– Vorweg zum 90. Geburtstag am 16. April 2017 –

„Annuntio vobis gaudium magnum. Habemus Papam: Eminentissimum ac Reverendissimum Dominum, Dominum Josephum Sanctae Romanae Ecclesiae Cardinalem… Ratzinger, qui sibi nomen imposuit Benedictum XVI.“

Foto: Quelle http://www.flickr.com/photos/djsacche/185335570/

Zweierlei ist mir von jener goldenen Abendstunde des 19. April 2005 im Gedächtnis geblieben: die geradezu genüsslich in die Länge gezogene Kunstpause nach dem Vornamen, im sicheren Gespür dafür, dass beinahe jeder zweite ordentliche Priester José, Giuseppe, Sepp oder eben Joseph heißt; außerdem die einfache schwarze Strickjacke unter dem Talar, die der sicher nicht mit der Konstitution eines oberbayerischen Gebirgsschützen ausgestattete Gendarmensohn aus Marktl am Inn vorsorglich in die Sixtina mitgenommen hatte und die er, sicherlich ob der Wahl leicht ins Schwitzen gekommen, oben auf der Loggia, einem trügerischen Frühling und auffrischenden Aprilwinden ausgesetzt, klugerweise nicht ablegen wollte.

„Annuntio vobis gaudium magnum. Habemus Papam

Weltjugendtag 2005 in Köln (Autor: „Superbass“)

Eine Kunstpause ist er gewesen in der jüngeren Geschichte der Braut Christi, Benedikt XVI. Sieben fette Gnadenjahre waren es wie beim anderen Joseph in Ägypten, obwohl sie dann doch fast acht Jahre dauerten, und an eiskalten Winden fehlte es bekanntlich nicht. Bei der Regensburger Rede, die dann wegen eines einzigen Satzes die islamische Welt in Unruhe und die westliche in eine „Das kommt davon“-Stimmung versetzte, war ich zugegen. Wer diesen Gedankenflug im Zusammenhang hörte und sich eben nicht bloß die Rosinen herauspickte, wer sich der Diktatur des Relativismus nicht beugte, konnte nicht umhin, in ihm eine Vision zu erblicken. Parteiisch nach keiner Seite, anspruchsvoll für alle und ein Manifest für die Verbindung von Glaube und Vernunft, konnte man im Nachhinein in ihm wirklich den Stellvertreter Christi erkennen: „Wenn es nicht recht war, was ich gesagt habe, dann weise es nach; wenn es aber recht war, warum schlägst du mich?“ (Joh 18,23).

Meine persönliche Kunstpause kam am 7. Juli 2007 mit dem Motuproprio „Summorum Pontificum“. Der rechtlichen Substanz nach stellte es im Grunde nicht viel mehr als die Ausweitung bereits bestehender Erlaubnisse zur Zelebration der „alten“ Messe dar. Doch welch ein Signalwort! Das Herzstück des II. Vaticanums, der Augapfel unserer Zeit, Liturgiereform und „neue“ Messe, sie waren nichts als pastorale Ausformungen des einen, zweitausendjährigen Römischen Ritus. Damit war alles Neue, wenn es denn überhaupt dem letzten Konzil entsprach und legitim war, eigentlich nicht viel mehr als das Küken auf dem Rücken des Adlers der großen, ungebrochenen Tradition. Mein Gott, wie weit ist das schon wieder weg. Gezeigt, nicht gegeben. Oder ehrlicher: angeboten, aber nicht angenommen. „Heute, wenn ihr seine Stimme hört“, haben wir uns auf die üblichen Torheiten versteift, haben Manifeste und Memoranden verfasst und ansonsten den alten Mann in Rom machen lassen. Die Kunstpause nutzten wir… zum Austreten. Nun gut, das ist menschlich, und das Nachahmenswerteste an diesem unvergesslichen Papst ist, dass man ihn nie bitter, nie anders als den „Papa dolce“ erlebt hat. Deo gratias!

Kanontafel (Autor: „MK at Polish Wikipedia“)

Introibo ad altare Dei

Ich selbst begann bald nach dem Motuproprio mit dem Erlernen der alten Liturgie, ohne inneren Disput und ohne irgendjemandem etwas beweisen zu wollen, einfach angesteckt von der Freude an dieser strengen und zugleich federleichten Form. Das Lernen der Texte und Riten kostete nicht wenig Schweiß und Demut, und ich begriff, dass ein Priester am Altar wirklich Knecht, ja gebundener Sklave des Herrn ist. So begann ich, und eine Welt ging mir auf. Die neue Liturgie habe ich immer gerne gefeiert und selbstverständlich habe ich dies auch weiterhin getan, sogar mit neu gewonnener Aufmerksamkeit. Doch mit der alten Liturgie öffnete sich mir eine Welt. Die Welt der Religion, die in tausend Brechungen seit Menschengedenken und weit darüber hinaus Mythen und Riten, Kulte und Opfer, Einweihung und Tabu, heilige Orte und Zeiten, ausgesonderte Altäre, Kelche und Speisen hervorgebracht hat, jenes Ganz-Anders Gottes, das noch den stolzesten Menschen sich scheu umschauen lässt nach Ritus, Ordnung und Form, um nicht an den heiligen Berg zu rühren und augenblicklich zu Asche zu verbrennen. Wie weit sind wir davon abgekommen, in allerbester Gesinnung und pädagogisch reinster Absicht. Doch wenn ich in Indien einen Tempel besuchte, die Schuhe im Vorhof ablegte und die Füße im Teich wusch, mich in eine Prozession hinter Geklingel, Fahnen und Räucherwerk einreihte, das Dunkel betrat und ein Idol mich anstarren sah, während ein Priester die Opfergaben entgegennahm, Reis, Blumen, Kettchen – damals, 1982, war es mir, als begegnete ich darin einer anderen, noch nicht banalisierten Menschheit, irgendwo jenseits des großen Grabens unseres Machbarkeitswahns. Selbst noch bei einer ostkirchlichen Liturgie begegnete ich keinem verwandten Ritus, sondern einer anderen Gattung. Und jetzt, auf einmal, „Introibo ad altare Dei“. Ich war gehalten im Vorhof des Tempels, musste mich mühsam reinigen, Einlass begehren und, gestützt auf die Gebete der Kirche, langsam emporschreiten zum heiligen Ort, um dort das Heil zu schauen. Das Konzil von Trient spricht von den Opfern aller Völker, die in diesem einen Opfer aufgehoben sind. Was mir bis dahin wie eine etwas abgehobene theologische Figur erschien, bedurfte jetzt auf einmal keiner Erklärung mehr. Was die Menschheit in Schattenbild und Figur, in Ahnung und Aberglaube, Tempel und Gebetsstätte ertastet hatte, hier war die Wahrheit, die Erfüllung, der wahre, vernunftgemäße Gottesdienst. Welcher heilige Mut eines so scheuen Papstes!

Geht zu Josef! Tut, was er euch sagt. (Gen 41,55)

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