Ein Lebenslauf (Fragment)

Geboren wurde ich am vorletzten Tag der Weihnachtszeit, also kurz vor Krippenschluss, und nur fünfzehn Monate nach meinem Bruder. Ich war hochwillkommen, versicherte mir später meine Mutter, und ich sehe keinen Anlass, daran zu zweifeln. Nach mir entband sie in acht Jahren noch vier Mal, nur um am Ende feststellen zu müssen, dass sie mit Nur-Familie doch nicht recht ausgelastet war. Auch daran besteht kein Zweifel, denn in kinderreichen Familien erziehen die Sprösslinge sich bekanntlich selbst, wobei die Hauptlast selbstverständlich den beiden Ältesten zukommt, die in diesem Fall drei kleine Schwestern und einen noch kleineren Bruder durch Fläschchenhalten, Müllmann-Spielen (auf die hintere Stange des Kinderwagens steigen), auf Matratzen wetthupsen, lange und verwickelte Gutenachtgeschichten ohne erkennbares Ende erzählen und natürlich durch das moralische Vorbild zu brauchbaren Staatsbürgern erziehen.

Mein erster Schrei zerriss die Mittagsstille eines Saarbrücker Krankenhauses, intelligenterweise erst kurz nachdem der zuständige Arzt, ein älterer Herr in gewissenhafter Vorbereitung seines wohlverdienten Ruhestandes, sich vom Mittagsschlaf erhoben hatte. Diese selbstlose Tat wurde mir zeitlebens durch eine in meinen römischen Studienjahren entwickelte Siestaleidenschaft gelohnt. In der Folgezeit sah es mit der Intelligenz des noch weihnachtlichen Säuglings etwas mau aus, so dass meine Eltern bereits begannen, sich um den Spätentwickler Sorgen zu machen: „Er wird doch nicht auf die Hilfsschule müssen!“ Dem konnte ich freilich entgehen, ja sogar die Grundschulzeit in bloß drei Jahren absolvieren – so allerdings auch alle Gleichaltrigen auf Volks- und Hilfsschule, denn der Beitritt des Saarlandes zur Bundesrepublik Deutschland hatte uns drei Kurzschuljahre zur Anpassung an den Schuljahresbeginn nach den Sommer- anstatt den Osterferien gebracht, einschließlich der willkommenen Ausrede bei Rechtschreibfehlern und Wissenslücken: „Das ist nicht mehr drangekommen.“

Aus meiner noch nicht stubenreinen Zeit ist noch ein Zwist zwischen Mutter und Schwiegermutter ums Abkochen meiner Windeln überliefert, bei dem mein Vater untadelig die Partei derer, deren Ring er trug, einnahm und der nach kurzem Hochkochen wie so viele Familienkonflikte über kurz oder lang im Sande verlief. Folgeschäden dieses frühkindlichen Dramas ließen sich wohl nur durch angestrengteste Psychoanalyse freilegen, die ich mir fest für den Ruhestand vorgenommen habe. Offenkundig ist hingegen ein anderer Zusammenhang: Diese Zeit fiel zusammen mit der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils. Mein älterer Bruder hatte übrigens am Tag der Wahl von Johannes XXIII. das Licht der Welt erblickt und genoss das Privileg, langanhaltend von allen Glocken der Stadt gefeiert zu werden. Meine Beziehung zu dieser weltbewegenden Kirchenversammlung war dagegen deutlich zurückhaltender und lässt sich gut mit den Worten Peter Ustinovs zusammenfassen: „When you are two years old, you have other problems.“

Um nun aber nicht erneut meiner Neigung zu langen und verwickelten Gutenachtgeschichten zu verfallen, der Rest in Kürze. Eine Ironie der Vorsehung wollte es, dass ein so konservatives Persönchen wie ich am meisten zu danken hat für eine Handvoll Revolutionen, die den Lebenslauf, mit dem lustigsten aller Parteinamen aus Mexiko gesprochen, zur „Partei der institutionalisierten Revolution“ machen. 1969 zuerst der Wechsel ins Gymnasium. Ziemlich verloren wandte ich mich an den einzigen Bekannten im Gewühl der achthundert Jungen auf dem Schulhof: „Wo müssen wir uns denn hier aufstellen?“ Ja, gestern noch Volksschule alten Kalibers, mit Aufstellen in Zweierreihen, Mucksmäuschenstille im Klassenraum und Rohrstock in der Ecke (keine bloß leere Drohung), und schon stolperte ich in das vom Nach-68er-Geist erregte Gymnasium und ging als Klassensprecher gegen die Frankenthaler Beschlüsse auf die Straße, da übrigens durchaus in Reihen (bitte nicht fragen, gegen was wir da waren, ich verstand es schon damals nicht). Nächste Revolution 1973: zurück in die Vorzeit, genauer in die Griechischklasse eines humanistischen Gymnasiums. Mein Vater hatte da ein wenig nachgeholfen, ich brachte aus unseren Diskussionen doch ein wenig zu viel unverdaute Agitation mit. Griechisch, das hieß für mich Philosophie, eigentlich vor allem Sokrates. Es fing die Zeit an, da wir uns auf dem Schulhof mit „Sag mir nun also, mein Bester“ begrüßten. Geschadet hat es nicht, und seitdem ist Theorie für mich alles andere als grau.

1978 Eintritt ins Priesterseminar, ein Schritt, der trotz Hausschlüssel und hauseigener Kegelbahn immer noch etwas von „Alles verlassen“ der ersten Jünger an sich hat. Meine Mutter attestierte mir zwar viel später, vor diesem Datum hätte ich mich keinen Drogen und sexuellen Exzessen ergeben. Was die Rauschmittel angeht, ist ihr mein erstes Bier in der Kneipe „Lehrer Lämpel“ gegenüber unserem Schulgebäude allerdings verborgen geblieben, zu dem mich einige liederliche Kameraden verleiteten und dessen Fahne ich beim Heimkommen durch Unter-mich-Sprechen und gierigen Verzehr des Mittagsmahles zu verschleiern suchte. Um das „Alles verlassen“ noch einmal zu unterstreichen, stand ich am 2. September 1979 am Bahnhof, einen Koffer und die Fahrkarte nach Rom in der Hand. Sieben Jahre war ich Alumnus im Germanikum. Diese glückliche Zeit, sieht man von anderen Zeiten ab, habe ich anderswo ausführlicher beschrieben (Rom im Futur). Ihr Höhepunkt war die Priesterweihe 1984.

1986 der Sprung ins kalte Wasser: Seelsorge als Kaplan in Neunkirchen (Saar), allerdings wohlbehütet in einem familiären Pfarrhaus. Das einzige, was an Rom erinnerte, waren die vielen italienischen Gastarbeiter, wie man sie damals noch nannte (Migrationshintergrund konnte ich selbst ja inzwischen nachweisen). Doch auf ihre Bedürfnisse war ich durch das Studium kaum vorbereitet: Wegbeschwören des malocchio eines sizilianischen Nachbarn, durch den die Tochter erkrankt war; eine renovierte Pizzeria segnen; von weither zur Erstkommunion angereiste Verwandte mit der gerade in Mode gekommenen Videokamera aus dem Altarraum vertreiben (vergeblich!) und anderen klarmachen, dass das Weihwasser kein Aschenbecher ist (da war mein Italienisch offensichtlich ein anderes als das der Übeltäter).

Am Ende von drei Jahren ein neuer Sprung: aus den Tiefen der Patrologie, meiner römischen Spezialisierung, in die Untiefen der Pastoraltheologie. „Der Bischof wünscht es!“, war die Begründung. Zugleich war mir der Weg bis zu einer Professur in Aussicht gestellt, verlockend und ehrend zugleich. (Dass das nicht ganz so ernst gemeint war, stellte sich erst Jahre später heraus.) Wie auch immer, Neunkirchen hatte mich darauf vorbereitet, den dornigen Alltag der Seelsorge als Denkaufgabe zu begreifen, und erst nach und nach  durfte ich feststellen, dass Pastoraltheologie neueren Datums sich oft wie ein Schüler verhält, dem alle möglichen Ideen kommen, nur um seine Hausaufgabe nicht zu machen.

Am Anfang meines Weiterstudiums stand die politische Wende von 1989, am Ende 1997 der Ruf auf meinen ersten Lehrstuhl nach Erfurt und damit ein neuer Aufbruch aus einem wunderbaren Eifeldorf in den mitteldeutschen Umbruch. Mit Begeisterung wollte ich den Ossis ein Ossi werden. Bis heute bewundere ich viele aus der ehemaligen DDR vor allem für eines, was sie mir gerne berichteten: „Uns fehlt eben doch das 13. Schuljahr aus dem Westen – der Schauspielunterricht.“ In Thüringens Hauptstadt sah ich mich bereits nach einer endgültigen Bleibe um, da tat sich die realistische Aussicht auf einen Wechsel nach München auf. Da könnte ich ausschließlich mein Fach, die Pastoraltheologie vertreten, und nicht zu gleichen Teilen auch die Religionspädagogik („Nicht wahr, Sie sind kein Schulmann?“, entlarvte mich ein evangelischer Kollege freundlich, als ich beim Thema „Wahlpflichtfach“ unverkennbar ins Schleudern geraten war). So wechselte ich 2003 denn aus der thüringischen Diaspora in die bayerische … Diaspora (gefühlt steht ein ernsthaft Glaubender in dieser Kernregion des deutschen Katholizismus mittlerweile sicher nicht weniger auf einsamem Posten als in Zwickau oder Bad Kösen).

Genug der Revolutionen im Lebenslauf? Bleibt allenfalls noch die sorgfältige Vorbereitung des Ruhestandes nach bayerischem Beamtenrecht zum 1. Oktober 2026? Deus providebit. Wie auch immer, am Ende bleibt noch der Eintritt in jenen anderen Ruhestand, von dem ich derzeit nur weiß: certa, sed hora incerta. Aber vielleicht konnte ich durch das häufige „Alles verlassen“ ja schon einmal ein wenig üben.

Denn das Leben ist ja doch nur ein wechelndes Morgenrot, die Ahnungen und Geheimnisse werden mit jedem Schritt nur größer und ernster, bis wir endlich von dem letzten Gipfel die Wälder und Täler hinter uns versinken und vor uns im hellen Sonnenschein das andere Land sehen, das die Jugend meinte (Eichendorff, Viel Lärmen um nichts)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.