Annecy

Eine Reise auf den Spuren von Heiligen verbindet das Angenehme mit dem Nützlichen. Da verschmilzt der Augen- und gewiss auch manchmal Gaumenschmaus mit der besten Nahrung für die Seele, nämlich dem Vorbild von Heiligen aus Fleisch und Blut. Für wen würde das mehr gelten als den heiligen Franz von Sales (1567-1622), der auf so ansprechende Weise wahre Menschlichkeit mit tiefer Frömmigkeit verband, und die heilige Johanna Franziska von Chantal (1572-1641), die zusammen mit Franz den Orden der Heimsuchung Schwestern gründete, die „Visitation“?

Annecy im französischen Savoyen am Rande eines wunderschönen Sees in den französischen Voralpen, dem lac d’Annecy, Bischofssitz des Franz und Gründungsort der Heimsuchung, bezaubert den Besucher mit seiner Altstadt als eine Art Venedig von Savoyen: alte Häuser, bezaubernde Gassen, durchzogen von Kanälen und Kanälchen, und immer wieder ein Blick auf den von Bergen umschlossenen See. Ein im canal Notre-Dame ertrunkenes neunjähriges Mädchen wurde vier Monate nach Franz‘ Tod auf seine Fürsprache wieder zum Leben erweckt, sie wurde später Heimsuchungsschwester und sagte im Seligsprechungsprozess aus.

Kirche des hl. Franz und Ort des ersten Klosters der Heimsuchung

Quartierempfehlung

Als Quartier empfehle ich das Centre Jean XXIII in Annecy-le-Vieux am Rande des Universitätsviertels und etwa eine halbe Stunde von der Altstadt entfernt (zwei Buslinien verbinden jedoch bequem mit dem Zentrum). Hier entflieht man den im Sommer unvermeidlichen Menschenmassen und hat zugleich einen schönen Blick über den See. Das Zentrum wurde 2018 umfassend renoviert und verbindet solide Gastlichkeit mit für die Region unschlagbaren Preisen. Denn leider hat Annecy von Venedig (oder der nahen Schweiz?) auch die üppigen Preise geerbt. Das Haus in diözesaner Trägerschaft könnte zwar seine christliche Prägung noch deutlicher zeigen (ein Kreuz vermisst man im ganzen Haus!), aber immerhin, es hat eine große Kapelle und einen kleinen Schwesternkonvent von Immaculata-Schwestern. Früher war er der Noviziatstrakt, heute das Altersheim des Ordens (letzter Eintritt 1964!). In den Tagen meines Aufenthalts starb dort eine Schwester im gesegneten Alter von 104 Jahren. Das Geheimnis des langen Lebens haben die Schwestern mir nicht verraten, aber den Weg zum ewigen Leben konnte man ihren alten Gesichtern ansehen: Dienst, Treue und Gebet. Zurück zum Centre Jean XXIII: Alles ist zwar eher funktional gehalten, aber ordentlich, und der Speisesaal mit Blick auf den See bildet einen echten Höhepunkt, genauso wie übrigens auch die Mahlzeiten über das gute Frühstücksbuffet hinaus, die der Koch Stéphane, ein wahrer Künstler, zaubert (allerdings nur auf Vorbestellung). Im Haus sind Französischkenntnisse von Vorteil, aber mit englisch kann man sich auch durchschlagen.

Blick aus dem Speisesaal des „Centre Jean XXIII“

Auf den Spuren der Heiligen in Annecy

Annecy bietet viele salesianische Erinnerungsorte, so die Kathedrale, in die die Bischöfe von Genf 1536 infolge der calvinistischen Vertreibung aus der Stadt Calvins fliehen mussten, direkt dahinter die Marienkirche Notre-Dame de Liesse (hier flehte im Juli 1566 Franz‘ Mutter um die Geburt ihres ersten Sohnes vor dem dort ausgestellten Grabtuch von Turin), ebenso verschiedene Wohnungen und Paläste des Heiligen:

  • das Hotel Lambert, seine Residenz von 1602 bis 1610 oder
  • das Hotel Bangorea, das Haus des Präsidenten Antoine Favre, worin er 1610 bis zu seinem Tod 1622 residierte – an den beiden Orten entstanden eine große Zahl von geistlichen Schriften und seine umfangreiche Korrespondenz mit vielen wertvollen geistlichen Briefen,
  • oder auch die Wohnung seiner Kousine Madame de Charmoisy, die das Leben am Hof und in der Welt mit echter Frömmigkeit verbinden wollte und für die Franz eine Reihe von charmanten Briefen verfasste, die er dann unter dem Titel „Philothea. Einführung in das geistliche Leben“ 1608 herausgab. Die „Philothea“ ist bis heute ein Klassiker der Spiritualität in der ersten Reihe, beinahe ein Lese-Muss.

Ebenso wichtig sind aber auch die Erinnerungsorte der ersten Schritte des Heimsuchungsordens des Franz von Sales und der Johanna Franziska von Chantal. Diese war zunächst glücklich verheiratet und hatte vier Kinder. Doch durch einen Jagdunfall verlor sie früh ihren geliebten Mann, und der Verlust stürzte sie in Trauer und Krise, aus der sie erst die geduldige und feste Begleitung des Franz befreite. Aus ihr erwuchs der Plan eines Ordens für Frauen, die wie Johanna Franziska noch Aufgaben in der Welt zu bewältigen hatten oder die infolge einer schwachen Konstitution keine strengen Bußübungen auf sich nehmen konnten.

  • So zogen die ersten Schwestern am Dreifaltigkeitsfest 1610 in die „Gallerie“ (im heutigen Josephskloster; die dortige zweite Niederlassung wird allerdings derzeit in Apartments umgebaut).
  • Spuren der „heiligen Quelle (Sainte-Source)“, des ersten „richtigen“ Klosters von 1612 nach diesem Provisorium in der „Gallerie“, finden sich in und an der Kirche Saint François de Sales.
  • Das heutige Kloster der Heimsuchung befindet sich ein wenig erhöht auf dem Berg hinter der Burg von Annecy, neben der weithin sichtbaren Basilika der visitation. Sie erinnert an die Basilika von Lourdes, auch wenn es leider offensichtlich immer nur wenige Gläubige gibt, die zu den Gräbern der beiden Heiligen in der Basilika oder zu anderen Erinnerungsorten pilgern. Die Basilika zeigt unter anderem auf prächtigen Glasfenstern die Lebensgeschichte der beiden Heiligen.

    Kapelle in der „Gallerie“, der ersten Bleibe der Schwestern

Ausflüge

Von Annecy aus kann man lohnende Ausflüge machen, sei es eine Rundreise auf dem See mit dem Boot oder sei es ringsum zu den Bergen, wo man vielleicht sogar einen Blick auf den Mont Blanc erhaschen kann.

  • Besonders empfohlen sei die Kirche und Eremitage des heiligen Germain am Südwestufer des Sees mit herrlichem Blick über den ganzen See und Bergpanorama,
  • vor allem aber der Ausflug zum Schloss und Dorf Thorens, wo eine kleine Kapelle chapelle de Sales und das etwas später errichtete Schloss an die Herkunft des Heiligen in traumhafter Landschaft erinnern, ebenso wie nahe dabei die Pfarrkirche, in der er getauft wurde und später die Bischofsweihe empfing.
  • Wer noch weiterreisen will, kann nach la Roche, dem Ort seiner ersten schulischen Ausbildung reisen, und dann noch viel weiter ins Chablais am Südufer des Genfer Sees (bes. Allinges und Thonon). Hier leistete Franz 4 Jahre als junger Priester Missionsarbeit in weithin calvinistischem Land.
  • Wer vom Reisen noch nicht genug hat, kann etwa weiter südlich in etwa 90 Minuten Autofahrt die erste Kartause des hl. Bruno, die Grande Chartreuse, erreichen, also einen weiteren Gründungsort eines der großen Orden der katholischen Kirche. Nur eine gute Stunde braucht man bis Hautecombe, herrlich am Rand des lac de Bourget gelegen, der Grablege de Savoyer und heute ein Kloster des charismatischen chemin neuf. (Mit dem benediktischen Cluny und dem zisterziensischen Cîteaux und Clairvaux in Burgund wird der Ordensreigen komplett gemacht.)

Doch die Tage in und um Annecy sollte man nicht zu voll packen. Weniger ist mehr, und ganz im Geist der beiden Heiligen ist liebendes Verweilen besser als hastiges Einheimsen von flüchtigen Eindrücken. Wer weiß, vielleicht erweisen die Orte dann eine Fruchtbarkeit, die sich schon vielfach bewährt hat in so unterschiedlichen Blumen aus salesianischer Erde wie die Ordensfamilie Don Boscos oder die kleine Therese von Lisieux, deren „kleiner Weg“ ohne Franz von Sales und ohne die Erziehungsprinzipien der visitation von Le Mans – hier war Thereses Tante Ordensschwester, hier waren ihre älteren Schwestern im Pensionat und hier trat ihre Schwester Léonie später ein – undenkbar wäre.

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Programmtipps findet man etwa in einem Vorschlag für ein, zwei oder drei Tage oder in dem ausgezeichneten salesianischen Reiseführer: Morand Wirth, Qui è vissuto san Francesco di Sales. Itinerari sorico-bibliografici e spirituali, Roma: LAS 2015.

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