Franz Werfel (1890 Prag – 1945 Beverly Hills) – Romane und Erzählungen

Eigentlich gibt es nicht den Werfel, sondern ihrer mindestens vier:

  1. den Verfasser expressionistischer Lyrik und avantgardistischer Bühnenwerke,
  2. den Essayisten und Botschafter eines Humanismus mit tief religiösem Sinn (zum Blättern und Festlesen der dicke Band „Zwischen oben und unten“),
  3. den Menschen aus einem einzigartigen Milieu, dem Prager Deutschjudentum (so wie etwa Franz Kafka, mit dem er befreundet war), und einer bewegten Geschichte und
  4. den begnadeten Erzähler.

Und dazu das Bekenntnis: Ich schätze und achte den Werfel 1 bis 3, aber ich liebe den Werfel 4. Das mögen manche Literaturgescheiten anders sehen und seine experimentellen Werke bahnbrechender, gewagter und sprachlicher eindrucksvoller ansehen.

Zeichnung von Franz Werfel durch Erich Büttner (1915; National Library of Israel, Schwadron collection)

Zugestanden (auch wenn hier und da vielleicht einfach etwas Neid mitschwingt, dass Werfel zu Lebzeiten richtig erfolgreich war, und das auch noch mit Abstand am meisten ausgerechnet bei „Das Lied von Bernadette“, seinem Lourdes-Roman)! Aber man möge mir jemanden zeigen, der einfach gerne liest und sich in fremde Welten entführen lassen, von einer Spannung umgarnen und mit den Hauptpersonen bis zur letzten Seite mitfiebern möchte und der mir nicht zugestehen würde: „Einen Werfel kann man blind zur Hand nehmen und ist nie enttäuscht!“ Überall merkt man ihm den Opernliebhaber an: Effekt, Sinn für Spannung, Charaktere und Dramatik, ein breites Bühnenbild, Farbe und Pastell und bei allem ganz einfache, ewig menschliche Sujets. Dazu für den Gläubigen die Öffnung dieser Welt nach oben, das Ineins von Oben und Unten, ein Schreiben „etsi Deus daretur“. Dies aber niemals missionarisch, thesenhaft und demonstrierend, so dass Szenen und Personen zu Klappergestellen für Ideen und Bekenntnisse werden. Vielmehr ganz „Wort, das Fleisch geworden ist“: glutvoll, leidenschaftlich, oft auch humorvoll und tief menschlich – aber eben menschlich nicht in einer allumarmenden Humanität, sondern wie mit dem Wort als „zweischneidigem Schwert“ geschnitten wird alles Menschliche bloßgelegt auf seinen letzten Grund: ob es vor Gott Bestand hat oder nicht.

„Ich wußte natürlich, daß die großen dramatischen Vorfälle, Emotionen und Entscheidungen nicht die wichtigsten Augenblicke bedeuten, sondern die winzigen, unscheinbaren, kaum merklichen Ursachen es sind, welche im Leben oft überraschende Folgen zeitigen“ (Der Stern der Ungeborenen)

Gute Informationen zur Biographie und zu den einzelnen Werken Werfels sind leicht zu greifen. Darum hier nur ganz unliteraturwissenschaftliche Leselust-Empfehlungen aus seinem erzählerischen Werk.

„Der Abituriententag“ (1928)

Viele Schulerinnerungen sind eingegangen in diese ebenso kurze wie dichte Erzählung einer wachsenden Verstrickung und Schuld einer Gymnasialklasse, geschildet 25 Jahre später anlässlich eines elenden, ungeliebten Klassentreffens. Die prägnant geschilderten Charaktere der Klasse bilden einen Kranz von Nebenfiguren um die beiden Schüler Sebastian – heute ein angesehener Landgerichtsrat – und Adler, dem Juden, der die Stadt verlassen musste und der heute vor ihm steht, des Mordes an einer Prostituierten angeklagt. Sebastian verbindet eine Hassliebe mit Adler, dem Klassenbesten, und er tut alles dafür, ihn immer mehr in den Dreck zu ziehen. „Freunde, jetzt sind wir verkommen!“, ist darum ein Schlüsselsatz – und doch kommt es noch schlimmer. Am Ende opfert Sebastian Adler in kaltblütiger Berechnung, so dass er eine bürgerlich-beamtliche Karriere machen und Adler mit seiner bösen Erinnerung an ihr Vergehen aus dem Weg geräumt ist. – Kurz, unbedingt lesenswert, mit wachsender Spannung und Beklemmung, die großen Themen Schuld und Auserwählung in packendes Geschehen umgesetzt. Zugleich eine beklemmende Widerlegung der „Revolution gegen den Geist“ (Alexander Schüller) im Gefolge Nietzsches und seiner Apotheose von Körper, Vitalität und Macht. Warum ist das keine Pflichtlektüre an unseren Gymnasien?

„Eine blaßblaue Frauenschrift“ (1941)

Den zielstrebig durchgeführten kurze Roman „Eine blaßblaue Frauenschrift“ stellen wir direkt neben den „Abituriententag“, dafür sind viele Motive zu verwandt: die Schuld des erfolgreichen Ministerialbeamten Leonidas (hier das schändliche Im-Stich-Lassen seiner jungen Geliebten, der Jüdin Vera Wormser) und das Gehen über Leichen um der eigenen Karriere willen (versinnbildet im Frack, den er infolge des Selbstmordes eines Studienkollegen erbt), die Judenfaszination und -feindschaft, das Eingeholt-Werden von der Vergangenheit und der Aufruf, Lebenslügen zu beenden und ein wahrhaftiges Leben zu beginnen. Neu dagegen ist hier das Thema Liebe und Konvention, Vaterschaft und Erfolg. Der Schlüsselsatz fällt hier ganz am Ende: Da „weiß Leonidas mit unaussprechlicher Klarheit, daß heute ein Angebot zur Rettung an ihn ergangen ist, dunkel, halblaut, unbestimmt, wie alle Angebote dieser Art. Er weiß, daß er daran gescheitert ist. Er weiß, daß ein neues Angebot nicht wieder erfolgen wird.“ – Großartig, dass Leonidas hier nicht von Anfang an demaskiert, seziert und verachtet wird. Er ist wie du und ich, und das ist das Erschreckende.

„Die Geschwister von Neapel“ (1931)

„Die Geschwister von Neapel“ gehört für mich nicht ganz in die erste Reihe, dafür wirkt die Geschichte einer patriarchalisch geführten Familie und ihres Auseinanderbrechens ein bisschen zu konstruiert. Und doch, mit feinem Sinn hält Werfel die Balance: Der Vater ist nicht der Tyrann, sondern der Verzweifelte und zunehmend ohnmächtige Beschützer vor dem Verfall. – Dennoch, beinahe ein Muss für alle Familienmenschen.

„Verdi. Roman der Oper“ (1924)

Noch ein Roman aus meiner zweiten Reihe (für manche Musikliebhaber völlig unverständlich): „Verdi. Roman der Oper“. Es geht um eine Schaffenskrise im Werk des von Werfel hochverehrten Meisters der italienischen Oper des verismo – Werfel konnte stundenlang seine Arien zum besten geben oder sie auf den Straßen schmettern und darüber brave Bürger pikiert ihre Köpfe wenden lassen. Diese Krise löst ausgerechnet Richard Wagner aus, der große Gegenspieler (für Werfel nicht nur musikalisch, sondern auch in seinem ganzen Lebensentwurf). Irgendwie kam ich aber nicht so richtig in diese Spannung hinein, und dadurch wurde mir die ganze Staffage bisweilen etwas zu phantastisch-unverständlich. Was natürlich ausschließlich an meiner beschränkten Auffassungsgabe gelegen hat. – Eine Chance hat er allemal verdient!

„Barbara oder die Frömmigkeit“ (1929)

Der wieder etwas kürzere Roman „Barbara oder die Frömmigkeit“ist in vielerlei Hinsicht eine Huldigung an das tschechisch-katholische Kindermädchen im Elternhaus, Barbara, hier die Magd im Elternhaus des Schiffsarztes Ferdinand R. Auch sonst gibt es viele Anspielungen auf die bewegte Vergangenheit Werfels in schwieriger Zeit rund um den Ersten Weltkrieg und den Zusmamenbruch der k.u.k. Monarchie, etwa auf das berühmt-berüchtigte Café Central in Wien. Bei allem begleitet ihn die schlichte, selbstlose Liebe Barbaras, verankert in ihrer tiefen Frömmigkeit und Treue zu ihrem Kleinen. Am Ende übergibt sie ihm einen Beutel mit Goldmünzen, die sie ein Leben lang für ihn zusammengespart hat. – Der Entdeckung wert!

„Der veruntreute Himmel. Die Geschichte einer Magd“ (1939)

Dieser Roman wirkt in manchen Zügen wie ein Zwillingsgeschwister von „Barbara oder die Frömmigkeit“, allerdings kein eineiiger. Hier heißt die Magd Teta Linek, die erst nach einer ausführlichen Rahmenerzählung um den Einbruch des Todes in die glückliche, großbürgerliche, aber rein diesseitige Welt der Argans in den Mittelpunkt rückt. Allein ihr Glaube ist angesichts des Todes, während die Familie verzweifelt. Doch auch ihr bleibt die große Prüfung nicht erspart. Auf ihre Kosten konnte ihr Neffe Mojmir Theologie studieren und Priester werden – so meint sie, doch über all die Jahre hat er sie nur grausam hinters Licht geführt. Am Ende unternimmt sie eine Romwallfahrt, bricht während der Papstaudienz zusammen – und erfährt, dass nun der Papst selbst für ihr ewiges Seelenheil beten wird. All das ist sehr menschlich, oft allzumenschlich, manchmal heiter, oft tragikkomisch, am Ende fast wie eine Legende und stets ein großes Bekenntnis zur jenseitigen Berufung des Menschen, ganz ohne erhobenen Zeigefinger. – Must read!

„Die vierzig Tage des Musa Dagh“ (1933)

Vor einem Roman muss ich in einer Hinsicht warnen, gerade weil er so packend und realistisch ist: „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ über das Schicksal der Armenier in der Türkei (wir kennen die Debatten darüber, ob der Massenmord und die Verfolgung der Armenier durch die Jungtürken 1915/16 als Genozid bezeichnet werden darf). Gerade durch seine Qualität ist das Buch nichts für schwache Nerven. Musa Dagh ist der „Berg Mosis“, auf den sich 5000 zum Kampf entschlossene Armenier zurückziehen und sich nach heftigem, aussichtslos scheinendem Kampf schließlich retten können. Verflochten ist das Kollektivschicksal in die individuelle Selbstfindung Gabriel Bagradians, der selbst von einem abstrakten Zivilisationsmenschen zu einer Art Mose für das Volk wird. Im Jahr der Machtergreifung wurde der Roman gleichzeitig zur prophetischen Mahnung gegen die kommende Judenvernichtung durch die Nazis. – Also doch?

„Höret die Stimme“ (1937)

Ganz prophetisch ist nun „Höret die Stimme“, der große Jeremia-Roman und der vielleicht beste biblische Roman aller Zeiten, deutlich gestaltet als ein Vorausbild auf den leidenden Messias Jesus von Nazaret. Aus dem Sommerrätsel und seiner Auflösung ist er auf dieser Seite ja schon ein alter Bekannter. Beeindruckend ist auch der Versuch, die biblische Sprachwelt ebenso wiederzugeben wie die religiöse Welt Ägyptens und Babels. Im Sommerrätsel stand der Roman ja im Mittelpunkt. Noch mehr als anderswo zeigt sich in ihm die Realität Gottes und damit der transzendenten Bestimmung des Menschen, die quer liegt zu allen letztlich grausamen Ordnungen der Menschen. – Der Spitzenreiter!

„Das Lied der Bernadette“ (1941)

Einbruch des Jenseits ins Diesseits, das bildet auch die innere Mitte des großen Bestsellers Werfels „Das Lied der Bernadette“. Der Roman geht bekanntlich auf ein Gelübde zurück, das er auf der Flucht in Lourdes abgelegt hat. Trotz des Themas ist es kein katholischer Bekenntnisroman, kein „Liebäugeln mit Rom“ (Thomas Mann), sondern das Geschehen um Bernadette und die Erscheinungen der Muttergottes von 1858 wird zum Paradigma der verstörenden und die Welt letztlich aber erst wieder auf ihren rechten Platz rückenden Macht Gottes – zusammen mit dem Jeremia-Roman also Werfels großer Gesellschaftsroman. – Wer dieses Buch nicht liebt, ist selber schuld!

Lourdes: Basilika und Grotte (Foto: Roland Darré/wikicommons)

„Stern der Ungeborenen. Eine Reiseroman“ (erschienen posthum 1946)

Gesellschaftsroman, Utopie, divina commedia (übrigens selbst mit einem Vergil alias seines Freundes Willy Haas als Führer) und Prophetie in einem ist schließlich sein letztes großes Werk, entstanden im Angesicht des Todes infolge seiner schweren Herzerkrankung, der utopische Roman „Stern der Ungeborenen. Eine Reiseroman“. Darin verschlägt es den Erzähler „F. W.“, ins Jahr 101.945, und da ist alles… nein, nicht ganz anders, sondern wie in jeder guten Utopie überdeutlich klar, was in der Gegenwart an verborgenen Entwicklungen und Gefährdungen angelegt ist. Alles ist gut, es gibt keine Nationen mehr, nur noch eine All-Regierung, auch keine Kriege und kein Leid, der Mensch hat sich „astromental“ vergeistigt, der Körper selbst ist zu einer Art Astralleib geworden, ohne Leid, aber auch ohne Passion, Hingabe und Liebe. Astralreisen, Gedankenlesen und Hervorbringung durch bloße Gedanken sind möglich geworden. Der Tod – und hier wird Werfel wirklich prophetisch – ist zur freiwilligen Euthanasie geworden, eine Rückverwandlung in ein vegetatives Blumendasein im „Wintergarten“: „Alles sollte hier schnell gehen, ehe man recht zur Besinnung kam.“ Alle Bedürfnisse sind befriedigt, und doch (oder gerade deshalb) ist der Mensch weiter von Gott entfernt als nach dem Sündenfall. Doch am Ende zerbricht diese Welt an der eigenen Verzärtelung, und die Erlösung steht im Zeichen eines Kindes, das Leid und Opfer statt schmerzlosem Verlöschen wählt. – Wer keine Angst vor dem Phantastischen und einer überbordenden Erfindungsgabe hat, hält bis zum Schluss den Atem an!

Und vieles andere…

Noch manche Erzählung wäre zu erwähnen. Darunter vielleicht nicht unbedingt sein Erstling, die Novelle „Nicht der Mörder, der Ermordete ist der Schuldige“ (1920). Der Vater-Sohn-Konflikt ist hier noch ganz expressionistisch, überzeichnet und mit hemmungsloser Phantastik geschildert, das muss man nicht mögen, erkennt aber, warum der Weg Werfels in ein realistischeres, maßvolleres und formal eher traditionelles Erzählen in den folgenden Jahren doch ein großer Fortschritt für die Leser war. Perlen sind manche seiner kleineren Erzählungen, so ergreifend „Der Tod des Kleinbürgers“ (das Opfer des eigenen Sterbens, um der Familie die Lebensversicherung zu sichern), mutig „Die Hoteltreppe“, wo die Befreiung der jungen Francine vom Elternhaus in „die Melodie der großen Öde“ führt, ganz in der Art Joseph Roths den Untergang des k.u.k. Österreichs betrauernd in „Das Trauerhaus“ (eigentlich ein Freudenhaus) und geradezu flehentlich um das Miteinander von Kirche und Israel ringend „Die wahre Geschichte vom wiederhergestellten Kreuz“, verkörpert im Kaplan Ottokar Felix und dem Rabbiner Dr. Aladar Fürst, ein Kapitel aus dem unvollendeten Roman „Cella oder die Überwinder“ (posthum 1954). Das gleiche Thema findet sich auch in manchen seiner Essays oder in der „Dramatischen Legende in sechs Bildern“ „Paulus unter den Juden“ (1926). „Was wäre Israel ohne die Kirche? Und was wäre die Kirche ohne Israel?“, so schreibt er einmal. Immer zwischen Judentum und Katholizismus stehend, konvertierte er nie eigentlich zum Christentum und ließ sich taufen. In der Zeit der Judenverfolgung hatte dies für ihn auch den Grund, dass er die Gemeinschaft mit den Verfolgten nicht aufkündigen wollte: „Ein Jude, der vors Taufbecken tritt, desertiert.“ Anders Aaron Jean-Marie Lustiger, der sich in dieser dunklen Zeit taufen ließ, darin aber letztlich eine tiefere Annahme seines Judentums erblickte. Literarisch jedoch hat diese Zwischenposition uns einen Autor geschenkt, der nicht im Verdacht steht, Proselyten machen zu wollen, dessen Sprachmacht, Erfindungsreichtum und Tiefe ihn aber zu einem der ganz großen Autoren einer religiösen Weltsicht machen.

Ein Gedanke zu „Leselust (1): Franz Werfel

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