„Das ist der Drache, den du geformt hast, um mit ihm dein Spiel zu treiben“ (Ps 103,26 Vulgata). Ein Drache ist von China ausgegangen, um die Welt zu erobern. Nicht mit Feuer und Schwefelatem, nicht mit schuppigem Schwanz und glühenden Augen, nein, mit der unverschämten Vitalität des ganz Einfachen, des auf Menschen übergesprungen Virus namens SARS-CoV-2, kurz „Corona“. Unsichtbar wie „die Pest, die im Finstern schleicht“ (Ps 91,6), mit der List einer symptomfreien, aber sehr ansteckenden längeren Inkubationszeit und mit der noch größeren Schliche, Gesunde und Jüngere zu beruhigen, für sie wäre COVID-19 nicht viel mehr als eine mildere Grippe, hat er in den entscheidenden ersten Wochen das Sankt-Florians-Prinzip auf seiner Seite gehabt. Doch einen Drachen besiegt man, indem man ihm fest in die Augen schaut. Ob wir da stattdessen nicht viel zu sehr nach links und nach rechts geschaut haben? „Ach, mein Urlaub in Italien ist schon geplant.“ „Die Kinder zu Hause behalten, das ist den Eltern doch nicht zuzumuten.“ Den starken Mann markieren bringt sicher entscheidende Punkte auf dem Weg nach ganz oben. Und natürlich vor allem die Wirtschaft! Wie die törichten Jungfrauen haben wir jedoch in den letzten Jahren die Vorsorge vernachlässigt und in den fetten Jahren Milliarden für alles Mögliche ausgegeben – außer für genügend Beatmungsgeräte und Krankenhausbetten. Aber das alles soll zu einer anderen Zeit einmal in Ruhe aufgearbeitet werden, nein, das ist keine Floskel – es soll und muss aufgearbeitet werden. Doch jetzt ist nicht die Zeit für Kritik oder gar Polemik. Eine glanzvolle Figur gibt momentan ohnehin kaum einer ab.

Auf einmal werden wir ganz klein

Allerdings, in Szene setzen sich viele. Geredet, getwittert, gepostet, kommentiert, Experten zitiert und den Mund voll genommen wird mehr als genug. Nur eines fällt fast ganz aus, selbst bei den nun schon fast chronisch verschüchterten Kirchenvertretern: Was hat die Krise vor Gott zu bedeuten? Denn kein Zweifel, nichts geschieht ohne den Willen Gottes, und eine Pandemie ist ein gewaltiger Ruf Gottes. Ja, dass eine erlebt jeder, gleich ob gläubig oder ungläubig: Vor diesem Drachen sind wir Menschen auf einmal schrecklich klein, so ohnmächtig und hilflos. Nicht dass die tausend Maßnahmen sinnlos wären, aber sie können den Schaden bestenfalls begrenzen und die Epidemiekurve strecken. Mit einem Mal sind jetzt die Verhältnisse wiederhergestellt: Wir Menschen sind nicht Herren der Welt, wir wissen nicht einmal, was der morgige Tag bringt. Wir Moderne erleben auf einmal etwas, was früheren Generationen tägliches Brot war: Leben, Gesundheit, Schaffenskraft und ein wenig Freude, sie kommen aus Gottes Hand und stehen nicht schon fest verbucht in unserem Terminkalender. Welcome to the human race! Darum ist es jetzt die wichtigste Aufgabe, sich in ihm festzumachen und sein Leben zu ordnen: Der Drache Corona mag noch so unhandlich sein, für Gott ist er ein Nichts, er hat ihn „geformt, um mit ihm sein Spiel zu treiben“. Er allein kann das Unglück wenden. Inständig beten wir darum zu ihm und flehen ihn an: „Lass diese Seuche zu Ende gehen! Wende die Not! Sei unser Retter!“ Das sei unser tägliches Gebet, etwa mit Hilfe des Rosenkranzes oder von Litaneien, des Gebetes zum Schutzengel, zum hl. Joseph (in seinem Monat März!) oder auch schlichten Stoßgebeten. Dann wird es geschehen wie damals auf die Bitte Davids hin: „Der Herr ließ sich um des Landes willen erbitten und die Plage hörte auf in Israel“ (2 Sam 24,25).

um mit ihm dein Spiel zu treiben…

Denn Gott lässt solche schweren Zeiten nur deshalb über uns kommen, damit wir uns besinnen, uns bekehren und die Verhältnisse wieder klar haben: Gott allein ist der Herr, wir aber sind seine Diener und nicht die Herren der Welt. Und als Herren haben wir uns wahrhaftig lange genug aufgespielt. Weltweit haben wir das Geschenk des Lebens mit Füßen getreten, am Anfang des Lebens, an seinem Ende und wahrhaftig oft genug auch mitten darin. Weltweit haben wir die Schöpfung und ihre Ordnung missachtet, und zwar die außermenschliche Natur ebenso wie die menschliche. Lachend haben wir Tabus gebrochen, haben im Rausch Grenzen überschritten, haben die Selbstbestimmung, ja Willkür des Menschen zum obersten Gesetz erhoben. Darum kann das Ziel nicht sein, irgendwie am Ende auch Corona wieder zu beherrschen und dann zur Tagesordnung überzugehen, so als wäre nichts geschehen. Umkehren, in sich gehen und das Leben neu lernen, das ist angesagt. „Denn Gott will nicht den Tod des Sünders, sondern dass er umgekehrt und lebt“ (nach Ez 33,11). Vielleicht sind uns deshalb auch jetzt Große Exerzitien verordnet worden, geschenkte Zeit, um sein Leben zu ordnen, wie der hl. Ignatius seine Geistlichen Übungen verstanden hat.

Was ist zu tun?

Was ist zu tun? „Bleibt niemandem etwas schuldig, nur die Liebe schuldet ihr einander immer“ (Röm 13,8). Da sind zunächst die Pflichten jedes Menschen gegenüber dem Gemeinwohl. „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“, das heißt ganz schlicht zunächst, sich an Anordnungen zu halten, Sozialkontakte auf das Notwendige zu minimieren, die inzwischen allseits bekannten Hygieneregeln einzuhalten, eigene Wünsche und Bedürfnisse im rechten Ausmaß zurückstehen zu lassen, gegebenenfalls auch andere freundlich auf das rechte Verhalten hinzuweisen und bei allem umsichtig, herzlich und mitfühlend, unverzagt und hoffnungsvoll zu bleiben: „Seid also besonnen und nüchtern und betet! Vor allem haltet beharrlich fest an der Liebe zueinander; denn die Liebe deckt viele Sünden zu“ (1 Petr 4,7f.).

Nichts ist dem Menschen so schwer zu ertragen wie vollkommene Ruhe…Dann nimmt er sein Nichts wahr, seine Verlassenheit, Ungenügen, Abhängigkeit, Ohnmacht und Leere (Blaise Pascal)

Gottvertrauen heißt nicht Verzicht auf Vorsicht. Es reicht auch nicht zu sagen: „Ich habe damit kein Problem!“ Denn ich könnte unwissentlich die Krankheit auf andere Menschen übertragen, auch solche, die zu Risikogruppen gehören, und bekanntlich sterben auch nicht nur diese. Das zu vergessen wäre wieder das Sankt-Florians-Prinzip. Jeder vernünftige Verzicht aus Liebe zu Gott und zum Nächsten dagegen bringt großen Gewinn. Außerdem: Jetzt hocken wir einander ziemlich viel „auf der Pelle“. Da gehen schon einmal die Nerven durch. Umso dankbarer sind alle dafür, wenn wir uns angenehm machen, erfindungsreich und unterhaltsam sind und bei allem eine dicke Haut entwickeln.

Nicht mehr am Gottesdienst teilnehmen?

Was ist mit den Gottesdienstverboten? Ein harter Eingriff, gerade auch für wirklich gläubige Laien, die aus den Sakrament leben. Über die Angemessenheit der Anordnungen kann ich nicht urteilen. Vielleicht haben die Kirchenverantwortlichen spätestens seit der Missbrauchskrise vor allem eines gelernt: Wir müssen alle Erwartungen erfüllen, dann werden wir vielleicht in Ruhe gelassen. Ich weiß nur, es wäre fatal, wenn davon das Signal ausginge: Gottesdienst ist Freizeitvergnügen, in einer Liga mit Kino, Spaßbad und einen gemütlichen Abend beim Italiener um die Ecke. Und wenn sonntags die Kirchen geschlossen, die Lebensmittelläden aber geöffnet werden, dann höre ich den alten Drachen lachen. Dennoch, die Anordnungen sind grundsätzlich vernünftig und darum zu befolgen. Fachlich gesprochen, wiegt ein bedeutendes leibliches Gut anderer, also Gesundheit und Leben, schwerer als ein einzelnes geistliches Gut für mich. A propos Güterabwägung. Mit ihr erhält man auch die Antwort auf die ewige Frage: Wenn Gott doch allmächtig ist, warum lässt er dann eine solche Seuche überhaupt zu? Eben weil für ihn unser ewiges Heil schwerer wiegt als unser irdisches Wohlergehen. Wenn er uns also gegenwärtig aufrüttelt, wie sollten wir da nicht aus all unseren Traumtänzen, Katastrophenreden, Besserwissereien und Vogel-Strauß-Politiken aufwachen und uns der Vorsehung Gottes anvertrauen? Er allein verdient die Krone der Welt, nicht der Corona-Virus. Denn Gott allein kann den Drachen verlachen, und mit Gott lachen wir zuletzt am besten.

Ein Gedanke zu „Christ und Corona

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