Und der Lenz kommt über Nacht

Joseph von Eichendorff, Der Adel und die Revolution, in Ausgewählte Werke. Bd. 4. Hg. und mit einem Nachwort von Hans A. Neunzig, München 1987, 341-366

Wer in Deutschland in die Schule gegangen ist, kennt den schlesischen Dichter Eichendorff (1788-1857) wohl nur als Verfasser des „Taugenichts“, somit als Vertreter der hellen Seite der Romantik, von Wald, Witz und Gesang, vielleicht noch vom „Marmorbild“ und „Schläft ein Lied in allen Dingen“. Dass er auch ein ausgezeichneter Essayist war, der mit spitzer Feder gegen Philister und Lebenskrämer zu Felde zog, ist kaum bewusst. Vielleicht liegt es an seiner durch und durch katholischen Prägung, gewiss auch daran, dass er bei aller konservativen Grundausrichtung kaum einer Partei oder Gesinnungsgemeinde zuzuordnen ist. Dabei hat er mit „Der Adel und die Revolution“ eine der witzigsten und treffendsten Skizzen zur Selbstfindung konservativen Geistes vorgelegt, voll Ironie und Klarsicht, ein Dokument der Wandlung des Adels der Geburt zu der des Geistes, oder soziologischer: von Standesprivileg zu Elitenethik. „Sehr alte Leute wissen sich wohl noch einigermaßen der sogenannten guten alten Zeit zu erinnern. Sie war aber eigentlich weder gut noch alt, sondern nur noch eine Karikatur des alten Guten“, so eröffnet Eichendorff seine Seiten, und man weiß: Nicht Restauration hat er im Sinn, nicht Standesdünkel oder Elfenbeinturm, sondern Selbstbestimmung angesichts der revolutionären Umbrüche seiner Zeit. Wenn Konservative immer wieder auf das Gegenrevolutionäre reduziert werden, ist dieser Text ein rechtes antidotum.
Wahrer Adel ist für ihn pietas, also „wechselseitige religiöse Treue“ (341), die vom Starken Schutz und Ordnung für den Schwächeren verlangte. Eichendorff sieht sie seit dem Ausgang des Mittelalters  zerstört und seit dem Dreißigjährigen Krieg, der „große[n] Tragödie des Mittelalters“ (341), endgültig zerstört. „Die Stelle der idealen Treue wurde sofort von der materiellen Geldkraft eingenommen“ (342), d.h. mittels Söldnerheeren, Hofdiensten und Glücksrittern, in der Gegenwart dann vollends durch die Herrschaft des Kaufmanns und des Industriellen. (Der „Taugenichts“ ist dazu geradezu das Gegenbild, ist er doch einfach der Mensch jenseits seiner Tauglichkeit und Verzwecklichung.) Doch der Adel erstarrte dabei zur bloßen Form. Symbol für diesen Zustand ist der Zopf, der „alles Naturwüchsige, als störend und abgemacht, hinter sich geworfen und mumienhaft zusammengewickelt“ hat (343). Nach seiner Einschätzung zerfiel er am Vorabend der Französischen Revolution in drei Richtungen:
•    den Landadel mit seiner „fast insularischen Abgeschiedenheit“ (343) und einem rundum prosaischen Leben zwischen Landwirtschaft und derben Tanzvergnügungen,
•    „die Exklusiven, Prätentiösen, die sich und andere mit übermäßigem Anstande langweilten“ (348), der Inbegriff der Rokoko-Adligen („alle taten eigentlich gar nichts“ [352]), die alles Natürliche – „die zudringlich störende Natur“ (350) – dressierten und zierten, und dann auch wieder das Gegenteil im Gefolge Rousseaus, Diderots und Lessings: „man wollte womöglich bis in den Urwald zurück“ (351),
•    die frivolen Libertins, Verschwender, Abenteurer, Berauschte, „um nur die unerträgliche Langeweile loszuwerden“ (353), auf deren „forcierte[s] Lustspiel“ meist „ein tragisches Ende“ folgte, „dem kurzen Rausche folgte der moralische und finanzielle Katzenjammer“ (353) – sehr zum Vorteil der von ihnen so verachteten Geldaristokratie der aufkommenden Großindustriellen.
Sie alle aber bemerkten nicht das Heraufziehen der Revolution, „eine fast unheimlich schwüle Gewitterstille, und niemand merkte und beachtete es, daß das Wetter von Westen bereits aufstieg und einzelne Blitze schon über dem dunklen Waldeskranze prophetisch hin und her zuckten“ (347). „Es brütete, wie schon gesagt, eine unheimliche Gewitterluft über dem ganzen Lande, jeder fühlte, daß irgend etwas Großes im Anzuge sei, ein unausgesprochenes, banges Erwarten, man wußte nicht von was, hatte mehr oder minder alle Gemüter beschlichen“ (355). Als die Revolution mit ihrem Macht-Wort von Freiheit und Gleichheit dann ausbrach, standen keineswegs alle Adeligen auf der Seite ihrer Gegner. Nicht wenige gab es, die „die Unrettbarkeit des Alten einsahen“ (356) , es war „der goldene Faden aus der Vergangenheit gewaltsam abgerissen“, und seitdem ging die Menschheit wie nach dem Turmbau zu Babel „in die verschiedenen Stämme der Konservativen, Liberalen und Radikalen auseinander“ (357).

Joseph von Eichendorff (1788-1857)

Doch mit dem Zertrümmern des Alten war es nicht getan, denn „unter Trümmern kann niemand wohnen, es mußte notwendig auf anderen Fundamenten neu gebaut werden, und von da ab begann das verzweifelte Experimentieren der vermeintlichen Staatskünstler, das noch bis heut die Gesellschaft in beständiger fieberhafter Bewegung erhält“ (357). Als treibende Kraft hinter diesen neuen Spannungen nach dem Schnitt der Revolution erkennt Eichendorff nun den Kampf „de Religion gegen die Freigeisterei“ (358). Schon vorrevolutionär waren viele Adelige allenfalls wie der Landadel religiös, so wie man „ein löbliches Handwerk“ betreibt (358), den anderen erschien „die Lächerlichkeit jederzeit als die unverzeihlichste Todsünde“ und gingen mit der aufklärerischen Zeitmode. Als dann aber diese Art der radikalen Aufklärung „aus den Bücherschränken in alle Welt ausgefahren“ war (364), hatten sie der radikalen Abschaffung Gottes zugunsten der nackten Vernunft nichts entgegenzusetzen:
„Es konnte nicht anders sein: die neue Welt schritt über ihre ganz verblüfften Köpfe hinweg, ohne nach ihnen zu fragen. Christus galt fortan für einen ganz guten, nur leider etwas überspannten Mann, dem sich jeder Gebildete wenigstens vollkommen ebenbürtig dünkte. Es war eine allgemeine Seligsprechung der Menschheit, die durch ihre eigene Kraft und Geistreichigkeit kurzweg sich selbst zu erlösen unternahm; mit einem Wort: der vor lauter Hochmut endlich toll gewordene Rationalismus, welcher in seiner praktischen Anwendung eine Religion des Egoismus proklamierte“ (358).
Nackte Vernunft, das hieß auch leerer Kosmopolitismus ohne Heimat, Prägung und Geschichte, also letztlich ganz ohne jene eingangs beschriebene religiöse Treue gegenseitiger Verpflichtung. Stattdessen war er „jenes seltsame ‚Überall und Nirgends‘, der in aller Welt und also recht eigentlich nirgend zu Hause war“, so „als sei die Menschheit ein bloßes Abstraktum und nicht vielmehr ein lebendiger Föderativstaat der verschiedensten Völkerindividuen. Alle Geschichte, alles Nationale und Eigentümliche wurde sorgfältig verwischt, die Schulbücher, die Romane und Schauspiele predigten davon; was Wunder, daß die Welt es endlich glaubte!“ (361) – welche hellsichtigen Worte für unsere Zeit einer stupiden Globalisierung und der Krise eines Europa, das kein „Europa der Vaterländer“ mehr sein will! Ebenso klarsichtig deckt Eichendorff hinter dieser Entwicklung den Siegeszug des Ökonomischen auf, genauer: man fing an, „die materiellen Mittel […] als Selbstzweck zu betrachten“ (362), und das Bürgertum machte seine Städte „allmählich aus einer Weltmacht [zu] eine[r] Geldmacht“ (363). Was bleibt für den Adel? Eichendorff entlässt den Leser mit einer Andeutung, die es aber in sich hat:
„Denn der Adel (um ihn bei dem einmal traditionell gewordenen Namen zu nennen) ist seiner unvergänglichen Natur nach das ideale Element der Gesellschaft; er hat die Aufgabe, alles Große, Edle und Schöne, wie und wo es auch im Volke auftauche mag, ritterlich zu wahren, das ewig wandelbare Neue mit dem ewig Bestehenden zu vermitteln und somit erst wirklich lebensfähig zu machen. Mit romantischen Illusionen und dem bloßen eigensinnigen Festhalten des längst Verjährten ist also hierbei gar nichts getan“ (365).
In einem „Gebet“ von 1810 hat er dieselbe Gesinnung schön in Worte gefasst:
„Warum gabst du mir die Güte
Die Gedanken himmelwärts,
Und ein ritterlich Gemüte,
Das die Treue heilig hüte
In der Zeit treulosem Scherz?“ (Ausgewählte Werke 1, 129).
Ob der Adel des Blutes dazu in der Lage ist, beurteilt der Dichter skeptisch und wirft ihm vor: „Mit romantischen Illusionen und dem bloßen eigensinnigen Festhalten des längst Verjährten ist also hierbei gar nichts getan“, anstatt „das ewig wandelbare Neue mit dem ewig Bestehenden zu vermitteln und somit erst wirklich lebensfähig zu machen“ (365). Keine konservative Erstarrung im Gestern, keine Verhärtung im Contra, sondern Bewahrung des Höheren angesichts der aufkommenden stählernen Schwungräder und Aktienbündel. Das ist ein ganzes Programm, aber anstatt es auszuführen, transformiert er es, wie bei ihm so oft, in ein ironisches Gedicht auf „Prinz Rokoko“. Es endet verheißungsvoll: „Und der Lenz kommt über Nacht“ (366).

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