Als Priester leben. Ein Leitfaden, Regensburg: Pustet 2010

Was ist ein katholischer Priester? Wie lebt er? Was ist Berufung? Welche Rolle spielt Spiritualität im priesterlichen Alltag? Sind die Anforderungen an Priester noch zu bewältigen? Wie gehen Priester mit Sexualität um? Ist der Zölibat (noch) lebbar? Priester und Alkohol – eine ernste Frage? Solchen und vielen anderen Fragen geht Andreas Wollbold in seinem Buch nach, um aufzuzeigen, wie ein Leben als Priester in der Gesellschaft von heute glaubwürdig, unverkrampft und erfüllt gelingen kann. Für alle Priester sowie Seminaristen und Verantwortliche in Ausbildung, Berufungspastoral und Begleitung sucht der Autor detaillierte und praxisnahe Antworten auf Fragen zur Gestaltung des priesterlichen Alltags.
Hintergrund:
1997 hatte ich als junger Professor in Erfurt mein Curriculum in Pastoraltheologie zusammenzustellen. Eine Vorlesung war ein „muss“, obwohl oder gerade weil es meistens unter den Tisch fällt: „Person und Lebensstil von Seelsorgern“. Denn die Botschaft ist die Person (oder zumindest kommt sie nur über Personen und ihre Glaubwürdigkeit an). Die Jugendjahre der Begeisterung waren vorbei, nüchterne Analyse war angesagt. Die vielfältigen Herausforderungen an den Lebensstil von Seelsorgern sind ja mit Händen zu greifen. Verheiratete Laien etwa müssen Familie und einen Beruf mit ungewöhnlichen Arbeitszeiten und der Erwartung, Vorbild zu sein, vereinbaren. Vor allem aber der Zölibatäre ist Pionier, er kann kaum auf ausgetretenen Pfaden wandeln. Der Bischof ist Arbeitgeber, aber auch Vater, Stimme Gottes und Mystagoge – oder ist das in einer hochbürokratisierten Kirche bloß fromme Lüge? Die Vorlesung habe ich etwa elf Mal gehalten und dabei jeweils viel Echo, Hinweis und Vertiefung erfahren. Auf Vorträgen, Konferenzen, Exerzitien und im Gespräch mit Mitbrüdern ist manches verbessert oder mit einzelnen Erfahrungen belegt worden. Nach seinem Erscheinen hat das Buch viel Aufmerksamkeit gefunden. Vielleicht einfach deshalb, weil es sich den Einzelfragen der Lebensgestaltung stellt und gerade so zeigt, wie man heute als Priester überzeugend und glücklich leben kann.

 

Leseprobe (aus Kapitel 2 zur Berufung)

2.1 Was ist Berufung?

„Die Begriffe ‚Berufung‘ und ‚Berufungspastoral‘ haben […] an begrifflicher Schärfe und Klarheit verloren. Neben einer elitären gibt es auch eine inflationäre Verwendung des Wortes Berufung. Einerseits fühlen sich offensichtlich viele von diesem Thema nicht angesprochen, meinen sie doch, Berufung sei ausschließlich etwas für Spezialisten in der Kirche, für Priester und Ordensleute. Andererseits wird häufig unterschiedslos alles Berufung genannt, was irgendwie mit der eigenen Biografie und dem gewählten Beruf zusammenhängt.“
Zu wenig ist heute von Berufungen sicher nicht die Rede. Was aber darunter zu verstehen ist, das ist alles andere als eindeutig:
• Viele Einrichtungen zur Berufungsförderung verstehen unter Berufung den Entschluss, einen kirchlichen Beruf jeder Art zu ergreifen, gleich ob Mitarbeiterin der Caritas, Mesner oder Minorit – eine Art frommes head-hunting also.
• Auch ohne einen Bezug zu Gott können Arzt, Politiker oder Künstler von ihrer Tätigkeit als von einer Berufung sprechen. Denn sie fühlen sich bei ihrem Wirken am rechten Platz und können darin etwas von ihrem Lebenssinn verwirklichen. „Dennoch bleibt ein Zwiespalt zurück. Am Mehrwert einer Berufung im Namen des Glaubens und im Auftrag der Kirche gehen solche Erlebnisse vorbei. Und dies, weil der Sinn für das Unsichtbare über weite Strecken abhanden gekommen ist.“
• In geistlichen Zusammenhängen wird Berufung häufig als Synonym für „Gottes Willen für mich“ gebraucht, also für jegliche Suche nach dem, „wo Gott mich haben will“. Zumeist impliziert diese Auffassung auch, dass jeder Getaufte eine Berufung hat und dass alle Berufungen grundsätzlich gleich seien.
• Schließlich umfasst das Reden von Berufungen auch die „geistliche Berufung“ im engeren Sinn, also den geistlichen Grund, warum Menschen in Priesterseminaren und Noviziaten anklopfen.
Solche Auffassungen unterscheiden sich in mehr als nur in Nuancen voneinander. Als kleinsten gemeinsamen Nenner kann man darum Berufung als die als letztgültig verstandene Motivation zu einer Berufs- oder Lebensentscheidung definieren. Aber dieser Satz wirft mehr Fragen auf, als er löst, Fragen, die jeweils auch gewaltige Auswirkungen auf die Praxis haben. Dazu einige frag-würdige Beispiele:
• Ein Kaplan geht zwei Jahre nach seiner Weihe eine Beziehung ein und verlässt das Amt. Im Pfarrbrief verabschiedet er sich von der Gemeinde mit den Worten: „Ich bin aus Überzeugung Priester geworden und war es auch mit ganzem Herzen. Nun aber habe ich entdeckt, dass in meinem Herzen noch eine Leerstelle blieb. Gott hat mir gezeigt, wer dorthin gehört. ‚Du führst mich hinaus ins Weite. Gott macht meine Finsternis hell.‘ So bin ich gewiss, dass Gott selbst mich nach wichtigen Jahren als Kaplan nun auf meinem Weg weiterführt. Manche von ihnen sind mir ans Herz gewachsen. Ich würde mich freuen, wenn wir auch weiterhin in Verbindung bleiben könnten.“ – Offensichtlich versteht der Verfasser dieser Zeilen unter Berufung die subjektive Überzeugung von dem, was für ihn im Leben richtig ist. Ihr folgt er unbedingt, auch wenn sie sich ändert und sich gegen seine Lebensentscheidung stellt. Auf der Strecke geblieben ist dabei die Einsicht, dass die Berufung von Gott ausgeht. Er ist und bleibt ihr Herr. Er ist es, der einen Menschen bindet, nicht dieser selbst, so dass er sich auch von sich daraus wieder lösen könnte. Hier stellt sich die Frage nach der Gnadenzusage Gottes in der Weihe (oder auch in einem Gelübde). Inwiefern gilt das Wort: „Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch die Kraft dazu“? Warum ziehen Weihe (oder Gelübde) die Verpflichtung nach sich, auf alle Fälle dem Versprochenen treu zu bleiben?
• „Nur wer sich wandelt, bleibt sich treu.“ Unter diesem Leitwort tauscht sich ein Weihekurs anlässlich seines Silbernen Priesterjubiläums über die vergangenen 25 Jahre aus. Amtsauffassung, Priesterbild und Lebensstil haben sich bei nicht wenigen grundlegend verändert. – Hier fragt es sich: Wem ist man dann treu geblieben? „Sich“, also dem Ego? Ist dann aber nicht „ihr Gott der Bauch“ (Phil 3,19), genauer: das (religiös überhöhte) sogenannte Bauchgefühl? Oder gibt es einen Kern der Berufung, der jenseits aller Persönlichkeitsentwicklung als Maßstab der Treue feststeht und in Gott selbst gründet?
• Ein Theologiestudent muss nach vier Jahren das diözesane Priesterseminar verlassen, glaubt aber weiter an seine Berufung. Doch trotz mehrfachen Anklopfens in anderen Bistümern bleiben ihm andere Seminare verschlossen. – Hier fragt es sich: Wie verhält sich das persönliche Empfinden eines göttlichen Rufes zu seiner Annahme durch die Kirche? Begrifflich lassen sich die Innenseite mit einer geistlichen Anziehung („elementum divinum“ bzw. „vocatio interna“) und die Außenseite mit der Bestätigung und Indienstnahme durch die Kirche („elementum ecclesiasticum“ bzw. „vocatio externa“) unterscheiden. Aber ist die innere Berufung nicht bloß frommes Beiwerk, wenn entscheidend doch immer nur ist, was die Oberen sagen?
• Eine Ordensschwester hat ihre zeitliche Profess mehrfach verlängert. Doch als sie vor der ewigen Profess steht, lassen ihr gesundheitliche Probleme, verbunden mit nicht auszuräumenden Vorbehalten gegen die hiesige Verwirklichung des Ordensideals keine andere Wahl als auszutreten. An ihre Berufung glaubt sie weiter, aber sie sieht nicht, wie sie diese an diesem Ort oder auch in einer anderen Niederlassung des gleichen Ordens verwirklichen könnte. – Hier fragt es sich: Wie verhält sich der unableitbare Ruf Gottes zu den hier und heute gegebenen Bedingungen seiner Verwirklichung?
• Ein Seminarist ist unschlüssig, ob er ein Leben lang zölibatär zu leben vermag oder nicht. In der geistlichen Begleitung wird ihm gesagt: „Die zölibatäre Berufung steht nicht höher als die zur Ehe. Es kommt nur darauf an, herauszufinden, was für einen persönlich stimmig ist.“ Aufgrund dieser Aussage fühlt er sich wenig motiviert, um die Fähigkeit zur dauerhaften Enthaltsamkeit zu kämpfen, und sagt sich, dann sei offensichtlich Partnerschaft und Ehe für ihn der richtige Weg. – Hier fragt es sich: Ist Berufung also nichts anderes als die als Gottes Wille gedeutete Befindlichkeit eines Menschen? Ist überhaupt jede Berufung gleichwertig, oder gibt es nicht den vom Trienter Konzil ausgesprochenen Vorrang des Rätelebens (vgl. DS 1820)? Außerdem ist zu klären, ob die Berufung eine göttliche Wirkmächtigkeit besitzt. Vermag sie in der Kraft Gottes eine wirkursächliche Kausalität auf die Natur eines Menschen, seine Einstellungen und affektiven Haltung auszuüben? Dies gilt noch einmal mehr bei der Weihe, in der ja sakramentale Gnade mitgeteilt wird. Oder begründet sie eine dauerhafte, nur schmerzlich auszuhaltende Spannung zwischen Berufung und Natur, zwischen dem Gesollten und dem Faktischen der eigenen Natur, also eine „offene Wunde“, wie der Moraltheologe Klaus Demmer einmal gemeint hat. Damit verbunden fragt sich allerdings auch, was der einzelne dazu beitragen kann, dass die Gnade der Berufung auch wirksam bleibt und nicht aus eigener Schuld verloren geht. Schließlich ist zu klären, was jemand tun kann und soll, um sich angesichts einer solchen Schuld wieder zu bekehren und nicht auch noch als Christ das Heil zu verlieren. Ist der Gehorsam gegenüber einer Berufung heilsentscheidend?
• Für einen eifrigen Novizen türmt sich die Frage „Bin ich wirklich berufen?“ zu einer Gewitterfront auf, je näher die Lebensentscheidung rückt. „Wenn die Kirche Ja zu dir sagt, dann bist du mit Sicherheit berufen,“ wird ihm zur Beruhigung gesagt, aber er bohrt weiter: „Und was, wenn ich mich und andere damit hintergehe?“ Selbst die hl. Therese vom Kinde Jesus wollte ja noch am Vorabend ihrer Profess am liebsten das Kloster sofort verlassen. – Hier sind demnach die Kriterien zu bestimmen, woran man eine Berufung erkennt. Des weiteren stellt sich die Frage: Muss man der Berufung auf jeden Fall folgen? Wenn jemand ihr aus Freude an einem weltlichen Beruf, aus Ängstlichkeit, Bequemlichkeit und Sinnlichkeit oder auch aus dem Grund, dass jemand die konkrete Gestalt von Priester- und Ordensleben heute nicht bejahen kann, ausgewichen ist, hat er sich dadurch gegen Gott versündigt, oder lädt ihn Gott nur ein, lässt ihm aber die volle Wahlfreiheit?
Viele weitere Beispiele rund um das Wesen von Berufung ließen sich anführen. Sie dürften sich auf drei Grundfragen zurückführen lassen, die Definition und die Unterscheidung der verschiedenen Arten von Berufungen (2.1.1), die Theologie (2.1.2) und die Psychologie der Berufung (2.2). Abschließend sollen die Kriterien der Eignung zum Priester im Zusammenhang dargestellt werden (2.3).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.