Theodor Haecker, Vergil. Vater des Abendlandes, Bonn 1933

„Seine Worte fallen langsam wie Tropfen, die man schon vorher sich ansammeln sieht, und die in diese Erwartung hinein mit ganz besonderem Gewicht fallen. Er hat ein sehr stilles Gesicht, einen Blick, als sähe er nach innen. Es hat mich noch niemand so mit seinem Antlitz überzeugt wie er.“ Mit diesen Worten erinnert sich Sophie Scholl an den ersten Vortrag Theodor Haeckers (1879 – 1945) vor einer ausgewählten Gruppe von Münchener Studenten ausgangs des Sommersemesters. Das war am 10. Juli 1942, im Atelier des Architekten Manfred Eickemeyer in der Leopoldstraße, nur einige hundert Meter vom Hauptgebäude der Universität, an jenem Platz, der heute den Namen der Geschwister Scholl trägt. Es folgten weitere Zusammenkünfte, so auch am 4. Februar 1943 – in der gleichen Nacht entwarf die „Weiße Rose“ ihr fatales Flugblatt, tief beeindruckt von Haeckers Worten.

Seine Worte fallen langsam wie Tropfen, die man schon vorher sich ansammeln sieht (Sophie Scholl)

Theodor Haecker

Der Schwabe Theodor Haecker, seit 1905 in München, verheiratet und Vater dreier Kinder, stets Autodidakt und großer Leser, war im Verlag Ferdinand Schreiber tätig, seines Schulfreundes, 1941 als dessen Hauptschriftleiter. In der Auseinandersetzung mit Sören Kierkegaard und John Henry Newman, die er übersetzte, wurde er 1921 katholisch. In seinen Beiträgen und Schriften – u.a. wirkte er in den bedeutenden Kulturzeitschriften „Die Meister“, „Der Brenner“ und im „Hochland“ Carl Muths mit -, auch nachdem ihm die Nazis 1935 Rede- und 1938 Publikationsverbot eigenständiger Bücher erteilten, stand er mitten in jener fruchtbaren Strömung des Bildungskatholizismus zwischen Kulturkampf und Zweiten Vaticanum, die belesen, gläubig, idealistisch und selbstbewusst zwei Welten miteinander versöhnen wollten, Glaube und Bildung – Letzteres sehr stark die damals noch sehr maßgebliche klassische Bildung von der Antike bis zur Weimarer Klassik. Anders als vielen heutigen Bemühungen war ihnen allerdings der Glaube die „norma normans“, so dass selbst ein Goethe schon einmal „abgewatscht“ werden konnte. Das entwarf einen christlichen Humanismus des ganzen Menschen, der Kreatur, die „unaufhörlich nach dem Kreator schreit“ (103), nämlich des Menschen als des Geschöpfes Gottes: „Ein der Theologie entleerter Humanismus wird nicht standhalten“ (103).

Das Vergilbuch von 1931

Sein meistgelesenes Buch ist das Vergilbuch von 1931, eigentlich eine Gelegenheitsschrift zum 2.000 Geburtstag Vergils (70-19 v. Chr.), des großen Poeten und Führers auf Dantes Jenseitsreise. Neben „Schöpfer und Schöpfung“ (1933), „Was ist der Mensch­?“ (1934), „Der Christ und die Geschichte“ (1935) und seinen posthum veröffentlichten Aufzeichnungen der „Tag- und Nachtbücher“ (1939-1945) handelt es sich beim Vergilbuch auch um sein Hauptwerk.  Nirgendwo ist der Brückenschlag zwischen Literatur, Bildung und Weltanschauung und Glaube so greifbar wie hier, bei diesem „adventistischen Heiden“ (26). Vergil ahnte, öffnete sich und entwarf in großen Linien voraus, was Christus dann brachte. Vergil ist damit ein Gegenbild zu einer Zeit, die 1931 bereits für wache Beobachter in ein nihilistisches Heidentum zu versinken drohte. Spielend überbrückt der Dichter den Abstand der Zeit. Haecker weist im 4. Kap. nach, wie klassische Kunst wie die „Aeneis“ Vergils nie bloß auf eine Zeit oder auch auf ihren Autor zu beschränken ist, sondern „[a]alles Geschaffene weist über sich hinaus. Darum ist es ein Merkmal großer Dichtung, daß sie an Sein und Wahrheit so viel umfaßt, als nur in sie geht, ja über sie hinausgeht“ (78). Sie sagt also das Ganze und sagt es so, dass das Größere, Unsagbare, das, was erst die Offenbarung enthüllen kann, erahnbar wird (die „Kontinuität trotz einer absoluten Diskontinuität auf Grund der christlichen Offenbarung“, 28). Deshalb muss Haecker sich nicht um weit hergeholte Aktualisierungen bemühen, er zeigt, wie von dieser Dichtung jeder Mensch als Mensch zur Sprache kommt. Dieses Mensch­sein ist aber zuletzt Geschöpfsein (vgl. das Vorwort). Darum ist die „anima naturaliter christiana“ (10. Kap.) möglich, und wenn der Mensch sich dem Christentum öffnen würde, wäre er von den dunklen Göttern des Nichts befreit. Im Gespräch mit Vergil – sicher mehr als in einer philologisch exakten Auslegung – entwickelt Haecker die Schau eines wahren Menschseins und Christseins, das zugleich erdverbunden ist und nach dem Ewigen schaut.

Im Herzen des Werkes steht das fatum, das Schicksal. Hier ist es nicht mehr unpersönliches, ehernes Gesetz – man denkt hier unwillkürlich an die vielen fata unserer Zeit, die Gene, die Triebe, die Weltwirtschaft und letztlich das Nichts -, sondern es fällt ineins mit Jupiter, dem höchsten Gott (7. Kap.). Das fatum ist Auftrag, der den Einzelnen aus dem Getriebe der Welt, aus seinen privaten Befriedigungen herausgreift und ihn einer letzten Bestimmung zuführt – wenn er denn pius ist wie Aeneas, fromm, nein besser: offen für den Ruf Gottes und geschmeidig in seiner Hand. (Man ahnt noch Haeckers große Leitsterne Kierkegaard mit der Kategorie des Einzelnen und Newman mit der des Gewissens, was hier schön „seinsbedingter Subjektivismus“ des abendländischen Humanismus genannt wird, 88; so ist „der Wert des ‚Einzelnen‘, der Person, ein unendlicher geworden“, 100f.) Doch was diesen Gehorsam in der Hand Gottes so wunderbar mensch­lich macht, ist, dass Haecker ihn mehrfach unterfüttert mit dem, was menschliche Existenz auszeichnet: „die Hirten, die Bauern, die Führer“ (44), geschickt mit den drei Hauptwerken verknüpft, den „Bucolica“ („Eklogen“), den „Georgica“ und der „Aeneis“.

Folio 7v of the Vatican Vergil

Die drei Hauptwerke Vergils

  1. Zuerst in den „Bucolica“ „die elementare Kraft des Eros, des Triebes, des Dranges in der schaffenden, zeugenden und gebärenden Natur“ (101), die Sinnlichkeit, die so unstoische Macht des Gefühls, die „iustissima tellus“, die „allgerechte Mutter Erde und der Genuss der Schönheit, der gloria ihrer Früchte“ (140), überhaupt Lust und Liebe: „Omnia vincit amor et nos cedamus amori“ („Alles besiegt die Liebe; wir auch weichen der Liebe“, 51, Bucolica 10,69) und „trahit sua quemque voluptas“ („Einen jeden reißt seine Lust hin“, 47). Doch Lust hat auch eine Nachtseite, die grausame Liebe („crudelis Amor“, 50), die „mit der Liebe zu höheren Dingen“ in Konflikt bringt (51) – am dichtesten ausgedrückt im Drama von Dido und Aeneas (51-54), worüber noch der junge Augustinus geweint hat.
  2. Dann in den „Georgica“ der labor improbus („nie rastende Arbeit“), die Arbeit im Schweiß des Angesichts („labor omnia vicit improbus“, 64, Georgica I,145 f.), wie Haecker hellsichtig den Fluch der Arbeit nach dem Ende des Goldenen Zeitalters bei Vergil mit dem Arbeits-Auftrag an Adam in Gen 3,17-19 verbindet. Doch Arbeit ist nicht nur Fluch, aufgezwungenes, hartes Gesetz des Überlebens. Sie schafft auch Kultur. Diese entsteht aus dreierlei: dem vorgegebenen Stoff der Erde, der harten Arbeit und dem daraus erwachsenden Werk, der Frucht, ja der Schönheit (66f.).
  3. Schließlich die Krönung in der „Aeneis“, dem Epos vom geschlagenen, den Trümmern Trojas entfliehenden, vom fatum geführten und gedemütigten Helden, dem Gründer Roms und damit dem Begründer des Abendlandes (5.-8. Kap.). Seine pietas ist zunächst die des Sohnes, durch die aber schon bald die eines Sohnes Gottes durchschimmert, die Demut des „Cede deo! Weiche dem Gott!“ (85). Frömmigkeit und Demut, darum aber auch Unvertretbarkeit der eigenen Person und Sendungsbewusstsein, das zeichnet Aeneas aus, ganz anders als etwa die homerischen Helden (6. Kap.), denn Aeneas ist davon geprägt, „daß er eine Mission zu erfüllen hat und dieses weiß“ (89), darin Abraham näher als Odysseus (94). Das ist voll Spannung, oft auch Zerrissenheit und Tragik, nicht nur in der Dido-Episode. Darum ist das wohl menschlichste, anrührendste 8. Kapit­el das über die Tränen: „sunt lacrimae rerum“ („daß da Dinge sind, die mit keiner andern Antwort zufrieden sind als mit Tränen“, 116). Es ist die Trauer über den Zustand der Welt und die Sehnsucht nach Erlösung.
Nach dem Fresco von Joseph Anton Koch (1768-1839), Dante und Vergil begegnen den wilden Tieren im Wald (Stanza di Dante, Casino Massimo, Rom, 1825) (Thorvaldsen Museum)

Christliches Abendland

„Vergil, Vater des Abendlandes“. Vom christlichen Abendland wird viel gesprochen, es wird verlacht oder beschworen, es wird darüber schwadroniert und für ein Linsengericht verkauft. Haecker macht in seiner Schrift keine Politik, auch nicht in „Vergil und die Deutschen“ (9. Kap.). Wohl aber zeigt er eine Idee auf, eine vorchristliche noch, aber dem Christentum die Tore des Kontinents öffnende: die „Idee der Ordnung und des Lichtes und des Maßes und des Vertrauens“, die Haecker als grundlegend für das Abendland sieht, im Gegensatz zum Osten „mit seiner Maßlosigkeit und Verzweiflung, Chaos und Grauen“ (42). Das ist kein fades juste milieu, sondern ein demütiges Sich-Einfügen und selbstbewusstes Ergreifen des eigenen Platzes in der Welt. Alles hat darin Platz, Erde, Leib, Sinne, Trieb, Sehnen, Fluch und Segen der Arbeit, Kultur, Ordnung und Gesetz, zutiefst aber Demut, Sich-Beugen unter den Willen Gottes und Vertrauen auf seine Führung, auch wenn es Nacht ist. Ein echter, ein christlicher Humanismus, der allen prägenden Mächten gerecht werden will. Haeckers Sprache ist dicht, seine Gedanken nichts für den raschen Konsum, sein geistiges Niveau elitär, doch sein Herz schlägt warm und versöhnlich. Das war es auch, was ihn gegen die großen Ideologien seiner (und unserer!) Zeit aufbegehren ließ: „[E]s besteht für uns, wenn wir uns nicht aufgeben wollen, nicht die Forderung der Entnationalisierung. Nivellierung im Geistigen ist antichristlich.“ Er steht auf, um „durch Verständnis und durch Versöhnung und durch Achtung die Würde aller zu wahren und dadurch zu einem Höheren, das nur ein Geistiges sein kann, zu einen“ (101).

Wer eine Einführung zu Vergils drei Hauptwerken sucht, ist bestens aufgehoben bei einem der besten Kenner, Friedrich Klingner. Hier präsentiert er die Bucolica und Georgica zweisprachig mit ausführlichem Kommentar sowie die Aeneis in Paraphrase und Kommentar:

Virgil
Untertitel: Bucolica, Georgica, Aeneis
Von: Friedrich Klingner
Ort: Zürich ; Stuttgart
Verlag: Artemis-Verl.
Jahr: 1967

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