Predigen – Grundlagen und praktische Gestaltung 

Soeben bei Pustet (Regensburg) erschienen!

Exklusiv: Das Interview zum Buch!

Leseprobe aus der Einleitung

1. Predigt – im Namen Gottes und mit menschlichen Worten

Das Evangelium ist verklungen. Der alte Pfarrer tritt an den Ambo. Nur knapp über dem Rand des Ambos ist er zu erkennen, so klein ist er. Er trägt eine dicke Brille. Seine Stimme ist klar artikuliert, wenn auch im Lauf der Jahre etwas heiser geworden. Er räuspert sich einmal, beinahe verlegen, als wolle er sich dafür entschuldigen, dass er kein Löwe auf der Kanzel ist. „Liebe Brüder und Schwestern!“, beginnt er und schaut dabei in die Versammelten.

 

Keine bloße Menschenmenge sind sie für ihn, sondern gut hundert Einzelpersonen, die er mit Namen und Geschichte kennt und denen er Vater und Bruder, Freund, Autorität, Reibungsfläche, Mann Gottes und noch manches andere ist. Er spricht über das Gleichnis vom Schatz im Acker (Mt 13,44). Würde man seine Worte irgendwo abgedruckt lesen, man legte sie rasch beiseite: keine theologische Gewagtheit, kein rhetorisches Feuerwerk und erst recht kein Fun. Und doch, wenn sich jetzt ein Vogel in das Haus Gottes verirren würde, mehr als einem käme spontan der Gedanke: „Oh, der Heilige Geist!“ Da ruhen die Augen des Pfarrers auf Jochen, der todunglücklich mit seiner Ausbildung zum KfZ-Mechaniker ist. Nun sieht er mitten in seinem Jammer das Gold des Schatzes im Acker glitzern und fasst Mut, seinem Leben die entscheidende Wende zu geben. Und die Frau Rossmann, ganz der Typ „alte Juffer“, die wieder einmal ihr Hörgerät vergessen hat (wie immer auch ein bisschen mit Absicht!) und die ihre Gedanken nicht mehr beieinander halten kann? Sie bekommt nur die groben Linien der Auslegung des Gleichnisses mit. Doch das genügt ihr. Mit einem Mal kommt ihr der verrückte Gedanke: Bald wird sie selbst im Acker Gottes begraben werden, 1,80 m unter der Erde (sie weiß es genau, es ist schon alles geregelt), und was wird das dann für ein Jubel sein, wenn ihr dort unten dieser Schatz ans Herz gelegt wird wie ein Kind, nach dem sie sich ein Leben lang vergebens gesehnt hat!
Das Evangelium ist verklungen. Der alte Pfarrer tritt an den Ambo. Allgemeines Räuspern unter den Anwesenden. Der siebzehnjährige Martin, Oberministrant und Weihrauchschwenker, zieht ab in die Sakristei. Das Fass ist schnell aufgehängt, aber jetzt zückt er sein Smartphone. Heute will er seinen Rekord brechen. Noch bevor der erste Satz der Predigt verklungen ist, findet er die Predigtvorlage im Internet und kann sie Satz für Satz mitverfolgen. Am interessantesten ist, was der Pfarrer auslässt. Etwa die Anspielung auf die baldige Bundestagswahl, die ja nun schon zehn Monate zurückliegt. Klar, ein ganz Dummer ist er nicht! Aber die Passage mit dem Papst als Donaudampfschifffahrtsgesellschaftskapitän wäre doch wenigstens ein Glanzlicht gewesen. Aber dafür hätte er sich die Predigt wohl doch drei Mal laut vorsprechen müssen, und das wäre doch effektiv des Guten zu viel gewesen…
Das Evangelium ist verklungen, die Predigt beginnt. Das Schriftwort selbst ist „Evangelium unseres Herrn Jesus Christus“, so viel steht fest. Bei seiner Auslegung ist das nicht so sicher. Nichts ist garantiert und alles ist möglich – sanftes Säuseln des Heiligen Geistes oder reine Stupidität. Predigt kann wunderbar, aufreizend, todlangweilig, verstockt, ungläubig, denkwürdig, über die Köpfe hinweg, nett, kindgemäß, lustvoll, häretisch und noch unendlich viel anderes sein. So viel, dass alle Adjektive des Dudens nicht hinreichen, sie zutreffend zu beschreiben. All das kann sie sein. Aber wie soll sie sein? Das ist die Frage. Die Antwort verlangt mehr als einen Satz. Sicher auch mehr als die folgenden Seiten. Aber einen Versuch ist es wert.

[Der Text ist den ersten Seiten des Predigtbuches entnommen.]

Wie oft habe ich mich als Student darauf gefreut, einmal predigen zu dürfen… Aber wie war ich enttäuscht […], als die Menschen offensichtlich nicht auf das Wort der Predigt, sondern vielmehr auf ihr Ende warteten (Joseph Ratzinger /Benedikt XVI.)

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