Nun ist die Weihnachtsrätsel-Zeit vorbei, und es hat wieder viele Einsendungen mit der Lösung gegeben. Nicht alle waren richtig, und es hat sogar einen irrigen Vorschlag gegeben, der sich hartnäckig durch einige Einsendungen gehalten hat. Ob die gute Vernetzung nicht manchmal auch zum Schaden wird? Wie auch immer, die richtige Lösung lautet:

Papst Clemens VI. (Pierre Roger)

Der Papst in Avignon war 1290/91 im französischen Maumont, Corrèze, geboren. Bis heute leidet er darunter, dass er als Inbild eines dekadenten Papsttums in der „babylonischen Gefangenschaft der Kirche“ gilt, also als ein Nachfolger Petri, der nicht in Rom, sondern in Avignon residierte. Besonders die Schwarzmalerei durch den großen Dichter Petrarca, der eine Zeit lang selbst am Hof von Avignon gelebt hatte, hat ihm nachhaltig geschadet. So warf man ihm eine allzu opulente Hofhaltung vor, moralisch ein Doppelleben und in der Personalpolitik einen schamlosen Nepotismus, also die Besetzung führender Ämter mit Familienangehörigen. Nun war er gewiss kein Heiliger (wie wohl ohnehin die allzu vorhersehbare Heiligsprechung von Päpsten unserer Zeit vorbehalten ist), aber ebenso wenig ein Schandfleck auf dem Stuhl Petri.

Biographie

Pierre Roger war Benediktiner der bedeutenden Abtei La Chaise-Dieu (Haute-Loire) und studierte als Mönch an der Universität Paris, dem Harvard der damaligen Zeit, Theologie und kanonisches Recht. Dort wirkte er auch wohl für einige Jahre als viel bewunderter Theologe und noch mehr als großer Prediger. „Maximus sermocinator verbi Dei – der größte Prediger des Wortes Gottes“ wurde er genannt. Sein Rednertalent ist jüngst noch einmal von Ralf Lützelschwab durch die Auswertung nicht edierter Handschriften eindrucksvoll unterstrichen worden. Freilich zeigte er sich in einigen Kontroversen schon früh als ausgesprochener Verteidiger der päpstlichen Rechte. Dieser klare Positionsbezug wurde ihm zum Auftrieb seiner Karriere, aber auch zum Verhängnis seines Pontifikates. Zum einen erhielt er zum Dank von Papst Johannes XXII. den Magistertitel in Theologie sowie die reiche Abtei Fécamp als Einkunftsquelle und spielte bald eine wichtige Rolle in der päpstlichen Kurie. Da er auch in der Gunst des französischen Königs stand, dessen Rechte er als Jurist gegen die Ansprüche des englischen Königs verteidigte, kletterte er in atemberaubendem Tempo die Leiter der Hierarchie empor und wurde 1328 Bischof von Arras, 1329 Erzbischof von Sens, schließlich 1330 Erzbischof von Rouen. 1335 wurde er Kardinal – der einzige, den Benedikt XII. kreierte! – und schließlich 1342 dessen Nachfolger auf dem Stuhl Petri. Intellektueller, glänzender Redner, geschickter Jurist, instinktsichere rechte Hand der Mächtigen – all das ist weder anrüchig noch heiligmäßig, viel eher Ausdruck einer Zeit mit engsten Verknüpfungen zwischen Kirche und Welt. Benedikt XVI. würde da eindeutig von Verweltlichung sprechen, also einem strukturellen und nicht einem persönlichen Problem.

Doch eben sein Papalismus wurde ihm auch zum Verhängnis. Trotz all seiner herausragenden Gaben überzog er als Papst eindeutig die Ansprüche seines Amtes. Er beanspruchte päpstliche Souveränität gegenüber Kaiser und Königen. Die Wiedervereinigung mit Griechisch-Orthodoxen und den Armeniern scheiterte, weil er nichts als schlichte Unterwerfung verlange. Bei seinem Führungsanspruch gegenüber den weltlichen Mächten zu einem Kreuzzug überschätzte er seinen Einfluss, ebenso bei dem Versuch, sich als Schiedsrichter und Vermittler im englisch-französischen „Hundertjährigen Krieg“ einzuschalten. Gut gemeint ist eben nicht gut gemacht, oder genauer: Bei all seinen Gaben war er wohl doch von der typischen Intellektuellen-Krankheit befallen, die Dinge vorschnell allzu grundsätzlich zu sehen und dadurch den Blick für sich wandelnde Verhältnisse zu verlieren. Im 14. Jahrhundert entwickelten die weltlichen Mächte nämlich ein ausgesprochenes Souveränitätsbewusstsein, und selbstverständlich hatten sie dafür auch ihre Hofgelehrten, die ihnen das mit ausgeklügelten Schriften in der Tradition des Aristoteles oder – noch radikaler – des Nominalismus (Wilhelm von Ockhams „Dialogus“ und des Marsilius von Padua „Defensor pacis“ sind nur die bekanntesten Werke darunter) theoretisch untermauerten. Tapfer hielt Clemens VI. dagegen, aber er sah nicht, dass seine im Vergleich zu den großen Mächten minimale Macht („Wie viele Kanonen hat der Papst?“) und seine allzu große Abhängigkeit vom französischen König ihm den entscheidenden Einfluss nahm. Grundsatztreue statt Realpolitik, so könnte man insgesamt sagen. Einem Urteil wird man sich wohl eher enthalten, denn nur Realpolitik ist andererseits oft nur ein vornehmerer Name für blanken Zynismus der Macht oder für charakterlosen Opportunismus und Populismus. Nicht dass Clemens VI. in allem erfolglos gewesen wäre. Der Aufbau einer effektiven Finanzverwaltung des päpstlichen Hofes könnte noch heute als Vorbild der vatikanischen Finanzbürokratie dienen. Doch vielleicht brauchen große Umbruchszeiten auch ihre tragischen Gestalten, und je nach Einstellung wird man sie als Ritter von der traurigen Gestalt oder als David gegen Goliath sehen.

Ludwig der Bayer (Gemälde im Rathaus von Mühldorf)

Berechtigte Vorwürfe?

Und was ist mit den Vorwürfen des prunkvollen Hoflebens, des Doppellebens und des Nepotismus? Nun, Clemens bewährte sich als Mäzen von Künstlern und Frühhumanisten, erbaute das Palais-Neuf in Avignon, bis heute eines der meistbesuchten Bauwerke Südfrankreichs, und gab der ars nova in der Musik und den bahnbrechenden Neuerungen eines Philippe de Vitry eine Bühne und eine Heimat (Johannes XXII. hatte die ars nova noch verboten), und eher grundsätzlich – schon wieder! – wollte er mit dem Prunk die Majestät seines Amtes und die Überlegenheit gegenüber weltlichen Mächten unterstreichen. Persönliche Ausschweifung und Doppelleben haben ihm neben Petrarca vor allem die Parteigänger des 1343 von Clemens endgültig verurteilten Ludwig des Bayern (ab 1328 Kaiser des Heiligen römischen Reiches, die erste Krönung ohne die Zustimmung des Papstes) nachgesagt. Alles Verleumdung, wie neuere Quellenstudien belegen. Und zum Nepotismus wissen wir, dass unsichere Umbruchszeiten die Herrschenden fast immer auf Familienangehörige zurückgreifen lässt, weil sie bei ihnen noch am ehesten Loyalität vermuten.

Und dann war da ja auch noch die Pest, der schreckliche Schwarze Tod, der Avignon 1348 erreichte und nach dem Bericht eines Zeitgenossen etwa die Hälfte seiner Bevölkerung niederstreckte. Hier endlich konnte Papst Clemens sich einfach nur als verantwortlicher, handlungsfähiger und kluger Seelsorger erweisen, so wie es im Rätsel dargestellt ist. Sein Wirken in der Stunde der Not, sein Bündel von Maßnahmen zu seelsorgerlichem Beistand und materieller Hilfe gehören zum Ruhmesblatt der Papstgeschichte. Selbst als Intellektueller hat er sich in dieser Zeit bewährt, nämlich indem er die Bewegung der Geißler („Flagellanten“) trotz ihrer scheinbaren Frömmigkeit durchschaute und andererseits die Juden gegen Pestpogrome entschieden verteidigte.

Clemens VI. litt an Nierensteinen und starb an inneren Blutungen am 6. Dezember 1352. Er wurde ein Jahr später in seiner Heimatabtei La Chaise-Dieu in einem eindrucksvollen Grabmal bestattet.

Avignon, Kreuzgang im Papstpalast

Ein Gedanke zu „Weihnachtsrätsel 2020 – die Auflösung

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