Handbuch der Gemeindepastoral, Regensburg: Pustet-Verlag 2004

Handbuch der Gemeindepastoral - Wollbold, Andreas

Gemeindepastoral ist vielerorts nicht mehr stilsicher. „Was tue ich hier eigentlich,“ fragen sich die Aktiven. Hier bietet das Handbuch der Gemeindepastoral:

– einen Überblick über die Pastoral für Studierende der Theologie.

– Orientierungshilfe für Berufsanfänger.

– ein Angebot zur Vertiefung und Überprüfung der eigenen Praxis für langjährige Seelsorger.

– eine Entscheidungshilfe für Verantwortungsträger.

– eine Einladung an Ehrenamtliche in der Gemeinde, die Zusammenhänge des eigenen Engagements zu reflektieren.

Das Handbuch zeichnet sich aus durch eine spirituelle Grundierung, ein klares theologisches Konzept, eine praxisnahe Reflexion der Probleme gegenwärtiger Pastoral und eine profilierte Darstellung des Themas: Die Fülle des Glaubens soll in der Pastoral nicht tröpfeln, sondern strömen. Der Autor stellt das gesamte Feld der Gemeindepastoral übersichtlich und aus einem Guss dar und vermeidet dabei überflüssigen Universitätsjargon; er ermutigt zur Territorialseelsorge gegen den Trend und zur Konzentration der Pastoral auf ihre ureigenen Aufgaben.

Hintergrund:

„Das Handbuch“ heißt es unter meinen Studenten, und in der Tat ist es aus den und für die Vorlesungen in Pastoraltheologie entstanden. Es enthält das Basiswissen für alles, was man für das Wirken in der Gemeinde kennen sollte. Schwerpunkte sind die Grundlagen der Gemeindepastoral, die Arbeit mit Ehrenamtlichen, Predigt, Religionsunterricht und Katechese, Einzelseelsorge und Sakramentenpastoral. Verständlichkeit, wissenschaftliche Grundlage ohne allzuviel Ballast und natürlich Praxisnähe waren mein Ziel. Dabei versetzte ich mich in zwei Lesergruppen hinein:
∙    Studenten und Anfänger in der Praxis sollten sich in der Pastoral orientieren können und wissen, worauf es ankommt;
∙    Praktiker in der Gemeinde sollten in Auseinandersetzung mit der Theorie und den Praxisanregungen zu einem professionelleren Handeln kommen; dabei sollten auch Ehrenamtliche ihre gemeindliche Tätigkeit reflektieren können.
Insgesamt versuchte ich Wege aufzuzeigen, katholisch ohne Abstriche zu sein, dabei aber den Blick für die Realitäten, für Möglichkeiten und Grenzen zu behalten. Kurz: Es sollte wieder Spaß machen, Gemeinde aufzubauen – für ein Leser, aber genauso für die, die von ihrer Pastoral betroffen sind.

 

Leseprobe (zum Taufgespräch – aus Kapitel 11 zu den Sakramenten)

Zur notwendigen Vorbereitung auf die Taufe hat die Deutsche Bischofskonferenz 1970 ein Taufgespräch mit Eltern (und möglichst auch Paten) festgelegt.nachprüfen? Es hat zum Ziel,
• die Taufbereitschaft mit Glaube, Bitte und Versprechen zu klären und die Taufanmeldung vorzunehmen oder u. U. zu einem Taufaufschub zu kommen,
• Evangelisierung und Katechese im Gespräch mit den Beteiligten zu entwickeln und
• in die Feier der Taufe selbst einzuführen und konkrete Fragen abzusprechen (Taufkleid und -kerze, Beteiligung an der Gestaltung, Foto und Film, …).
Angesichts der genannten Kluft gehört es zu den dringendsten pastoralen Anliegen, auf Dauer vom punktuellen Taufgespräch zum Taufkatechumenat für Eltern und Paten zumindest bei der Taufe des ersten Kindes zu kommen, möglichst im Zusammenhang mit einer organischen Familienpastoral in der Gemeinde. Ansonsten erscheinen vor allem Evangelisierung und Katechese auf ein nicht mehr verantwortbares Minimum reduziert. Doch auch die Hilfen zu einer gläubigen Erziehung brauchen Zeit und Einübung, so dass wohl Taufseminare von wenigstens 10 Zusammenkünften, verbunden mit längerfristigen Angeboten für Familien mit Kindern, realistisch erscheinen.
Der Wunsch nach einer religiösen Erziehung und die Bereitschaft dazu ist überraschend hoch und reicht weit über den Kreis der Kirchenverbundenen hinaus. So fand in einer Untersuchung aus dem Jahr 1984 die Aussage „Für die seelische Entwicklung der Kinder ist es wichtig, daß man die religiösen Fragen der Erziehung nicht einfach übergeht“ bei 64 % von westdeutschen Mütter mit Kindern unter 17 Jahren Zustimmung; ebenso wollten 60 % von ihnen religiöse Feste auch religiös begehen, z. B. mit Kirchenbesuch, Lesungen, Gebet oder auch Gespräch in der Familie über religiöse Fragen, und 50 % meinten, mit Kleinkindern sollte man jeden Abend beten. Der Wunsch ist also überaus deutlich, er braucht nur lebensnahe Hilfen, um auch dauerhaft in die Tat umgesetzt zu werden.
So wird man das Taufgespräch sinnvollerweise in ein Gesamtkonzept eines familienfreundlichen Gemeindelebens, regelmäßiger Hausbesuche, Elternarbeit, Hauskreise, Kindergarten und caritative Angebote u. v. a. einbetten. Das eigentliche Gespräch aus Anlass der Kindertaufe wäre darin eher wie der Ausgangspunkt zu einem katechumenalen Weg. Diese Begegnung – nicht selten eine Erstbegegnung! – könnte folgende Gesprächziele haben:
• Kennenlernen und Aufbau von Vertrauen,
• die Situation (meist noch in der Nähe der Geburt) wahrnehmen,
• den eigenen religiösen Glauben und seine Praxis ins Wort bringen,
• den Beitrag religiöser Vollzüge zur Familienkultur klären und Schritte zur Umsetzung ins Auge fassen,
• aufzeigen der Bedeutung der Taufe selbst und
• motivieren für weitere Schritte auf dem katechumenalen Weg im Sinn des Taufversprechens.


Exemplarisch steht somit das Taufgespräch für die Begegnung der Kultur des Evangeliums mit der Kultur des Ortes – hier einer Familie. In einer Situation des Umbruchs für den Einzelnen und sein soziales Gefüge kann die Heilsbotschaft neu gehört werden. Welche Faktoren bestimmen in der Regel diesen Umbruch und können im Taufgespräch angesprochen werden?
• Zunächst liegt es nahe, das Ereignis der Geburt selbst zur Sprache zu bringen. Wie haben es alle erlebt, Mutter, Vater, auch die, die nicht unmittelbar zugegen waren? Welche Gefühle hat sie ausgelöst? Angst und Dankbarkeit, Spannung und Erleichterung liegen oft dicht beieinander. Selten wird das Leben so sehr als Geschenk erfahren – auch in seiner Bedrohung.
• Das Gespräch kann biographisch den Glaubensweg von Eltern und Paten zu erhellen. Denn die Geburt eines Kindes stellt eine der größten Wenden im Lebenslauf dar. Die Verantwortung für ein Kind stellt auch neu die Frage nach dem, was trägt und verbindet. Der eigene Platz in der Familie (Mutter, Vater, Geschwister, Verwandte und Paten) ist neu zu finden und gegenüber der Herkunftsfamilie in Nähe und Distanz zu bestimmen. Schließlich bestimmen Kinder den beruflichen, finanziellen, häuslichen und Beziehungs-Status nachhaltig.
• Elternschaft und Familie ist für die meisten Menschen nach wie vor einer der wichtigsten Orte von Lebenssinn, Selbstverwirklichung und gelebten Werten. Dass dieser Ort ein guter Ort ist, dafür sind sie bereit, viel einzusetzen. „Urwünsche“ nach Namen, Macht, Heimat und Leben können hier wie kaum anderswo ihre Erfüllung finden. Auf sie hin lässt sich die Botschaft des Evangeliums ins Gespräch bringen.
So steht die gesamte Pastoral der Kindertaufe unter dem Grundgesetz: Entweder gelingt es, dieses Sakrament des Glaubens mit einer Familienreligiosität zu verbinden, oder alle Bemühungen bleiben auf Dauer steril:

„Der Gottesdienst wird feierlicher, der Sakramentenunterricht systematischer und informationsreicher und die Jugendarbeit gleichaltrigenbezogener sein als das religiöse Leben in der Familie, doch kann der Glaube an keinem Ort so lebenskontextgemäß, emotional intensiv, regelmäßig und durch das alltägliche Zusammensein plausibilisiert vermittelt werden wie in ihr – wenigstens grundsätzlich. (…) Damit wird auch begreiflich, von welchen Voraussetzungen eine erfolgreiche religiöse Erziehung in der Familie abhängt; nämlich einerseits von emotional befriedigenden, partnerschaftlichen Eltern-Kind-Beziehungen und andererseits vom Erlebbar- und Verstehbarwerden des Glaubens in Handlungen, Riten und Gesprächen der Familie. (…) Pastoralstrategisch ist aus all dem zu folgern, daß die Kirchen alle Bemühungen um eine wirksame Glaubensvermittlung familienorientiert gestalten, das heißt die Familie als wichtigsten Partner der Seelsorge betrachten sollten und die Eltern zur religiösen Erziehung in der Familie ermutigen und befähigen, sie aber auch für die Unterstützung der außerfamilialen Angebote der Kirche gewinnen.“

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