Hier die Auflösung des Weihnachtsrätsels 2021. Die Preise sind inzwischen ausgelost und die Gewinner verständigt. Ja, typische Weihnachtsmusik ist das

Album für die Jugend

von Robert Schumann (op. 68 von 1848) wirklich nicht. Immerhin sollte es einmal „Musikalisches Weihnachtsalbum“ (Skizzenbuch) oder auch „Weihnachtsalbum für Kinder, die gern Klavier spielen“ (Projectenbuch) heißen, nämlich als ein Weihnachtsgeschenk an die Kinder. 43 kürzere Stücke für Klavier enthält es, darunter Schlager wie „Wilder Reiter“ (8.), „Fröhlicher Landmann, von der Arbeit zurückkehrend“ (10.) und „Knecht Ruprecht“. Nur dieser raue Gehilfe des hl. Nikolaus ließe sich zur Not weihnachtlich verstehen, der Rest wirklich eher wie ein Bilderalbum aus einem bunten Jahreskreis im Erleben junger Leute. Nicht umsonst schließt die Sammlung mit dem „Silvesterlied“ (43.), das allerdings ursprünglich neutraler „Zum Beschluss“ überschrieben war. Solche Einzelstücke haben Eingang in viele Klavierschulen und Schülervorspiele gefunden; die ganze Sammlung dagegen findet nur selten den Weg auf die Konzertbühnen – leider, denn Sammlung ist für Schumann alles andere als Sammelsurium. Er war vielmehr in vielen seiner Klavierkompositionen ein Meister der kleinen Form, die aus vielen Teilen ein wunderbares Ganzes schafft. Es ist Zusammenklang vieler Perspektiven, aus dem ein großes Gesamtbild entsteht. Und immerhin, gottvergessen war der berühmte Romantiker dabei nicht, denn wie in einem Rahmen ist in das Album ein homophoner „Choral“ (4.) und derselbe als „Figurierter Choral“ (42.) in die große Entdeckungsreise der Welt hinein verwoben – darauf müssen wir noch eingehen. Den leichten, heiteren und weltbejahenden Geist des Albums hat Schumann selbst im Rückblick so beschrieben:

„[…] diese [Stücke] sind mir besonders an’s Herz gewachsen – und eigentlich recht aus dem Familienleben heraus. Die ersten der Stücke im Album schrieb ich nämlich für unser ältestes Kind zu ihrem Geburtstag und so kam eines nach dem andern hinzu. Es war mir, als fing ich noch einmal von vorn an zu componiren. Und auch vom alten Humor werden Sie hier und da spüren. Von den Kinderscenen unterscheiden sie sich durchaus. Diese sind Rückspiegelungen eines älteren und für ältere, während das Weihnachtsalbum mehr Vorspiegelungen, Ahnungen, zukünftige Zustände für jüngere enthält“ (BNF, 290/91; Erler II, 60 f.).

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Hinweise zu des Rätsels Lösung

Wie immer hier auch die Auflösung der mehr oder weniger versteckten Hinweise, die der Lösung auf die Spur bringen konnten:

  • „[E]twas aus der Jugendszene“ spielt auf die mindestens ebenso berühmten „Kinderszenen“ Schumanns mit Schlagern wie der „Träumerei“ oder „Der Dichter spricht“ an (op. 15 mit 13 Stücken von 1838). Aber die Verwandtschaft zum „Album für die Jugend“ ist nur eine entfernte. Die „Kinderszenen“ spiegeln nämlich die Träume und Vorstellungen der Erwachsenen in die Kindheit als eine bessere, unschuldigere, reinere Welt. Dichter und Musiker müssen vom Geist der Kindheit beseelt sein. Diese Vorstellung nimmt Schumann in den Fragmenten zu der geplanten Idylle „Juniusabende“ von 1828 vorweg: „Ja! Im Menschen ruht ein sanfter Genius, der mit leiser Hand dem ewigen Kind die Pforten neuer Welten und Schöpfungen entriegelt […]“ (Tb I, 105). Das „Album für die Jugend“ dagegen ist direkt in die Hände (oder genauer für die Klavierhände) der jungen Leute bestimmt.
  • Dass der „Knecht Ruprecht“ (12.) „alles andere als sanfte Säuselei im milden Kerzenschein“ ist, braucht wohl keine besondere Erläuterung. Schon die ersten Takte überzeugen vom Gegenteil.
  • „Mittendrin geht eine Trennlinie, mit der zwei Altersgruppen unter den Schülern genannt sind.“ Ja, der erste Teil ist „Für Kinder“ bestimmt, der zweite „Für Erwachsenere“, wobei die Kinder wie in jedem ordentlichen Musikerhaushalt dann schon sehr früh an das Instrument geführt sein müssen und die „Erwachseneren“ wohl eher an der Schwelle zwischen Kindheit und Jugend zu verstehen sind. Das ist beinahe ein Wink an die heutige Pädagogik, die Kinder und Jugendliche schon viel zu früh mit Themen der Erwachsenenwelt konfrontiert. Bei Schumann dürfen sich dagegen auch die „Erwachseneren“ noch viel Kindliches bewahren. Also, 1848 war die älteste Tochter der Schumanns ja gerade erst sieben Jahre alt; zu ihrem Geburtstag am 1. September hat Schumann mit 14 Stücken bereits einen Teil seines Albums zusammengestellt und es dann im Lauf des Septembers weitgehend in der heutigen Form vollendet.
  • Der letzte Tipp war wohl auch der todsichere: „Die heiß geliebte und umkämpfte Frau des Komponisten war selbst eine gefeierte Musikerin – und vielfache Mutter.“ Das kann beinahe keine andere sein als Clara Schumann geb. Wieck (1819-1896), und sie war es natürlich auch. Dem Ehepaar wurden acht Kinder geschenkt, außerdem kam ein Kind tot zur Welt. Eines von ihnen starb schon als kleines Kind, den Tod von drei weiteren als noch junge Menschen erlebte Clara noch selbst.
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Pädagogik für die Klavierhände, aber auch fürs jugendliche Herz

Robert war seinen Kindern ein begeisterter und hingebungsvoller Vater, der aber auch ihre Entwicklung genau beobachtete und verantwortungsvoll führte – ein Zeugnis dessen ist eben sein „Album für die Jugend“, dem man noch einige ergänzende Stücke sowie vor allem die leider gerne unterschätzten „Drei Klaviersonaten für die Jugend“ (op. 118) zur Seite stellen muss („Das ist etwas ganz anderes als das Album. Man muß die Jugend auch an die Ausführung größerer Sätze gewöhnen, und dazu sind diese Stücke.“). Darin hat er so ganz nebenbei auch Bilder seiner drei älteren Töchter gegeben – ein bewegendes Bild seiner väterlichen Liebe und seiner Zuwendung zu ihrer ebenso musikalischen wie ganzmenschlichen Entwicklung.

Zurück zum „Album für die Jugend“. Da geht es zwar auch einfach ums Klavierspielenlernen, und zwar anstelle von trockenen Etüden durch ansprechende Musik, bei der die Klavierschüler ganz nebenbei auch wichtige Techniken erlernen können. Das geschieht nach und nach. So sind die Stücke am Anfang noch ziemlich einfach, aber spätestens im zweiten Teil wird’s auch für den Erwachsenen manchmal doch auch schon recht knifflig. Aber Schumanns Musikpädagogik ist auch Pädagogik in einem umfassenden Sinn: durch Musik und Kunst ein ganzer Mensch werden. Als Grundidee dafür könnte man festhalten: Geh hinaus in die Welt, entdecke sie und erlebe sie in ihrer Fülle und Schönheit, aber auch ihrer Rätselhaftigkeit! Gehe zugleich auch in Dich, lerne Dein inneres Erleben kennen und schau, dass es rein und gut bleibt! Dem dienen u.a. Spiegelungen von Melodien und Themen in den beiden Teilen, also etwa „Wilder Reiter“ (6.) und „Reiterstück“ (23.) oder „Schnitterliedchen“ (18.), „Ernteliedchen (24.) und „Weinlesezeit – fröhliche Zeit“ (33.).

Getreu seinem romantischen Verständnis einer alle Sinne ansprechenden Kunst wollte er den Noten jeweils auch Bilder hinzufügen lassen. Am Ende blieb es bei einem allerdings berühmt gewordenen Titelblatt von Ludwig Richter. Die sprechenden, bildhaften Titel jedes einzelnen der 43 Stücke darf man sich aber nicht als Programmmusik denken, eher als Anregung der Phantasie, sich durch die Musik in immer neue Welten entführen zu lassen – sei es draußen in der Welt oder sei es auch in unbekannte Schichten des eigenen Erlebens und der Innerlichkeit. Doch neben die Phantasie tritt die Disziplin und das Erlernen einer guten Lebenseinstellung. Dem dienen die anspruchsvollen „Musikalischen Haus- und Lebensregeln“, die er für das Album entworfen hat. Leider gibt es bis heute kaum Notenausgaben, die diese ebenso lesenswerten wie anspruchsvollen Hinweise für angehende Musiker abdrucken. Beispiel gefällig? „Wenn du spielst, kümmere dich nicht darum, wer dir zuhört.“

Verflochtene Religiosität: die zwei Choralvertonungen

So, und jetzt lehnen wir uns bei der Interpretation des Albums weit hinaus: die zwei Choralvertonungen. Schumann wäre nicht Schumann, wenn er nicht in seine Musik immer auch etwas Abgründiges, sozusagen einen schwankenden Erdboden eingebaut hätte. Zum Beispiel die berühmte „Träumerei“ aus den „Kinderszenen“. Hier schläft ein Kind, und es ist auf wunderbare Weise noch nicht von den nächtlichen Phantasien und Albträumen gejagt, in der der feste Halt der Welt verlorengeht und die Schumann etwa in den Nachtszenen der „Fantasiestücke“ (op. 12) berückend-bedrückend musikalisch umgesetzt hat. So kann man fragen: Was hat die gleich zweifache Choralvertonung in einer unschuldigen Jugendsammlung zu suchen? Der Choral ragt auch dadurch heraus, dass er allein im ganzen Album mit einem festen Liedtext in Verbindung zu bringen ist. Auf welchen Text Schumann sich bezieht, ist nicht ganz einfach zu entscheiden – wenn er denn überhaupt einen einzigen vor Augen hat, denn die Melodie wird zu verschiedenen Liedern gebraucht. So in Bachs weihnachtlicher (!) Kantate „Meine Seufzer, meine Tränen“ (BWV 13, zum 2. Sonntag nach Epiphanias) mit dem eindrucksvollen Text:

„Der Gott, der mir hat versprochen
Seinen Beistand jederzeit,
Der läßt sich vergebens suchen
Jetzt in meiner Traurigkeit.
Ach! Will er denn für und für
Grausam zürnen über mir,
Kann und will er sich der Armen
Itzt nicht wie vorhin erbarmen?“

Bekannt war aber auch das Kirchenlied, dessen erste Strophe so lautet (die Textüberlieferung schwankt ein wenig):

„Der am Kreuz ist meine Liebe,

meine Lieb ist Jesus Christ.

Weg, ihr argen Sündentriebe,

weg, Welt, Satan, Fleischeslust!

Wer euch liebt, ist nicht von Gott,

eure Lieb ist gar der Tod.

Der am Kreuz ist meine Liebe,

dem ich treu zu sein mich übe!“

Wie auch immer, natürlich kann man die Verwendung des Chorals einfach der Bach-Liebe Schumanns zuschreiben, und didaktisch ist eine schlichte akkordische und eine figurierte Fassung auch geradezu lehrbuchmäßigen Zuschnitts. Wenn Schumann aber mit seiner Musik auch Herzensbildung betreiben will, dann gehört die Frömmigkeit für ihn dazu. Sie ist mittendrin im Leben und Erwachsenwerden. Er trägt sie nicht dick auf (das ist wohl gut protestantisch), aber dezent weist er darauf hin, dass Halt in Christus, Liebe zu ihm, Kreuzesnachfolge und Abkehr vom Bösen von Kindesbeinen an unverzichtbar sind, um ein ganzer Mensch zu werden. Denn mit dem Fortschreiten der Jahre geht das Reine, Unbeschwerte der Kindheit nach und nach verloren und muss nun bewusst kultiviert werden. Das lässt sich schön in der ersten Abteilung für Kleinere beobachten, worin zunächst noch die leichte, durchsichtige Melodie („Melodie“ heißt denn auch programmatisch das erste, an zarter Einfachheit kaum zu überbietende Stück), das Behütete und das Spiel (und sei es auch das Soldatenspiel im „Soldatenmarsch“, 2.) vorherrschen, verbunden mit einfachen Tonarten und Rhythmen. Doch nach und nach deuten sich leise Brüche an, Einbrüche (das herzerweichende „Armes Waisenkind“, 6.; die unverhohlene Aggressivität im „Knecht Ruprecht“, 12.; Erster Verlust“, 16.; am Ende des ersten Teils das lustige Erntelied mit einem Bild, das aber auch auf den „Schnitter Tod“ anwendbar ist: „Schnitterliedchen“, 18). Und „Für Erwachsenere“ beginnt ganz vorsichtig mit dem, was in der Jugendzeit so wichtig ist, nämlich „Kleine Romanze“ (19.). Aber all das ist nicht dick aufgetragen, sondern zart angedeutet. Kindheit und Jugend sollen noch frei sein von allzu ernsten Lebensbetrachtungen. Genug, dass in diesen Jahren in einem beschützten Elternhaus und mit der Zauberkraft der Musik Grundlagen gelegt werden, die kräftig genug sind, später einmal den Stürmen des Lebens zu trotzen. Dass dabei im Letzten die Liebe zum Gekreuzigten hält, wenn alles andere wankt, ist wohl ein eher verstecktes, aber umso sprechenderes Vermächtnis Schumanns.

 

Zur Lektüre:

Bernhard R. Appel, Robert Schumanns „Album für die Jugend“. Einleitung und Kommentar, Zürich u.a. 1998.

Ulrich Tadday (Hg.), Schumann Handbuch, Stuttgart 2006.

 

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