Wer mich geistig und wissenschaftlich geprägt hat

An persönlichen Prägungen nennt der Beitrag zwei Kirchenväter (Augustinus und Maximus Confessor), zwei Theologen des zweiten Jahrtausend (Thomas von Aquin und Robert Bellarmin), zwei Heilige (Ignatius von Loyola und Therese von Lisieux), zwei Philosophen (Platon und Aristoteles) und die zwei Professoren und Mentoren der Dissertation (Heinz Feilzer) und der Habilitation (Josef Müller).

 

Tradition means giving votes to the most obscure of all classes, our ancestors. It is the democracy of the dead. Tradition refuses to submit to the small and arrogant oligarchy of those who merely happen to be walking about (Gilbert K. Chesterton, Orthodoxie)

Wenn ich an prägende Gestalten denke, fällt mir Chestertons Wort von der Kirche als der demokratischsten Institution ein: Nur in ihr haben auch die Toten Stimmrecht. Die großen Zeugen des Glaubens sind keine Figuren der Vergangenheit, sondern Zeit-Zeugen, die die Gegenwart vor autoreferentieller Selbstverschließung bewahren. Gläubige Philosophen und Theologen, Dichter, Musiker und Künstler, vor allem aber Heilige aller Stände und Lebensläufe werden zu Brüdern und Schwestern, zu engen Verwandten in der familia Dei, zu Menschen, die denselben Glauben teilen und dieselbe Jüngerschaft und Hingabe in oft bewunderungswürdiger Art und Weise verwirklicht haben.

Dabei tut es mir immer die Gestalt am meisten an, mit der ich mich gerade beschäftige. Bei meinen Studien zu Therese von Lisieux können dies durchaus Neben- und Randfiguren sein, etwa der Superior des Karmels von Lisieux, Abbé Delatroëtte, der bei allen Theresebiographien leider nur die undankbare Rolle eines Spielverderbers zugewiesen bekommt. Dabei schätze ich seinen nüchternen Sinn, mit dem er sich nicht von der fieberhaften Stimmung des „Clan Martin“ hat anstecken lassen, der Thereses Karmel­eintritt mit 15 Jahren auf Gedeih und Verderb durchdrücken wollte – eine angesichts vielfältiger charismatischer Überhitzung heute durchaus vertraute Konstellation. Hinter dieser Ansprechbarkeit von tagesaktuellen Gestalten treten jedoch einige Dauergäste meines Denkens hervor: unter den Kirchenvätern Augustinus und Maximus Confessor, unter den Theologen des zweiten Jahrtausends Thomas von Aquin und Robert Bellarmin, und schließlich unter den Heiligen Ignatius von Loyola und Therese von Lisieux.

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Ältestes Fresko des hl. Augustinus im Lateran (6. Jh.)

Die Kirchenväter zuerst. Das ist biographisch bedingt. Mein erstes theologisches Buch, das mir bezeichnenderweise ein Künstler und kein Fachtheologe empfahl, war Hugo Rahners „Griechische Mythen in christlicher Deutung“[1]. Odysseus am Mastbaum des Kreuzes, der antenna crucis, das eröffnete eine ganze Welt. Am Ende des grundständigen Studiums entschloss ich mich darum zum Lizenziat am ausgezeichneten patristischen Institut „Augustinianum“ in Rom. Augustinus war mir immer schon als Existenzdenker und als durch und durch pastoraler Theologe lieb, nun konnte ich ihn ausgiebig studieren und schätzen lernen. Sein Sinn für das Drama der Erlösung ist mir bis heute tiefgründiger und gleichzeitig realistischer als das meiste, was über den „Menschen von heute“ oder die gegenwärtige Gesellschaft in theologischen Veröffentlichungen zu lesen ist. Es geht ihm ums Ganze und Letzte, das macht seine leidenschaftlich liebende Strenge aus, und im Vergleich dazu erscheint mir vieles Andere wie ausgedünnter Kaffee. Wer’s nicht glaubt, dem sei van der Meers bis heute unübertroffenes „Augustinus der Seelsorger“ wärmstens empfohlen.[2] Und dann Maximus Confessor. Er ist mir eine bleibende Mahnung, auch Fußnoten aufmerksam zu lesen. Denn in einer solchen – ebenfalls bei Hugo Rahner – fand ich in meinem ersten theologischen Studienjahr die Bemerkung, dass der Bekenner das chalkedonische Bekenntnis zu Gottheit und Menschheit Christi zur Grundlage seiner ganzen Theologie gemacht hat.[3] Ich wollte es genauer wissen, und das führte zu meiner Lizenziatsarbeit über seine zwei Centurien zur Gotteserkenntnis, an denen ich mir manche Zähne ausgebissen habe, die ich aber jedem in die Hand geben würde, der nicht weiß, wie er den Glauben an Gott mit dem Denken vereinbaren kann. Was das mit Pastoraltheologie zu tun hat? Nun, etwa dies: Maximus entwickelt eine handlungsorientierte Christologie. Er hält nicht schiedlich-friedlich die beiden Naturen Christi auseinander, sondern er erkennt diese als Begegnung zweier Willen, eines göttlichen und eines menschlichen. Alles spitzt sich an dem Punkt zu, dass sich die Menschheit Jesu aus eigenen, freien Stücken dem göttlichen Heilsplan zur Verfügung stellt: „Vater, nicht mein Wille geschehe, sondern der deine“ (Lk 22,42). Das ist äußerst anspruchsvoll für pastorales Handeln und kirchliche Organisation: Alles wird daran zu messen sein, wie es dem Willen Gottes dient. Entscheidend sind nun Grundakte wie Bekehrung, Arbeit an sich selbst, Vervollkommnung, Suche nach dem Willen Gottes und Bereitschaft, ihn in allem zur Grundlage des pastoralen Handelns zu machen. Da ist es also wieder, das Drama der Erlösung des Augustinus, nun aber griechisch-spekulativ transponiert.

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Hl. Thomas von Aquin (Carlo Crivelli, 1476; National Gallery)

Zu Thomas von Aquin und Robert Bellarmin wäre eine ganze Welt zu schreiben. Vom Aquinaten erwähne ich nur die Askese der Sachlichkeit: genau hinschauen, en détail beschreiben, differenzieren, alle Aspekte würdigen, Pro und Contra abwägen und bei allem nicht mit dem so schrecklich wichtigen Ego ins Bild treten. Bei aller Liebe zur Rhetorik schätze ich doch strenge Wissenschaftlichkeit. Sie beginnt mit eindeutigen Definitionen und geht über sorgsames Bibliographieren bis hin zu einer klar strukturierten Darstellung. Nichts davon ist selbstverständlich, schon gar nicht in Zeiten einer Hülle und Fülle von „copy and paste“-Veröffentlichungen. Das gleiche Ethos finde ich beim Kirchenlehrer aus dem Jesuitenorden. Er weiß alles, prüft alles und sagt dann in bemerkenswerter Einfachheit, was Sache ist. Komplexe theologische Zusammenhänge in seinen Katechismen so darzustellen, dass schon Zehnjährige sie begreifen können, das ist einsame Spitze. Bei Bellarmin tritt gut jesuitisch das „iuvare animas“, die Ausrichtung aller Theologie auf die Seelsorge, in den Vordergrund. Er wählt seine Themen nicht nach gusto, sondern entsprechend den Erfordernissen der Situation. Schließlich seine Verweigerung gegenüber allem Parteiengeist. Für den spanischen Gesandten beim Heiligen Stuhl und gleichzeitig Papstwahl-Spion war der gelehrte Kardinal ein unsicherer Kantonist: Er lasse sich weder der Franzosen-, noch der Spanierpartei noch sonst einem Block zuordnen. Seine Partei sei die „de conscientia“, und damit lasse sich keine Großmachtskungelei betreiben. „De conscientia“, das ist die Übersetzung des Ethos der Sachlichkeit in den Charakter, und auch von einer solchen Unparteilichkeit herrscht derzeit gewiss kein Überfluss.

Hinter diesen vier Großdenkern des Christentums stehen die Dioskuren der Philosophie, Platon und Aristoteles, Ersterer als Inspirator von Augustinus und Maximus, der Stagirit als Mentor des Thomas und infolge der jesuitischen „ratio studiorum“, die ihn zum Lehrmeister erhob, auch als Grundlage des Bellarmin. Die philosophische Basis, das gilt für mich zunächst grundsätzlich: Ohne Philosophie wird die Theologie zum Geplapper. Aber auch näherhin: Die beiden Säulen der griechischen Philosophie verkörpern zwei Denkstile. Platon, das ist der Anspruch des Denkens, Scheinevidenzen und kollektive Selbstverständlichkeiten als bloße Schatten anzusehen. Wer denkt, kriecht aus den Halbschatten der Höhlen heraus, in der andere sich längst eingerichtet haben. Kein Wunder, dass der Glaube in ihm zu allen Zeiten einen „Plato christianus“[4] verehrt hat. Das hat mir auch einen denkerischen Zugang zur Theologie der Spiritualität verschafft, der mir unverändert maßgeblich ist, etwa in der „Arbeitsgemeinschaft Theologie der Spiritualität (AGTS)“. Ebenso wichtig ist Aristoteles mit seiner Liebe zum Konkreten, Einzelnen, vielfältig Komplexen. Der Vogelflug des Geistes muss doch wieder zur Erde herabsteigen und das Körnchen im Boden finden, sonst verhungert der Geist. Das heißt für mich, als Pastoraltheologe die Phänomene beachten, sie interdisziplinär beschreiben, den Verwirklichungsbedingungen Aufmerksamkeit schenken, die Einzelfragen nicht verachten und von Problemen her denken und nicht von Ideen und Prinzipien. Ich halte Wie-Fragen hoch und lese gerne etwas zu lösungsorientierten Problemanalysen. Mit größtem Gewinn studiere ich immer wieder gerne amerikanische Soziologie und Politikwissenschaft. Ich schätze die gut gemachte empirische Vergewisserung. Ich erhoffe mir eine alltagsnahe Pastoraltheologie.

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Hl. Ignatius von Loyola (zeitgenössisch)

Damit sind wir schon bei der Spiritualität des Konkreten, und dafür stehen Ignatius von Loyola und Therese von Lisieux. Auch wenn die Tonarten beider grundverschieden sind, greifen sie doch dieselbe Melodie auf: „Gott finden in allen Dingen“, Gottes Wille für mich, Nachfolge mit präziser Ortsangabe beim Basken, „kleiner Weg“ und Bewährung jeweils an dem, der mir gerade begegnet, bei der Normannin. All diese Gestalten nenne ich bewusst als prägend für mich als Pastoraltheologen. Wenn diese Disziplin zwischen der Treue zum Ursprung und dem Gehorsam im Heute vermittelt, dann zeigen sie alle, wie es gelingen kann.

Bei so vielen quicklebendigen „Toten“, bleibt da noch Platz für die Lebenden? Wer aus der heutigen theologischen Szene hat mich geprägt? Wie sollte ich da nicht den Freiburger Pastoraltheologen Josef Müller nennen, der sich meiner Habilitation in geradezu selbstloser Weise angenommen hat und der leider schon so früh von uns gegangen ist? Und zuvor noch den Trierer Pastoraltheologen Heinz Feilzer, diese gelungene Synthese von pastoralem Praktiker und Wissenschaftler, dessen besonderes Charisma die wohlwollende Begleitung der unterschiedlichsten Projekte war und in dessen Doktorandenkreis die lebhaftesten und zugleich respektvollsten Diskussionen (bei reichlicher Bewirtung!) möglich wurden. Und was für die Großen der christlichen Tradition gilt, das gilt auch für die Heutigen: Aktuelle Begegnungen prägen mich, sei es mit Personen oder mit Situationen und Problemen. Da, wo jemand nicht nur „plappert wie die Heiden“ (Mt 6,7), sondern auf etwas aufmerksam macht oder eine Perspektive aufzeigt, werde ich besonders interessiert und lasse mich gerne anregen. So stoße ich auf neue Themen und Sichtweisen und lerne Probleme und Argumente kennen.

Anregung durch Begegnungen, das lässt mich schließlich zu prägenden Orte kommen, an denen wichtige Lernerfahrungen stattfanden und –finden. Für einen praktischen Theologen sind Orte und Kontexte sicher ebenso wichtig wie Personen, Ansätze und Konzeptionen. Dabei denke ich zunächst an die verschiedenen Gemeinden, in denen ich bis heute lebe und wirke. Der Bogen ist weit und reicht von meiner Heimatpfarrei in Saarbrücken, 1969 gegründet und quirlig durch die 70er Jahre gegangen, über Jahre der Seelsorge in einer städtischen Industriepfarrei und in großen ländlichen Pfarrverbänden bis hin zu Praktika in zwei Chicagoer Pfarreien in der Zeit der Habilitation. Dann sind da die fünf Jahre Studium in Rom, das Miteinander von über 90 Nationen an der Uni und neben ihr, Italien und sein einzigartiger Katholizismus und eine selbstverständliche, unaufgeregte Kirchlichkeit. Lange Auslandsaufenthalte in Indien und den USA haben Sichtweisen verändert und Eurozentrismus aufgebrochen. Die erste Professorenstelle in Erfurt rund um die Räume am Domkreuzgang gab mir einen neuen Perspektivenwechsel ins andere Deutschland und in das Eigene des Diasporakatholizismus. Und nun München – ein bisschen gilt ja auch Bayern als ein „anderes Deutschland“, und das gewiss nicht ganz ohne Grund…

Wer hat mich geprägt? Eigentlich mag ich das Bild nicht. Prägen, das heißt stempeln, eine Form aufdrücken, und es hat darum etwas Definitives, beinahe wie ein Brandzeichen. Lebendige Prägungen, das sind aber eher Anregungen, sich selbst zu finden, und das ist allemal ein „work in progress“.

[1]           Hugo Rahner, Griechische Mythen in christlicher Deutung, Zürich 31966.

[2]           Frederik van der Meer, Augustinus der Seelsorger. Leben und Wirken eines Kirchenvaters, Köln 1951.

[3]           Hugo Rahner, Symbole der Kirche. Die Ekklesiologie der Väter, Salzburg 1964.

[4]           Endre von Ivánka, Plato Christianus. Übernahme und Umgestaltung des Platonismus durch die Väter, Einsiedeln 1964.

 

Dieser Beitrag erschien (ohne das Chesterton-Zitat) als: „Nicht plappern wie die Heiden!“ Was mich theologisch prägt und bewegt, in: Pastoraltheologische Informationen 35 (2015) 195-199. 

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