Damit Sie nicht mal vor verschlossenen Türen stehen.

Der überreichte Schlüssel

 

Der Schlüssel hing zuhause am Schlüsselbrett, direkt neben zwei bis drei Haustürschlüsseln (bei sechs Kindern war immer gerade mal einer verlegt), dem Schlüssel zur Garage und dem zur Wohnung von Opa (für den Fall des Falles). In einem schwarzen kunstledernen Schlüsseletui. Schon ein bisschen abgewetzt. Der Schlüssel, das war der Generalschlüssel für Kirche und Pfarrheim. Dabei war mein Vater nicht Küster oder Hausmeister der Pfarrei (das war ein wunderbar gemütvoller Spätaussiedler aus der „kalten Heimat“ Schlesien) und nicht einmal meine Mutter Pfarrgemeinderatsvorsitzende. Wir waren einfach eine aktive Familie in der Pfarrei: Kirchenchor, Kinderchor, Orgeldienst, Fotoclub, Filmclub, Tischtennisclub, diverse Jugendgruppen, natürlich auch Ministranten und Faschingstreibensbereicherer und… Heute erscheint es mir unglaublich, damals aber war es das Selbstverständlichst von der Welt: Eines Tages händigte der Pfarrer uns das Sesam-öffne-dich für alle Türen der Pfarrei aus. „Damit Sie nicht mal vor verschlossenen Türen stehen.“
Der überreichte Schlüssel – für mich der Inbegriff dessen, was Pfarrei damals in den 70er Jahren für mich war: zweite Heimat, Ort einer beinahe grenzenlosen Freiheit, selbst mitten in der Pubertät all unsere Phantasien und Pläne verwirklichen zu können. So haben wir nach einer Party am Faschingsdienstag Punkt Mitternacht in die Kirche begeben und mit ein paar Liedern und Gebeten die Fastenzeit eingeläutet. Was übrigens belegt, dass wir da erstaunlicherweise noch richtig nüchtern waren – das Schlüsselloch traf ich auf Anhieb… Irgendwie war uns allen klar, dass wir das Vertrauen nicht enttäuschen durften. Die Freiheit war nicht Freibrief für jeden Mist, sondern Freiraum zur Gestaltung. Und ohne viele Worte erlebte ich, was Kirche ist: Familie Gottes. Das „Schwestern und Brüder“ in der Predigt habe ich seitdem nie für eine salbungsvolle Leerformel gehalten. Zugegeben, damals ist nicht heute.

In meiner Pfarrei hatten wir Aufbruchsstimmung, nachdem die Kirche 1968 erbaut und kurz darauf die Pfarrei errichtet worden war. Als Kinder waren wir noch über die Baustelle gestromert, waren in die Betonfundamente hinabgestiegen und hatten mit Gänsehaut erfahren: „Das hier wird einmal der Atomkeller.“ (In Wirklichkeit war es der kühlste Ort, wo später die Getränkekisten aufbewahrt wurden.)  Beim ersten Pfarrfest in der erst halbfertigen Kirche spielten wir unter der Orgenempore Blindangeln, und in der Seitenkapelle standen die Preise der Tombola. Damit fing das Pfarreileben an, und vom ersten Tag an gab unwahrscheinlich viel Engagement. Natürlich war manches ziemlich oberflächlich, und auch die ideologischen Kämpfe der Zeit gingen nicht spurlos an uns vorbei.

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St. Petrus mit den Schlüsseln des Himmelreiches (Petersplatz in Rom)

Aber den Schlüssel hat niemand zurückgefordert, und die Erinnerung daran bleibt: Kirche als Wahlheimat.

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