibt man wieder, was sich etwa in einschlägigen Monographien, Handbüchern und Enzyklopädien findet, also z.B. die wichtigsten Fakten, Personen und Verläufe der Französischen Revolution. Das ist wie ein breiter, ruhig dahinfließender Strom. Wichtig ist hier nur, sich nicht in unnötigen (wenn auch für mich vielleicht neuen oder interessanten) Details zu verlieren, sondern den Strom ohne Verwirbelung weiterfließen zu lassen. Vielmehr sollte man das Referat zuspitzen auf den Punkt, um dessentwillen ich die Thematik benötige. Bei der Französischen Revolution könnte das etwa sein die Perversion der ursprünglichen Ideale, weil mein eigenes Thema die gewandelte Haltung des einfachen Klerus ist und diese sich daraus gut erklären lässt. Explorativ dagegen wird es, wenn ich die eigene Forschung entwickle, also grundsätzlich Neuland betrete. Da muss jeder Schritt genau dokumentiert, jedes Argument wasserdicht (und das heißt gesichert gegen mögliche oder wirkliche Einwände) und der Gedankengang lückenlos sein (darum immer wieder Zwischenergebnisse glasklar darstellen und sichern!). Dieser Unterschied hat übrigens auch eine sehr praktische Konsequenz: Wenn ich die Sache nur gut verstanden habe, geht das Referieren meistens sehr viel leichter und schneller von der Hand als das Erforschen. Solche Passagen eignen sich darum auch gut zum Anfangen, um Schreibhemmungen zu überwinden. Da sollte man auch nicht zu viele Hemmungen und Skrupel haben, sondern die Seiten ruhig und klar entwickeln. Sonst bringt man zu viele Seitenthemen auf und verliert sich darin. Nein, hier gilt es, in großen, gut nachvollziehbaren Linien das zu zeichnen, was an dieser Stelle nötig ist.
  • Erläuterung eines Zitates oder Gedankens: Da ist es wie in der Presse – Fakten und Kommentare sind deutlich erkennbar voneinander zu trennen. Zuerst also das brutum factum: Was ist hier gesagt oder gemeint? Möglichst genau und für meine Fragestellung erschöpfend gebe ich es wieder. Oft muss man Zitat oder Gedanken dafür sezieren, also seine einzelnen Elemente, seine Entwicklung, seine Kontexte und Bedingungen einzeln herausarbeiten und so erhellen. Das ist mühsam, und so lesen sich viele Erläuterungen auch bei renommierten Autoren oft bloß wie redundante Wiederholungen des Gesagten, als wären sie im Spiegelsaal von Versailles und hätten ihre Lust dran, dasselbe Dutzende Male wieder und wieder zu sehen. Wenn sie nicht dem noch größeren Fehler verfallen, sofort zum Kommentar überzugehen. Dann wird ein Zitat oder Gedanke nur „verbraten“, aber gar nicht mehr mit seinem eigenen Gewicht zur Geltung gebracht. So werden Zitat und Gedanke bloß eine Zielscheibe für die eigenen Schüsse. Schnellschüsse eben!
  • Diskussion mit Pro und Contra: Das ist der Suppenwürfel in der wissenschaftlichen Brühe. Umso wichtiger ist es, dass er sich gleichmäßig in ihr verteilt und nicht in ungenießbaren Brocken zurückbleibt. Denn die entscheidenden Schritte meiner These sind nicht evident, sondern müssen durch Argumente überzeugen – und das heißt dann auch, mögliche und in der Literatur tatsächlich vorgetragene Gegenargumente müssen entkräftet werden. Dafür muss man ganz genau den Umfang der eigenen These im Blick behalten, denn „qui nimis probat, nihil probat“, also zu viel beweisen zu wollen führt dazu, am Ende nichts wirklich bewiesen zu haben. Die Argumente müssen also präzise auf die These passen. Bei den Gegenargumenten zeigt sich das Ethos wahrer Wissenschaftlichkeit: Ich mache sie stark und nicht fertig! D.h. ich ermesse ihre Tragweite, arbeite ihre starken Punkte heraus und versuche sie zu verstehen. Dann erst kann ich herausarbeiten, inwiefern sie meine These nicht falsifizieren (oft aber modifizieren, ihre Reichweite begrenzen oder auch nur genauer verständlich machen). Den größten Gewinn dieses Verfahrens habe ich selbst. Denn wenn ich mir die Stärken meiner Gegner aneigne, wird meine These erst wirklich auf Fels gebaut. Bei der Darstellung des einzelnen Argumentes gilt, was im vorangegangenen Punkt zur Erläuterung gesagt wurde: zunächst muss es inhaltlich möglichst getreu und nachvollziehbar dargestellt werden, dann erst darf ich es kommentieren, bewerten und ggf. entkräften. Alles andere wäre ein gnadenloses Ausschlachten; es verzwecklicht Erkenntnisse – und macht dadurch blind für das, was sie wirklich zu sagen haben!

Einige besondere Passagen

Schließlich noch einige Hinweise zu besonderen Passagen der Arbeit:

  • Der Titel ist der wichtigste Teil der Arbeit. Er will darum wohlüberlegt sein. Wahrscheinlich weil da den meisten das Herz in die Hosentasche rutscht, sind die meisten Titel ängstlich bis nichtssagend. Konkret: Viele wählen Ober- und Untertitel. Das kann man machen, aber es passiert allzu schnell, dass die beiden sich gegenseitig wie unerzogene Hunde ankläffen – sprich: nicht zueinander passen -, anstatt die Leser mit großen, erwartungsvollen Augen anzuschauen. Darum die Faustregel: Der Obertitel ist fürs Herz und der Untertitel für den Verstand. Oben darf ein hübsches Zitat, ein ansprechendes Wort, ein Neugier weckender Begriff Signalwirkung entfalten (wenn‘s nicht zu abgegriffen wäre, würde ich sagen: Das ist die Blondine auf der Kühlerhaube des tollen Schlittens im Automobilsalon.) Unten dann aber (siehe Kernfrage!) in kühler Präzision genau das, wovon die Arbeit handelt (also der extrem auf den Millimeter gearbeitete Acht-Zylinder-Motor). Aber ein Titel geht auch in einer Zeile, manchmal sogar mit einem einzigen Wort. Dann aber nichts Affektiertes, Unklares oder Verschwommenes, sondern der Inhalt der Arbeit, in einer Zeile auf den Punkt gebracht. Wenn mögliche Leser nicht in Sekundenschnelle begreifen, worum es geht, haben wir das Kunststück fertiggebracht, dass sie die Arbeit ablehnen, noch bevor sie sie aufgeschlagen haben.
  • Ein kleines Notabene: Angepasst gilt das Gesagte auch für alle Überschriften in Kapiteln und Unterkapiteln. Zusätzlich sollte man hier auf Einheitlichkeit achten, also nicht z.B. einmal mit und einmal ohne Artikel (2.3 Die Taufe 2.4 Firmung) oder einmal als Wortgruppe und einmal als ganzer Satz (3.1 Gotteskindschaft aus der Taufe 3.2 Die Taufe befreit von der Erbsünde). Vor allem aber sollten die Überschriften einfach, aber aussagekräftig gehalten sein, so dass ein erster Blick auf die Arbeit bereits möglichst viel von ihrem Aufbau und Gedankengang preisgibt.
  • Kritische Passagen sind jeweils Einleitung und Schluss, und zwar sowohl bei der gesamten Arbeit wie bei jedem Kapitel. Auch wenn es pedantisch erscheint, stets sollte (ggf. nach einem kleinen appetizer) anfangs stehen, wozu das Folgende dient und mit welchem Gedankengang dieses Ziel erreicht werden kann. Am Ende sollte das gleiche gut nachvollziehbar zusammengefasst und so das Ergebnis gesichert werden. Ebenfalls kann man an diesen Stellen ein Kapitel mit dem größeren Ganzen verbinden („nexus“), also etwa: „Bis zu diesem Punkt ist bereits einsichtig geworden…“ Es lohnt sich, daran zu schleifen, denn Schnellleser stürzen sich mit Vorliebe auf diese Zusammenfassungen. Probe aufs Exempel ist es, sie allein herauszukopieren und hintereinander zu lesen: Ergibt es einen gut nachvollziehbaren Gang der Arbeit?
  • Fremdsprachige Zitate gibt man im Text besser auf Deutsch wieder (das zeigt auch, wie man selbst die Stelle versteht); in der Fußnote kann man es dann original beifügen, wenn darin ein Gewinn besteht. Oft genügen auch Schlüsselbegriffe aus dem Original in Klammern.

Ist das alles? Natürlich nicht. Aber für den Rest gilt: Übung macht den Meister. Man schreibt sich ein, findet seinen Stil und nach und nach geht es leichter von der Hand. Wenn man nur klar hat, was man schreiben will. Siehe Kernfrage…!

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