… daß es Größe nur gegen die Welt gibt

Die Lösung des Sommerrätsels lautet:

Clayton Jeeves.

Es handelt sich um die Schlüsselfigur aus der Rahmenhandlung zu Franz Werfels Jeremia-Roman „Höret die Stimme“ (1937). Zwanzig Antworten wurden eingereicht (auch einige „Arbeiter der letzten Stunde“ in den allerletzten tagen!), und alle waren richtig! Drei davon wurden am 5. Oktober für einen Buchpreis ausgelost, mein „Predigen – Grundlagen und praktische Anleitung“ (Regensburg: Pustet 2017) oder auf Wunsch auch ein anderes meiner Bücher. Die Gewinner werden eigens benachrichtigt. Herzlichen Glückwunsch!

Das Rätsel hat viel Interesse und Anklang gefunden, und ich habe den Eindruck, dass manch einer sich zur Lektüre hat anregen lassen.

Zeichnung von Franz Werfel durch Erich Büttner (1915; National Library of Israel, Schwadron collection)

Und diese Lektüre lohnt sich wirklich, handelt es sich doch um einen der besten biblischen Romane überhaupt. Er begleitet den Propheten Jeremia oder besser Jirmijah aus Anathot auf seiner rauen Bahn rund um den Fall Jerusalems und die Zerstörung von Stadt und Tempel 586 v. Chr. Ausgesondert durch die göttliche Berufung, abhängig allein von Gottes Wort, entfremdet der eigenen Familie und dem eigenen Volk, ist es doch er, der das wahre Israel verkörpert – bis hin zum ergreifenden Ende, wenn er durch die Trümmer des Tempels geht und nur noch eine Scherbe von den Steintafeln mit den Zehn Geboten findet. Darauf steht das Verheißungswort aus dem vierten Gebot: „Damit du lebest!“ Da begreift er mitten in der Vernichtung seines Volkes: „Das heißt: Damit du den Tod überwindest, habe ich solches an dir getan. Damit Israel das Gericht überwinde, habe ich es gehalten. Aus meiner Hand strömt nur Leben, wie könntest du, der meiner Hand entströmt ist, sterben und vergeblich gewesen sein!? Als ein Sieb habe ich Gericht und Tod geschaffen. Denn ihr sollt am Tod immer lebendiger werden und am Gericht immer reiner. […] Euer Sieg wächst von Niederlage zu Niederlage. Damit ihr lebet! Du schöpfst die Verheißung nicht aus…“ Am Vorabend der Reichspogromnacht 1938 und der Judenvernichtung geschrieben, sucht es nach Antwort darauf: Wo kommt dieser maßlose, abgrundtief böse Hass auf die Juden her? Und wie kann man ihm in der Bindung an Gottes Wort begegnen? Für einen Christen ist Jeremia unverkennbar ein Bild des leidenden Messias Christus. Welcher Zusammenfall, dass Aron Jean-Marie Lustiger in diesen Jahren den leidenden Messias Jesus Christus entdeckte und im Glauben an ihn die Erfüllung des Judentums fand! Der Jude Werfel selbst ist nicht so weit gegangen, aber er führt bis an diese Schwelle. Umgekehrt lässt er jedoch begreifen, dass es kein Christentum ohne Judentum gibt. Ohne das Bewusstsein der Aussonderung, des Anders-Seins, des Fragens nach Gottes Wegen, die so anders sind als die Wege der Menschen, ja, auch ohne die Bereitschaft, um Gottes willen alles andere zu verlieren, wäre das Christentum nichts als ein herausgeputztes Heidentum. Wie sagt Werfel mit Clayton Jeeves: „Dies wird ja erst eine seiner Aufgaben sein, zu zeigen, daß es Größe nur gegen die Welt gibt und niemals mit der Welt, daß die ewig Besiegten die ewigen Sieger sind und daß die Stimme wirklicher ist als der Lärm.“

Unterschrift von 1945 (Quelle: http://www2.onb.ac.at/sammlungen/litarchiv/bestand/sg/nl/werfel.htm)

Man muss nicht so theologisch an den Roman herangehen. Man kann einfach die hohe, mitreißende Sprache, die Dramatik der Handlung, das sorgfältig recherchierte Kolorit, die vielen menschlich ergreifenden Gestalten, auch die große Beachtung für die Totenreligion der Ägypter und die Sternenkunde der Babylonier genießen und sich entführen lassen in eine fremde Zeit, ja eine Schlüsselepoche der Menschheit. Am Ende wird man feststellen, was stets einen wirklich guten historischen Roman ausmacht: Wir sind weit weggereist, um nur bei uns selbst und unseren tiefsten Fragen anzukommen.

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