Ansichtssache war der gesuchte Roman unseres Rätsels in ganz besonderer Art und Weise. Denn der volle Titel lautet: „Lebens-Ansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern“. „Ansichten“ ist hier noch im alten Verständnis von Bildern zu verstehen, nicht von persönlichen Meinungen. Das Buch feiert gerade sein 200-jähriges Jubiläum, denn der bedeutende Romantiker E.T.A. Hoffmann ließ den ersten Band 1819 und den zweiten 1821 erscheinen. Das recht umfangreiche Werk blieb aber unvollendet, und ein kurzes Nachwort gibt uns recht abrupt die Nachricht vom Ableben des Titelhelden kund, des ebenso gebildeten wie eingebildeten Katers namens Murr. „Es ist das gescheuteste, artigste, ja witzigste Tier der Art, das man sehen kann“ (30). Vielleicht war auch der Tod des wirklichen Katers Murr, der geliebten Hauskatze Hoffmanns, just 1821 schuld daran, dass Hoffmann die in der Nachschrift zum Roman angekündigte Fortsetzung nie niederschrieb, welche die recht verwickelten Handlungsfäden zufriedenstellender zu einem Ende geführt hätte. Doch Murr ist nur die eine Hauptperson. Die andere ist der im Titel ebenfalls genannte Komponist Johannes Kreisler. Die Blätter mit seiner fragmentarischen Biographie sind durcheinandergekommen und mit den kätzischen Lebens-Ansichten vermischt worden. Denn Murr, stets mit liebevoller Ironie gezeichnet, ist eben doch ein stets hungriger, triebhafter Kater, und so hat er sich mit natürlich rein wissenschaftlichem Heißhunger auf die Seiten Kreislers gestürzt: „Welche Wollust, als ich nun mitten unter den Schriften und Büchern saß, und darin wühlte. Nicht Mutwille, nein nur Begier, wissenschaftlicher Heißhunger war es, daß ich mit den Pfoten ein Manuskript erfaßte, und solange hin und her zauste, bis es in kleine Stücke zerrissen vor mir lag“ (36). Welcher Katzenfreund kennt solche Streiche nicht? Das Ende vom Lied: Murrs Leben wird flüssig und Schritt für Schritt, wenn auch mit Unterbrechungen erzählt. Kreislers dramatische Peripetien dagegen sind arg durcheinandergeraten, und deshalb wird Lesern schon ein gerüttelt‘ Maß an Geduld abverlangt, sich auf die unglücklichen Geschichten eines Musikers in den Fängen von Hofintrigen einen Reim zu machen. Umso spritziger verläuft Murrs Bildungsroman, und am Ende stehen nicht nur die damals so populären Burschenschaften wie ein begossener Pudel da. Murr selbst aber ist und bleibt bei allen Starallüren im Grunde ein ganz gewöhnlicher, liebenswerter Kater. Kunst und Leben – insgesamt ein Lieblingsthema Hoffmanns.

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Aber ach, jetzt verlangen die Rätselfreunde sicher auch von diesem Blog eine abrupte Unterbrechung. Denn die entscheidende Frage steht ja noch aus: Welchen Namen trägt das Kloster, in das Kreisler sich nach der angeblichen Tötung eines Rivalen geflohen hat? Es ist das

Kloster Kanzheim.

Im „Adressbuch für das katholische Deutschland“ wird man es allerdings vergeblich suchen, und auch Österreich-Klösterreich kann leider nicht mit einem realen Ort dieses Namens aufwarten. Also reine Fiktion, wobei Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Personen und Orten jedoch keineswegs ausgeschlossen sind. Vielleicht hat Hoffmann hier Eindrücke aus seinen Aufenthalten in katholischen  Gebieten in Polen und in Bamberg verarbeitet. Klöster und Ordensleben haben es ihm ja ohnehin angetan, wie etwa sein ganz auf den dramatischen Lebenslauf eines Klosterbruders namens Medardus konzentrierter Roman „Die Elixiere des Teufels“ belegt. Die größte Überraschung dabei: Die Klöster sind keineswegs Orte der Korruption und Lebensverneinung. Lebensfreude, Lebensweisheit, Maß, Herzenswärme und nicht zuletzt eine große Liebe zur Kunst machen Kanzheim zu einer lichtvollen Gegenwelt zum Hof von Sieghartsweiler. Hoffmann gebraucht dafür ein Wort, das ebenfalls vor 200 Jahren noch einen viel volleren Klang hatte: Gemütlichkeit, d.h. eine Haltung, in der Verstand und Herz versöhnt und liebevoll verbunden sind. Da ist zum einen sein alter Freund, Pater Hilarius (der Name ist Programm!), der nie eine Gelegenheit auslässt, ein Glas Wein zu leeren. Er würde also passend Modell stehen für irgendein Mitbringsel aus Bacherach! Aber er hat das Herz auf dem rechten Fleck und außerdem viel Sinn für Musik, und so ebnet er Kreisler die Bahn, dass er im Kloster als Komponist geistlicher Musik endlich zeigt, was er kann. Doch da ist auch der gelehrte Abt, der große Sympathien für ihn hegt und ihn am Ende beinahe richtig ins Kloster aufgenommen hätte – als Künstler würde Kreisler ohnehin in der Welt doch immer nur untergehen.

„War nun die Gegend, in der die Abtei lag, ein Paradies zu nennen, gewährte das Leben im Kloster die bequemste Behaglichkeit, wozu ein leckerer Tisch und edler Wein, für den Vater Hilarius sorgte, wohl auch zu rechnen, herrschte unter den Brüdern die gemütliche Heiterkeit, welche von dem Abt selbst ausging, schwamm überdem Kreisler, den die Kunst rastlos beschäftigte, recht in seinem Elemente, so konnt es nicht fehlen, daß sein bewegtes Gemüt ruhig wurde wie seit langer Zeit nicht mehr. Selbst der Zorn seines Humors dämpfte sich, er wurde sanft und weich wie ein Kind“ (301).

Die Gestalt Kreislers war übrigens beinahe eine „idée fixe“ Hoffmanns, der ja selbst auch Musiker war. Sie kehrte in verschiedenen Werken und Zeitungsartikeln wieder, u.a. den „Kreisleriana“, einer Sammlung von Erzählungen. Aber nicht nur für ihn war Kreisler eine Schlüsselfigur. Seine Persönlichkeit faszinierte auch Robert Schumann, eine wie dieser hochbegabte, aber auch zerrissene Seele. 1838 komponierte er den Klavierzyklus „Kreisleriana“ mit acht Phantasiestücken. Und dass bei „Kater Murr“ die Geschichte Kreislers nicht schön der Reihe nach erzählt wird, hängt sicher auch mit seiner spannungsvollen Persönlichkeit zusammen, die bereits im Namen angedeutet ist: Bei Kreis-ler geht es eben rund, und darum – Überraschung! – ist der Ausgang seiner Geschichte bei einem ins Wasser gefallenen Fest am Hof zugleich der Anfang der Geschichte Murrs, des aus dem Wasser gezogenen Katers.

War’s schwer? Ganz leicht wahrscheinlich nicht. Aber vielleicht hat das Rätsel angeregt, diesen bedeuteten Romantiker einmal in die Hand zu nehmen. Wenn eine Lektüre auch zu sonst nichts nütze wäre, so könnte Hoffmann immer noch lehren, das eigene Ich nicht zu hoch zu schätzen – sei es naiv-eingebildet wie bei Murr selbst, letztlich dem Inbild eines Spießbürgers mit Bildungsallüren, sei es hin und her geworfen zwischen unbeherrschbaren inneren Regungen, extravagantem Verhalten und der Unfähigkeit, in einer banalen, manchmal auch brutalen Welt zu bestehen wie bei Johannes Kreisler.

Richtige Einsendungen gab es sehr wohl, und unter diesen werden in den nächsten Tagen drei Exemplare meines neuen Krimis „Holy Palace“ verlost (trotz des Schauplatzes Rom nehmen Katzen einen bedeutend geringeren Platz ein als beim „Kater Murr“).

 

E.T.A. Hoffmann, Lebensansichten des Katers Murr nebst fragmentarischer Biographie des Kapellmeisters Johannes Kreisler in zufälligen Makulaturblättern. Herausgegeben von E.T.A. Hoffmann (= E.T.A. Hoffmann, Gesammelte Werke in Einzelausgaben 6), Berlin 1994.

2 Gedanken zu “Sommerrätsel 2021 – die Auflösung

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