Da ist der Zölibat also wieder einmal Top-Thema! Dieses Mal aber nicht nur in Resolutionen von Dialogforen und besorgten Katholiken, sondern aus dem Mund dessen, der die „plena potestas“ in der Kirche hat, Papst Franziskus. Am 9. März deutete er in der Wochenzeitung „Die Zeit“ (Ausgabe 9. März) die Möglichkeit der Weihe verheirateter Männer an. Was meint er damit? Und wie ist dieses Statement zu bewerten?

Was meint Papst Franziskus mit seiner Aussage?

Zunächst der klare Rahmen: Der Papst rührt nicht an den Pflichtzölibat. Die Bindung des katholischen Priestertums an die Ehelosigkeit wird bestehen bleiben: „Der freiwillige Zölibat ist keine Lösung.“ Zugleich drängt er auf die Arbeit an Berufungen: „Der Herr hat uns gesagt: Betet! Das ist es, was fehlt: das Gebet. Und es fehlt die Arbeit mit jungen Leuten, die Orientierung suchen.“ Der Papst denkt also nicht unmittelbar an eine eigentliche Aufhebung des Zölibates.
Doch dann die Ausnahme, die sogenannten „viri probati (erprobten Männer)“, also etwa verheirateten Diakonen vergleichbar, für die das Mindestalter auf 35 Jahre festgesetzt ist: „Wir müssen darüber nachdenken, ob Viri probati eine Möglichkeit sind. Dann müssen wir auch bestimmen, welche Aufgaben sie übernehmen können, zum Beispiel in weit entlegenen Gemeinden.“ Für möglich und sinnvoll hält der Papst also die Diskussion über „viri probati“, ja bloß für eine Frage des rechten Augenblicks, denn es geht „der Kirche stets darum, den richtigen Augenblick zu erkennen, wann der Heilige Geist nach etwas verlangt“. Grundsätzliche Bedenken lässt er nicht erkennen, wohl aber ist die Opportunität nach eigener Aussage noch nicht entschieden.

Das Statement überrascht nicht. Der brasilianische Kardinal Claudio Hummes, Papstvertrauter und einige Jahre Präfekt der Kleruskongregation, fordert seit Jahren für sein Heimatland die Weihe verheirateter Männer. Prominent wird dabei die Lage in den „weit entlegenen Gemeinden“ Amazoniens dramatisch geschildert. Den Vorschlag, jeder Missionsorden solle zwei Priester in die Region entsenden, lehnt Hummes jedoch ab. Er wolle nur einheimischen Klerus sehen, und dies offensichtlich auch um den Preis der partiellen Aufgabe des Zölibates. 2016 hat es bereits konkrete Sondierungen mit den brasilianischen Bischöfen in dieser Hinsicht gegeben. Treffen diesbezügliche Informationen zu, wäre die Aussage „Wir müssen darüber nachdenken, ob Viri probati eine Möglichkeit sind“ eine bloße politische Schutzbehauptung, während der Papst für sich die Frage längst entschieden hätte. Übrigens deuten verschiedene Indizien darauf hin, dass dasselbe für die Linie gilt, die „Amoris laetitia“ vertritt und die offensichtlich schon vor Beginn der ersten Familiensynode 2014 angestrebt wurde. Bei beiden erscheint der geistliche Unterscheidungsprozess („wir müssen darüber nachdenken, wann der Heilige Geist nach etwas verlangt“) zumindest für den Papst bereits entschieden zu sein.

Dass solche regionale Sonderwege in einer so vitalen Frage der Kirche erlaubt werden sollen, liegt für Franziskus offensichtlich auf der Linie der sogenannten Dezentralisierung. Danach sollen verstärkt auf der Ebene von Bischofskonferenzen oder kontinentalen Zusammenschlüssen wie der CELAM für Lateinamerika Sonderregelungen möglich sein. Nebenbei: Brasilien ist Deutschland in mehrfacher Hinsicht verbunden (deutsche Wurzeln der Auswanderer wie bei der Familie von Hummes, Wirken von deutschsprachigen Priestern und Bischöfen, Anregung zur Befreiungstheologie durch die deutsche „politische Theologie“, Unterstützung durch Adveniat, Projektpartnerschaften usw.). Insofern hätten dortige Regelungen stets auch starke seismische Erschütterungen hierzulande zur Folge, sprich: Auch wir sind Amazonien! Und so ganz des Eindrucks erwehren kann man sich nicht, dass die Aussage wohl nicht ganz zufällig in einem Interview in einer deutschen Wochenzeitung auftaucht…

Festhalten am Zölibat, aber Öffnung für Einzelfallregelungen, so könnte man die Linie des Papstes also umschrieben.

 

Wie ist dieses Statement zu bewerten?

* Wie eine Soap-Opera besitzt die jetzt schon über 50-jährige Dauerdiskussion um den Zölibat längst vertraute Argumente. Eines davon sind die „viri probati“, und die Bedeutung dieses Vorschlags kann man wohl nur als hartgesottener Katholik verstehen. Er dient zur Beschwichtigung: „Nein, an den Zölibat rühren wir nicht, es geht nur um eine ergänzende Maßnahme für Notfälle.“ Jeder Außenstehende würde sagen – und die Medien haben das Papststatement auch sofort so verstanden: Die Kirche öffnet Verheirateten das Priesteramt. Und wer nur ein wenig das politische Geschäft kennt, kennt die Strategie: Man beginnt mit Sonderfällen, wartet die Reaktion ab und weitet dann die Sonderfälle allmählich so weit aus, bis sie zum Normalfall geworden sind. Papst Franziskus muss man das nicht unterstellen, aber so funktioniert das öffentliche Leben eben. Auch ein Dammbruch beginnt mit ein wenig Wasser, das durch die Ritzen dringt. Darum gilt einmal mehr: Principiis obsta. Wehret den Anfängen!

* „Grundsätzlich nein, aber im Einzelfall doch“, kommt uns das nicht bekannt vor? Bei der Diskussion um die wiederverheirateten Geschiedenen wurde es zur Generallinie, die verschiedene Bischofskonferenzen übernommen haben, u.a. auch die Deutschen Bischöfe. Das kann man jedoch nur mit menschlichen Gesetzen so machen, aber nicht mit der göttlichen Verfassung der Kirche. Denn „was Gott tut, das ist wohlgetan“, d.h. die göttliche Ordnung wie bei den Sakramenten oder den Zehn Geboten ist vollkommen und kennt eben gerade keine Ausnahme. Sakramental lossprechen kann etwa nicht einmal im Notfall ein Laie. Darauf wird man den ebenfalls altbekannten Einwand zu hören bekommen: „Aber beim Zölibatsgesetz ist das doch etwas anderes. Bei ihm handelt es sich um ein rein kirchliches Gesetz, das nicht verpflichtend vom Herrn von seiner Kirche verlangt ist.“ Diese Meinung wird erstaunlicherweise selbst von denen vertreten, die am Zölibat ohne Wenn und Aber festhalten. Jedoch nehmen sie dabei ganz offensichtlich die neuere Forschung zum Thema nicht wahr, insbesondere von Christian Cochini und Stephan Heid. Danach war die Alte Kirche davon überzeugt, dass es sich bei der Enthaltsamkeitsforderung für Kleriker um eine apostolische Tradition handelt. Diese knüpft unmittelbar an die Nachfolgeworte Jesu an und verlangt von seinen Dienern das „Alles verlassen“. Deshalb und nicht aus irgendwelchen äußeren Gründen hat sie daraus auch ein verpflichtendes Gesetz gemacht. Erst recht hat das Mittelalter unter Gregor VII. den Zölibat nicht erst eingeführt, sondern nur die altkirchliche Gesetzgebung erneuert.

* Nächster Einwand: „Aber es gab doch verheiratete Kleriker? Und schon die Apostel wie der hl. Petrus?“ Nun, es ist ganz einfach so: Vieles spricht dafür, dass man von den Verheirateten im höheren Klerus spätestens von der Weihe an die sexuelle Enthaltsamkeit erwartete. Das war damals noch nicht einmal etwas Extremes oder Außergewöhnliches, denn auch normale christliche Eheleute lebten nach der Zeit der Kinderzeugung enthaltsam. Von Anfang an gab es also die Zölibatsforderung, entweder als Ehelosigkeit oder als Enthaltsamkeit innerhalb der Ehe. „Und was ist mit der Priesterehe der Orthodoxen?“ Sie ist noch eine späte Spur des Enthaltsamkeitszölibates, denn wenn die Frau eines Priesters stirbt, darf er nicht mehr heiraten. Und das macht nur Sinn, wenn er seit der Weihe enthaltsam lebt. Das hat die Orthodoxie nur leider später nicht mehr verstanden.

* Eine Infragestellung des Zölibates, wenn auch scheinbar nur für eine Sondersituation, gefährdet die Berufungspastoral, die dem Papst doch nach eigener Aussage so sehr am Herzen liegt. In einer übersexualisierten Welt ist Enthaltsamkeit ein machtvolles Zeichen, aber es verlangt auch eine hohe Motivation. Junge Männer werden nur dann Ja zu einer Priesterberufung und zum Zölibat sagen, wenn sie sich von der ganzen Kirche dabei getragen fühlen. Der Eindruck der letzten Jahre deutet in die gegenteilige Richtung. Priester scheinen vor allem ein Problemfall zu sein, sie geraten von vielen Seiten unter Druck, das Priesterbild verflacht, das Berufsprofil in den XXL-Pfarreien gleicht einem (allerdings hoch kontrollierten) Manager, und jetzt gibt es auch noch Signale, dass die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen doch nicht unbedingt erforderlich ist. Man müsste schon sehr blind sein, wenn man die massiv sinkenden Eintrittszahlen in die Priesterseminare nicht damit in Verbindung bringen wollte. Der Priestermangel hat nur wenig mit der gerne angeführten Bindungsscheu oder dem Konsumismus der Jugend zu tun, viel dagegen mit hausgemachten Gründen.

* Eine letzte Frage betrifft die Opportunität und Klugheit des Vorstoßes. Mit enormem Einsatz haben die letzten Päpste, unzählige Bischöfe, Priester und eben auch viele, viele Laien in den letzten Jahrzehnten die Säkularisierung des katholischen Priesters einzudämmen versucht. Im Mittelpunkt standen dabei drei Punkte: Eucharistie, Bußsakrament und eben Zölibat. Ob man es beabsichtigt oder nicht: Rührt man an den dritten Punkt, wird diesem gesamten Bemühen der Boden unter den Füßen weggezogen. Wir stehen wieder in den Wirren der Nachkonzilszeit und damit am Anfang der Priesterkrise. Wer das will, führt die Kirche nicht in die Zukunft, sondern  in die Vergangenheit.

 

Die Stunde der Bischöfe

Das II. Vatikanische Konzil hat eine einseitige Auffassung vom Papstamt zurückgewiesen, nach der der Nachfolger des hl. Petrus absoluter Herrscher der Kirche ist. Er ist in vielfacher Weise eingebunden, so sehr, dass er in einem mehr als metaphorischen Sinn „Sklave der Sklaven Gottes (servus servorum Dei)“ heißt: Er darf nicht seine eigenen Auffassungen verkünden, sondern muss getreu die immerwährende Lehre der Kirche vortragen. Auch in seiner Leitungsaufgabe gibt die göttliche Verfassung der Kirche ihm enge Grenzen vor. Vor allem aber ist er eingebunden in das Kollegium der Bischöfe, die „cum et sub Petro“ das Wohl der Kirche fördern sollen. Papst Franziskus ist energiegeladen wie ein Atomkraftwerk. Doch solche Energie braucht Sicherung auf allen Ebenen. Zuerst und vor allem sind da die Bischöfe gefragt, mehr denn je.

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