Manche sagten, das Osterrätsel 2021 war leicht, vor allem im Vergleich zum letzten Weihnachtsrätsel. Umso besser, denn so gab es wieder eine rege Beteiligung. Besonders gefreut hat mich, dass auch Teilnehmer am Religionsunterricht bei ihrem Distanzunterricht auf den Blog des Osterrätsels zurückgegriffen haben. Jedenfalls war deutlich zu erkennen: Wer mit alten liturgischen Traditionen aufgewachsen ist, hatte dieses Mal eindeutig die Nase vorn. Denn das, worum es ging, war und ist mancherorts bis heute eine beliebte liturgische Form an Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag. Und worum ging es? Nun, die Kar- und auch Trauermetten am Morgen dieser Tage, also das Stundengebet bzw. Offizium der heiligen drei Tage, das eine einzigartige Prägung aufweist. Das dafür benötigte Utensil war und ist ganz besonders populär. Es ist der

Triangelleuchter,

wegen seiner Dreiecksform auch Pyramide oder gelegentlich auch Tenebraeleuchter oder Lichtrechen genannt. Darauf sind links und rechts je sieben brennende Kerzen angebracht, die nach oben hin zusammenlaufen, bis es an der Spitze noch eine einzige Kerze gibt.

Triangelleuchter von A. Gaudi (Sagrada Familia)

Die Trauermetten (Karmetten, „Tenebrae“ wegen der dunklen Morgenstunde, der gelöschten Kerzen – „tenebratur candela“, wörtlich „die Kerze wird verfinstert“ heißt es schon im 8. Jahrhundert -, der Finsternis der Trauer oder vielleicht auch der dabei gesungenen Antiphon „Tenebrae factae sunt“ zur Erinnerung an die Finsternis beim Tod Jesu) sind die beiden Morgenhoren des Stundengebets, die Matutin (heute etwas prosaisch „Lesehore / Officium lectionis“ genannt) und die Laudes.[1] Erstere enthielt traditionell drei Nokturnen à je drei Psalmen und Lesungen – da stehen wir schon mitten in der heiligen Mathematik. Kurz, die Matutin lässt neun Psalmen beten und die darauf folgenden Laudes fünf. Was zusammengerechnet vierzehn ergibt. Plus der Höhepunkt, der Lobgesang des Zacharias, das „Benedictus“, womit wir dann bei fünfzehn wären. Am Ende jedes Psalms wird eine Kerze gelöscht, von unten nach oben und abwechselnd links und rechts bzw. nach der Evangelien- und der Epistelseite. Sie stehe für die elf Apostel und die drei Frauen Maria Magdalena, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome. Die oberste Kerze versinnbildet Christus. Früher wurde sie beim Benedictus hinter dem Hochaltar verborgen, nachdem auch die Altarkerzen gelöscht werden – ein eindringliches Bild für die Finsternis, die beim Tod Jesu über das Land kam, aber zugleich auch für die in der Knechtsgestalt Jesu am Kreuz ganz und gar verborgenen Gottheit Jesu. Heute meint man, den Sieg Jesu über den Tod durch das einsame fortdauernde Brennen dieser Kerze auszudrücken, was sich dann allerdings etwas mit dem Entzünden der Osterkerze in der Osternacht beißt und womöglich auch der Tendenz entgegenkommt, den Ernst des Todes Jesu zu bagatellisieren (etwa durch „Auferstehungskreuze“).

Nun wie immer zur Auflösung der Hinweise:

  • Das hebräische Alphabet gibt seine Buchstaben zu Beginn jedes Abschnitts der Klagelieder („Lamentationen“) des Jeremia her, die bei dieser Gelegenheit gesungen werden – übrigens mit einer großen kirchenmusikalischen Tradition und deshalb hoffentlich alles andere als „auf eine ziemlich klägliche Art“ (die Anspielung bezog sich nur auf die Klagelieder).
  • Wie so oft bei liturgischen Bräuchen, die tief in die Volksfrömmigkeit eingedrungen sind, schwankt die konkrete Ausführung. So finden sich im Mittelalter und der frühen Neuzeit Tenebraeleuchter mit nur 14, 12, 9 oder nur 7 Kerzen, aber auch umgekehrt 24, 27, 30 oder 39 Kerzen, später sogar 44 oder 72 an der Zahl. Rom dagegen, stolz über seine uralten Traditionen und geradezu vehement beinahe gegen jede Neuerung, kannte im 9. Jahrhundert noch überhaupt nicht diesen Brauch.
  • Es mag sein, dass die teilweise geradezu prachtvolle musikalische Ausschmückung den sehr nüchtern gestimmten 50er und 60er Jahren für das Gedächtnis des Leidens Christi ein Dorn im Auge waren, und so wurde nicht nur das „Miserere“, also Psalm 51 (50), am Ende jeder Hore abgeschafft, sondern auch das Wegtragen der Christuskerze. Bekannt ist das geradezu abgründig schöne „Miserere“ von Gregorio Allegri, das er für die päpstliche Kapelle in Rom komponiert hat. (Auf päpstliche Anweisung durften die Noten nicht weitergegeben werden. Nach einer Musikerlegende soll Wolfgang Amadeus Mozart die Noten aber aus dem Gedächtnis aufgeschrieben haben.) Ach ja, Ironie der Liturgiegeschichte: Kaum erhob die katholische Kirche die „edle Einfalt, schlichte Größe“ zur Ehre der Altäre, schaltete die weltliche Ästhetik auf Sinnenfreude und Inszenierung von Events.
  • Im evangelischen und erst recht im anglikanischen Raum haben sich Formen der Trauermetten manchmal bis heute gehalten – eine wunderbare Möglichkeit, diese Form ökumenisch zu begehen, zumal sie fast ausschließlich aus Schrifttexten besteht.
  • Die Trauermetten („Mette“ also von „Matutin“) haben nur insofern etwas mit der Christmette zu tun, als diese eben in der Nacht gefeiert wird und an Weihnachten mit der ersten Messe zusammengewachsen ist.
  • Der Volksmund dagegen hat (wohl im süddeutschen und alpenländischen Raum) einen kraftvollen Namen für die Trauermetten gefunden, nämlich Pumper- oder auch Rumpelmette. „Was rumpelt und pumelt in meinem Bauch herum. Ich meint‘, es seien sieben Geißlein, und dabei sind es lauter Wackersteine“, klagt der Wolf im Märchen vom „Wolf und den sieben Geißlein“. Bei der Mette rumpelt es aber am Schluss lautstark, meistens mit den Ratschen oder Kleppern der Kartage (traditionell ein Vorrecht der Ministranten). Etwas vornehmer ging es etwa in Klöstern zu, wo man nur die Bücher auf die Bank klopfte. Ursprünglich war dies wohl nur das Klopfzeichen, das das Ende dieses langen Offiziums anzeigen sollte (der Brauch wurde 1956 abgeschafft). Aber auch hier hat das Brauchtum seine Rechte eingefordert, und die volksnahe Theologie war auch nicht verlegen, darin die Tore der Unterwelt zu erkennen, die Christus bei seinem Gang in die Unterwelt gebrochen hat, und sie rumpeln zu hören. Übrigens hat die gallische Liturgie, stets sehr sinnenfreudig und der dramatischen Inszenierung zugetan, ein ähnliches Rumpeln bei der Auferstehungsfeier am Karsamstag vorgesehen, so heute noch im Bistum Trier zu sehen und zu hören. Dort klopft das Kreuz von außen an die Pforten der Kirche und der Priester singt dabei: „Tollite portas. Erhebt euch, ihr uralten Pforten!“ Wenn der auferstandene Gekreuzigte dann schließlich Einlass in die Kirche erhält, wird auf der Empore eine Holzbank umgestürzt, um das Zerbrechen der uralten Höllenpforten akustisch unter die Haut gehen zu lassen. Aber dies ist nur eine der möglichen Erklärungen. Andere erinnern an das Chaos bei der Gefangennahme Jesu im Garten Getsemani oder das Zerreißen des Vorhangs im Tempel bei seinem Tod.
  • Der Name „Triangel“ wird auch manchmal dem Arundo geben, einem Rohrstab mit drei Kerzen, die in der alten Liturgie am Karsamstag am Osterfeuer entzündet werden. Aber das ist eben ein anderer liturgischer Gebrauchsgegenstand, den man nicht mit dem Triangelleuchter verwechseln sollte.

Alles in allem also ein ganz besonderes Thema aus einer reichen liturgischen Tradition im Herzen des Kirchenjahres. Zweifellos ein erhaltenswertes Stück – oder auch eines zum Neuentdecken!


[1] Bis zur Karwochenreform 1955 konnte dieses Gebet auch am Vorabend antizipiert werden, danach nur noch in Kirchen, in denen die Chrisammesse gefeiert wird; eine solche beliebte Feier am Mittwochabend findet sich am Dom zu Münster. Durch die Verlegung der hl. Messe vom Letzten Abendmahl auf den Abend und damit auch des Beginns des „Triduum sacrum“ auf den Gründonnerstagabend werden die ersten Trauermetten hier und da an diesem Abend gefeiert. – Eine gute liturgiegeschichtliche Einführung gibt J. MacGregor, Fire and light in the western triduum. Their use at Tenebrae and the Paschal vigil, Collegeville, Minn. 1992 (die Erstfassung ist downloadbar). Lange Zeit wurde die These vertreten, dass die Kerzen aus utilitaristischen Gründen allmählich gelöscht wurden, während allmählich das Tageslicht im Fortschreiten der Liturgie wuchs. Doch A. J. MacGregor 91-97 wies nach, dass dies wohl nicht mit d tatsächlichen Zeiten übereinstimmte. Er nimmt vielmehr an, dass man darin die Riten des Gründonnerstagabends in Jerusalem nachahmen wollte, wo die allmählich um sich greifende Finsternis ein sprechendes Zeichen für die Passion Jesu war.

Ein Gedanke zu „Osterrätsel 2021 – die Auflösung

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