Der gesuchte Ort ist

Greccio (Mittelitalien)

im schönen Rieti-Tal.

Der hl. Franziskus (1181/82-1226) zog sich gern in die Einsamkeit dieser Berglandschaft zurück. In der Einsiedelei seiner Brüder bei Greccio fand er eine Zelle, in der er sich ungestört dem Gebet widmen konnte. In seinen letzten Jahren, genauer 1223, verfasste er in dieser Region auch die endgültige Regel des Ordens und wohl auch den berühmten Sonnengesang. Die im Rätsel gesuchte Begebenheit aus der Heiligen Nacht im gleichen Jahren ist uns verschiedentlich überliefert, u.a. vom Tommaso da Celano (Vita prima cap. 30), und sie gehört zum Kernbestand des Franziskusbildes seit seinen Anfängen, auch wenn sie eigenartigerweise in den „Fioretti“ nicht überliefert ist.

Auslosung des Weihnachtsrätsels 2018

Die Heilige Nacht 1223 in Greccio

In dieser Ortschaft Greccio kannte Franziskus einen Adligen von gutem Ruf und noch besserer Tugend namens Giovanni, dem er sehr verbunden war. Drei Jahre vor seinem Tod, also 1223, bat er Giovanni, das Weihnachtsfest in Greccio auf ganz besondere Weise vorzubereiten: „Ich möchte das neugeborene Kind von Betlehem darstellen und in gewisser Weise mit meinen leiblichen Augen die Armut sehen, in der es sich befunden hat, weil es selbst das Lebensnotwendigste für ein neugeborenes Kind nicht hatte. Ich möchte sehen, wie das Jesuskind in eine Krippe gelegt wurde und auf Stroh zwischen Ochs und Esel lag.“ Giovanni führte diese diesen Auftrag sorgfältig aus. An Weihnachten nun kam der Heilige mit vielen seiner Brüder in Greccio zusammen. Auch die Bevölkerung, viele Frauen und Männer, eilten herbei, um diese bewegende Szene mit eigenen Augen zu sehen. Lichter erfüllten die Finsternis und Gesänge die Nacht, und große Freude erfasste alle. All die Armut, Demut und Einfachheit der Geburt Christi war ihnen hier ohne viele Worte nun vor Augen geführt. Schließlich zelebrierte ein Priester die Messe an diesem Ort. Franziskus hatte eigens vom Papst eine Erlaubnis dazu eingeholt, die Messe auf einem Tragaltar in diesem Stall feiern zu dürfen, legte er doch immer viel Wert darauf, alles im Einklang mit der Kirche zu tun. Denn eine solche Zelebration nicht auf einem festen Altar war damals noch eine seltene Ausnahme. Franziskus selbst kleidete sich in die Dalmatik eines Diakons; er war nämlich zu dieser dritten Stufe des geistlichen Amtes geweiht. Aus Demut verzichtete er aber zeitlebens darauf, sich zum Priester weihen zu lassen. So trug er nun in dieser Stunde mit klangvoller Stimme bei der Messe das Evangelium vor. Die ihn hörten, meinten bei den Worten des Evangeliums, von aller Süße und Seligkeit des Himmels umgeben zu sein. Danach predigte Franziskus zum Volk über die Armut des neugeborenen Königs. Dabei strömte er über vor Wonne; das, was er sich und allen Anwesenden vor Augen geführt hatte, ergriff ihn tief im Herzen, war Weihnachten für ihn doch das „Fest aller Feste“ (Vita prima cap. 151). Das Weihnachtsgeheimnis war ihm immer schon überaus lieb und wert gewesen. Wenn er nur den Namen Jesus nannte, war er schon von himmlischer Freude erfüllt. Der Name Bethlehem klang in seinem Mund so süß, dass seine Aussprache nach seinem frühen Biografen Thomas von Celano mild und sanft wie das Blöcken der Lämmer klang. Auch leckte sich Franziskus bei dem Wort „Bethlehem“, „Kind von Bethlehem“ oder dem Namen „Jesus“ die Lippen, als hätte er Honig im Mund.

… wurde das Jesuskind in den Herzen vieler Menschen wieder aufgerichtet

Ein Augenzeuge hatte bei dieser ganzen Szene eine Vision. Ihm war, als läge das Kindchen leblos in der Krippe. Doch als Franziskus sich ihm näherte, sei es wie aus tiefstem Schlaf erwacht. Thomas von Celano Giuliano fügt hinzu: „In der Tat, durch die Verdienste dieses Heiligen wurde das Jesuskind in den Herzen vieler Menschen wieder aufgerichtet, die ihn vergessen hatten, und das Gedenken an ihn blieb tief eingegraben in ihr Gedächtnis.“

Giotto, Krippe in Greccio (Bilderzyklus in der Oberkirche der Basilika San Francesco in Assisi) – deutlich erkennt man die Diakonengewänder des Heiligen

Ein paar Einzelheiten des Rätsels

Rasch wurde die Darstellung der Krippe von Bethlehem überaus populär. Die volkstümlichen Franziskaner verbreiteten den Brauch in der ganzen Welt, und so ging die Weihnachtskrippe in den festen Bestand katholischer Weihnachtsbräuche ein.

Ach, und der Name Franziskus? Francesco heißt eigentlich „der Französling“ oder „der kleine Franzose“ (vielleicht aber auch nach dem „porto franco“, dem zollfreien Hafen für den Warenverkehr). Sein Vater Pietro Bernardone, ein reicher Tuchhändler, war oft in Südfrankreich unterwegs, und so gab er seinem Sohn – vielleicht aus Mode, vielleicht um ein wenig mit seinen erfolgreichen Handelsfahrten anzugeben? – diesen wenig frommen Namen, nachdem seine Mutter ihren Neugeborenen in seiner Abwesenheit dagegen auf den Namen Johannes des Täufers (Giovanni) taufen gelassen hatte (Legende der drei Gefährten 2). Wenn Pietro geahnt hätte, dass sein Sohn später einmal den Beinamen „poverello – der Armselige“ verdienen würde! So war der Vater-Sohn-Konflikt unvermeidlich, und als der junge Franziskus sich entschloss, sein Leben ganz der evangelischen Armut zu widmen, legte er auf dem Marktplatz von Assisi seine Kleider zu Füßen des Vaters und begab sich unter den Schutzmantel des Bischofs wie eines neuen Vaters: „Von nun an kann ich frei sprechen: Vater unser im Himmel, nicht Vater Pietro Bernardone.“

Auch wenn die Liebe zur Armut bei unserem Heiligen ganz aus der Nachahmung des Lebensstiles Jesu, Mariens und der Apostel entsprang, haben ihn in unserer Zeit verschiedene Bewegungen für sich vereinnahmt, u.a. die im Rätsel angesprochene breite Bewegung in der katholischen Kirche, die oft marxistische Gesellschaftsanalysen verwendete – gemeint ist die lateinamerikanische Befreiungstheologie. Auf diesem Kontinent ist der Heilige von Assisi nicht zuletzt durch die vielen Franziskanermissionare ganz besonders verehrt, und der Name des aktuellen Papstes ist ein Zeugnis dafür.

Bestätigung der ersten Regel durch Papst Innozenz III. (Giotto, s.o.)

Weihnachten für Franziskus

* Greccio zu Weihnachten spielt übrigens auch bei einer anderen Episode aus dem Leben des heiligen Franziskus eine Rolle. Sie ist viel nüchterner, atmet aber den gleichen Geist. Als der Heilige zu Weihnachten seinen Besuch in der kleinen franziskanischen Klostergemeinschaft des Ortes ansagte, bereiteten sie für ihren hohen Gast ein Festmahl mit weißen Tischdecken und Bechern aus Glas, was damals noch eine Kostbarkeit war. Doch als Franziskus all den Aufwand sah, verkleidete er sich als Bettler mit Hut und Stock und klopfte beim Essen an. Die Brüder wiesen ihm einen Platz in der Nähe des Kamins auf dem Boden zu und gaben ihm aus einem Napf zu essen. Da sprach der Poverello: „Als ich diesen Tisch sah, der mit so viel Luxus und Aufwand vorbereitet ist, dachte ich mir, das ist kein Tisch für arme Brüder, die jeden Tag von Tür zu Tür betteln gehen. Leute wie wir müssten in jeder Hinsicht das Beispiel der Demut und Armut des Sohnes Gottes nachahmen, und zwar mehr als andere Ordensleute. Denn dazu sind wir berufen und dazu sind wir vor Gott und vor den Menschen verpflichtet. So wie ich es jetzt halte, so denke ich, gehört es sich für einen unserer Brüder.“ Da wurden die Brüder von Greccio rot und sie verstanden, dass Franziskus die Wahrheit gesagt hatte. Manche von ihnen weinten sogar heftig, als sie Franziskus am Boden sitzen sahen und daran dachten, dass er sie mit so viel Heiligkeit und guten Gründen zurechtgewiesen hatte (Leggenda Perugina 32).

Du irrst dich, mein Bruder, wenn du den Tag einen Freitag nennst, an dem für uns das Kind geboren ist

* Franziskus mischte zu Weihnachten die Strenge im Grundsätzlichen jedoch mit einer großen Milde. Als die Brüder in einem Kloster sich einmal fragten, ob sie an Weihnachten – es fiel in diesem Jahr auf einen Freitag – Abstinenz halten müssten, wehrte er es heftig ab: „Du irrst dich, mein Bruder, wenn du den Tag einen Freitag nennst, an dem für uns das Kind geboren ist.“ Vielmehr wollte er, dass an Weihnachten die Armen und Bettler wie die Reichen essen sollten, und selbst Ochs und Esel an diesem Tag reichlicher Futter bekommen sollten (Thomas von Celano, Vita prima cap. 151; die erste Regel, die „Regola non bollata“ von 1221, cap. 3, gab allerdings den Brüdern ein Fasten von Allerheiligen bis Heiligabend vor).

* Vom warmen, herzlichen franziskanischen Geist spricht übrigens auch die Episode der heiligen Klara, die zu Weihnachten einmal krank darniederlag und deshalb nicht mit den anderen Schwestern am Gottesdienst des Franziskus und seiner Brüder teilnehmen konnte. Doch von ihrem Krankenbett aus konnte sie in eine Vision alles sehen und hören, was dort gesungen und gebetet wurde – das hat Klara übrigens den modernen Titel einer Schutzpatronin des Fernsehens eingebracht (Fioretti cap. 35).

Konvent von Greccio

Auslosung der Gewinner

Dieses Mal haben wieder viele am Rätsel teilgenommen und auch die richtige Antwort eingesandt. Die drei Gewinner wurden bereits ausgelost und benachrichtigt. Der Preis: je ein Exemplar des neuen Philosophischen Romans „Felapton oder Das letzte Glück“ (oder nach Absprache ein anderes aus meiner Kollektion). Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Reisetipp

Zum Schluss der Reisetipp: Das „heilige Tal“, das Rieti-Tal nur gut 100 km von Rom entfernt, entfaltet noch heute seinen Charme, der auch den hl. Franziskus und seine Gefährten immer wieder dorthin zog: eine liebliche Natur, Berge, Hügel, das Tal, Wälder, Stille, Einsamkeit und einfache, ehrliche Menschen (und eine gute Küche, auch wenn der Heilige, wie gesagt, das nur zur Hälfte angepriesen hätte). Das Rieti-Tal ist aber besonders durch seine vier franziskanischen Stätten bekannt, die inmitten von Bergen und Wäldern (ja, das gibt es in Italien!) viel von ihrer Ursprünglichkeit bewahrt haben: neben Greccio noch

  • La Foresta, der Ort, an dem im September/Oktober 1225 der Sonnengesang entstand – zumindest der Überlieferung nach, denn die Historiker sprechen heute lieber von San Damiano in Assisi.
  • Poggio Bustone, wohin Franziskus und seine Gefährten als erstes im Rieti-Tal kamen, und zwar 1209 auf der Flucht vor der Verfolgung durch ihre Mitbewohner. Die Bevölkerung a diesem Ort begrüßte er mit seinem schönen Wort “Buon giorno, buona gente!”
  • Fontecolombo: In diesem Kloster, das zur Benediktiner-Abtei Farfa gehörte, hielt Franziskus sich wohl erstmals 1217 auf, angelockt durch eine Marienkapelle an diesem Ort. Hier verfasste er im Frühjahr/Sommer 1223 die endgültige Regel (“Regola bollata”, am 29. November 1223 von Papst Honorius III. bestätigt) seines Ordens, der Überlieferung nach in einer Grotte, über der sich heute die Michaelskapelle erhebt. So ist Weihnachten in Greccio von 1223 wie eine Unterschrift unter den Geist dieser Regel, die die Welt veränderte. Doch Fontecolombo ist auch der Ort der schrecklichen Augenoperation des Heiligen, bei der der Arzt sie mit einem glühenden Eisen operierte. Die Brüder flohen vor Angst und Entsetzen angesichts dieser drakonische Behandlung, doch der Heilige soll wie durch ein Wunder keinen Schmerz empfunden haben.

Diese franziskanischen Stätten eignen sich auch gut zum Wandern, Fahrradfahren oder auch einfach mit dem Bus oder Auto. Der Weg zu diesen Stätten ist mit Holztafeln bzw. Pfeilen auf den Pflastern in den Städten ausgeschildert. Nach dem Vorbild des „Cammino“ von Santiago gibt es sogar einen „Passaporto“ für alle Pilger. Sehenswert ist natürlich auch die Stadt Rieti mit einem mittelalterlichen Stadtbild, die pittoreske Kleinstadt Posta im Velino-Tal und der Berg Terminillo. So ist das „heilige Tal“ eine prima Idee, sei es für einen längeren Tagesausflug von Rom aus als Kontrastprogramm zur Millionenstadt, als Wallfahrt (natürlich auch in Verbindung mit Assisi und Umbrien), als geistliche Jugendpilgerwanderung oder einfach für ein paar erholsame und die Seele erbauende Tage auf den Spuren des hl. Franz.

Ein Gedanke zu „Weihnachtsrätsel 2018 – die Auflösung

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