Aufschwung des Herzens

„Für mich ist das Gebet ein Aufschwung des Herzens, ein einfacher Aufblick zum Himmel, ein Ruf des Dankes und der Liebe, ganz gleich ob inmitten der Prüfung oder der Freude, kurz, etwas Großes, Übernatürliches, das meine Seele weit macht und mich mit Jesus vereinigt“, sagt die hl. Therese von Lisieux (Ms C 25rv). Ja, Beten ist der Aufschwung des Herzens zu Gott. Auch bei anderen geistlichen Meistern wird das Beten gerne als eine Bewegung beschrieben. Ja, die Seele gerät dabei in Schwung, ja auch den Leib und alle seine Kräfte nimmt sie dabei mit zu Gott. Dabei tue ich nicht bloß etwas wie Autofahren, Lesen oder Essen, ich bin ein Beter. Ich strebe zu Gott. Alles empfange ich aus seiner Hand, alles gebe ich ihm wieder zurück. Das Gebet ist wie ein majestätischer Strom in der Mitte einer grünen Landschaft. An seinem Ufer grünt und blüht es, belebt von seinem Wasser. Ein Beter ist damit „wie ein Baum, der an Wasserbächen gepflanzt ist, der zur rechten Zeit seine Frucht bringt und dessen Blätter nicht welken“ (Ps 1,3). Sein ganzes Leben ist getränkt vom Gebet. Damit dies aber gelingt, muss der Fluss selbst weiter und weiter strömen, ruhig und doch unaufhaltsam, bis er in den großen, unendlichen Ozean Gottes mündet.

Stopp. Pause. Hier müssen wir uns unterbrechen. Wer müsste an dieser Stelle nicht ehrlich bekennen: „Zu schön, um wahr zu sein. Ich will ja beten. Ich versuch’s auch, aber was dabei herauskommt, ist meistens ziemlich kläglich. Kaum habe ich das Kreuzzeichen geschlagen, fangen schon die Zerstreuungen an. Ich denke an das, was ich vorhabe, was es nachher zum Essen gibt, und schon gehen die Gedanken spazieren. Nichts da, ein großes Strömen zu Gott. Auch ich bete seit Jahren, aber was hat sich in mir verändert? Ich bin nervös, gereizt, aufbrausend, deprimiert wie eh und je.“ Normalfall also ist nicht der alles belebende Strom, sondern lauter kleine Wasserlachen, die bald vertrocknet sind. Da kratzt das Beten nur gerade an der Oberfläche der Seele.

Für mich ist das Gebet ein Aufschwung des Herzens, ein einfacher Aufblick zum Himmel, ein Ruf des Dankes und der Liebe (Therese von Lisieux)

Bewegung nach oben, Bewegung nach unten

Schauen wir genauer hin. Der Mensch ist zutiefst Mensch, wenn er betet. Denn der Mensch ist Geschöpf Gottes, sein Ebenbild, das zum Urbild in Gott strebt. Er ist wie eine Fensterscheibe, die im Licht der Sonne ganz durchlässig wird, so beschreibt es de hl. Johannes vom Kreuz (Dunkle Nacht 2,1,5). „Der Mensch ist auf Gott hin geschaffen, um ihn zu loben, ihn zu ehren, ihm zu dienen und dadurch das Heil seiner Seele zu finden“, so sagt der heilige Ignatius von Loyola zu Beginn seiner „Geistlichen Übungen“. Aber, so mussten wir nüchtern gestehen, dieses große Sehnen und Streben zu Gott ist in der Regel wie verschüttet. Der Strom der Seele ist blockiert, das Wasser der Seele strömt nicht zu Gott, sondern es überschwemmt das Land, und alles wird sumpfig und hässlich. D.h. andere Dinge werden mir so wichtig wie Gott, also Wohlergehen, Sinnlichkeit, Sexualität, Anerkennung bei anderen, vielleicht auch einfach Launen und Empfindlichkeiten oder die Sorgen und Besorgungen des Alltags, die mit Haut und Haaren auffressen. Darin zeigt sich: Der Mensch ist ein Sünder, einer, der sich zutiefst von Gott abgewendet hat, der sich wie Adam vor Gott versteckt. Abkehr von Gott und Verfallenheit gegenüber Geschöpfen, auf diese Formel brachte der hl. Augustinus das Wesen der Sünde. Konkret zeigt sie sich, wenn ich beten will, denn dann gibt es unendlich viele Kräfte, die von Gott abhalten. Das sind die vielen Götzen dieser Welt, die alles andere als Gott als unendlich viel verlockender darstellen, die jeden Geschmack an Gott rauben und die das Strömen zu ihm erstarren lassen. Beten umfasst darum immer zweierlei: die Bewegung nach oben, also den Aufschwung zu Gott, gleichzeitig aber auch die Bewegung nach unten, tief in mich hinein. Das Hinabfahren in die eigenen Abgründe von Sünde, Verhärtung und Abkehr von Gott. Aufschwung zu Gott und gleichzeitig Reinigung der Seele also. Beides hängt eng miteinander zusammen.

Oh, solche bitteren Wahrheiten könnten einem den Mut rauben. Wirklich beten können, ist das also bloß ein unerfüllbarer Traum? Nein, beten will gelernt sein, und mit Gottes Hilfe kann beten gelernt werden. Aber wie?

Vier Arten des Gebetes

„Vor allem fordere ich zu Fürbitte und Anbetung, zu Bitte und Danksagung auf“ (1 Tim 2,1), sagt der hl. Paulus. Schon der große altkirchliche Schriftsteller Origenes leitete in seine Schrift „Über das Gebet (De oratione 14,2)“ aus diesen vier Formen des Gebetes seine ganze Gebetslehre ab. Vier Arten des Gebetes, doch stets geht es dabei schlicht darum, alles vor Gott zu bringen, zutiefst aber sich selbst. Restloser, vorbehaltloser Aufschwung zu Gott eben. Das ist schon beinahe eine Zauberformel, denn auf vier Weisen nehme ich alles mit, was in der Welt ist. Das lenkt mich nicht mehr ab, sondern wird zum Zündstoff des Gebetes. Gehen wir die vier in etwas veränderter Reihenfolge durch: Bitte, Fürbitte, Dank und Anbetung.

  • Bitte ist wohl das Naheliegendste, denn „Not lehrt beten“ und „An Gottes Segen ist alles gelegen“. Angesichts einer Not erfahre ich: Ich schaffe es nicht selbst, sie zu bewältigen, auch wenn ich mich noch so sehr bemühe. Ich kann Gott nur meine Not klagen. Er aber verspricht mir: „Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet. Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet“ (Lk 11,9f.). Der Traum vom rundum selbstbestimmten Leben ist dagegen eine Illusion, manchmal vielleicht sogar ein Albtraum. Denn dafür müsste ich werden wie Gott, und wir wissen, wie übel das schon im Paradies ausging (vgl. Gen 3,5). Nein, ich bin Geschöpf, begrenzt, sterblich, endlich, aber unendlich bedürftig. Mehr noch, durch die Taufe bin ich ein Kind Gottes und will es sein. Er kann mir helfen, er will mir helfen und er wird mir helfen – freilich auf seinen Wegen, nicht auf meinen. „Euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet“ (Mt 6,8). So ist das Bittgebet zugleich die Schule des Glaubens schlechthin, es ist die beste „Einübung im Christentum“ (S. Kierkegaard), und darum hat der hl. Thomas von Aquin seine Gebetslehre auch ganz vom Bittgebet aus entwickelt.
  • Fürbitten sind Bitten mit weiterem Radius. Sie sind ein Echo dessen, was um mich herum vorgeht, was mir zu Herzen geht oder was mir andere ans Herz gelegt haben. Ich stehe in Beziehungen, ich bekomme Dinge mit, und sie lassen mich nicht kalt. Ich bringe die Welt vor Gott. Nun vertraue ich alles seiner führenden Hand an. Damit sind Fürbitten auch Ausdruck der Nächstenliebe, ja ihre beste Einübung. Denn für andere zu beten ist niemals verkehrt. Gutgemeinte Hilfe kann schlecht ankommen, kann zum „Schuss in den Ofen“ werden. Gutgemeintes Gebet für andere dagegen bittet letztlich immer, dass sich Gottes Wille an ihnen erfülle, und das ist unfehlbar gut und richtig.
  • Im Dank freut sich das Herz. Etwas freut mich, es ist gut gelaufen, mir oder mir Nahestehenden wurde etwas geschenkt. Auch öffne ich im Dankgebet die Augen für die scheinbaren Selbstverständlichkeiten: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat“ (Ps 103,2). Dankgebet heilt die Vergesslichkeit für Gott. Ich erinnere mich daran und führe mir vor Augen: Meine Hoffnung auf Gott ist nicht enttäuscht worden. So ist der Dank eine Schule der Hoffnung, so wie die Bitte eine Schule des Glaubens und die Fürbitte eine Schule der Nächstenliebe sind. Ich begreife, dass wirklich alles von Gott kommt: „Was besitzt du, das du nicht empfangen hättest?“ (1 Kor 4,7).
  • Anbetung ist das reine Strömen meines ganzen Seins zu Gott, das Staunen vor seinem Dasein, seiner Heiligkeit, Macht, Erbarmen und aller seiner Eigenschaften, die reine Verehrung seiner Größe, Hingabe, Nachfolge, Opfer und Unterwerfung unter seinen Willen. Je weiter ich darin voranschreite, umso tiefer eröffnet sich mir das Geheimnis Gottes – nicht mehr durch Nachdenken oder Gefühlsaufwallungen, sondern in einer immer einfacheren Schau. „Ich schaue ihn an, und er schaut mich an“, sagte darum ein einfacher Bauer, der still vor dem Tabernakel kniete, von Ars seinem Pfarrer, dem hl. Johannes Maria Vianney. Anbetung ist damit die höchste Form des Betens. Es ist das Beten der Engel, jenes Gebet, zu dem wir in Ewigkeit im Himmel berufen sind. Freilich, in diesem Leben steht die Anbetung unter dem Gesetz des Kreuzes, also der Selbstentäußerung, der dunklen Nacht, sonst wird sie „geistige Nascherei“, bei dem die Beter nur darauf aus sind, „ihre Natur mit Tröstungen und geistigen Gefühlen zu sättigen und zu umkleiden, anstatt sie um Gottes willen in allem und jedem zu entkleiden und abzutöten“ (Johannes vom Kreuz, Dunkle Nacht 2,1,6). Damit sind wir wieder bei der doppelten Bewegung: Aufschwung zu Gott, aber ebenso Reinigung der eigenen Niedrigkeit und Sünde. Fensterputzen im Sinn des hl. Johannes vom Kreuz, damit die Sonne nicht von hässlichen Flecken verdunkelt wird. So wird man etwa ausharren vor dem Allerheiligsten, auch wenn man gar nicht fühlt, auch wenn der Herr ganz fern scheint, zur besten Schule der Demut.

Gebetsordnung

Beten, aber wie?, so fragten wir. Wichtig ist die Ordnung des Gebetes: Wann bete ich wie? Diese Ordnung muss fest sein und Vorrang haben, sonst lasse ich mich von Angenehmerem verlocken oder von Zerstreuungen ablenken. Denn wenn ich mich von Lust und Laune abhängig mache, wird mein kaltes Herz allmählich immer weniger beten wollen und auch können.

Fangen wir mit dem Einfachsten an: Beten kann man laut und leise, also mit den Lippen und mit dem Herzen. Oder sagen wir genauer: entweder nur innerlich mit dem Herzen oder mit lauten Worten und mit dem Herzen. Denn wir sollen „nicht viele Worte machen und plappern wie die Heiden“ (Mt 6,7). Bei jedem Beten also ist zunächst das „Erhebet die Herzen“ notwendig. Vor Beginn des Gebetes oder etwa beim Kreuzzeichen besinne ich mich darauf, vor wem ich stehe: Vor dem allmächtigen Gott; er sieht alles, er weiß alles, und er freut sich daran, dass ich ihm diese Zeit schenke. Nichts soll mich jetzt ablenken oder verwirren. Keine Hast und Eile sollen herrschen. Vielmehr will ich Gefühle der Ehrfurcht und Dankbarkeit wecken, vielleicht auch des Schmerzes darüber, wie oft ich Gott vergesse oder gar in Sünden gefallen bin.

  • Ob wir dann laut oder leise beten, hängt von den Umständen ab, also ob wir alleine beten oder mit anderen. Alleine wird man normalerweise leise beten; allerdings ist es auch dann gut, wenigstens mit den Lippen die Worte zu formen.
  • Man wird sich einen Schatz von Grundgebeten aufbauen, ausgehend vom Vater Unser und dem „Gegrüßet seist du, Maria“. Auf sie kann man dann stets zurückgreifen und ihren Gehalt durch den häufigen Gebrauch auch immer mehr vertiefen. Auch das ist persönliches Gebet, nicht nur, wenn ich die Worte selbst formuliere.
  • Gut ist es allemal, den Leib und die Sinne beim Beten mitzunehmen. Denn auch die Liebe zu Gott geht durch den Magen (z.B. durch Fasten), und ebenso macht sie Beine (im Knien, in einer meditativen Hocke, im stillen Spaziergang, …) und schließt die Tore der Sinne (wenn möglich ungestört bleiben, Außenreize mindern, dafür den Augen „Futter geben“, etwa durch ein Kreuz, ein Heiligenbild oder natürlich den Blick auf das Allerheiligste). Ebenso ist etwas so Vitales wie der Atem und dass er frei und tief strömen kann ist für das Strömen zu Gott alles andere als gleichgültig.

Wie könnte nun eine Tagesordnung des Gebetes aussehen? Das Minimum ist gewiss das Morgen- und das Abendgebet.

  • Morgens beim Aufstehen oder bald danach richte ich mich auf Gott hin aus, fasse Kraft und Richtung in ihm, ich weihe ihm alles, was mir heute widerfährt, was ich zu tun habe und was zu erdulden.
  • Im Abendgebet halte ich Rückblick auf den Tag, also Gewissenserforschung. Dabei danke ich für das Geschenkte, für die Gnaden und dass ich manches Gutes tun konnte. Klar blicke ich auch auf Versäumnisse, auf Versagen und Schuld. Ich grabe nach deren Wurzeln: Woran es lag? Schließlich nehme ich mir vor, wie genau ich es morgen besser machen kann. So lege ich den Tag zurück in Gottes Hände, ich schließe mit seiner Anbetung. Nun kann alles wieder frei und ungehindert zu ihm zurückströmen. Mit ihm gehe ich in die Nacht, und nun habe ich nichts mehr zu tun als allein in ihm zu sein. „Es kommt die Nacht, da könnt ihr nichts tun“, sagt Jesus vielsinnig (Joh 9,4). Natürlich kann man die abendliche Gewissenserforschung zusätzlich auch am Mittag halten, etwa vor oder nach dem Mittagessen.
  • Apropos Essen: Thema Tischgebet. Ganz von selbst werde ich vor und nach dem Essen ein Dank- und Segensgebet sprechen, das Tischgebet. „Essen und trinken hält Leib und Seele zusammen“, weiß der Volksmund. Sollte das Band dessen, was beide zusammenhält, nicht der Herr selber sein?

Mehr als das Minimum

Morgen- Abend- und Tischgebet, das ist das Grundgerüst, das Minimum. Davon gehe ich aus, aber damit muss ich es mir nicht genug sein lassen. Mehr ist besser. Denn das Gebet ist der Atem der Seele und nicht nur ein verzweifeltes Schnappen nach Luft, ein Japsen, um dann für viele Stunden gar nicht mehr den Sauerstoff Gottes zu tanken. So ist das Gesagte ein überlebenswichtiges Minimum, denn ein Christ, der nicht mehr täglich betet, wird bald auch in seiner Liebe zu Gott erkalten. Aber Luft nach oben, die ist da schon noch. Wie ein solches Mehr an Gebet aussehen kann, dazu hier einige Anregungen.

  1. Der eine wird gerne mit der Kirche beten, zuhöchst die Messfeier – und zwar dabei nicht nur mitmachen, sondern mitbeten und dabei wirklich ein „Erhebet die Herzen“ verwirklichen. Daneben stehen vor allem die großen Gebetszeiten von Laudes und Vesper, also das kirchliche Morgen- und Abendgebet, oder vielleicht auch das Nachtgebet, die Komplet, die man mit dem persönlichen Abendgebet verbinden kann.
  2. Ein anderer fühlt sich in eher einfachen Gebetsformen zu Hause, etwa dem Rosenkranz, dem Jesus- oder Herzensgebet, in Andachten, Litaneien – vielleicht auch entsprechend zu bestimmten Zeiten des Jahres, also etwa eine Kreuzwegandacht in der Fastenzeit. Da kann man auch noch mehr seinen persönlichen Neigungen, seinen Lieblingsheiligen und -gebeten „frönen“. A propos persönlich: Manche Frommen werden zu Missionaren ganz bestimmter Gebetsformen, manchmal sogar so, dass sie bestimmte Formen zum achten Sakrament machen und sie anderen regelrecht aufdrücken. Nein, das schadet allen Beteiligten und nimmt jedem die Freiheit, privat so zu beten, wie es am meisten nützt.
  3. Einfach, wirksam und nie verkehrt, das ist das Stoßgebet, also eine Anrufung Jesu, der Heiligen, ein kurzer Satz, ein Innehalten, ein Blick zum Kreuz oder… Mindestens so häufig wie andere das Smartphone zücken, und dabei schaut man da nicht auf irgendein langeweiliges Bildchen, sondern auf den, den die Engel anschauen und vor ihm niederfallen! Ein Stoßgebet, das kann vor oder nach einem wichtigen Gespräch oder dem Arbeitsbeginn und -ende sein, das kann auch einfach zwischendrin sei, einfach um einmal tief in Gott durchzuatmen. Oder bei einer roten Ampel, in einer Warteschlange oder wo auch immer es gut tut, sozusagen nicht gleich ganz in den Strom hineinzusteigen, sondern die Hände hineinzustrecken, um sich zu erfrischen oder den hitzigen Kopf abzukühlen – oder manchmal auch nur den großen Zeh. Also noch eine Zauberformel: Vorher – hinterher – mittendrin, so komme ich Gott nahe, ohne aus der Welt auswandern zu müssen.
  4. Unerlässlich, so sagen viele Kenner, ist aber auch das betrachtende Gebet. Das klingt komplizierter als es ist. Betrachtung heißt, sich die Wahrheiten Gottes zu Herzen zu nehmen. Dabei lese ich etwa ein Stück aus der Heiligen Schrift oder ich stelle mir bestimmte Glaubenswahrheiten vor (lectio), halte inne und durchdenke und lasse sie auf mich persönlich wirken (meditatio). Doch die Betrachtung ist keine kalte Verstandesübung. Was ich möglichst klar vor Augen habe, das bewegt nun auch meinen Willen, mein Gefühl, also etwa Liebe und Hingabe, aber auch Reue und Bestürzung. Mit Gottes Hilfe fasse ich schließlich Entschlüsse.
  5. Doch es gibt noch einen Schritt über die Betrachtung hinaus. Das ist die Beschauung oder Kontemplation der dritte Schritt, die contemplatio. Dabei werde ich viel weniger selber nachdenken oder überhaupt etwas tun, sondern die Seele ist durch die Gnade und ihr eigenes Mitwirken schon so weit von ihrer sündigen Erstarrung befreit, dass sie nun wieder zur strömen anfängt. Das kann in einer Kirche sein, vielleicht auch bei einer eucharistischen Anbetung, aber ebenso zu Hause in der Gebetsecke oder auch bei einem Spaziergang. Wichtig ist, dass die Seele sich wirklich selbst überschreitet auf Gott. Denn oft wird das kontemplative Beten mit einem Kreisen um sich selbst und die eigenen Gefühle von Ruhe, Gelassenheit und einem Einssein mit sich und der Welt verwechselt. Darum braucht es auch kluge Unterscheidung, wenn christliche Kontemplation mit fernöstlich inspirierten Formen des Leerwerdens und der „gestaltlosen Meditation“ verbunden werden. Das hat gewiss seine eigene Weisheit, aber oft fehlt die klare Ausrichtung auf Gott ebenso wie die Voraussetzung, die Reinigung von Sünden. Worst case dabei: Manche nennen sich dann sogar Mystiker und sind doch nur Pseudo-Mystiker. Dann dient die ganze Spiritualität nur dazu, das Ich aufzublähen und für andere zur Belastung zu werden.

„Betet ohne Unterlass!“, fordert der hl. Paulus die Christen auf (1 Thess 5,17). Beten ist nicht einfach eine Tätigkeit unter vielen. Alles, was wir tun und sind, alles was uns beschäftigt und womit wir verbunden sind, taucht es in den Strom Gottes ein. Mehr und mehr kann es zum Atem der Seele werden, zum Ausdruck dessen, dass alles in mir von Gott kommt und zu ihm hinstrebt. Ein großes Ziel, aber tausend kleine Schritte darauf hin!

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