Heiliges Tun an heiligem Ort

Fortsetzung des Beitrags zum Gründonnerstag

Im Teil 1 zum Gründonnerstag haben wir einige allgemeine Hinweise zur Wiedergewinnung des Heiligen in Kirche und Gottesdienst gegeben. Sie können Anregungen für alle Gläubigen geben. In dieser Fortsetzung wollen wir uns denen zuwenden, die eine besondere Verantwortung tragen, also Priester, Mesner/Küster, Ministranten, Kirchenmusiker u.v.a.

Ratschläge für Kunst und Musik in Kirche und Gottesdienst

Die hl. Messe lebt von ihrer Ästhetik. Darum verlangt auch jedes Bild, jede Figur, jedes Wort und ganz besonders jeder Ton danach, die Herzen zu Gott zu erheben. Nichts kann so sehr die Heiligkeit bezeugen wie die Kunst – oder sie überlagern, übertönen und über-reden. Profane Kunst ist heute aber sehr weltlich geworden. Das gilt besonders von der Popkultur, die komplett  kommerzialisiert ist und die in einer einfachen, elementaren und darum weithin irrationalen Art und Weise Stimmungen und Wirkungen hervorrufen soll. Sakrale Kunst ist darum heute deutlicher von profaner Kunst geschieden als in früheren Jahrhunderten. Dabei müssen die Maßstäbe beim Heiligsten, was die Kirche besitzt, nämlich der Eucharistie, besonders streng sein. In den letzten Jahrzehnten (durchaus schon vor dem letzten Konzil) wurden da einige wohl  gutgemeinte Irrwege beschritten, von denen man abrücken muss: „Dialog“ mit der Profankunst wurde damit verwechselt, Künstlern einen Ort zu bieten, existenziell relevante, aber eben nicht sakrale Kunst auszustellen; vor allem in der Musik hoffte man vergebens, mit „jugendgemäßer“ Popmusik und „neuem geistlichem Lied“ (meistens musikalisch dürftige Stimmungsmacher) Jugendkultur in die Kirche zu holen. Ob stattdessen die jungen Menschen nicht um das Heilige betrogen wurden? Darum hier einige Anregungen zum Überdenken – im vollen Bewusstsein, dass all das kluger und geistlich tiefer Diskussion bedarf:
•    Bilder und Figuren haben nur dann etwas in der Kirche zu suchen, wenn sie die Gegenwart Gottes und der Heiligen vermitteln. Deshalb sind Darstellungen ungeeignet, die vorwiegend eine bestimmte Idee des Künstlers zum Ausdruck bringen und die hauptsächlich eine irdische Not oder ein menschliches Empfinden in das Bild hineinlegen. Aber selbst als Illustration von bestimmten theologisch-geistlichen Ideen gehören sie ins Schulbuch und nicht in den Kirchenraum.
•    Auch die Sprache ist Kunst. Das persönlich formulierte Wort der Predigt oder auch von Hinweisen im Gottesdienst oder bei dem Vermeldungen am Ende soll einfach, verständlich, herzlich und gelegentlich auch packend sein, aber es soll doch immer die Würde des Gottesdienstes wahren. Alles, was etwa an Fernsehunterhaltung oder „Dampfplauderer“ erinnert, ist zu vermeiden.
•    Der Gregorianische Choral scheint in den Pfarrgottesdiensten weithin ausgestorben, bleibt aber doch die Musik der Kirche schlechthin. Schrittweise und maßvoll lässt er sich aber auch in gewöhnlichen Gemeinden einführen, etwa mit einer guten (!) Choralschola, einem verständnisvollen Organisten und dem Erlernen der Choralmessen im „Gotteslob“.
•    Deutschsprachige Länder haben eine große Tradition des Kirchenliedes entwickelt – ein großer Gewinn, wenn man sie mit dem oft so armseligen Gesang in vielen anderen Ländern vergleicht. Dennoch neigt man in dieser Hinsicht hierzulande manchmal zu unnötigem Aktivismus, so als ginge es hauptsächlich um’s Mitsingen und nicht um’s Beten in der hl. Messe. Gerade angesichts kleiner gewordener Gottesdienstgemeinden wäre oft weniger mehr!
•    Die meisten Kirchenmusiker sind selbst an Qualitätssicherung interessiert und lehnen dürftige Gebrauchsmusik, die aus pastoralen Gründen gewählt wird, intuitiv ab. Sie als Verbündete zu gewinnen lohnt sich.
•    Der Ort für Sacro-Pop, Musical und einfache Formen ist außerhalb des Gottesdienstes und – wenn irgend möglich – auch außerhalb des heiligen Raumes. Dabei muss man z.B. Chöre, die entsprechende Lieder gerne singen, nicht brüskieren, sondern ihnen helfen, einen Sinn für das Angemessene zu entwickeln.
•    Generell ermisst man kaum den Schaden durch den Tabubruch, wenn Menschen einen heiligen Raum profanisiert erleben – angefangen von achtlos lautem Reden bis hin zu Rockbands in der Kirche.
Eine heilsame Erinnerung ist hier sicher der heilige Zorn Jesu, als er sah, wie man den Tempel Gottes zu einer Markthalle gemacht hat!
NB: Es empfiehlt sich, zum Thema Kirchenmusik die Liturgiekonstitution des II. Vaticanums, „Sacrosanctum Concilium“ 112-121, zu lesen. Diese Ausführungen versuchen den Mittelweg der weiten alles Guten und Schönen, aber doch klarer Prinzipien und Präferenzen (so des Gregorianischen Chorals und der großen kirchenmusikalischen Tradition) zu gehen.

Ratschläge für die Sakristeikultur
Es gibt eine „cura minimorum“, eine Sorgfalt für die kleinsten Dinge. Staub auf Heiligenfiguren, Wasserflecken neben Grünpflanzen, Zettelwirtschaft auf dem Sakristeitisch, herumliegende Gotteslob-Bücher u.v.a. sprechen auch – aber leider die falsche Sprache: „Es kommt hier nicht so darauf an.“
•    Für jede Zelebranten sollte es frische Kelchwäsche geben und selbstverständlich für jeden Zelebranten ein eigenes Schultertuch.
•    Alle Gewänder und heiligen Geräte sollen sich stets im besten Zustand befinden. Wenigstens einmal im Jahr sollten die Geräte auch gründlich gereinigt werden. Fast überall ist Staub ein Problem in Kirchen. Statt aufwändiger Kirchenrenovierungen wäre oft mehr getan, wenn regelmäßig Staub gewischt würde – auch an entlegenen Stellen.
•    Stichwort Gewänder: Die Experimente mit neuen Formen wie „Mantelgewand“, Druckknopfschultertuch, -stola oder Batik-Kasel führten ins Leere. Darum sollte man generell nur die älteren Formen wählen.
•    Sinnvoll ist eine Staffelung der Feierlichkeit der Gewänder entsprechend zum liturgischen Anlass. So können etwa auch barocke Gewänder regelmäßig oder zumindest an höheren Festen gewählt werden.
•    Selbstverständlich sollte unter der Albe nicht eine gewöhnliche Straßenkleidung sichtbar sein, auch keine anderen Farben als Schwarz (auch bei den Schuhen) oder Grau. Denn dann wirkt das alles wie eine schlechte Verkleidung, wie ein nachlässiges Tun-als-Ob.
•    Die Sakristei gehört zur Kirche. Man spricht eher gedämpft und nur das Notwendige. Das hindert nicht, sich bei der Begrüßung oder Verabschiedung herzlich und freundlich anderen zuzuwenden. Denn eine gute menschliche Atmosphäre und auch menschlich Freude auf das gemeinsame Wirken am Altar hilft, das Herz zu Gott zu erheben.
•    Nichts hindert dagegen das Gebet so sehr wie Ärger, Verstimmung oder sogar Streit. Wenn irgend möglich, soll man dies vor dem Gottesdienst (und erst recht währenddessen) vermeiden. Wenn etwas Unangenehmes angesprochen werden muss, dann danach oder an einem anderen Ort.

Weihe der Kathedrale von Chalons durch Papst Eugen III in Gegenwart von Bischof Guy II de Pierrepont (Foto: G.Garitan)

Ratschläge für die Kirche
Der Kirchbau des 20. Jahrhunderts, vor allem aber die neueren Experimente mit „Communio“-Räumen, haben die Kirche von einem Sakralbau zu einem liturgischen Versammlungsraum gemacht. Die radikalen Umgestaltungen älterer Kirchen im gleichen Geist, meist verbunden mit einem beinahe vollständigen Bildersturm und vor allem einer weitgehenden Vernichtung der Bilder und Figuren des 19. Jahrhunderts, haben dies noch verstärkt. Man kann kaum ermessen, wie sehr dies geistlichen Schaden angerichtet und zur fälschlichen Auffassung geführt hat, die Gemeinde finde hier ihren Frei-Raum für die eigene Gestaltung. Auch wenn man diese Räume nicht im Nachhinein sozusagen sakral sanieren kann, helfen doch wenigstens einige kleinere Veränderungen, um den rechten Geist zumindest anzudeuten:
•    ein Raum der Anbetung rund um den Tabernakel,
•    Aufstellen guter Bilder und Figuren (Vorsicht: das soll nicht wie im Museum aussehen – kein Sammelsurium und auch nicht „Viel hilft viel“), vielleicht auch mit davor brennenden Kerzen und einer Kniebank,
•    Gemeinsame Ausrichtung der Bänke für die Gläubigen nach vorn und Vermeiden, sich gegenseitig anschauen zu müssen,
•    Anbringen einer Möglichkeit zum Knien bei den Bänken,
•    weiße Altartücher, Kreuz in der Mitte auf dem Altar, für den Kirchenraum geeignete Kerzen,
•    Markierungen der gestuften Heiligkeit des Raumes: Eingangsbereich, Kirchenschiff der Gläubigen, Altarraum (und ggf. Platz des Tabernakels)
•    nicht zuletzt natürlich eine würdig gefeierte Liturgie.

Ratschläge für die Priester
Da müsste man nun ganze Bücher schreiben… Greifen wir nur eines heraus: Der Zelebrant soll sich als Beter verstehen. Er betet die Messe. Mehr im Sinn von Anregungen zum Weiterdenken und Entdecken dafür die folgenden Ratschläge:
•    Joseph Ratzinger hat so überaus sinnvoll vorgeschlagen, ein Kreuz auf dem Volksaltar anzubringen (natürlich mit dem Corpus zum Zelebranten hin). So kann der Priester die Gebete „versus Dominum“ sprechen, indem er den Herrn anschaut.
•    Den Priestersitz sollte man m.E. aus einer allzu zentralen, dominanten Position in der Mitte herausrücken (das war zumindest seit dem Konzil von Trient der Ort für den Tabernakel!) und ihn „transparent“ auf den Herrn hin machen. D.h. der Zelebrant sollte zwar sichtbar sein, jedoch so, dass der Blick gleichzeitig nicht an der Person hängenbleibt, weil diese den Altarraum zentral beherrscht. Praktisch wird man das am besten dadurch verwirklichen, dass der Sitz seitlich im 90-Grad-Winkel steht, wobei man sich nur dann den Gläubigen zuwendet, wenn man sie anspricht oder mit ihnen ein Wechselgebet spricht.wer?
•    Jeder Gottesdienst sollte sorgfältig vorbereitet sein. Das heißt nicht: sich einige „Extras“ einfallen zu lassen, sondern die Lesungen und Gebete im Voraus durchzulesen und die Abläufe zu verinnerlichen. Einmal im Jahr sowie ausführlich vor der Weihe sollte man die Rubriken der liturgischen Bücher gut studieren und ggf. eingerissene Fehler und Verkümmerungen korrigieren.
•    Vorher und nachher sollte der Zelebrant persönlich in der Bank beten und sich vorbereiten bzw. Dank sagen.
•    Die Zeit in der Sakristei vor Beginn des Gottesdienstes sollte nicht damit verbracht werden, sich noch rasch die eigenen Worte etwa zur Einleitung zu überlegen, sondern sich vor Augen zu führen, was das Geschehen in Wahrheit ist. Also: von der sichtbaren Wirklichkeit zur unsichtbaren Gnade.
•    Während des Gottesdienstes muss der Priester jede Haltung ablegen, bei den Gläubigen irgendetwas bewirken, sie belehren oder auf sie einwirken zu wollen. Er ist einfach erster, amtliche Beter, die Richtung seines Tuns ist Gott – zusammen mit den Menschen.
•    Es gibt einige kleine Zeichen einer betenden Haltung: die Verneigung des Kopfes bei den Namen Jesu und Mariens, die beim Gebet stets gefalteten Hände (möglichst „römisch“ mit nicht verschränkten Fingern), die sorgfältig und ggf. zusammen mit den Ministranten gleichförmig vollzogenen Gesten usw.
•    Der Zelebrant „amtet“, d.h. er vollzieht den Ritus der Kirche. Alles bloß Individuelle  sollte dahinter zurücktreten, vor allem aber der Eindruck, er leite die Feier wie ein Animateur bei einer Veranstaltung. Worte und Zeichen sollen für sich selbst sprechen, wie es das II. Vaticanum gewünscht hat und bedürfen keiner Kommentierung oder gar Überlagerung.
Ist da alles zu rituell, zu unpersönlich? Nun, der christliche Ritus ist streng, aber gefüllt von Liebe. Wenn man dem Zelebranten ansieht, dass er von dieser Liebe zu Gott und den Menschen erfüllt ist, wenn er im Umgang mit den Menschen (z.B. mit den Ministranten, Mesnern und Organisten) sich um Freundlichkeit und Aufmerksamkeit bemüht und natürlich auch wenn er über Fehler aus menschlicher Schwäche und Unvollkommenheit lächeln kann, dann wird die Strenge der Form etwas tief menschlich Berührendes.

 

[Dieser Text kann mit Nennung des Autorennamens „Andreas Wollbold“ auch in Pfarrbriefen, in Kirchenzeitungen oder auf Flyern o.ä. abgedruckt werden. Gerne kann er auch als Anregung für Predigten, Vorträge usw. dienen.]

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