Der berufene Kirchenmann, die Gestalt des Papstes Benedikt XVI. zu würdigen, bin ich sicher nicht. Ich war nicht seine rechte Hand, auch nicht – in der heutigen Kirchenlandschaft sehr viel häufiger – seine linke Hand. Auch in meiner theologischen Prägung spielte Ratzinger-Theologie eine erstaunlich geringe Rolle. Erst recht will ich nicht das Wort erheben, um diesen durch und durch edlen Menschen, Gläubigen, Priester und Papst für eigene Zwecke zu gebrauchen und mir dabei aus seinem gewaltigen Oeuvre das herauspicken, was dazu scheinbar zu gebrauchen (oder auch zu missbrauchen) ist. All das also nicht. Aber eine kleine Erinnerung will ich beisteuern, nicht mehr als ein Bild, eine Momentaufnahme. Es war beim Festessen nach einer Priesterweihe im Germanikum, etwa 1982 oder 1983. Der Präfekt der Glaubenskongregation, gerade erst seit 1982 im Amt und noch sichtbar ein Fremdling in vatikanischer Kurialluft, war als Deutscher ebenfalls geladen. Recht vorhersehbar zog sich das Essen in die Länge, und deutsches Pflichtgefühl und vielleicht auch die Gewissheit, nach einem bis zu Ende durchgestandenen üppigen Fest-Pranzo den Rest des Tages nur noch mit einer Pontifikalsiesta verbringen zu können, ließen Ratzinger nach dem zweiten Gang aufstehen und quer durch die Stadt zurück in den Palazzo del Sant’Ufficio eilen. Da geschah es. Karl Rahner, der alte Theologen-Haudegen, der gerade zu einer Konferenz in Rom weilte und ebenfalls am Essen teilnahm, schoss von seinem Platz auf, eilte dem Präfekten mit einem lauten Ruf nach und erreichte ihn am Ausgang des Speisesaales. Ganz offensichtlich bedrängte er den Kardinal in einer hochwichtigen Sache, also etwa dem II. Vatikanischen Konzil. Vielleicht genoss der Jesuitentheologe auch das kleine Intermezzo vor unzähligen Augen, was man von Ratzinger sicher nicht sagen konnte, dem jede Wichtigtuerei peinlich war.

KlausHausmann / Pixabay

Das ist auch schon mein Erinnerungsbild. Zwei Gestalten, zwei Welten. Da ist Rahner, Inbild einer gewissen Konzilstheologie, zunehmend umtriebig bis dazu hin, dass zeitweilig kein theologisches Lexikon oder Standardwerk erscheinen konnte, an dem nicht er selbst oder seiner Schüler maßgeblich beteiligt waren. Außerdem ein begnadeter Netzwerker, der auch mit Hilfe seines hocheffektiven, international agierenden Ordens die Theologie in vielen Ländern beherrschte. Schließlich ein Spielraum-Theologe, der die kirchliche Lehre nach letzten Winkeln absuchte, mit deren Hilfe auf einmal alles ganz anders aussehen konnte – etwa bei seiner Lehre vom übernatürlichen Existenzial, der allgemeinen Gottbegnadetheit aller Menschen, und seiner Zwillingsschwester, der Vorstellung vom anonymen Christen. „Kein Problem, da kann man doch etwas machen, und bei mir seid ihr dafür an der richtigen Adresse!“, dieses Selbstverständnis hat er der deutschen Theologie mitgegeben, auch wenn sie weithin die strikte Lehrbindung und echte Gläubigkeit Rahners längst hinter sich gelassen hat. da führt eine direkte Linie bis hin zu den vielgepriesenen und noch mehr interviewten Berater-Theologen und -Theologinnen des Synodalen Weges. (Ich habe eben in einem kleinen Stoßgebet Karl Rahner um Verzeihung für diese kleinen Sticheleien gebeten, denn recht verstanden sind seine Anstöße in vielem bis heute bedenkenswert, nur leider inzwischen fast kaum mehr in der Breite der Theologie erkennbar – sic transit gloria mundi!).

Und Joseph Ratzinger? Bei seinen ersten Worten als neugewählter Papst auf der Benediktionsloggia am 19. April 2005 bezeichnete er sich als einen „einfachen, schlichten Arbeiter im Weinberg des Herrn“. Genau das war er stets gewesen, auch in jener Stunde, als er vorzeitig den Festsaal verließ, um sich in seinem Büro irgendwelchen langweiligen Dossiers zu widmen. Also kein Gläschen an der Festtafel in Ehren, Schluss, aufstehen! Die Pflicht rief eben den Arbeiter in den Weinberg der Papiere, Gutachten, theologischen Verquertheiten und… vielleicht schon damals den ersten erschreckenden Nachrichten zu sexuellem Missbrauch durch Kleriker und zum laxen Umgang damit weltweit, in dessen Bekämpfung er später ein Pionier werden sollte. Keine angenehme Arbeit, fürwahr nicht, aber der einfache, schlichte Arbeiter hat eben das zu tun, was an der Tagesordnung ist. Und die berühmte Ratzinger-Theologie? Eigentlich war sie auch nicht mehr als Winzerarbeit: mit viel Liebe die Weinstöcke pflegen, Wildwuchs beschneiden, Unkraut fernhalten, Schädlingen vorbeugen und schließlich die reifen Reben der Kelter anvertrauen. Will sagen: Joseph Ratzinger wusste, dass das ihm anvertraute Gut der Wahrheit nicht sein eigenes Gewächs war, beileibe nicht. Deshalb hatte er auch all seine geistige Kraft hinzulegen, die kostbaren Rebstöcke zu bewahren, sie aber nicht durch eigene Gescheitheiten zu verfälschen. Ja, wenn andere hybride Weinsorten züchten wollten, wenn sie gar den Wein panschten, um ihre eigene Billigware als unvergleichlichen Genuss auszugeben, er arbeitete unermüdlich dafür, dass das Original erhalten blieb. „Di origine controllata e garantita“ – die Wahrheit des Glaubens ist göttlichen Ursprungs, und die Kirche garantiert, dass keine Fremdstoffe eingedrungen sind. Verständlicherweise war eine solche Schutz- und Vorsorgearbeit als Theologieprofessor, Präfekt der Glaubenskongregation und schließlich als Papst für ihn harte, oft auch bedrückende Arbeit. Er hat sich ihr nicht entzogen. Doch noch mehr lag ihm „veritatis splendor“, also die Wahrheit selbst zum Glanz zu bringen, in seinen Predigten, Vorträgen, Büchern und nicht zuletzt in seinem großen Gesamtprojekt, dem „Katechismus der katholischen Kirche“, der eine Wende in Religionsunterricht und Katechese hätte bringen können. Eine Spielraum-Theologie dagegen, die in der Lehre nur Knetmasse sieht, die man wendig zu jeder gewünschten Form bringen kann, nein, darüber konnte er sich regelrecht empören. Das wäre ja so, als hätte jemand den geliebten Teddy seiner Kindertage geraubt und ihn mit Schere und Kleber brutal zu seinem Walfisch umgewandelt…

Zum Tod von Papst Benedikt XVI. äußerten manche Kommentatoren die Ansicht, jetzt gehe endgültig eine Epoche der Kirche zu Ende und eine ganz neue beginne. Der Papa emeritus hätte wohl lächelnd den Kopf geschüttelt und geantwortet: Gewiss, Theologen kommen und gehen, ich zuerst, aber bald auch du. Meistens sind ihre Fußstapfen im Weinberg tiefer als ihre Winzerarbeit fruchtbar. Aber Epochen kennt die Kirche eigentlich keine, sondern nur immer wieder die eine große Bewegung – aus aller Verweltlichung zurück in die Fülle der Wahrheit und Liebe des Herrn.

Danke, Heiliger Vater! Requiescas in pace!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert