Es waren schöne, glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war…

Novalis, Die Christenheit oder Europa. Ein Fragment, in: Werke in zwei Bänden. Bd. 2, Köln 1996, 23-43

Schnell fertig ist man in aller Regel mit diesem utopischen, erzromantischen Essai Friedrich von Hardenbergs (1772-1801) von 1799: Mittelalterverklärung als Verweigerung gegen Aufklärung, Realismus und neue Zeit. „Es waren schöne, glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war, wo Eine Christenheit diesen menschlich gestalteten Weltteil bewohnte; ein großes gemeinschaftliches Interesse verband die entlegensten Provinzen dieses weiten geistlichen Reichs. – Ohne große weltliche Besitztümer lenkte und vereinigte Ein Oberhaupt die großen politischen Kräfte“ (23), mit dieser Eröffnungshymne gibt er ja allzu offenkundig den Ton an: Damals war alles besser, weil christlicher, ja – anstößigerweise – katholisch-päpstlicher (oder sogar jesuitenfreundlich, in seiner Zeit ein gezielter Tabubruch). Wenig später wird dem ja noch sekundiert: „Mit der Reformation war‘s um die Christenheit getan“ (29). Dabei hätten die ersten beiden Adjektive, „schön“ und „glänzend“, aufhorchen lassen können. Das Folgende handelt nicht von besseren, nicht einmal von heileren Zeiten, sondern von einer Kultur, die das Irdische durchdrang mit dem Himmlischen, und das ist eben das Herrliche, Weite, Grenzenlose, kurz: mit einem „heiligen Sinn“ (24) oder: Poesie des Himmels statt Prosa des Lebens. Das Preislied dieser Zeit auf den ersten Seiten dieser Utopie ist selber Poesie und natürlich alles andere als ein kirchengeschichtliches Proseminar. Und eine Utopie ist es wirklich, nicht einmal eine rückwärtsgerichtete. Ganz im Stil des aufkommenden Deutschen Idealismus geht die Geschichte ja weiter. Notwendig folgt die Entzweiung: zuerst der einen Christenheit in einander bekämpfende Konfessionen, dann in die von Glauben und Vernunft durch die „Philanthropen und Aufklärer“ (33) und schließlich in den vollendeten „Religionshaß“ (32): „Gott wurde zum müßigen Zuschauer des großen rührenden Schauspiels, das die Gelehrten aufführten, gemacht, welcher am Ende die Dichter und Spieler feierlich bewirten und bewundern sollte“ (33). Novalis gesteht den Neueren jeweils Fortschritt und Einsicht in „eine Menge richtiger Grundsätze“ (27) zu, doch das „notwendige Resultat ihres Prozesses“ – wieder lässt die Geschichtsphilosophie des Idealismus grüßen – vergaßen sie dabei und „trennten das Untrennbare“ (28).
Doch bei der Entzweiung kann es nicht bleiben. Versöhnung kann nach Novalis nur wieder durch die Religion kommen, und an dieser Stelle geht die Analyse der gegenwärtigen „staatsumwälzenden Zeiten“ (35) in die Verheißung einer neuen Zeit über, die „Spuren einer neuen Welt“ (36). Klar erkennt er, dass bloß materialistische, irdische Motive kein Gemeinwesen zusammenhalten können: „Alle eure Stützen sind zu schwach, wenn euer Staat die Tendenz nach der Erde behält. Aber knüpft ihn durch eine höhere Sehnsucht an die Höhen des Himmels, gebt ihm eine Beziehung aufs Weltall, dann habt ihr eine nie ermüdende Feder in ihm werdet eure Bemühungen reichlich belohnt sehen“ (35). Die neue Vereinigung von Himmel und Erde verlangt auch die Vereinigung der Kirchen in einer „großen[n] Versöhnungszeit“ (37), die die Menschheit aus dem „Religionsschlaf“ (38) befreien. Nur eine daraus entstehende neue Christenheit, die „weltlich und überirdisch zugleich ist“ (40), kann aus den gegenwärtigen Spannungen und Widersprüchen herausführen. Dabei meint Christenheit keineswegs nur den konfessorischen Glauben, sondern daneben auch überhaupt die „Freude an aller Religion“ oder, als dritte Möglichkeit, als Glauben an die Wandlungsfähigkeit alles Irdischen zum Göttlichen, also letztlich um seine Poetisierung zu Glanz und Schönheit (41).
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Ein konfessorisches Christentum  wird über eine so weite Auslegung die Stirne runzeln müssen, als ein mutiger Ausblick auf die Möglichkeiten von Religion im modernen Staat und Gesellschaft verdient das Essai aber zweifellos die Lektüre. Die Sicht von Novalis ließe sich etwa übertragen in die Formel aus der Bayerischen Verfassung, „Ehrfurcht vor Gott“. Ohne im Sinn der Religionsfreiheit ein bestimmtes Bekenntnis verlangen zu dürfen, weiß der Staat und die bürgerliche Gesellschaft doch, dass nur im Wissen um ein Letztes, Absolutes und Heiliges die Menschlichkeit des Menschen gewahrt bleibt. Er wird nicht verbraucht von den Systemmächten der Nützlichkeit und Zwecke, von den Logiken der Wirtschaft oder der materiellen Bedürfnisse, sondern weiß sich verantwortlich vor etwas, was ihn unendlich überragt. Dieser für eine moderne Verfassungsphilosophie tragende Gedanke – nicht zuletzt angesichts der totalitären Versuchung – erhält bei Novalis jedoch eine ästhetische Variante: Poetisierung der Welt, ihr also Glanz und Schönheit zu verleihen, bedeutet auch den entscheidenden Blickwechsel: weg von ihrer bloßen Brauchbarkeit und Verbrauchbarkeit, von Brutalität und Banalität, hin zur Erschließung von unerschöpflichem Sinn in und nicht bloß mittels aller Dinge. Wenn wir derzeit ein geradezu süchtiges Verlangen nach Identität, Orientierung und Sinnerfahrungen sehen, dann liegen in der genialischen Utopie des Novalis sicher noch viele ungehobene Schätze.

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