…zwei ursprüngliche Typen des Erlebens der Dinge und der Umwelt
Karl Mannheim, Konservatismus. Ein Beitrag zur Soziologie des Wissens. Hg. von David Kettler, Volker Meja und Nico Stehr (= stw 478), Frankfurt a. M. 1984

In einem ist die soziologische Habilitationsschrift des ungarischen Juden Karl Mannheim (1893-1947) an der Universität Heidelberg durch und durch konservativ, so wie er es darlegt: Sie ist stark im Einzelnen, lässt aber für eine großflächige Theorie des Konservatismus viele Fragen offen. Seine Theorie ist die einer wissenssoziologischen Analyse dieser politischen Strömung in Deutschland mit dem Schwerpunkt der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das unvollendet gebliebene Werk enthält drei Teile:

  1. Eine Einführung in die Problemstellung: Mannheim geht nicht ideengeschichtlich, sondern soziologisch vor, indem er die Entstehungsbedingungen bestimmter geistiger Einstellungen offenlegen will (hier vor allem die Interessenlage des Adels in Verteidigung seines status quo und damit in Opposition einerseits zum Absolutismus, andererseits zunehmend zur Aufklärung und zur naturrechtlich begründeten Volkssouveränität);
  2. den Versuch einer Wesens- und Begriffsbestimmung des Konservatismus mit seinen „intuitiven Grundintentionen“, dann seinem auch reflex-theoretisch erfassten Zentrum;
  3. die eigentliche Detailuntersuchung einiger wichtiger altkonservativer Denker in Deutschland zwischen 1800 und 1848: zum einen die romantisch-ständische Linie von Möser und Möller, zum anderen die historische Schule von Stahl und Savigny, Hugo und Schmoller (leider hat Mannheim seine Behandlung Hegels nicht mehr ausgearbeitet).

Das Herzstück der Arbeit macht sicher die Morphologie konservativen Denkens im zweiten Teil aus (109-136). Danach entsteht  Konservatismus erst infolge der Veränderungsdynamik, die in die Gesellschaft seit der Aufklärung hineingekommen ist: Das öffentliche Leben ist nun kein auf althergebrachter Ordnung fußendes Gefüge mehr, sondern ein offener Veränderungsprozess. Dies führt zu einer sozialen Differenzierung, es entstehen „mehr oder minder homogen reagierende, horizontal zusammenfaßbare Schichten“ (108). Angesichts dessen wird sich der Konservatismus erst seiner selbst bewusst und reflektiert auf seine Haltungen; zuvor handelte es sich um einen bloß intuitiven Traditionalismus (vgl. 125f.). Innerhalb solcher homogener Schichten kann nun auch in der ersten  Hälfte des 19. Jahrhunderts ein einheitliches Denken entstehen, das gemeinsame „Grundintentionen“  besitzt und um ein „inneres theoretisches Zentrum“ kreist, das „den Denkstil in seiner Eigenart zusammenhält“ (110). Was zeichnet diesen konservativen Denkstil aus? Mannheim unterscheidet zunächst die intuitiven Grundintentionen von seiner reflex entwickelten Theorie.

  • Intuitiv zeichnet den Konservativen nach Mannheim „das Sichklammern an das unmittelbar Vorhandene, praktisch Konkrete“ und „eine radikale Abneigung gegen jedes ‚Mögliche‘ und ‚Spekulative‘“ aus (111), d.h. er denkt vom Realen, dem Gegebenen, dem Konkreten her, nicht von einem abstrakten Ideal oder dem Ganzen einer Institution. Politik heißt für ihn Verbessern, also Einzeltatsachen durch andere ersetzen: „Mit dem Gegensatz ‚konkret-abstrakt‘ hängt eng zusammen der Gegensatz, der dadurch entsteht, daß das progressive Denken stets nicht nur, wie wir gesehen haben, vom Möglichen aus, sondern von der Norm aus das Daseiende sieht, der Konservative dagegen das Daseiende in seiner Bedingtheit erfassen will oder aber das Normative vom Sein aus zu verstehen versucht“ (119). Somit stehen progressiv und konservativ für „zwei ursprüngliche Typen des Erlebens der Dinge und der Umwelt“: vom vor uns Liegenden, vom Sollen her, das allerdings den Realitäten „keine verzeihende Liebe entgegen [bringt und wir] haben kein solidarisches Interesse für ihr Dasein“ (was für eine treffende Umschreibung!), oder von rückwärts, vom Gewachsenen her, das jedoch dazu neigt, „alles Daseinde verzärtelnd hinzunehmen“ (119).
  • Mit diesen Grundintuitionen bereitet Mannheim bereits die „zentrale Problematik“ (110) vor, die das Zentrum konservativer Theorie ausmache: Geschichte statt Natur, genauer die naturrechtliche Denkweise (Urzustand und Gesellschaftsvertrag, Volkssouveränität und Menschenrechte, Individualismus und Kosmopolitismus). Geschichte, das ist „die Idee des ‚im Keime Vorgebildetseins‘“ (120), also das organisch Gewachsene, die Entwicklung, das Konkrete (von lateinisch con-crescere: zusammen-wachsen). Sehr fein unterscheidet der Wissenssoziologe Autoren, die bloß inhaltlich gegen die aufklärerischen Postulate argumentieren (teilweise durchaus differenziert, etwa wenn Möser und Rehberg noch von einem Urvertrag ausgehen), und solche, die noch grundsätzlicher die Vernunft selbst zu einem Teil der Geschichte machen, welche „die Vernunft mit ihren Normen in diese Bewegtheit hineinbezog“ (135; ja, es ist wirklich schade, dass Hegel nicht mehr eigens vorgestellt wird!). Dann steht die Vernunft nicht außerhalb der Geschichte, des „Lebens“, des Volkes und seiner Sprache und Kultur, sondern erfasst sich selbst als Teil eines großen Organismus, einer Totalität etwa eines Volkes. Dabei streift Mannheim nur knapp das Problem des Irrationalen und der Individualität (vgl. 133f.), Schlüsselerfahrungen der Romantik (vgl. jedoch die Auflistung von Orten des Irrationalen in Individuum, Lokalität, Anwendung, Irrationalität der Bewegung, Persönlichkeit, Qualitativem, Totalität, Göttlichem und Organischem auf S. 199f.).

Methodisch hat Mannheim hier längst einen strikt wissenssoziologischen Zugang aufgegeben und geht stattdessen doch wieder ideengeschichtlich vor.[2] Doch damit ist ihm eine der kompaktesten Einführungen in die philosophischen Grundprobleme der Zeit gegeben. Zieht man deren Linien bis ins 20. Jahrhundert aus, erkennt man die enorme Inspirationskraft konservativen Denkens (etwa über Schopenhauer und Nietzsche zur Lebensphilosophie, aber auch zu Phänomenologie und Existenzialismus; selbst das sozialistische Denken steht in derselben Linie wie das konservative, nur dass es das Proletariat an die Stelle des Volkes gesetzt hat, vgl. 122f.).

 

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Mannheim vor 1930 (1893-1947) (Quelle: Henk E. S. Woldring: Karl Mannheim. New York 1987)

All das ist faszinierend und besticht im Einzelnen durch erhellende und prägnante Formulierungen wie: „Wenn der Protestantismus atheistisch wird, so hat er die Tendenz, pantheistisch zu werden; und wenn der Katholizismus atheistisch wird, wird er zum Materialismus“ (150), oder die Wortprägung eines „Desillusionskonservatismus“ (210), eine Haltung der intellektuellen Redlichkeit und der Annahme der Wirklichkeit trotz ihrer Widersprüchlichkeit und Irrationalität. Doch stimmt auch das Ganze? Offene Fragen offenbart schon das Schillern des Titels. Lautet er nun „Konservatismus“ (wie in seiner veröffentlichten Teilausgabe) oder „Altkonservatismus“ wie im maschinenschriftlichen Manuskript? Das ist mehr als eine bloß editorische Frage. Legt Mannheim eine historische Einzelfallstudie dar oder erhebt er den Anspruch, das Wesen des Konservatismus zu zeichnen? Gerade bei diesem Thema ist die Vermischung von historischer und Wesensfrage verhängnisvoll, denn bekanntlich ist kein politischer Stil inhaltlich so wandlungsfähig wie der Konservatismus. Damit legt er zugleich ein inhärentes Problem des wissenssoziologischen Zugangs zum konservativen „Denkstil“ frei. Zweifellos prägen ökonomische Verhältnisse, soziale Positionen, Schichtbildungen und Konfliktlagen auch kollektive Interessen, und sicherlich entstehen daraus homogene Denkstile. Anders wäre etwa die politische Parteienbildung nicht zu erklären. Doch nur ein strikt materialistisches Vorurteil kann meinen, dass Denken als ein kausal determinierter Überbau zur Basis sozialer Lagen erklärt werden kann. Außerdem sind es nach Mannheim gerade die freischwebenden Intellektuellen, die zu ideologischen Steigbügelhaltern bestimmter Schichten und Interessen geworden sind und die sich zum Lohn dafür Brot, Amt und Würden erwarten durften (vgl. 144); es handelte sich also um soziale Erwartungshandlungen, die leichter etwa mit einem spieltheoretischen Ansatz begriffen werden könnten. Mannheim selbst sprach hier vorsichtiger von Entstehungsbedingungen geistiger Einstellungen. Letztlich entscheidet sich deren Zukunftsfähigkeit aber doch an ihrem Vermögen zur guten Argumentation, also Realitäten möglichst zutreffend zu beschreiben und erfolgreiche Handlungsmöglichkeiten daraus zu erschließen. Das sind geistige, intentionale und eben letztlich eigengesetzliche Prozesse. Soziologie kann deren Voraussetzungen beschreiben, sie selbst aber nicht daraus ableiten.

 

Offen im Sinn von offenbarend ist dagegen Mannheims strikte Rückführung des Gegensatzes von progressiv und konservativ auf den der Orientierung am Naturrecht bzw. an der Geschichte. Das ist freilich exakt das Gegenteil dessen, was zumindest einem heutigen katholischen Denker in den Sinn käme: Konservativ zu sein bedeutet, bestimmte unveräußerliche Ordnungen der Natur als vorgegeben zu erkennen und daraus normativ den Rahmen allen individuellen und sozialen  Handelns abzuleiten, also etwa biologisches und kulturelles Geschlecht und nicht gender statt sex. Freilich, Naturrecht im Sinn der Aufklärung ist säkularisiert und hat sich vom Schöpfer gelöst, wie Mannheim auf S. 129f. darlegt. Dennoch – und das ist ein Beweis der genannten Eigengesetzlichkeit geistiger Prozesse – war der altkonservative Gegenentwurf nur eine Möglichkeit. Sie schuf den sehr spezifischen deutschen Konservatismus, der durch und durch romantisch und/oder historisch orientiert ist. Das Wesen des Konservatismus ist damit keineswegs erschöpft. Dieser Denkstil ist selbst bereits sehr voraussetzungsvoll und situiert sich in einer säkularisierten, pantheisierenden protestantischen Leitkultur. Für die katholische Theologie ergibt sich daraus auch die Einsicht, dass es sich bei der Lieblingsidee des theologischen Neokonservativismus, dem organisch Gewachsenen, der Entwicklung und der Kontinuität, möglicherweise nur um schlecht verdaute altkonservative Versatzstücke handelt. Umso mehr stellt sich die Frage nach den denkerischen Alternativen. Eine solche fände sich in der Wiederentdeckung der christlichen Wurzeln des Naturrechtes, die seit er Aufklärung teilweise verschüttet wurden. Mit seiner Hilfe könnten die Grundlagen von Demokratie und Menschenrechten vorbehaltlos bejaht, gleichzeitig aber mit grundlegenden sozialen Ordnungsvorstellungen verbunden werden. Sie sind nicht nach rückwärts gerichtet, sondern nach oben. Denn sie fordern die Selbstbegrenzung des Menschen, die Einbindung seiner Freiheit in seine Geschöpflichkeit, also die „Ökologie des Menschen“, von der Benedikt XVI. im Berliner Reichstag so treffend sprach. Ein Indiz für diese Möglichkeit gibt Karl Mannheim selbst: Auf S. 248 findet sich ein eher verwirrendes Schaubild der verschiedenen Strömungen und Namen, in dem der einfache Gegensatz von Natur und Geschichte überhaupt nicht mehr auftaucht. Dafür verlaufen an einer Stelle katholischer Rationalismus und Naturrecht parallel. Mannheim lässt sie beide allerdings enden im Österreich von Metternich und Gentz. Das traditionelle Klischee will sie damit als Sackgasse verstehen. Neuere Geschichtsschriebung hat da allerdings manches korrigiert. Auf jeden Fall sind katholischer Rationalismus und Naturrecht keineswegs obsolet, sondern beide miteinander zeichnen Linien vor, die direkt in die Gegenwart führen.

 

NB: Die lange Zeit bekannte, jedoch deutlich kürzere veröffentlichte Fassung findet sich leichtzugänglich in: Karl Mannheim, Das konservative Denken, in: Wissenssoziologie. Auswahl aus dem Werk. Eingeleitet und hg. von Kurt H. Wolff (= Soziologische Texte 28), Berlin-Neuwied 1964, 408-565.

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