Irgendwann in der Mitte meiner Lizentiatszeit über die Gotteserkenntnis in den „Zwei Centurien“ des Maximus Confessor trat Professor Studer am Ende seiner Vorlesung auf mich zu: „Ich habe den Text gelesen. Wir müssen reden.“ Mit „wir“ meinte er natürlich hauptsächlich sich selbst, während mir die sehr benediktinische Rolle des „Höre die Stimme des Meisters!“ zugewiesen war. So wusch er mir in der folgenden Stunde gehörig den Kopf, Gott sei Dank nicht generell bezüglich des bisher Geleisteten, sondern nur was einen einzigen Punkt anging, allerdings einen ganz zentralen: die Trinität. Er meinte, in der späten griechischen Patristik des 7. Jahrhunderts entschwinde Gott so sehr im Dunkel der Transzendenz, dass das Bekenntnis zu den drei göttlichen Personen in begrifflichen Formeln erstarre, ohne Denken und Frömmigkeit noch nennenswert befruchten zu können. Was ich selbstverständlich heftig bestritt, und das in meinem Theologenstolz umso kompromissloser, je weiter die Uhr voranschritt und jede Hoffnung schwand, im Kolleg wenigstens noch am „zweiten Tisch“ des Mittagessens teilnehmen zu können. (Normalerweise würde man in Anbetracht einer solchen Situation den Nachsatz erwarten, dass das Gespräch mir sowieso den Appetit verschlagen hatte. Aber mit 25 kann man doch immer essen…)

Später erfuhr ich, dass P. Basils Strenge mitnichten persönlich gemeint war. Zu allen verhielt er sich so, auch und gerade den Koryphäen und Platzhirschen des Fachs. Seine Rezensionen waren gefürchtet, nicht weniger seine tödlichen Fußnoten. Sie brachten ihm den Beinamen „der Stier von Uri“ ein, und in der Tat war urschweizerisch ausgeschimpft zu werden ein Vergnügen der höheren Art. Doch mein Stolz war nicht bis zu jener Verblendung ausgewachsen, die nicht mehr sehen konnte, was doch mit Händen zu greifen war: dass da einer aus Liebe seine massige Gestalt in den Kampf warf, nämlich in den „bellum iustum“ um den Text. P. Basils „acies bene ordinata“ trat mit aller Macht und geistigen Klarheit auf gegen all jene Überinterpretierer, Verdreher, Projizierer, Anachronisten, Verklärer, Wunschdenker, Ihren-Ansatz-Durchreiter, Kurzen-Prozess-Macher oder einfach schlechten Lateiner. Er selbst argumentierte nicht aus einer bestimmten theologischen Ecke heraus, etwa um Augustinus zum Sündenbock allen Elends des Christentums zu stempeln. Überhaupt verfolgte er keine fixe Leitidee, die dann umso schlimmer für die Tatsachen wird. In unendlichem Fleiß trug er zusammen, las, verglich, überprüfte, verwarf und begann von Neuem.

Institutum Patristicum Augustinianum (Foto: Augustinianum)

Methode war das, was ich neben tausend Fakten am meisten von ihm lernte. Etwa den „status quaestionis“ erheben. Interessanterweise hat er uns nie erläutert, was das ist, und damals gab es noch kein Smartphone und Google, um eine ebenso rasche wie ungenaue Antwort aus dem Hut zu zaubern. Es ging also um die Erhebung des Forschungsstandes in einer genau zu umgrenzenden Frage. Daraus war nun genau zu bestimmen, wohin genau das Küken der eigenen Forschung vom Rücken des Adlers aus fliegen konnte. Noch heute bekomme ich kalte Füße, wenn ich selbst für einen Artikel nicht zumindest einen Forschungsüberblick gewonnen habe, und Literatur, die in diesem Punkt durch Ignoranz glänzt, fällt es mir schwer ernstzunehmen. Ebenso wichtig ist mir die umgrenzte Frage, die Kernfrage einer Arbeit, in einem einzigen Satz angebbar und rigoroser Leitfaden jedes einzelnen Kapitels, dessen Teilziel eine Stufe bei der Beantwortung dieser Frage darstellen muss. Methode, das war auch Studers Dreispaltentabelle bei der Auslegung einer Väterschrift: knappe Inhaltsangabe – offene, zu klärende Fragen – Ertrag für die Arbeit. Und Methode, das war Studers geradezu händeringende Suche nach Erträgen anderer Fachdisziplinen für das Verständnis der Vätertexte: Altertumswissenschaft, Religionswissenschaft, Literaturgeschichte oder eben Rhetorik, was bei mir auf besonders fruchtbaren Boden fiel – meine Homiletik wäre ohne die klassische Rhetorik ars persuadendi undenkbar.

Nach Abschluss des Lizentiats schlug er mir vor, das Thema zu einer Doktorarbeit auszubauen. Doch mein Bistum wollte mich zuerst auf einer Kaplansstelle bewährt sehen, und am Ende dieser drei Jahre wurden die Weichen dann in eine ganz andere Richtung als die Patrologie gestellt, nämlich die Pastoraltheologie. Immerhin fängt beides mit P an. Studer hat diesen meinen Fachwechsel als wahrer Benediktiner gelassen getragen und die Stimme des Meisters noch im Alltagsgeschäft meines Bistums wiedererkannt. Er freute sich über mein Doktorat und gratulierte mir später aufrichtig zum Ruf nach Erfurt. Bei einem Wiedersehen in Rom gab er mir den Rat, regelmäßig Originaltexte zu lesen. „Eine einfache, günstige Ausgabe ist vollkommen ausreichend. Nur wenn Sie einmal eine Stelle zitieren wollen, müssen Sie den kritischen Text verwenden“, meinte er klug und mit einem schweizerischen Sinn fürs Ökonomische…

P. Basil Studer war Benediktiner des Klosters Engelberg und Patristik-Professor in Rom an Sant’Anselmo (1964-1999) und am Augustinianum (1972 bis 2006). Er war Augustinus-Spezialist und beschäftigte sich u.a. mit Fragen der patristischen Exegese und Kultur.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.