Kardinal Meisner hat mich in Rom zum Priester geweiht. Zusammen mit neun Germanikern, zwei davon Berliner. Da war schon lange vorher klar: Ihn würden wir gerne als Weihebischof haben. Schon mehr als ein Jahr zuvor hat er zugesagt, und er hat sein Wort mehr als gehalten. Denn er hat die Weihe gespendet „ganz Meisner“, mit restlosem Einsatz, im Gebet, mit klaren Worten und einigen unvergesslichen Gesten. Aber beginnen wir zwei Tage darauf. Da war Mittwochsaudienz von  Papst Johannes Paul  II.

Joachim Kardinal Meisner während der Aachener Heiligtumsfahrt 2014 (Quelle: ACBahn)

Traditionell sind die neugeweihten Germaniker mit ihren Eltern in die erste Reihe eingeladen, auf die baciamano-Plätze. Im üblichen römischen Chaos hieß es am Vorabend: „Nein, besondere Plätze sind da nicht vorgesehen.“ Doch da hatte man nicht mit Meisner gerechnet: „Ich nehme euch mit nach vorne, darauf könnt ihr euch verlassen.“ Und er wäre nicht der Mann der Klarheit und Entschiedenheit gewesen, wenn er es nicht mit einer kleinen lehrreichen List verbunden hätte: In „vollem Wichs“ (sprich: Talar) würden wir bei den Schweizer Garden und den Sicherheitskräften im Petersdom natürlich viel mehr Eindruck machen. Sprich: Nichts da mit Krawatte und Priesterkreuz! (Der Verfasser dieser Zeilen, aus liberalem Großstadtmilieu stammend, beließ es dann doch beim salomonisch-diplomatischen „Guardini“-Kragen – und kam dann doch bis zum baciamano.) Jedenfalls hat der Einsatz sich gelohnt. Am Ende der Audienz ging der Papst unsere Reihe durch, ließ sich von Meisner die Neugeweihten und ihre Eltern vorstellen, nahm sich für jeden Zeit und verteilte auch gerne Komplimente wie: „Oh, eine junge Mutter!“ (Das mit Abstand bedauernswerteste Geschöpf war übrigens meine Mutter: In der Aufregung der festlichen Tage hatte sie nicht ernst genommen, dass erste Reihe wirklich erste Reihe hieß und war mehr touristisch als päpstlich gekleidet – meinte sie jedenfalls. Da half auch nicht, dass Johannes Paul sich sichtlich freute, als er erfuhr, dass eine Mutter von sechs Kindern vor ihm stand.) Zurück zu Meisner: Audienz-Prozeduren, äußere Ordnungen und deren Versagen riefen bei ihm DDR-Instinkte wach: das Ziel fest im Auge behalten, zusammenhalten und notfalls Schleichwege finden. Und: nicht kleckern, sondern klotzen – das hält die Gegner in Schach und die eigenen Leute bei Laune. Ein solches im Kommunismus gestärktes Naturell verband ihn sicher mit Johannes Paul II., und in diesem Licht kann man vielleicht auch die viel bekrittelte Art der Ernennung zum Erzbischof von Köln verstehen: Was muss, das muss, und wenn es Hindenisse gibt, dann darf man nötigenfalls auch einmal ein bisschen tricksen (ein Papst mit seiner „plena potestas“ darf das ja sowieso…). Zwei Tage zuvor: die Predigt zur Priesterweihe. Drei Schlüsselworte gab er uns mit. Der Priester ist engagiert, exponiert und er provoziert.

  • Engagiert – Christus hat ihn in die Schar seiner Jünger aufgenommen, und nun ist alles davon bestimmt, für ihn zu wirken. Am Ende der Weihe richtete er darum ein Wort an die Eltern. Allerdings alles andere als das übliche Gesäusel, sondern: „Heute hat die Kirche euch eure Söhne entrissen.“ Meine arme Mutter zum zweiten! Aber die Psychologie der Mütter ist unergründlich: Irgendwie war sie mächtig stolz darauf, dass der Bischof verstand, was es heißt herzugeben, ohne zu verlieren, und sie hat diese Haltung ein Leben lang großartig verwirklicht.
  • Exponiert – so viel zum Thema „Mehr als Krawatte und Priesterkreuz“. Der Priester ist sichtbar, ein Vorposten Christi in nichtchristlicher Welt, und so bietet er immer auch Reibefläche, Angriffspunkt und Anlass zur Versuchung, doch einfach wieder im Typ „Otto Normalverbraucher“ unterzugehen.
  • Er provoziert: So wie der eigentliche Stein des Anstoßes die Kirche ist, ihr Anspruch, im Namen Christi zu lehren und zu leiten, so ist es auch das sichtbare Priestertum. Doch das ist gut so: Pro-vozieren heißt ja hervorrufen, aus der Reserve locken, aus der Saturiertheit eines Lebens, als ob es Gott nicht gäbe, herauskommen und den heiligen Ruf des Herrn vernehmen – dem soll ein Priester bei allen Menschen dienen.
Begegnung Meisners (r.) mit Erich Honecker (l.) 1987 (privat berichtete er, wie er vorher geübt habe, nicht die übliche Höflichkeitsverbeugung zu machen) (Quelle: Bundesarchiv – ADN-ZB Mittelstädt)

DDR-Instinkte: Meisner verband ein großes, warmes schlesisches Gemüt mit der harten Erfahrung der Diaspora im atheistischen Staat. In zwei Zeichen kam dies bei der Weihe zum Ausdruck. Bei der Überreichung der heiligen Geräte heißt es „… und stelle dein Leben unter das Geheimnis des Kreuzes!“ Dabei überraschte er uns zehn, indem er jedem ein kleines Kruzifix  in die Hand drückte. D.h. als Priester sind uns „die Gaben des Volkes“ zur Leitung und Heiligung anvertraut, aber der Preis dafür ist das Kreuz und nicht der Triumphalismus. (Meine Mutter zum dritten: Vor genau jenem triumphalistischen Priestertyp der Wirtschaftswunderjahre hat sie mich stets gewarnt, der selbstherrlich-selbstgefällige Sprüche abgab wie: „Gott muss auch schöne Priester haben“ oder  „Ich kann mir nur vorstellen, Priester zu werden oder Diplomat“.) Zweites Zeichen: Am Ende der Weihe erzählte er vom Kreuz seines Bistums in der geteilten Stadt und ließ dies in die Bitte des Jakob im Gotteskampf am Jabbok (Gen 32,23-33) münden: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!“ So legte er denn selbst Mitra und Stab ab, kniete sich just an der Stelle nieder, wo wir zehn kurz zuvor die Hände aufgelegt bekommen hatten, und ließ sich von uns durch Handauflegung den ersten priesterlichen Segen erteilen.

Ja, Meisner war der Mann der starken Worte, der eindringlichen Gesten, der entschiedenen Hand. Selbst in der privatesten Begegnung war er immer ganz der engagierte Hirte, der wenigstens ein kleines Wort der Ermutigung oder auch der Korrektur anbrachte. Er exponierte sich – selten habe ich in unseren Breiten einen Bischof erlebt, der so sehr das Jesuswort verkörperte: „Euer Ja sei ein Ja, euer Nein ein Nein. Was mehr ist, ist vom Bösen“ (Mt 5,37). In diesem Sinn wirkt seine Beteiligung an den „dubia“ der vier Kärdinale wie ein Vermächtnis: Die Lehre braucht Klarheit und keine mehr oder weniger bewusste Verschleierung. Dass ausgerechnet ihm diese Anfrage als mangelnde Papsttreue ausgelegt wurde, die wirklich ein Zweifel war und keine Besserwisserei, gehört sicher zum Kreuz, das ihm erst an seinem Todestag von den Schultern genommen wurde. Am meisten aber provozierte er, wenigstens im Westen. Bei Anlässen wie der Erfurter Bistumswallfahrt oder der Männerwallfahrt auf dem Hülfensberg im Bistum Erfurt zu Christi Himmelfahrt war Meisners frech-listige Sprache, seine Ausstrahlung, sein „Wir Christen sind besser als unser Ruf!“ etwas, was vielen aus dem Herzen sprach. Im Westen, da war er Anti-Establishment und stand verständnislos gegenüber einem gewaltig angewachsenen Apparat und seinem zähen Festhalten am Status quo, und koste es den Glauben.  Das hat man ihm nie verziehen, übrigens ein Beleg dafür, dass es mit dem bundesrepublikanischen Multi-Kulti, mit Toleranz und Offenheit nicht schrecklich weit her ist.

Joseph Ratzinger erinnert zu Beginn seiner „Einführung in das Christentum“ an die Geschichte vom Clown und dem brennenden Zirkus. Er läuft in die nahe Stadt, um zu warnen und Hilfe zu holen, aber alle denken nur, er mache Schau. Sie lachen und ziehen wieder ihrer Weg. Am Ende brennen Zirkuszelt und Stadt ab. Ebenso sei die Situation des Christen, der außerhalb vertrauter Kreise über den Glauben zu reden versuche. Er „wird sehr bald das Fremde und Befremdliche eines solchen Unterfangens verspüren“. Meisner war es stets ernst, nicht aus Wichtigtuerei, sondern im Wissen um Heil und Unheil als Drama jeder menschliche Existenz. Für manche – durchaus auch in der Kirche – war er nicht viel mehr als eine unwillkommene Störung. Doch mehr als viele andere wusste er um „das Fremde und Befremdliche“ des Glaubens und die Notwendigkeit, die Ohren und noch mehr die Herzen dafür zu öffnen. Man darf sicher sein, dass er auch vom Himmel aus zu so mancher kleinen List greifen wird, um Christen und Nichtchristen aus dem Schlaf der Sicherheit zu wecken. R.i.p.

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